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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Heiligenbeil
  2. Das Bernsteinrecht
  3. Die Nixe von Nidden
  4. Der Glomssack zu Memel
  5. Der Schloßvogt
  6. Der Opferstein auf dem Rombinus
  7. Die fliegenden Toten
  8. Die weiße Jungfrau der Bayerburg
  9. Schlacht im Nebel
  10. Der König im Berge

230. Heiligenbeil

Als die Heidenpriester am preußischen Ostseestrande den heiligen Adalbert erschlagen hatten, vernahm das Anselmus, der Bischof von Ermeland, der machte sich auf und kam zu der großen heiligen Eiche, unter welcher ein Heidengötze verehrt ward, und die Waidewut, der König, mit seinem Bruder Bruteno, dem obersten Priester, selbst geheiligt hatte. Diese Eiche war nicht kleiner wie die zu Romove und blieb ebenfalls im Sommer und Winter gleich grün. Da nun der neue Apostel kam, so begann er an der Eiche zu predigen und befahl alsbald einem Christen, der ihn begleitete, mit der Axt Hand an den geheiligten Stamm zu legen. Allein der führte kaum den ersten Hieb in den Baum, so entfuhr die Axt dem Schaft, sprang zurück und jenem an den Kopf, daß er alsbald entseelt niedersank. Da erhoben die Heiden ein frohlockendes Jubelgeschrei. Aber der fromme Anselmus ließ sich nicht schrecken. Er nahm eine neue Axt und führte in den Baum Hieb auf Hieb, und es geschah kein weiteres Zeichen. Dann ließ er die Eiche samt dem Götzen niederbrennen, erbaute an jener Stätte eine Kirche, darin das Beil verehrt werden sollte, und es gründete und bildete sich um dieselbe eine Stadt, die nannte man Heiligenbeil. Das Beil ist wohl im Laufe der Zeiten abhanden gekommen, aber die Stadt führt den alten Namen fort und führt auch das Beil in ihrem Wappen.

231. Das Bernsteinrecht

Am Gestade des Frischen Haff war vorzeiten das edle Naturgeschenk des Bernsteins überaus reich. Aber der Menschen Habgier schmälert gar oft den Gottessegen. Sonst konnte den Bernstein, den die See an den Strand warf, auflesen, wer wollte, aber das ist schon lange her. Als der Marienorden in das Samland kam, eignete er sich den Alleinbesitz des Bernsteins zu, und Bruder Anselmus von Losenberg, der Vogt auf Samland, machte ein neues Recht und Gesetz, daß jeden Sammler, der nicht vom Orden Erlaubnis oder Auftrag habe, die Strafe des Stranges treffen solle. Das ging dem Volke schwer ein, daß es nicht aufheben sollte, was verstreut am Boden lag und keines Menschen Eigen war, insonderheit dem Volke der Fischer, bei dem es leichtlich geschehen konnte, daß eine Meereswelle ihnen ein Stück oder etliche in Boot und Nachen warf. Aber der Vogt hielt unerbittlich auf seinem Gesetz, und wer zur Anzeige kam und des geständig war, daß er Bernstein aufgehoben, ward gehenkt ohne Gnade am ersten besten Baum. Als aber Anselmus, der Vogt, gestorben war, hat es nicht gut um die Ruhe seiner Seele gestanden. Man hat seinen irren Geist in Sturmnächten, in denen die See den meisten Bernstein auswarf, am Strande wandeln sehen und ihn rufen hören: O mein Gott! Bernstein frei! Bernstein frei! –

Und seit so viele Menschen um des Bernsteins willen eingekerkert, gequält und hingemordet worden sind, ist des Bernsteins viel, viel weniger geworden und wirft die See nicht den tausendsten Teil so viel mehr aus als sonst. Es war eine Zeit, da baute und bildete man aus Bernstein Altäre, Heiligenstatuen, große Prunkschreine und kostbare Gefäße, hoch und weit und voll köstlicher Zierat, das kann heutzutage nur noch selten gemacht werden, man bildet nur allerlei kleines Gerät und Tand daraus.

Bisweilen sehen die beutesüchtigen Strandreiter und Wächter große herrliche Stücke in der Ufernähe schwimmen, wenn aber die Mannschaft mit den Gezeugen hinrudert und sie einfischen will – ist's ein Blendwerk und ein Schaum.

