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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Vom edlen Ritter Tannhäuser
  2. Das kleine Hütchen
  3. Der Krieg auf Wartburg
  4. Meister Klinsor weissagt aus den Sternen
  5. Die kleine Braut aus Ungarn
  6. Die heilige Elisabeth
  7. Der heilige Ludwig
  8. Sophias Handschuh
  9. Der Wangenbiß
  10. Friedrich des Gebissenen Taufritt

460. Vom edlen Ritter Tannhäuser

Da Ludwig der Milde, Landgraf von Thüringen, auf einem Kreuzzug im Morgenlande gestorben war, verließ er keine Kinder, und das Land fiel an seinen Bruder Hermann. Zu dessen Zeiten blühte in deutschen Landen der Minnesang und ward geübt und geliebt von Fürsten und Edeln, und Fürst Hermann versammelte viele Sänger zu seinem glänzenden Hofhalt auf der Wartburg. Eine Zeit nach ihm lebte auch ein Minnesänger im Frankenlande, der führte wie die meisten seiner Sanggenossen ein Wanderleben. Da habe ihn, als er am Hörseelenberge vorüberzog, die Erscheinung eines wunderholden Frauenbildes aufgehalten, das sei niemand anders als eben Frau Venus selbst gewesen, und ihm gewinkt, ihr in den Berg hineinzufolgen, und obschon auch ihn der treue Eckart gewarnt, habe der Ritter doch nicht zu widerstehen vermocht, und sei hineingegangen, und habe sich von Frau Venus umstricken lassen, und habe ein ganzes Jahr im Berge verweilt. Viele alte Lieder singen und sagen, wie nun die Reue über den Tannhäuser gekommen, daß er sich besonnen und in sich gegangen, und habe wieder aus dem Berge herausbegehrt. Als er solches nun äußerte, erinnerte Frau Venus ihn an seinen Eid, den er ihr geschworen, allein Tannhäuser leugnete ihr solches in ihr schönes Gesicht hinein. Darauf erbot sie sich, ihm eine andere Gespielin statt ihrer zu geben, aber er sprach, so er solches täte, müsse er ewig ob solcher Vielweiberei in der Glut der Hölle brennen. Da lachte Frau Venus hell auf und fragte ihn, was er doch von der Hölle Glut schwatze. Ob er diese je bei ihr empfunden habe? Ob nicht ihr roter Mund zu allen Stunden ihm freundlich zugelacht? So ging der Streit noch eine Weile fort, bis Tannhäuser in seiner Undankbarkeit für alles Liebe und Gute, was Frau Venus an ihm getan, sie eine Teufelin schimpfte. Das nahm Frau Venus endlich übel und drohte, es ihm entgelten zu lassen. Da schrie der Tannhäuser die Jungfrau Maria an, ihm von dem Weibe zu helfen, und da sprach Frau Venus mit Stolz: Nun könne er hingehn, er möge sich nur bei dem Greise beurlauben – er werde dennoch ihr Lob noch preisen. Nun ging der Tannhäuser reuevoll aus dem Venusberge und wallete gen Rom zum Papst Urban, dem klagte und beichtete er seine Sünden und bekannte, daß er bei einer Frau mit Namen Venus ein Jahr lang gewesen. Der Papst hielt in seiner Hand den hohen Stab mit dem römischen Doppelkreuze und sprach zu dem reuigen Sänger: So wenig der dürre Stab hier grünet, kommst du, der du bei des Teufels Hulde warst, zu Gottes Hulde! Vergebens flehte der Tannhäuser, ihm eine jahrelange Buße aufzuerlegen, dann zog er wie der aus dem ewigen Rom voll Leid und Jammer und klagte bitterlich, daß des Papstes hartes Wort ihn auf ewig von Maria, der himmlischen Huldin, scheide, daß Gott ihn nicht annehme, und verwünschete sich wieder zu Frau Venus in den Hörseelenberg. Die stand schon da und lachte hell und spottete ihm entgegen recht teufelisch: Seid gottwillkommen, Tannhäuser, mein lieber Herr, ich hab Euer recht lang entbehrt, mein auserkorener Buhle!, und lachte noch einmal und riß ihn durch die Höhlenpforte mit sich hinab. Aber am dritten Tage danach, da hub des Papstes Stab an zu grünen, und nun sandte der Papst Boten aus in alle Lande, wo der Tannhäuser hingekommen wäre – der war aber wieder in dem Berg bei seinem schlimmen Lieb, und deshalb ist der Papst Urban der Vierte auch mit in die ewige Verdammnis gefallen, wie das alte Tannhäuserlied schließt:

Des must der vierte Bapst Vrban

Auch ewigklich sein verloren.

Denn er hatte selbst, bevor er Papst wurde, mit einem Weibe im Bistum Lüttich, genannt Frau Eva in der Klause, die im abergläubischen Müßiggang sich verschlossen hielt, in sonderlicher Freundschaft gestanden und ihr zuliebe das Fronleichnamsfest gestiftet; er hatte drei Jahre lang mit großem Blutdurst die Parteien der Welfen und Ghibellinen aneinandergehetzt, und die Sekte der Bettelbrüder hatte er als ein rechter Heuschreckenkönig mit den schönsten Freiheiten begabt. Drei Monate lang leuchtete ein wundergroßer Komet schrecklich durch die Nächte, bis in die Nacht, in welcher Papst Urban IV. 1265 starb, da hörte er auf zu erscheinen.

