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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Das Beil im Kopfe
  2. Halbpart auf der Hohenwart
  3. Hünschchen
  4. Frau Welle
  5. Die Saalnixen
  6. Milch- und Gelddrachen
  7. Von Moosleuten, Holzweibeln und Heimchen
  8. Kümmelbrot
  9. Das hohle Brot
  10. Das erschrockene Wichtel

540. Das Beil im Kopfe

Ein Bauer aus einem Walddorfe der Saalfelder Gegend fuhr zu Holze in den Zwölften, wo die Geister in Feldern und Wäldern häufig umfahren. Da kam ihm in einem engen Hohlweg die wilde Jagdfrau entgegen, auf einem Wagen, den zwei Katzen zogen. Der Bauer konnte nicht ausweichen oder wollte/ nicht, und hub an, gräulich zu fluchen. Da hub aber die Frau Bertha ihr Beil auf, und schlug es mit einem mächtigen Hiebe dem Bauer handtief mitten in der Stirn in den Schädel und fuhr brausend mit ihrem Gespann über seinen Kopf und seinen Wagen hinweg. Der mächtige Schlag hatte den Bauer betäubt, und er hatte gemeint, es wäre sein letztes, doch als er zur Besinnung kam, fand er sich heil und unverletzt, aber – mitten in seinem Kopf stak sammt dem Stiel, wie in das Fleisch gewachsen, die Spaltaxt der Frau Bertha, und war nicht zum wanken und weichen zu bringen. So kam der Bauer in sein Dorf zurück, trug zu Jedermanns Verwunderung die Axt im Kopf, und mußte sich daheim halten.,oder beständig eine hohe Mütze tragen, denn kein Bader und Feldscheer war im Stande, ihm die Axt aus dem Kopfe zu bringen. Doch konnte er seiner Arbeit warten. So geschah es, daß jener Bauer, der nun schon ein Jahr so gestraft war, eines Tages wieder zu Holze fuhr, und da begegnete ihm wieder die Jagdfrau, ganz wie das vorige Mal. Da war er aber geschwind mit ausweichen, und trieb sein Vieh zurück, und gab der Frau Bertha Raum. Da dankte das Waldweib gar freundlich, und strich ihm mit der Hand über die Stirne, und weg war die Bertha. Da fiel das Beil dem Bauer aus der Stirne in die Hand, und am Kopf sah und fühlte er keine Spur einer Wunde oder Schmarre, als er aber das Beil recht betrachtete und betrachten ließ, fand sich, daß es von lauterem Golde war.

541. Halbpart auf der Hohenwart

Ein Anwohner des Sorbitzbaches wanderte des Nachts von der Hohenwart – am Saalufer bei Kaulsdorf – herunter dem Valleidathale zu. Das wilde Heer war gerade zur Jagd auf dem hohen Waldrücken ausgezogen, und aufgescheucht flohen die Waldweibchen und grauen Moosmännchen vor ihren Verfolgern her. Der Wanderer horchte dem furchtbaren Getöse zu, sah bei Mondenschein das tolle Treiben mit an, bis ihn vor Grausen selbst toller Muth ergriff, so daß er aufschrie:

Hussa! Hussa! Halbpart

Mir hier auf der Hohenwart!

Hussa! – erging die Antwort darauf, und am Morgen lag ihm das ganze Haus voll Geflügel, dem insgesammt die Hälse umgedreht und die Beine ausgerupft waren, und Wildpret wie es der Mann theilweise noch niemals gesehen, Wichteln und Wachteln durcheinander, und an den Thürpfosten hingen Viertel von Waldweibchen und Moosmännchen, die stanken über alle Maaßen.