232. Die Nixe von Nidden

Der Ort Nidden am Kurischen Haff könnte auch Midden heißen, denn er liegt so recht mitten auf der Kurischen Nehrung, dieser längsten Landzunge weit und breit. Es ist nicht geheuerlich, dort abends einsam zu wandeln. Manchem ist es schon geschehen, daß er dort am glatten Spiegel des Kurischen Haffs wandelte, da sahe er nicht weit vom Uferrande ein grünes Eiland von nicht großem Umfange, von dem wehte Blumenduft zu ihm herüber und süßbetörender Gesang, und er sah wohl eine weiße Jungfrau auf dem Eiland, die winkend ihren Schleier wehen und ihre Stimme so wonnesam erschallen ließ wie die Lurlei am fernen Rheinstrom. Wenn nun ein Jüngling hingerissen von der Allgewalt dieses Gesanges, der in Worten das Glück pries, bei ihr auf ihrer glückseligen Insel zu weilen im trauten Alleinsein, und angelockt vom Zauber der Schönheit der ihm sehnsuchtvoll zuwinkenden Jungfrau, die immer näher kam, weil sie auf einer schwimmenden Insel stand, zu ihr hinüberzuschwimmen strebte, so floh die Insel wieder vor dem Schwimmer, daß er ihren Strand nimmer erreichen konnte und nimmer festen Boden gewinnen, und endlich sah er Jungfrau und Insel vor seinen Blicken versinken, und in dem Wellenstrudel, der dadurch entstand, ward auch er hinab zur Tiefe gerissen. Noch keiner von allen, die dieses treulose Glück versucht, ist wiedergekehrt, und nicht einmal einen Leichnam solcher hat die Meerfei der Tiefe zurückgegeben.

233. Der Glomssack zu Memel

Ein Glomssack ist ein Sack, darinnen die litauischen Glomskäse aufbewahrt werden, die nicht so klein sind wie die zu Suhla im preußischen Henneberg, welches wohl die kleinsten Käschen auf der Welt sind, daher Gamaschenknöpfe genannt, und sonderlich appetitlich und köstlich. Zu Memel aber hing das Abbild eines litauischen Käsesackes in Erz gegossen und zwei Zentner schwer an der äußeren Festungsbrücke und diente als Gewicht beim Auf- und Niederziehen.

Einstmals ward Memel vom König Erich von Schweden hart belagert, wehrte sich auf das tapferste, zehrte aber auch so, und zuletzt war es mit dem Proviant Matthäi am letzten und Schmalhans sehr bedeutend Küchenmeister. Der ganze Vorratrest bestand in einem handlichen Glomskäse, und da dachten die Belagerten: Übergeben müssen wir uns doch, ob wir nun erst noch diesen Käse verspeisen oder nicht. Sie nahmen also den Käse und einen Glomssack, taten ihn hinein, luden ihn auf eine Blide und warfen ihn in das feindliche Lager, daß die Schweden dachten: Bomben und Granaten! Was kommt da für eine höllische Bombe? Wie es nun der große Käse war, so sagten die Schweden untereinander: Wo noch so viel zu essen ist, da können wir unsern Schwedentrunk nicht anbringen. Wenn diese Käsefresser es noch zum Wegwerfen haben, während bei uns im Lager Mangel einreißt, so tun wir besser, wir ziehen ab von Memel. So sprachen sie, ließen sich den Glomskäse schmecken und zogen ab. Die Memler aber zu dankbarer Erinnerung ließen einen Glomssack mit einem Glomskäse darin zum ewigen Andenken in Erz gießen und an derselben Stelle aufhängen, wo der wirkliche Käse hinausgeschleudert worden war.

234. Der Schloßvogt

Auf dem runden Schloßberge über Tilsit hart am Ufer der Memel hüteten Hirtenknaben aus dem Kämmereidorfe Altpreußen ihr Vieh und standen betrachtend an einer recht in der Mitte des Berges tief in die Erde hinabgehenden Öffnung, erzählten auch einander dies und das, welche Bewandtnis es mit diesem unergründlichen Loche habe: daß vor alten Zeiten hier oben ein Schloß gestanden voll unermeßlicher Schätze, dessen tiefen Graben und doppelte Wälle man noch erkenne; daß dieses Schloß in einer Nacht plötzlich versunken sei, und das Loch sei der bis zur Bergeshöhe heraufreichende Schornstein; bisweilen lasse sich der Schloßvogt sehen, ein altes graues Männchen mit schneeweißen Haaren. Und da wurden die Hirtenknaben sehr neugierig, wie tief diese Höhle sei, und ob sich nichts aus ihr erlangen lasse. Sie schleppten ein Seil herbei und banden den jüngsten ihrer Schar, so sehr er sich auch sträubte und schrie, daran und ließen ihn hinunter. Das Seil war zweimal so lang wie der Kirchturm der deutschen Kirche in Tilsit und hing immer noch straff, obgleich sie schon längst das Schreien ihres Gefährten nicht mehr hörten. Endlich ward es leicht und krümmte sich, jener hatte also den Grund erreicht. Sie riefen hinunter – alles blieb still; sie warteten lange und bange – endlich zogen sie das Seil herauf – es war leicht und – leer. Voll Angst liefen nun alle vom Berge, und am andern Morgen wagten sie sich nicht wieder zum Schloßberggipfel. Noch trieben sie unentschlüssig auf der Straße, siehe, da kam der Knabe, den sie gestern in den Berg hinabgelassen, ihnen munter entgegen. Seine Taschen und seine Mütze waren voll Gold, und er erzählte nun seinen Kameraden, die ihn neugierig umringten, was ihm geschehen war.