461. Das kleine Hütchen

In einem Dorfe hinter dem Hörseelenberge gibt es Hütchen, das sind kleine Hausgeisterlein von gar hülfreicher Art, doch leidlich zu erzürnen. Ein solches Hütchen war im Gehöft eines Bauers viele Jahre lang, half bei der Arbeit unsichtbar und ließ sich wohl bisweilen auch sehen. Zusehends mehrte sich des Bauers Reichtum, aber wie es fast immer der Fall ist, daß der, welcher hat, nie genug haben kann, so auch dieser Bauer. Einmal erblickte er das kleine Hütchen, wie sich's gar emsig plackte und mit aller Mühe einen langen Strohhalm, der ihm sehr schwer zu halten war, die Bodentreppe hinanzog. Über solche zwecklose und nichtsnutzige Arbeit erzürnte sich der Bauer, fuhr das Hütchen zornig an und rief: Ei, daß dich, du fauler Schlingel! Augenblicklich verschwand das kleine Hütchen, auf der Treppe aber lag jetzt sichtbar ein großer Sack voll Getreide, daran vier Mann zu tragen hatten; das war der Strohhalm gewesen. Das Hütchen ließ sich nie mehr weder hören noch sehen, und nach einiger Zeit brannte das Haus des reichen Bauers nieder samt der vollen Scheuer, sein Vieh fiel, und er kam durch allerlei Unglück so herunter, daß er bettelarm wurde.

462. Der Krieg auf Wartburg

Bei Landgraf Hermann und seiner Gemahlin Sophia waren auf Schloß Wartburg im Jahre 1206 eine Zahl meisterlicher Minnesinger, die hießen Walther von der Vogelweide, Reinhart von Zwetzen, auch Reimar Zweter genannt, Wolfram von Eschenbach, Heinrich von Ofterdingen, Meister Biterolf und Heinrich von Rispach, der tugendhafte Schreiber genannt, der war des Landgrafen Kanzelar und auch ein Ritter. Diese sechse hielten ein Wettsingen mit einander, derin sie das Lob guter Fürsten priesen und vornehmlich das des gastlichen Landgrafen Hermann von Thüringen, der Grafen Poppo und Hermann des weisen von Henneberg, auch des Markgrafen Otto von Brandenburg, zubenamt "mit dem Pfeile", der selbst ein Minnesinger war.

Besonders waren es die Henneberger, von denen Wolfram von Eschenbach und Heinrich von Rispach den Ritterschlag, und Rosse und Gewande empfangen hatten, welche der genannte Hein/rich, Biterolf und Wolfram von Eschenbach priesen, ebenso pries Heinrich von Rispach den Thüringer Landesherrn, aber Heinrich von Ofterdingen, ein Oesterreicher (obschon ihn alte Bücher einen Bürger von Eisenach nennen), und – wie viele glauben der Dichter des hochwerthen Nibelungen-Liedes – pries Leopold, Herzog von Oesterreich, und sang, daß dieser vor allen Fürsten strahle gleich der Sonne vor allen Gestirnen. Da wurde der Sängerkampf also ernst und heftig, daß die Sänger beschlossen, es solle der Unterliegende durch die Hand des Henkers sterben. Alle waren gegen Heinrich von Ofterdingen erbittert, und hätten ihn gern vom Thüringer Hofe weggehabt. Da nun alle gegen ihn, den einen, sangen, so unterlag er, und nur die gütige Landgräfin, zu der der Verfolgte sich flüchtete, schirmte ihn, indem sie ihren Mantel über ihn breitete, als er Rettung flehend zu ihren Füßen sank. Heinrich von Ofterdingen erbat sich ein Jahr Frist, er wolle von dannen reisen und einen größern Meister holen, der solle urteln und richten. Damit meinte er den berühmten Meister Klinsor vom Ungarland, der ein Minnesinger und ein Zauberer zugleich war. Ofterdingen zog nun von Wartburg fort, gen Oesterreich zu seinem gefeierten Herzog und von diesem nach Siebenbürgen zu Klinsor, der ihm seine Begleitung nach Thüringen zusagte, ihn bei sich behielt, und sich und ihm mit Dichten, Singen und allerlei Kurzweil die Zeit vertrieb, so daß unvermerkt das Jahr verstrich, und Ofterdingen endlich bange ward, er werde zur bestimmten Frist Wartburg nicht wieder erreichen. Da er nun gegen Klinsor ängstlich klagte, beruhigte ihn der, und sagte: wir haben starke Pferde und einen leichten Wagen, wir kommen wohl noch zeitig hin – und gab ihm einen Schlummertrank, als es Abend geworden, legte ihn auf eine lederne Decke, und sich dazu, und ließ sich und ihn von den Geistern, denen er gebot, sänftiglich in der Nacht gen Eisenach in das beste Wirthshaus tragen, das war dazumal nicht der halbe Mond oder Rautenkranz, sondern der Hellegrafenhof am St. Georgenthor linker Hand, wenn man zur Stadt ausging. Wie der Thürmer den Tag anbließ, erwachte Ofterdingen und hörte den Klang der Glocke, die zur Frühmesse läutete von St. Georgen, und rief: wie ist mir doch? Dieselbe Glocke hört' ich schon, ich meint' ich wär' zu Eisenach, ist das nicht Sankt Jürgenthor? – Klinsor lächelte, und sprach; siehe zu, ob du nicht träumest? – Da nun die Kunde hinauf auf Wartburg kam, daß die zwei Meistersänger gekommen seien, gingen die Sänger alle herab, sie zu begrüßen und hinauf zu geleiten, und wurden gar herrlich von dem Fürstenpaare und seinem Hofstaate empfangen.