542. Hünschchen

Auf der Haide, wo der Culm ragt, der in den Heidenzeiten oft Feuer ausgestrahlt haben soll, und wo die Hangeeiche steht, liebt der wilde Jäger oft zu hetzen und die Moosleute zu jagen. Einstmals hörte ihn ein Bauer aus Arnsgereuth, der that auch seinen Jagdjauchzer, wie der Sorbitzbächler, und gerieth ihm ebenso wohl, doch nicht ganz so reichlich, das machte, weil er nur in die/ wilde Jagd hinein juhut hatte, und nicht gleich halbpart begehrt. Er wurde der glückliche Finder eines Mossweibchenviertels, das vor Fäulniß schon ganz grün war, das war an seiner Hausthüre aufgehängt, an den Haken, daran er, wenn er schlachtete, sein Kalb oder sein Schwein aufzuhängen pflegte. Voll Entsetzen lief der Bauer zu seinem Gutsherrn, und fragte den um Rath, der sagte, er möchte das Fleisch ja nicht anrühren, solle es nur hangen lassen. Solches that das Bäuerlein, und da kam das übelstinkende Viertel wieder hinweg. Der hat nicht wieder mitgeschrieen.

Auf der Kegelbahn in Preilipp, wo man die Saale weithin überschauen kann, waren Sonntags die jungen Bursche des Dorfes versammelt bis in die sinkende Nacht hinein und machten sich lustig. Auf einmal erblickten sie den wilden Jäger, wie er ohne Kopf über der Saale drüben hinritt. – Wartet, dem muß ich eins anhängen, – rief ein vorlauter Bursche – ich weiß, wie man ihn recht ärgern kann! – Vergebens gaben ihm die andern gute Worte, er solle doch ja stille sein; er trat vor und rief laut:

Hünschchen, Hünschchen

Hast schöne rothe Strümpfchen!

Kaum hatte er das Wort ausgesprochen, da plätscherte es durch die Saale, und der wilde Jäger rückte an. Eiligst ergriffen die Bursche die Flucht und sprangen in das erste beste Haus hinein, worin sie sich verschlossen und verriegelten. Sie waren kaum hinein, da hielt der wilde Jäger auch schon vor der Thüre und pochte und tobte gräulich, und als beim anbrechenden Morgenlichte das junge, geängstet gewesene Volk heraus trat, lag ein Stück rohes Fleisch vor der Hausthüre, das einen fürchterlichen Gestank verbreitete. Das Schlimmste bei der Sache war, so oft auch das Stinkende Fleisch weggeschafft wurde, es kam ein- und allemal von selber wieder, bis zum nächsten Sonnabend Abend, da verschwand es.

543. Frau Welle

Die Hohewart liegt bei Kaulsdorf über Saalfeld und hat den Namen von einem Turme, der daraufstand, und in dem Turme hat eine weise Frau gewohnt, welche die Umwohner zu Rate zogen, diese Rune wurde Frau Welle genannt, und man nennt nach ihr noch das Tal unter der Hohenwart das Valleidatal. Bisweilen hielt sich Frau Welle auch in einer Berghöhle auf, und dort soll sie fort und fort noch als ein Geist erschienen sein, ganz in schneeweißes Linnen gekleidet, mit einem breiten Gürtel aufgeschürzt und mit fliegendem, bis auf die Fersen herabwallendem Haar. Auch sie soll sich in der Nähe, ja selbst im Gefolge des wilden Heeres befunden haben, wo sie aber die Waldmännchen und -weibchen nicht verfolgen half, sondern denselben ihren Schutz gewährte. Die zunächst anwohnenden Bauern sahen sie zuweilen, wann sie spät aus dem Holze heimkehrten, auf einer Anhöhe im Walde, wie sie auf den Ton der Jagdhörner horchte, wenn das wilde Heer auszog. Einstmals – erzählt man – war ein Bauer vorwitzig genug und fragte das am Berge vorüberziehende wilde Heer, ob es etwa der Frau dort etwas von der gemachten Jagdbeute ablassen wolle. Tags darauf fand man diesen Mann auf einem breiten Steine des Valledenberges mit ganz zerstückeltem Leibe liegen. Bisweilen irrte diese Frau auch unter der Gestalt einer fahlen Kuh in den Gebirgsschluchten umher.

Im nahen Loquitzgrunde ist ein Felsberg, der heißt die Trudenkuppe; auch auf ihr geht eine weiße Frau um, deren lange nachschleppende Haare im Winde flattern. Sie trägt ein großes Messer und soll einsame Wanderer in das Dickicht locken und dann auf einem alten mächtigen Opfersteine schlachten.

544. Die Saalnixen

Von den Saalnixen gehen der Sagen viele; der Fluß zieht in mannigfaltiger Krümmung durch weite Länderstrecken von seinem Ursprung auf dem Fichtelgebirge bis zu seiner Einmündung in den Elbstrom in der Nähe von Barby.