Ich kam, erzählte er, in eine große Küche, darinnen funkelte es rings von prächtigem Geschirr und Geräte. Und da kam ein altes graues Männchen, das muß wohl der Schloßvogt gewesen sein, das grüßte mich freundlich und sagte: Das ist hübsch von dir, daß du mich auch einmal besuchst, habe nur nicht Bange, und band mich los vom Strick und führte mich durch das Schloß von einem Zimmer in das andere, da lag alles voll Gold und Schätze. Hernach wurde ich müde, da führte mich der Schloßvogt zu einem schönen Bette, darin schlief ich prächtig. Heute morgen kam das alte Männlein, als ich gerade ausgeschlafen hatte, an mein Bette, hieß mich aufstehen, füllte mir Mütze, Taschen und Hände voll Gold und sagte: Das sollst du vom Schloßvogt verehrt erhalten!, dann brachte er mich an ein enges Tor, schloß es auf und hieß mich hinausgehen. Wie ich draußen war, war ich im Tale, und wie ich mich umsah, war das Tor mitsamt dem Schloßvogt verschwunden.

Die Hirtenknaben verwunderten sich über diese Erzählung sehr. Sie beneideten ihren Kameraden um sein vieles Geld, dazu sie ihm doch eigentlich wider seinen Willen verholfen, und meinten, einen kürzeren Weg als durch den Schornstein hinab in das Goldschloß und zu Geld zu gelangen gäbe es auf der Welt nicht. Sie eilten daher auf den Berg, so schnell sie konnten, losten, welcher von ihnen zuerst hinabgelassen werden solle, und den das Los traf, den ließen sie hinunter unter Bedingung der Teilung dessen, was er empfangen würde. Richtig kam das Ende des Seils wieder leer herauf, und am andern Morgen gingen sie erwartungsvoll dem Kameraden entgegen. Aber er kam nicht und soll noch heute wiederkommen. Seitdem hat es keinen wieder gelüstet, in die Tiefe hinabgelassen zu werden.

235. Der Opferstein auf dem Rombinus

Bei der Stadt Ragnit an der Memel, aber drüben jenseit des Flusses, erhebt sich ein bewaldeter und zerklüfteter Berg, der heißt Rombinus. Vorzeiten war auf ihm der alten Litauen berühmtestes und größtes Heiligtum, mit einem riesigen Steinaltar, auf welchem dem Gotte Potrimpos seine Opfer dargebracht wurden. Der Gott selbst sollte diesen Stein an jenen Ort gelegt haben und unter denselben eine goldene Schüssel und eine silberne Egge begraben, weil er der Gott der Fruchtbarkeit und der Ernte. Da war des Opferns auf dem Rombinus kein Ende, und die Sage ging schon damals, solange der Stein auf dem Berge liege, werde Litauen in Glückesblüte stehen, würde aber der Stein hinweggerückt, so werde der Berg selbst einstürzen und Unglück das Land heimsuchen, und diese Sage ging von einem Jahrhundert in das andere, als längst keine Opfer mehr auf dem Rombinus gebracht wurden.