463. Meister Klinsor weissagt aus den Sternen

Der Meister Klinsor behielt seine Herberge in Eisenach der Stadt bei, und saß eines Abends im Garten seines Wirths, des Hellegrafen, wohin die Hofdiener und viele ehrbare Bürger aus Eisenach kamen, um ihren Abendtrunk zu trinken, die ehrten den Sänger, der ihnen viel aus fernen Landen sagte, und/ stetig neue Zeitung wußte, die er aus den Sternen las, und waren gern um ihn. So baten sie ihn wieder, daß er ihnen neue Zeitung möge ansagen, und er ging eine Strecke von ihnen und blickte hinauf in den Sternenhimmel, kam wieder, und sprach: heint Nacht wird meinem Herrn, dem Könige Andreas von Ungarn, eine Tochter geboren, die wird dem Sohn eures Herrn, des Landgrafen, verlobt werden, und also heilig, daß ihr Lob sich über alle Lande der Christenheit verbreiten wird. – Als diese Kunde nun auch vor den Landgrafen und seine Gemahlin kam, waren sie erfreut, und entboten Klinsor aufs Neue zu sich auf die Wartburg und an ihren Tisch, und nach dem Essen gingen die Fürsten und Herren und die Sänger in den hohen Palas, auf daß nun Klinsor ihr Streiten schlichte, was ihm auch gelang, nur mit Wolfram von Eschenbach hatte der Meister vom Ungarland selbst schwer zu kämpfen, so daß er einen Geist statt seiner herbeirief, der hieß Nasias, allein auch gegen den behauptete sich Wolfram in hohen Dingen so kundig und erfahren, daß jener weichen mußte und Klinsor erstaunte, und vermeinte, Wolfram möge wohl kein ritterlicher Sänger, sondern heimlich ein Priester sein, und da Wolfram seine Wohnung auch in der Stadt hatte, beim Bürger Titzel Gottschalk am Brotmarkt, so sandte Klinsor ihm zur Nachtzeit noch einmal seinen Geist Nasias; der sah sehr grausenhaft aus, und legte Wolfram so hohe Fragen vor, daß er sie nicht zu lösen vermochte, sondern verstummte. Da lachte der Geist laut auf, wie ein Teufel lacht, und schrieb mit seinem Finger in einen Stein an der Wand, als ob er ein weiches Wachs gewesen wäre:

Du bist ein laie snipen snāp –

und entwich. Die Schrift blieb in der Wand stehen und war zur Nacht feurig, da ward ein Gelaufe vom Volk in das Haus, und wollte jeder den Stein sehen, solches ärgerte den Hausbesitzer Gottschalk, und ließ den Stein aus der Wand brechen und in die Hörsel werfen.

Da nun Klinsor die Sänger versöhnt hatte, beurlaubte er sich von dem Landgrafen und ward mit Geschenken entlassen, darauf ist er wieder in seiner Lederdecke von dannen gefahren, und hin woher er gekommen war.

464. Die kleine Braut aus Ungarn

Als der Sohn des Landgrafen Hermann von Thüringen und der Landgräfin Sophia, Ludwig geheißen, eilf Jahre, und die Tochter des Königs Andreas von Ungarn vier Jahre alt war, sandte das Landgrafenpaar Boten nach Ungarn, für den Sohn um die Hand der kleinen Königstochter zu werben; die Gesandten waren sonderlich vornehme Männer, Frauen und Jungfrauen, nebst Ingesinde, und fuhren in vier Wagen, und hatten vierzig Pferde. Dort an des Ungarkönigs Hofe wurden sie stattlich empfangen, und als sie ihre Werbung gethan, befragte sich der König bei Meister Klinsor über den Landgrafenhof, den jungen Fürstensohn und das Land. Da wußte Klinsor, der alles aus eigner Anschau/ kannte, viel Rühmens zu machen vom Hofe und von Land und Leuten, also daß er den König und die Königin von Ungarn zur Zusage bewegte, zu dem, was er ja ohnehin in den Sternen als einen überirdischen Beschluß gelesen. Aber die Gesandtschaft hatte noch einen absonderlich wichtigen Auftrag, zeugend vom hochverständigenSinne ihres Herrn und ihrer Herrin, denn diese wünschten, daß ihres Sohnes junge Braut und zukünftige Gemahlin nicht ungarisch, sondern deutsch erzogen werde, ganz entgegen der Unsitte späterer deutscher Fürsten, die ihre Kinder französisch erziehen ließen, damit sie ja recht frühzeitig das wälsche Gebahren hoch-, ihr Vaterland aber mißachten lernten. Und das ungarische Königspaar sah ein, daß dieser Wunsch ein gerechter, denn wer über ein Land herrschen will, muß es kennen und lieben; die Liebe zu einer neuen Heimath kann aber nicht plötzlich und über Nacht kommen, sondern sie muß allmählich empfunden und anerzogen werden. Und die Aeltern sagten auch dieses zu, und gaben ihr liebes Elisabethlein dahin, ausgestattet mit einem überreichen Brautschatz, und geleitet von einem zahlreichen und glänzenden Gefolge. Mit vier Wagen waren die thüringischen Gesandten gekommen, und mit dreizehn fuhren sie wieder ein in das Thüringerland, nebst vielen herrlichen Pferden mit prächtigen Geschirren zum Geschenk für den Landgrafen, denn es war eine alte Fürsten- und Völkersitte, sich gegenseitig viele Pferde zu schenken; schon der Thüringer-König Irminfried oder Herminfried hatte an den Ostgothen-König bei der Werbung um Amalberga eine stattliche Anzahl schneeweißer preißwerther (= kostbarer, sk) Rosse zum Geschenk geschickt. Heutzutage denkt einer wunders, was er großes thut, wenn er einem ein Pferd oder zwei schenkt. – Da nun die kleine Braut mit ihrem zahlreichen Gefolge und Geleite gen Eisenach gekommen war, war auf der Wartburg große Freude, und zogen der Landgraf und seine Gemahlin und der Hof herab in die Stadt, und begrüßten das Königskind und holten es festlich ein, und führten es wie in einem Triumphzuge hinauf auf das Wartburgschloß.