Zu Wilhelmsdorf zwischen der Saale und dem Städtchen Ranis hat sich eine Saalnixe zum öftern gezeigt. In der Berggrube bleichte sie ihre Wäsche, die war blütenweiß und rot gerändelt. Ein Bauer, der dort vorüberfuhr, hieb mit seiner dreckigen Mistgeischel ein paarmal darüber hin, daß man garstige Schmitzen sah. Da stand die Nixe plötzlich an seinem Wagen und schalt, er solle das nicht noch einmal tun, sonst wär' es aus mit ihm. Murrend fuhr der Knecht davon. Als er das nächstemal wieder an derselben Stelle vorbeikam, lag der Weich wieder dort, aber es war keine Nixe dabei. Da trieb der angeborene Frevelsinn, der manchem im Leibe steckt, den Burschen an, nach Herzenslust auf die blütenweiße Wäsche zu schlagen und sie mit dreckigen Striemen zu zeichnen, und über dieser Frevelübung merkte er gar nicht, daß aus der nahen Berggrube hervor endlos Wasser strömte, bis er es an den Füßen spürte, bis es über die Kniee ihm schwoll, und da er sich nun hinauf auf seinen Wagen vor der mehr und mehr anschwellenden Flut retten wollte, war die Nixe da, riß ihn zurück, tauchte ihn unter und hielt ihn fest, bis ihm der Odem ausging.

Lange Zeit trieb diese Saalnixe zum Zeitvertreib ihr Wesen in der Kosterquelle und den runden Teichen auf der Walperwiese bei Wilhelmsdorf. Einstmals ging ein Mann aus dem Dorfe nach dem schwarzen Holze an der Herthigstelle, sich dort einen Peitschenstecken zu holen. Die Sonne ging gerade auf, als der Wilhelmsdorfer über die Walperwiese schritt. Er sah, wie die Nixe blendendweiße Wäsche an dem Rande der Kosterquelle ausgebreitet hatte zum Trocknen. Daneben saß sie selber und wiegte ihr noch schlafendes Kind. Erschrocken darüber wollte er von der unheimlichen Stelle ausbiegen, doch die Nixe hatte ihn schon gewahrt. Sie fragte nach seinem Anliegen und versprach ihm einen Peitschenstecken, mit dem er gewiß zufrieden sein solle, wenn er unterdes das kleine Nixlein recht schön wiegen wolle. Der Mann wollte die Nixe nicht böse machen und setzte sich bei der Wiege nieder. Unbeholfen stößt er daran und bringt sie nach seiner Weise in starken Schwung. Eines solchen Wiegens ungewohnt, erhub die kleine Nixe wehklagend ihre Stimme. Da schaute die Nixenmutter sich um, dräuete mit der Hand und gebot ihm Schonung für ihr Kind. Der Mann aus Wilhelmsdorf aber wurde dadurch so aus der Fassung gebracht, daß er die Wiege gar umwarf und dann entfloh. Die zurückkehrende Saalnixe schwur dem Fliehenden Rache, und ehe dreimal vierundzwanzig Stunden vergangen waren, lag der Frevler als toter Mann in der Saale.

Einem Manne aus Reitzengeschwend, der besser gewiegt hatte, wurde von der Nixe ein goldner Peitschenstecken verehrt.

Ein anderer traf die Nixe weinend und jammernd an, ihr Kind war gestorben, und sie wußte nicht, was sie damit anfangen sollte; da erbot er sich, es auf seinem Wagen mit ins Dorf zu nehmen und auf den Kirchhof zu begraben. Des war die trauernde Nixe herzlich froh, ließ es geschehen und belohnte reichlich den Mann.

Einmal hatte die Nixe einen jungen Ehemann an sich gelockt, dessen Frau schöpfte Verdacht, ging ihm nach und traf ihn bei der Nixe in zärtlicher Umarmung. Da erhob sie ein entsetzliches Jammergeschrei und raufte sich die Haare aus. Als die Nixe den Schmerz der Frau gewahrte, und wie lieb sie ihren Mann hatte, ließ sie diesen los und sprach: Nimm ihn hin, er sei und bleibe dein, aber er nahe nicht wieder dem Ufer, sonst möchte mich's reuen und ich mir ihn holen. Und glitt hinweg und verschwand im Strome.