Da kam – im Jahre 1811 soll es geschehen sein – ein deutscher Müller nach dem Dörfchen Barten (Bardehnen) nordöstlich vom Rombinus, der wollte zwei neue Windmühlen anlegen und suchte in der Gegend umher nach festen Steinen. Da kam er auch auf den Rombinus, und der Opferstein dünkte ihm baß geeignet zu seinem Werke. Allein die Umwohner sagten ihm, diesen Stein dürfe er nicht wegnehmen, von dem hange das Glück des Landes ab. Der Müller sagte den Leuten, daß sie noch im heidnischen Aberglauben befangen seien, ging zum Landrat und ließ sich die Erlaubnis schriftlich geben, den Stein wegnehmen zu dürfen. Diese erhielt er, denn der Landrat wollte nicht minder aufgeklärt sein wie ein deutscher Windmüller. Aber siehe da, die Erlaubnis half erst recht nichts, denn es rührte kein Arbeiter ringsumher eine Hand, auch nicht um den reichsten Lohn, den der Müller bot. Jetzt mußte der Müller erst im Lande herumreisen, sich herzhafte und nicht abergläubische Leute zu suchen. Endlich fand er nach langer Mühe drei kecke Gesellen, die erboten sich, den Stein zu sprengen und vom Berge wegzuführen, es war aber keiner von ihnen aus der Nähe des Rombinus. Einer war aus Gumbinnen, der zweite aus Tilsit und der dritte aus Altpreußen bei Tilsit. Jetzt gingen die vier Männer zum Rombinus hinauf und begannen die Arbeit. Der Müller tat den ersten Schlag auf den Stein, da fuhren zwei Splitter davon, die schossen ihm in die Augen, daß er alsobald erblindete und blind blieb sein Lebelang; vielleicht, daß er noch am Leben ist. Der Geselle aus Tilsit krellte sich beim zweiten Schlag, den er tat, den Arm so stark, daß ihm die Markröhre zersprang und er einen dritten Schlag nicht tun konnte. Aber den beiden andern Gesellen geschahe nichts, sie ließen sich auch nicht warnen, überwältigten den Stein und schafften ihn vom Berge herab. Als aber der Gumbinner Geselle nach getaner Arbeit wieder in seine Heimat wanderte, hat er diese nimmer erreicht und ist elendiglich am Wege hinter einem Zaun verstorben. Die goldene Schüssel und die silberne Egge, von der die Sage ging, hat keiner gefunden. Seit der Stein hinweg war, begann der Memelstrom am Berge zu arbeiten und zu nagen und ihn zu unterhöhlen, und im Jahre 1835, im September, geschahe nachts ein donnerähnliches Krachen und war ein großes Stück des Rombinus eingestürzt, und viele fürchteten, es werde noch mehr einstürzen und die alte Unglücksprophezeiung sich erfüllen.

236. Die fliegenden Toten

In der Stadt Ragnit sind zwei Kirchhöfe, einer für die deutsche, einer für die litauische Gemeinde, einer östlich, der andere südwestlich von der Stadt, doch liegen sie so, daß zwischen ihnen weder Haus noch Hecke, weder Baum noch Zaun noch Mauer steht. Und da begibt es sich besonders in Sturmnächten, daß die Toten beider Gemeinden, die einander im Leben gut kannten, sich gegenseitig besuchen und durch die Nacht zu Hunderten, ja zu Tausenden von einem Kirchhofe zum andern fliegen, gar nicht hoch über der Erde und in gerader Linie. Nicht jeder ist imstande, sie zu sehen, aber die in der Mitternachtstunde eines Sonntags Geborenen, die sehen den grauenhaften Totenflug. Und dem kann nichts widerstehen. Ein Fremder zog nach Ragnit, baute sich dort an mit einem hübschen und festen Haus am südlichen Stadtende, aber die erste Sturmnacht warf es über den Haufen, während einige alte, schon halb verfallene Häuser, die aber seitwärts standen, unversehrt blieben. Der Fremde ließ das Haus wieder aufrichten, und es ereignete sich ganz das nämliche. Da sagte ihm ein Mann, der in der Mitternachtstunde vom Sonnabend auf den Sonntag geboren war, daß sein Haus in der Linie des Weges der fliegenden Toten stehe, und zeigte ihm eine Scheuer in der gleichen Richtung, von der nur eine Dachspitze in diese Linie hineinragte, die stets und stets, sooft sie erneut worden, wieder abgerissen worden sei. Darauf rückte der Fremde sein Haus zur Seite und den fliegenden Toten aus dem Wege, und da steht es heute noch, ohne jemals wieder Schaden genommen zu haben.