465. Die heilige Elisabeth

Das Königskind Elisabeth erwuchs auf der Wartburg in Holdseligkeit, Frömmigkeit und Tugend zu aller Freude, ebenso ihr Verlobter, der junge Landgrafensohn, der früh den Vater verlor, und die Herrschaft antrat, und seine Verlobte immer lieber gewann, obgleich Elisabeth ob ihres frommen Sinnes und ihrer Demuth manchen Spott und Hohn erleiden mußte, davon gar viel erzählt wird. Und als der Landgraf seine Hochzeitfeier mit ihr beging, da haben zwei edle thüringische Ritter, Graf Reinhard von Mühlberg und Ritter Walter von Vargula, die sie einst aus dem Ungarlande nach Thüringen abgeholt, sie im schönsten Schmuck in Sankt Georgs Kirche geführt. Als junge Frau lag die fromme Landgräfin vielleicht mehr, als ihrem Gemahl lieb sein konnte, frommen Werken und Bußübungen ob. Sie zerschnitt oder verschenkte ihre schönsten Kleider,/ und ging einfach und ärmlich einher, aber wenn es nöthig war, umkleidete sie der Himmel selbst mit reichen und königlichen Gewanden.

Elisabeth die fromme Landgräfin, war eine wahrhafte Mutter der Armen und gegen diese schier allzu freigebig, so daß man sich sogar darüber aufhielt und es tadelte. Es war aber auch eine schwere Zeit gekommen, Mangel und Noth, und die Schaaren der Armen wuchsen zusehends. Da geschah es, daß Elisabeth, wie sie täglich that, einmal wieder Speisen und Gaben hinabtrug an den Ort, wo die Lahmen und Blinden und Nothleidenden sich einfanden, und ihr der Landgraf begegnete, der dießmal kein freundliches Gesicht zeigte, denn es war ihm eben frisch hinterbracht worden, wie sie alles verschenke. Da rief sie der Landgraf nicht gerade zärtlich an: was trägst du da? – und sie sah in seinen Mienen den Wetterbaum seines Unwillens aufsteigen, und erbebte, und sprach mit unsicherer Stimme: Herr – Rosen! – zeige her! – rief der Landgraf und hob die Hülle von dem Korbe – siehe da war der Korb eitel voll Rosen und andere blühende Blumen. Da stand der Landgraf beschämt vor ihr da, und wenn der und jener Diener wieder sich unterfing, gegen die milde Freigebigkeit der Herrin zu reden, so sprach der Landgraf: lasset sie immer gewähren, da sie an Almosengeben ihre Freude hat, wenn sie uns nur Wartburg und Eisenach und die Niuwenburg nicht verschenkt. – In der Hand dieser edlen und frommen Spenderin mehrten sich auch alle Gaben gar wundersam, auch wurden ihre Gewande nicht naß und nutzten sich nicht ab. Da Agnes, Landgraf Ludwigs Schwester, mit einem Herzog von Oesterreich Hochzeit hielt, war die Wartburg voll Gäste, und alles prunkte im Festgewande, Elisabeth aber hatte am Thore einen armen preßhaften Greis, der halbnackt einher ging, gefunden, der bat gar zu sehr um ein Gewand, seine Blöße zu bedecken, und da gab ihm die Landgräfin ihren Mantel; da man nun zu Tische gehen sollte, fragte der Landgraf seine Gemahlin, wo sie denn ihren Mantel habe? – denn es war die Frauensitte so, im leichten Mantel bei Festen einherzugehen, und da antwortete sie kleinlaut und erschrocken: in meiner Kammer – so sendete der Landgraf eine Jungfrau hin, und siehe, da hing ein Mantel, schöner wie der einer Königin, himmelblau mit goldnen Bildchen überstreut, der Arme aber war verschwunden. Ein anderesmal hatte Elisabeth gar einen Aussatzkranken mit herauf in das Haus genommen und ihn in ihr Bette legen lassen – das erregte ihr einen großen Sturm bei ihrer Frau Schwiegermutter, war auch just nicht appetitlich – allein als man nun kam, den Aussätzigen hinauszuwerfen, lag ein wunderbar schönes Crucifix in dem Ehebette, überaus kunstvoll, aber leider nicht mehr auf der Wartburg vorhanden. Darüber vergoß der fromme Gemahl dieser überfrommen Frau heiße Thränen. Der Kranke aber war Eli geheißen, den Elisabeth so treulich wartete, er genaß und wohnte hernach noch lange nahe der Wartburg in einer ganz engen Felskluft, und lebte von Wurzeln und Kräutern, der bekannten Waldbruderkost. Die Höhle ist noch vorhanden.