Eine Saalnixe kam auch oft nach Saalfeld in die Stadt in die Fleischbänke; sie hatte große wässerige Augen wie ein Fisch, grüne Zähne und unterm Rock einen triefenden Schweif. In Jena fordern sie jedes Jahr ein Menschenleben als Opfer, desgleichen in Halle, davon ein Scherzreim geht:

Wißt ihr wohl, wo Halle liegt?

Halle liegt im Tale.

Da sind schöne Jungfern drein

und Nixen in der Saale.

Einer hallischen Wehmutter erging es ähnlich wie der zu Preilipp, die ward auch von einem Wassermann unter den Strom geführt, dort von der Kindbetterin vor ihres Mannes, des Nix, Tücken gewarnt und bedeutet, Dosten und Dorant zu erfassen und festzuhalten, diesen Kräutern und denen, welche sie tragen, können weder Nixen noch Kobolde etwas anhaben, so kam auch jene glücklich zurück.

545. Milch- und Gelddrachen

In der Saalfelder Gegend wie im nachbarlichen Orlagau und im Vogtlande, aber auch in Thüringen und weit nach Franken hinein ist der Glaube an Drachen verbreitet, welche den Teufelsbündnern Reichtum zutragen. Auf gar vielen Orten bezeichnen die Einwohner geradezu die Häuser und nennen die Leute ohne Scheu mit Namen. Die Drachen erscheinen in feuriger Gestalt und werden in gute und arme Drachen unterschieden. Die meisten fallen in Form einer Feuerkugel durch den Schornstein in die Häuser und schütten daselbst ihre Schätze, Milch, Eier und Geld, aus. Man nennt sie die guten Drachen. Bisweilen zieht der Drache aber auch in Gestalt eines langen Wiesebaums durch die Fensterzwickel in die Wohnungen und hinterläßt statt der Reichtümer einen furchtbaren Gestank. Das ist der arme Drache. Wenn der Einzug des guten Drachen gewahrt wird, werden schnell die Milchgefäße gereinigt, und man setzt sie in Küche und Keller, damit der Drache seine Milch darin ausschütten könne. Um ihn anzuziehen, werden die Butterfässer aus Holzarten gefertigt, welche zu heidnischer Zeit für heilig gehalten wurden, Wacholder, Eibisch, Linde.

Das Holz wird am heiligen Abende des Weihnachtsfestes geholt und sogleich abgeschält. Butter wird nur am Freitage ausgerührt, nachdem man zu drei verschiedenen Malen Milch in das Butterfaß gegossen hat. Noch jetzt werden häufig in den Kellern eingegrabene Töpfe von eigentümlicher Beschaffenheit gefunden. Sie sind hoch an Form, unten zugespitzt, haben neun Ringe in der Mitte und sind ohne Henkel. Der ursprüngliche Deckel ist an dem Rande abgeschlagen und so inwendig in den Boden des Topfes eingepaßt, und an des Deckels Stelle ist eine Schieferplatte gefügt. Lauter Anstalten, um das Geschäft des Drachen in Vermehrung der Milch zu erleichtern.

Wieder eine andere Art feuriger Drachen sind die, welche die Sage als Schätzehüter insgemein erscheinen und von denen erblickt werden läßt, welche dem Geschäft des Schätzehebens obliegen, das nur zu oft den Hals und das ewige Seelenheil dazu kostet, das sind die Gelddrachen, die auch oft auf zwei Beinen mit Menschengesichtern umgehen.

Nicht weit von dem Dorfe Peisla ohnweit Ranis erhebt sich der Engelsberg, ganz mit Rotbuchen bewachsen. An seinem Fuße zieht sich ein tiefer Graben nach Norden, den man den Poppengraben nennt, und welcher an den Poppenbiel stößt. Auf der östlichen Seite des Berges öffnet sich eine Höhle, die der Sage nach durch den ganzen Berg sich erstrecken soll. Zwei feurige Drachen liegen darin an Ketten und haben einen großen Schatz, der daselbst verborgen ist, zu bewachen. Ein graues Männchen wird nach Jahrhunderten die Stelle andeuten, wo der große Schlüssel liegt, mit welchem der Zugang zum Schatze geöffnet werden kann, indem das Männchen mit einem Stabe einem der großen Steine, die am Wege von Peisla nach Dobian liegen, ein Malzeichen aufdrücken wird.