237. Die weiße Jungfrau der Bayerburg

Als Herzog Heinrich von Bayern im Jahre 1337 dem Deutschen Orden mit starker Heeresmacht zu Hülfe zog, erbaute er eine Schutz- und Trutzburg dem alten Ordenshause Christmemel am Memelstrome gegenüber, die war gar groß und fest und wurde die Bayerburg genannt. Die sollte die ganze Gegend schirmen gegen das heidnische Litauen, und eine große Stadt mit dem Sitz eines Erzbischofs sollte sich um sie her begründen. Allein dem ward nicht also. Der Ordenshochmeister setzte einen Komtur in die Bayerburg und vierzig Ritter, die sollten sie behaupten und ein gottseliges Leben in der Burg führen. Solches führten sie aber mitnichten, sondern ein Leben voll Lust und Schlemmens, mit Trunk, Spiel und Buhlerei. Einstmals brachten sie eine edle christliche Jungfrau in ihre Gewalt, die sie zu ihren Sünden zu nötigen versuchten, allein die Jungfrau willigte nimmer ein und rief in ihrer Not den Herrn an, ihren Leiden und der Ritter Greuel ein Ende zu machen. Und da tat sich die Erde auf und verschlang die Burg, die Ritter und die Jungfrau. Ihr aber ward ob ihrer Reinheit willen vergönnt, als Schutzgeist der Gegend bisweilen sichtbarlich zu erscheinen. Sie warnt die Leute vor Bösem und erzeigt ihnen Gutes. Wo die Burg gestanden hatte, gähnte ein tiefer Schlund und Abgrund hinab, in diesen stürzte vor langer Zeit ein Kind, und die Eltern jammerten ratlos droben am Rande des Abgrundes, denn niemand traute sich hinabzusteigen. Da entstieg dem Abgrunde die weiße Jungfrau und hielt in ihren Armen das unversehrte Kind, gab es zurück und verschwand. So ist sie vielen hülfreich gewesen. Auch die Schätze der versunkenen Burg, die sie bewacht, würde sie gern verteilen, aber ein schwarzer Teufel wohnt mit ihr zugleich in der Tiefe, der wehrt es ihr. Einst wird die weiße Jungfrau den schwarzen Teufel überwinden und alle ihre Schätze im Lande austeilen.

238. Schlacht im Nebel

In den endlosen Kriegen des Deutschen Ordens gegen das litauische Heidenvolk geschah es im Jahre 1394, daß das Ordensheer bis zur Landeshauptstadt Wilna vorgedrungen war und diese Stadt belagerte. Den Belagerern die Zufuhr abzuschneiden, führte Großfürst Witoudt ein starkes Heer heran und schlug Lager. Die Zufuhr aber zu schützen, entsandte der Meister vier Banner, jedes von hundert Mannen, die stießen bei Redemynne auf die litauer Fürsten Witoudt und Karjebut von Sewerien mit ihrem großen Heer, doch lag noch ein Fließ oder Bruch zwischen den Ordenskriegern und den Litauern; um diesen zogen erstere, und da gewahrten sie, daß des Feindes Heer also groß war, daß zehn Feinde auf einen Christenreiter kamen. Dennoch wagten sie mutig den Angriff, und da ließ Gott aus dem Bruch einen dichten Nebel aufsteigen, daß die Litauer ihrer Gegner Kleinzahl nicht wahrnahmen, sondern meinten, der Hochmeister mit dem ganzen Ordensheer stehe gegen sie, und da die Kreuzritter so tapfer und heftig angriffen, so hielten die Litauer nicht stand, sondern flohen von allen Seiten nach allen Seiten. Und solange der Kampf währte, in welchem gar viele Heiden erschlagen wurden, vermochte kein Wind den Nebel zu zerteilen.

239. Der König im Berge

Auf einer Höhe bei Lauenburg in Kassuben hatte sich im Jahre 1596 eine ungeheure Kluft aufgetan. Deren Tiefe, und wie sie innen beschaffen sei, hätte der Rat gern erfahren; nun waren allda zu Lauenburg zwei Gefangene, das waren zum Tode verurteilte Missetäter, denen bot der Rat Leben und Freiheit, wenn sie es wagen wollten, hinab in die Tiefe zu steigen und Kunde heraufzubringen von dem, was sie drunten gesehen. Diese Missetäter fuhren hinab, tief, unendlich tief, und als sie endlich drunten im Berge ankamen, da erblickten sie einen großen und schönen Garten, und in dem Garten stand ein Baum mit lieblicher weißer Blüte. Und unter dem Baume stand ein Kind, das winkte den Männern und führte sie über einen weiten Plan zu einem Schloß. Daraus klang vernehmlich mancherlei Saitenspiel und liebliches Getöne, und wie das Kind den Männern die Pforte öffnete, sahen sie drinnen im Saal einen König auf silbernem Stuhle sitzen, der hielt in der einen Hand einen goldenen Szepter und in der andern Hand einen Brief. Diesen Brief gab der König in des Kindes Hand, und das Kind gab ihn den Missetätern. Die brachten ihn herauf, und dann ward ihnen ewiges Schweigen auferlegt, und sie wurden freigelassen, und niemals hat jemand erfahren, was in dem Briefe gestanden hat.

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