Eines Tages ward die milde Herrin, da sie in Eisenach die Kirche besuchte,/ vor dem Portale von einer ganzen Schaar Bettler umringt; sie gab, so lange sie noch zu geben hatte, bis ihre Münze zu Ende war, aber da war immer noch ein armer Alter, einer von den beharrlichen, der bestand auf einer Gabe und drängte sich ihr bis in die Kirche nach; das erbarmte die freigebige Herrin, und sie zog einen ihrer reich mit Silber gestickten Handschuhe aus, und reichte diesen dem unabweisbaren beharrlichen Greis. Das sahe ein Ritter, der auch zur Kirche einging, trat schnell herzu und gab dem Alten für den Handschuh vieles Geld. Hernach hat er selben Handschuh an seinen Helm als ein Kleinod befestigt, und ist in das heilige Land gezogen, hat auch allda ritterlich gekämpft und der Handschuh hat ihn geschützt wie ein Talisman, daß er glücklich wieder die Heimath sah. Und dann hat er Elisabeths Handschuh in sein Wappen gesetzt.

Ganze Bücher sind voll geschrieben von den Thaten und Wundern der frommen Landgräfin Elisabeth, die ein gottgefälliges heiliges Leben führte, darum sie auch nach ihrem Tode unter die Zahl der Heiligen aufgenommen worden ist.

466. Der heilige Ludwig

Landgraf Ludwig, der in noch sehr jungen Jahren schon die Regierung des Thüringerlandes überkommen, war fromm und gütig, und sein Gemüth stimmte in den meisten Dingen mit dem himmlischen Gemüth seiner Elisabeth überein. Er war ihr auch getreu wie Gold, und ließ sich nicht zur Untreue verlocken, obschon in diesem Punkt jene Zeit nicht anders und nicht besser war als die heutige. Wie mild und gut und frommgesinnt dieser Fürst auch war, so war er doch auch ein strenger Schirmherr des Rechts, und gar oft der geringen Leute Schutz und Trost. Einem armen Kleinkrämer, der ihn um freies Geleite bat, sicherte er dieses nebst der Zollfreiheit in allen thüringischen Städten und Ortschaften zu, und fragte ihn freundlich, wie hoch er seinen Kram schätze? – Da sagte der Krämer: zehn Schillinge, Herr, ist alles werth. – So! – sagte der Landgraf: da wollen wir Kumpanei machen, du hast zehn Schillinge Waaren, ich gebe zehn Schillinge baar dazu, nun warte deines Handels; hast du Gewinn, will ich ihn theilen, hast du Verlust, will ich dich schadlos halten. Der Begabte zog froh von dannen, sein Handel ging trefflich, er hatte guten Gewinn und führte redliche Rechnung. Er konnte immer mehr Einkäufe machen und endlich nicht alles selbst tragen, sondern schaffte einen Esel an, mit dem zog er bis gen Venedig, und kaufte und tauschte dort kostbare Waaren, als Glas, Metall, Elfenbein und Korallen ein, auch Ringe, Perlen und Edelgesteine, und zog wieder heim und kramte von Stadt zu Stadt in Deutschland; da kam er auch nach Würzburg, der Bischofresidenz, und da sahen etliche fränkische Ritter, von der Sorte, die gern ohne Geld kauft, den reichen Kram. Die nahmen auf dem Weiterwege den Esel sammt den Waaren, und achteten des Geleitsbriefes vom Thüringer Landgrafen so wenig, wie dessen Hofdienertracht, die der Kaufmann trug. Da nun der Krämer traurig heimkehrte, und seinem Herrn die Unbill klagte, sprach dieser: warte nur,/ mein Geselle, ich schaffe schon unsern Esel und unsere Waaren wieder bei! – entbot alsbald seine Mannen zu einer Heerfahrt, kündigte von Stund' an dem Bischof Fehde an und fiel in das Frankenland ein, wie ein Hagelwetter, wobei freilich gar viele Unschuldige bitter leiden mußten, und ließ dem Bischof sagen, er suche seinen Esel. Da haben die fränkischen Ritter den Esel und die Waaren herausgeben müssen, wie jener ihr Vorgänger an Ludwigs Ohm den Wein, und mußten den Landgrafen und des Bischofs Unterthanen schadlos halten.

Ein anderesmal fuhr der Landgraf auch in Kaufmannsangelegenheiten, da man Kaufleute gefangen hielt, die seine Unterthanen waren, mit Heeresmacht bis nach Polen, und eroberte und zerstörte dort das Schloß Lebus. Da Landgraf Ludwigs Schwester Agnes sich dem Herzog von Oesterreich vermählte, brachte dieser seinem Schwager als eine Seltenheit einen großen lebendigen Löwen mit, der ward im Wartburghofe verwahrt gehalten, wie jetzt der Fuchs. Da geschah es eines frühen Morgens, daß der Landgraf leicht bekleidet und ganz ohne Waffen hinab in den Hof ging, etwa zu beten oder der Morgenfrische zu genießen. Da stand plötzlich der schreckliche Löwe frei und ledig vor ihm da, denn aus Versehen des Wärters war die Käfigthüre nicht gut verschlossen, und der Löwe hatte sich herausbegeben, auch etwas frischer Luft zu genießen. Da nun die beiden Herren, der König der Thiere und der Landgraf von Thüringen, einander gegenüber standen und sich ansahen, zeigte der Landgraf seinen rechten Mannesmuth, er schrie den Löwen hart an, indem er ihm dreuend die geballte Faust entgegenwarf, darob erschrak der Löwe, und legte sich auf die Erde, und schlug mit dem Schweife. Das Geschrei des Herrn aber ward gehört und ward Lärm, und der Wärter, den der Löwe kannte, brachte das gewaltige Thier wieder in seinen Käfig zurück. – Das geschah ein Jahr vorher, ehe Landgraf Ludwig zu großem Schmerz und Unglück der heiligen Elisabeth die Meerfahrt nach dem gelobten Lande antrat, von der er nicht wiederkehrte.