546. Von Moosleuten, Holzweibeln und Heimchen

Es ist schwer, eine sondernde Linie zu ziehen zwischen den verwandtschaftlichen Beziehungen der Elbe, die das Volk so verschieden benennt und kennzeichnet, und könnte einer ein Buch allein über sotanes Völklein schreiben, ungleich reichhaltiger als des Iren T. Knightleys Mythologie der Feen und Elfen. Aus Büchern aber darf es einer nicht lernen wollen, er muß selbst an Orten und Stellen hinhorchen, was die Leute sich auf den Dörfern davon erzählen. Und wie das gespenstige Zwergvölklein sich nicht streng sondern läßt, so lassen sich auch die Sagen von ihm nicht sondern, denn es erscheint bald da, bald dort, bald in dieser, bald in jener Gestalt und Gesellschaft oder auch ganz allein. Aber die Moosleute sind keine Hülfsgeister, die Holzweibel keine Moosleute und die Heimchen sind auch nur wenig von allen diesen, höchstens Hülfsgeister; sie bilden das Gefolge der wilden Bertha, sind aber nicht wild, sondern traulich, wie ihr Name, der traulichste, der in deutscher Zunge klingt und daher auch einem Tiere gegeben ward, das heimlich am heimischen Herde, am Backofen, in der Wärme weilt, und dessen Zirpen der Volksglaube prophetische Bedeutung beilegt. Sie heißen in diesem Lande Heimchen, nicht mit Heinchen oder Heinzchen zu verwechseln. Im Orlagau heißt Perchta die Heimchenkönigin und erscheint umschwärmt von dieser neckischen Elbenschar. Wie anderorts die Zwerge über Flüsse sich schiffen ließen und fortzogen, so bei den Dörfern Kosdorf und Rödern, welche nicht mehr vorhanden sind, im Orlagau die Heimchen. An einigen Orten dieser Gegend heißen sie auch Butzelmännchen, Heimele, Erdmännele und werden gedacht als ganz winzig kleine Erdgeister, welche nur fingerslang sind und in den Mäuselöchern der Häuser wohnen. Gewöhnlich lassen sie sich in den Abendstunden sehen, sind weiß bekleidet, erweisen sich freundlichen Gemütes und führen in Zahl von mehreren Hunderten liebliche Kreiseltänze auf. Sie zeigen den Bewohnern des Hauses Glück oder Unglück im voraus an und hinterlassen zuweilen, wenn man sie sorgsam hegt, köstliche, obschon höchst niedliche Geschenke, welche zur Morgenstunde in goldnen Kästchen vor den Mäuselöchern aufgestellt sich finden.

Im Schnerfert bei Grobengereuth auf dem roten Biel gab es vorzeiten Waldweibchen in Menge. Sie sprangen auf den Heuschobern und den Getreidegarben herum und spielten miteinander wie die Kinder. Wenn Leute dazukamen, die sich bei dem Anblick der Kleinen blöde und furchtsam zeigten, so riefen sie ihnen freundlich zu: Kommt immer her, treibt, was ihr wollt, wir tun euch nichts. Doch benaschten sie die Arbeiter im Schnerfert gern und trugen ihnen wohl halbe und ganze Brote weg.

In der ganzen Gegend um Altengesees herum, die bis heutzutage sehr holzreich ist, standen die Bauern mit den Holzweibeln im freundlichsten Verkehr. Sooft Holz gefällt wurde, waren sie gleich bei der Hand, baten die Holzmacher, daß sie doch, ehe der fallende Baum den Erdboden erreiche, drei Kreuze in den Stock hauen möchten, so daß sie darauf Schutz vor der wilden Jagd finden könnten. Gern taten dies die Leute, und die Waldweibeln halfen den Arbeitern dafür, wo sie wußten und konnten. Gingen die Bauern am Morgen in den Wald, so legten sie ein Stückchen Brot oder einen Kloß für ihre kleinen Gehülfen auf die bekreuzten Stöcke, und diese luden freundlich ein, fleißig Holz zu holen mit den Worten:

War Hulz braucht, kumm,

war arm is, namm.