467. Sophias Handschuh

Als Landgraf Ludwig auf der Fahrt zum Heiligen Lande gestorben, die heilige Elisabeth mit ihren Kindern durch ihren Schwager Heinrich Raspe schmachvoll von der Wartburg vertrieben war, dem dafür auch kein Segen blühte, denn er blieb von drei Gemahlinnen erbenlos, und als auch er dahin war, da erhob sich um das Thüringer- und Hessenland ein großes Streiten. Die älteste Tochter der heiligen Elisabeth, Sophia, hatte sich einem Herzog von Brabant vermählt, hatte von diesem einen Sohn, war aber schon Witwe; die machte gerechten Anspruch für ihren jungen Sohn an ihr Muttererbe. Aber eine Schwester des heiligen Ludwig und Heinrich Raspes, Jutta, hatte zum Gemahl Heinrich den Erlauchten, Markgrafen von Meißen, der hatte bereits für sich und seine Erben Besitz vom Thüringerlande genommen. Sophia zog in das Hessenland und gewann sich mächtigen Anhang; zudem war die kaiserlose Zeit, in der es gar wild durcheinander ging, zumal in Thüringen. Da wurde zu Eisenach ein Tag der Vergleichung anberaumt, auf dem erschienen Heinrich und Sophia in Person und waren beiderseits zur Einigung dahin geneigt, daß der künftige Kaiser den Streit entscheiden solle, ob der Sohn der Tochter oder der Sohn der Schwester des Thüringer Landgrafen mehr Anrecht an das Erbe habe: da sprachen der Marschall Helwig von Schlotheim und einige andere thüringische Edle zu Markgraf Heinrich dem Erlauchten: Herr, verheißet nicht zuviel! Stündet Ihr mit einem Fuße im Himmel und mit dem andern auf der Wartburg, so müßtet Ihr den aus dem Himmel ziehen und auch zu dem auf der Wartburg setzen. Da zog sich Heinrich zurück, die Sache zu bedenken, und hinterdrein beschwur er auf eine Rippe der heiligen Elisabeth nebst zwanzig Eideshelfern sein Recht auf Thüringen. Da weinte die Herzogin von Brabant Tränen des Zorns, zog ihren Handschuh aus und schleuderte ihn hoch in die Luft empor und schrie: Nimm hin, du Feind aller Gerechtigkeit, dich, Teufel, meine ich, nimm diesen Handschuh, und die falschen Ratgeber alle dazu! Und der Handschuh fiel nicht wieder aus der Luft herunter, und von jenen Räten und Eideshelfern soll keiner eines guten Todes gestorben sein, darum, daß sie das heilige Gebein entweiht und einen solchen Eid geschworen hatten. Und nun entbrannte ein heilloser Krieg, der ganz Thüringen verdarb. Einmal wollte die Herzogin von Brabant wieder nach Eisenach hinein, das Tor ward ihr aber nicht aufgetan, da nahm sie eine Spaltaxt und hieb in das Georgentor ein paar solche Kimmen in das Eichenholz, daß man sie noch nach zweihundert Jahren sah. In diesem Kriege zerstörte Markgraf Heinrich den Mittelstein, die alte schöne Burg der Frankensteiner, und auch andere Burgen um die Wartburg her und ließ einen treuen rechtskundigen Rat, genannt Heinrich Velsbach, der ihm hartnäckig entgegen war, und den er in seine Gewalt bekam, mittelst eines großen Wurfgeschosses durch die Luft hinab nach Eisenach schleudern. Als dieser Mann von der Blide aufflog, schrie er noch vernehmlich, daß es alle hörten: Thüringen gehört doch dem Kinde von Brabant! Neun Jahre lang dauerte der Krieg, und endlich erfolgte dennoch, wozu man ohne Krieg sich hätte einigen können, die Teilung des Landes in Thüringen und Hessen, welches letztere Hermann, der Sohn Sophias, das Kind von Brabant, zugeteilt bekam, und wurde also der erste Landgraf von Hessen und aller Hessenfürsten erster Ahnherr. Heinrich der Erlauchte aber hatte mehrere Söhne, da behielt er für sich und seinen jüngern Sohn Dietrich die Markgrafschaft Meißen und gab seinem ältesten Sohn Albrecht die Landgrafschaft Thüringen.

468. Der Wangenbiß

Albrecht (ca. 1240-1315, sk), Heinrich des Erlauchten Sohn, nahm zur Gemahlin Margarethen, Kaiser Friedrichs II. (1194-1250, sk) Tochter. Da hallte nach langem lautem Lärm des Krieges, die Wartburg von Freudenfesten wieder. Es hatte aber die junge Land/gräfin, die ihrem Geamhl mehrere Söhne schenkte, ihr Unglück selbst mit in das Haus gebracht in einem schönen Hoffräulein, das gefiel dem Mark- und Landgrafen nur allzuwohl, und immer mehr, bis beide auf tückischen Verrath sannen, Margarethen aus dem Wege zu räumen. Der Knecht, welcher mit dem Wartburgesel täglich aus der Stadt mancherlei Bedarf heraufholte, ward heimlich gedungen, als ein Teufelsgespenst zur Nacht in das Gemach der Landgräfin zu treten, und ihr das Genick zu brechen. Auch mußte er schwören, Niemandem den Anschlag zu veratehn. Aber diesen Knecht schlug das Gewissen und traute sich nicht der ungeheuern ruchlosen That, eine unschuldige wehrlose Frau, die er nie anders als gütig gesehen, und die selbst ihn, den geringsten der Knechte auf dem Hofe, freundlich gegrüßt hatte, im Schlafe hinzumorden, zögerte daher und bedachte sich lange. Das merkte der Landgraf und fragte ihn eines Abends verblümt aber streng: Hast du die Aernte geworben, die ich dir befohlen habe? – Deß erschrak der Knecht und antwortete: Herr, ich will sie werben! – und dachte bei sich: nun muß es geschehen – wie Gott will! – Und da es tiefe Nacht war, trat er in das Schlafgemach der Landgräfin, die ganz allein schlief, kniete an ihr Bette hin, und rief: gnädige Frau! Gnadet mir des Leibes! – Erschrocken fuhr Margaretha vom Schlummer auf und fragte: wer ist da? Wer bist du? – Und da sagte der Knecht ihr alles an, daß sie auf das heftigste erschrak, doch sprach sie gefaßt: rufe mir eilend den Haushofmeister, den Schenken Rudolf von Vargula! – Solches that der Knecht und Margaretha sprang vom Lager und kleidete sich eilend an. Und da der Schenk kam, fragte sie ihn heftig weinend um Rath. Den gab er ihr in Kürze. Sie solle an Gut und Geld einpacken, was tragbar sei. Dann wurden in aller Stille ihre Haushofmeisterin und eine ihrer Jungfrauen geweckt, die mußten eilend Bettgewand und Leilaken (= Bettwäsche und Laken, sk) in lange Streifen schneiden, und an einander binden, und Margarethe ging in Begleitung des Schenken auf das gemalte Haus bei dem Thurme, wo ihre Söhne, Friedrich und Diezmann schliefen, und fiel auf ihr Bette und küßte sie unter heißen Thränen und biß vor Liebe und grausamem Schmerz den ältesten, Friedrich in die Wange, daß sie blutete, und fiel auf den zweiten, und wollte ihm auch also thun, doch der Schenk wehrte es ihr, und sie sprach unter strömenden Thränen: ich will sie zeichnen, daß sie an dieses Scheiden gedenken, so lange sie leben. – Nahm also den herzlichsten und schmerzlichsten Abschied von ihren Söhnen, davon Friedrich drei Jahre und Diezmann anderthalb Jahre alt war, und ward dann sammt dem Knecht und den beiden Frauen von dem Gange am heutigen Ritterhaus, das ist in der Vorderburg, wo des Commandanten Wohnung ist, aus einem Fenster in dunkler Nacht die hohe steile Mauer hinabgelassen, und mußten den schroffen Felsenberg hinabklimmen, und entwandern. Da gingen sie durch die Nacht und den grauenden Morgen südwestwärts durch die weiten Wälder, bis auf die Burg Krainberg bei Salzungen, die gehörte auch den Herren von Frankenstein, war aber jetzt halb dem Abte von Hersfeld, und dessen Burgmann nahm sie gastlich auf und ließ sie dann gen Fulda geleiten, zu dem Abt; der empfing als der Kaiserin/ Erzkanzelar die Tochter seines Kaisers mit allen Ehren, und geleitete sie gen Frankfurt in ein Frauenkloster, darin sie schon im nächsten Jahre vor Kummer und Herzeleid starb.