547. Kümmelbrot

Im Schallholz, eine Viertelstunde westlich von Merkendorf, hausten auch Holzmännel und Holzweibel; die waren den Leuten gern behülflich und dienstbar, halfen auch Heu machen, waren aber nicht blöde und ließen sich oft ungefragt die Klöße aus den Töpfen und die Brote aus den Öfen gefallen. Das war zuletzt den Leuten nicht recht, sie gedachten diese unliebsamen Gäste los zu werden und wendeten die Mittel an, die dazu dienlich waren. Der Müller, dem sie treulich geholfen, Mehl und Mühle gefegt hatten, legte ihnen neue Kleider hin, das verdroß die kleinen Hülfswesen, und sie zogen ab und kamen nicht wieder. Andere Leute buken Kümmel unter das Brot oder bestreuten, wie es noch heute üblich ist, die Rinde damit. Da klagten die Holzweibel:

Kümmelbrot,

unser Tod.

Und dann sagten sie im Weggehen, da sie fortzogen, um nimmer wiederzukehren:

Eßt ihr euer Kümmelbrot,

tragt auch eure schlimme Not.

Und nachher ist es den Leuten auch nie wieder so gut und wohl geworden wie früher.

548. Das hohle Brot

Zu einem Hirtenmädchen aus Gefell kam oft ein Holzweibel auf die Hut, und das Mädel war mit dem Weibel gut vertraut. Eines Tages, als sie daheim frisch gebacken hatten und kein Mangel vorhanden war, nahm das Mädchen einen ganzen Laib Brot für das Holzweibel mit. Das empfing das Brot mit großer Freude, brach es auf und höhlte alle Krume heraus, dann sammelte es Laub am Hutrain und stopfte das hohle Brot damit voll. Dieses kindische Tun verdroß die junge Hirtin, es dauerte sie das liebe Brot. Und auf einmal lag das Brot bei ihr, und das Holzweibel war verschwunden. Nun hatte das Mädchen nichts Eiligeres zu tun, als das Laub aus dem gehöhlten Brot zu schütten, und das letztere nahm es wieder mit nach Hause. Da klapperte etwas im Brot, und das Mädchen dachte, es möchte etwa ein kleiner Stein sein, der mit dem Laub in das Brot gekommen, schüttete es nochmals aus, aber siehe, da waren aus einigen Blättern Laub, die innen hängengeblieben waren, einige Laubtaler geworden. Wie schnell lief die Hirtin nach dem Rain, wie suchte sie nach dem köstlichen Laube, fand es auch noch und trug's in der Schürze heim, aber es wollten daraus keine Laubtaler werden, und nie sah sie das dankbare Holzweiblein wieder.

549. Das erschrockene Wichtel

Eine Bauersfrau aus Gössitz war daran, auf ihrer Holzwiese im Schlingengrunde gerade den letzten Heuschober auszubreiten, da saß auf dem Schober, mit dem Rücken der Frau zugekehrt, ein winzigkleines Männchen. Was war zu tun? Fertig wollte die Frau gern mit ihrer Arbeit werden und getraute sich doch nicht den Kleinen anzureden und heruntergehn zu heißen. Kurz bedacht schlich sie von hinten heran und zupfte mit dem Rechen Heu unten von dem Schober weg. Das Wichtel merkte nichts davon. Die Frau zupfte wieder und immer wieder; endlich kriegt der Schober oben das Übergewicht und bricht zusammen. Das erschrockene Männchen kreischte laut auf im Fallen und rang sich mit Mühe aus dem Heu hervor. Aus dem Holze aber kam ein ganzer Haufe kleiner Wichtel und rief:

Sag an, sag an!

hat es dir was getan?

Das sich vom Schrecken erholende Wichtel schaute aber immer nur den eingefallenen Heuschober an, schüttelte den Kopf und sprach:

Ei, ei! Das Ding fiel nur so ein;

da bin ich so erschrocken!

und lief, ohne auf die Bauersfrau achtzugeben, was es laufen konnte, mit seinen Kameraden in den Wald zurück.

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