469. Friedrich des Gebissenen Taufritt

Es ist nicht zu sagen, was für Kampf und Streit und Unglück sich im Thüringerland und um dasselbe erhob durch den Treuebruch Landgraf Albrecht des Entarteten, denn die Söhne Margarethens stritten, als sie zu ihren Jahren gekommen, gegen ihren Vater und der Vater stritt gegen die Söhne. Landgraf Albrecht hatte seine Kebse gefreit, und wollte gar das Land seinen rechten Söhnen abdringen, und dem Apiz, seinem Bastard zuwenden. Einmal hatte er sogar seinen ältesten Sohn als Gefangenen lange im Thurm der Wartburg liegen, der ward aber heimlich befreit. Endlich verkaufte Albrecht ganz Thüringen für zwölf tausend Mark Silber an Kaiser Adolph von Nassau, dem widersetzten sich die jungen Markgrafen sammt der ganzen Ritterschaft, darüber erwuchsen neue schwere Kämpfe, und des Kaisers Volk hausete gar schlimm und übel in Thüringen, davon noch ein altes Lied geht, wie eine ganze Schaar dieses Heeres, das in Rastenberg ein Kloster zerstört und die Nonnen geschändet, dafür von den Thüringern und Hessen capaunt worden. Indessen starb Albrechts Kebse, Kunne von Eisenberg, und ihr Apiz folgte ihr noch im selben Jahre nach, da freite baldmöglichst seinen Söhnen zum Trotz Albrecht die reiche Wittwe eines Grafen von Arnshauk, Adelheid, die nur eine einzige Tochter hatte, so Elisabeth hieß, diese blieb auf ihrer väterlichen Burg zurück, war vierzehn Jahre alt, und ein gar tugendsames und holdseliges Jungfräulein. Die sahe Friedrich mit dem Wangenbiß und entbrannte in Minne gegen sie, und nach einer Zeit entführte er sie unversehens, brachte sie auf sein Schloß in Gotha, dem festen Grimmenstein und schrieb an seine Stiefmutter, und warb um Elisabeth, die ihm, da sie schon in seinen Händen war, nicht füglich versagt werden konnte, ward also seiner beiden Aeltern Schwiegersohn. Das hinderte aber keineswegs, daß Streit und Krieg sich fortspannen, in welchem die Zwingburg Klemme, ein Bau Heinrichs des Erlauchten zu Eisenach, abgebrochen wurde, und zwei schöne Thürme der Frauenkirche ihrer Glocken beraubt und auch niedergerissen wurden. Bald darauf erhielt Landgraf Friedrich heimliche Sendung von der Wartburg, nahm nur fünfzehn tapfere Mannen mit sich, bargen sich in der Nähe der Wartburg in einer seitab des Thales gelegenen waldigen von Felsen umgebenen Schlucht, die heute noch das Landgrafenloch heißt, klimmten dann empor, kamen zur Burg an der hintern Seite, wo jetzt der Thurm steht, und da waren schon Mannen, die ihnen die Mauern ersteigen halfen. Da fing Friedrich seinen Vater ohne Schwertschlag, und entsandte ihn nach Erfurt. Die Landgräfin blieb aber bei ihrem Sohne auf der Wartburg, dahin dieser seine junge Gemahlin Elisabeth eilend kommen ließ. Aber mit der Wartburg hatte Friedrich noch nicht das Land, denn das gehörte/ doch noch dem Vater oder aber dem Kaiser, der es gekauft, und selbst die Bürger von Eisenach wollten nichts von dem jungen Landgrafen wissen, und da wurde die Wartburg enger umlagert und bedrängt als je, und rings um dieselbe wurden kleine Bergfrieden aufgeführt, Schanzen und Blockhäuser, und aller Zugang und alle Zufuhr ihr abgeschnitten, was das schlimmste war, denn mit Stürmen war der Burg nichts anzuhaben, auch nicht viel mit Steinschleudern, da sie himmelhoch über alle den Lagern der Feinde sich erhob. In diesen Zeiten gebar Frau Elisabeth die jüngere auf Wartburg ein Töchterlein, und da kein Pfaffe auf der Burg war, war guter Rath theuer, das Kind zu taufen, denn damals war nicht Sitte, vier oder sechs Wochen, oder noch länger, damit in Gottes Namen zu warten, auch beschäftigten sich nicht, wie in unsern Zeiten, Personen, die keinerlei priesterliche Weihen empfangen, mit dem Vollzug der heiligen Taufhandlung. Der Landgraf aber, schnellen Entschlusses und freudig zu jeder raschen That, hieß die Amme sammt dem Kinde zu Roß steigen, erkor zwölf tapfre Kampfgesellen, ritt mit ihnen den Berg herab, um die Stadt herum, über den Gaulanger und Sengelbach, und erst da vernahmen die Wächter ihren Ritt und bliesen Lärm. Rasch ritten Friedrich und die Seinen nun den Thalweg entlang, nach Tenneberg zu, doch hörten sie nach einer Weile, daß sie verfolgt wurden. Auf einmal ließ die Amme ihr Zelterlein ruhiger traben, und die Ritter an sich vorbeireiten: das Kind schrie, der Landgraf blieb neben ihr halten und fragte: Was ist's? Warum eilst du nicht? Was fehlt dem Kinde? Schweige es! – Herr – sprach die Amme, es will gestillet sein – es schweiget nicht, es sauge denn! – Da rief der Landgraf den Seinen zu: Haltet! Meine Tochter soll ob dieser Jagd nichts entbehren, und sollte es das Thüringer Land kosten! – Und da schaarten sich alle um die Amme her, in willens, wenn die Feinde herankämen, das Kind und sie auf Leben und Tod zu vertheidigen – aber die Feinde ließen ab von ihrer Verfolgung, obwohl Friedrich schier zwei Meilen weit immer hinter sich den Hufschlag ihrer Pferde vernommen hatte, und so kamen die Reiter mit Kind und Amme glücklich nach Schloß Tenneberg, wohin der Abt von Reinhardsbrunn, das nahe dabei gelegen, entboten wurde, der mußte die Tochter taufen und nach der Mutter Elisabeth nennen. Danach hat Friedrich sich Hülfe gewonnen, die Wartburg stattlich gespeist, die Belagerung tapfer abgewehrt, und alle Grafen und Herren Thüringens auf seine Seite gebracht. Darob ergrimmte Kaiser Adolph gar sehr und wollte das Thüringerland wiederum mit Heeresmacht überziehen und bezwingen, wie er zu gleicher Zeit die Schweiz bezwingen wollte. Da geschah es, daß all seinem Wollen ein Ziel gesetzt ward durch seines Neffen, Herzog Johanns von Schwaben, meuchelmörderische Hand, und gewann das Land hernach durch selben Landgrafen Friedrichen mit dem Wangenbiß, den man auch den Freudigen nennt, guten Frieden.

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