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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Der Stettfelder Rügerecht
  2. Des Bamberger Domes Gründung
  3. Kunigundens Ring
  4. Bamberger Waage
  5. Alberade
  6. Burg-Ebracher Gericht
  7. Der Seckendorfe Lindenkränzlein
  8. Pfaffeneifer
  9. Die geraubte Hostie
  10. Das scharfe Eck

830. Der Stettfelder Rügerecht

Zwischen dem Städtlein Eltmann am Main und Bamberg liegt ein Dorf, Stettfeld geheißen, da haben sie ein sonderes Rügerecht, wenn einen Mann die Frau prügelt. Solch ein Mann, der nicht viel Mut und Kraft hatte, lebte vor sechzig oder siebenzig Jahren allda, der hatte einen Höllendrachen zum Weib und bekam den Häslinger von ihr weit öfter zu schmecken als Hasenbraten, und wenn die Nachbarn herbeiliefen von dem schrecklichen Geschrei, das gewöhnlich vorfiel, wenn die Frau die Motten aus des Mannes Pelz klopfte, obschon er selbigen noch am Leibe hatte, so bekamen auch sie an Schimpf- und Scheltworten ihr überreichlich Teil, und wenn auf einen, der sich zu nahe heranwagte, ein Klaps abfiel, so mußt' er's haben. Als nun eines Tages auch so ein Ehesturm und Wetter mit Blitz, Hagel und verschiedenen Schlägen vorübergebraust war, da übten die Stettfelder ihr Rügerecht; sie kamen in stiller Nacht herbeigeschlichen, legten Leitern an das Haus, kletterten in Scharen zum Dach hinan und deckten selbiges in aller Stille ab, daß auch kein Ziegel droben blieb. Himmel, gab das einen Zorn, als nun am Morgen der Boden aussah wie ein Judendach, darunter das Lauberhüttenfest gefeiert werden soll! Nun war das Ehepaar auf einmal einig, denn Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, und rannten in voller Hurre zum Landrichter nach Eltmann und klagten ob ihres abgedeckten Daches und aufgedeckter Schande, denn die war und ist es für beide Teile, wo die Frau dem Manne Prügelsuppe bei ungebrannter Asche kocht. Darauf machte der Landrichter einen großen Bericht über Tat- und Sachbestand gen Würzburg und erbat Bescheid, denn er mochte diese hochwichtige Sache, weil das Dach hoch und die Ziegeln gewichtig waren, nicht selbst entscheiden. Da kam denn ein Spruch von Würzburg, der war lang und breit und hub an: Sintemal und alldieweil, das heißt auf neudeutsch: In Erwägung daß, und daß, und ferner daß, und noch mehrere daß – so kann den Stettfeldern ihr altes Rügerecht, einem vom Weibe geprügelten Manne das Dach abzudecken, nicht genommen werden, wasmaßen die Sache damit ihr Bewenden behält und die zänkischen Eheleute in Tragung von Gerichtskosten und Sporteln zu nehmen, im Wiederholungsfalle aber zur Tragung des Strafhelms mit der Schelle und den Eselsohren und öffentlicher Ausstellung mit selbigen zu verurteilen sind. V.R.w., das heißt: von Rechts wegen. Dabei blieb es.

831. Des Bamberger Domes Gründung

Da Baba, Heinrichs des Voglers Schwester, auf ihrer hohen Feste im Ostfrankenlande saß, die nach ihr die Babenburg heißt, gründete sie auch die Stadt Baba am Berge, das ist das heutige Bamberg. Auch zur ältesten Kirche legte diese Herrin den Grund, und während des Baues setzte sie eine große Schüssel voll Geldes für die Tagelöhner hin, damit sich jeder seinen Lohn herausnehme, so viel ihm gebührete, und war die Schüssel also gefeit, daß sie sich täglich von selbst mit Geld füllte, und konnte von dem Gelde keiner mehr herausnehmen, als ihm gebührte. Nahm einer mehr, so wurden ihm die Finger glühend. Diese zaubermächtige Baba zwang auch den Teufel, daß er ihr Säulen zum Kirchenbau herbeischleppen mußte. Den jetzigen Dom zu Bamberg gründeten Kaiser Heinrich II. und seine Gemahlin Kunigunde, sie wohnten in dem kleinen Häuschen am Dom, darin jetzt der Mesner wohnt, und waren gar ein frommes Paar, hatten sich ewiger Keuschheit verlobt. Trotzdem kam aber – auf alle Fälle durch keine andere Tücke als die des Teufels – die gute Kaiserin in mancherlei Gespräch und etwas schlimmern Ruch als den der Heiligkeit, welcher erst später sie umduftete, da sie in Jahre gekommen, die ihr nicht gefielen, oder da sie gar gestorben war. Die bösen Zungen munkelten von einem Herzog, wie von einem schönen Leibjäger, laut und immer lauter, bis es vor den Kaiser kam und dieser die fromme Gemahlin aller Unehren zieh. Da erbot sich Frau Kunigunde, ihre Frauenehre zu erweisen durch ein Gottesurteil, und wandelte auf sieben glühenden Pflugscharen unversehrt und kecklich, nachdem sie Gott angerufen, ihre Unschuld darzutun, wie er der keuschen Susanna Unschuld auch dargetan habe. Und da sie über die glühenden Pflugscharen wandelte, sprach sie: Siehe, Kaiser, so schuldig ich deiner bin, bin ich aller Männer! – Und bestand die Feuerprobe und ward also gereinigt mit großen Ehren, und der König und alle Herren fielen ihr zu Füßen. Darum ersieht man noch im Georgenchor des Domes auf einem steinernen Hochbild die hohe Frau dargestellt, wie sie die Feuerprobe besteht. Aber rechtfertige sich einer oder eine noch so sehr oder werde gerechtfertigt, gegen wen sich einmal die Teufelszunge der Verleumdung herausgestreckt, der bleibt von ihr beleckt und befleckt. So ging es auch der guten Kaiserin. Als sie eines Morgens früh von der Babenburg herabstieg, nach dem Dome, den sie mit gegründet, zu gehen, überschritt sie die Regnitz da, wo heutzutage der Schiffskran ist, da wuschen Weiber hinterm Gebüsch ihre Wäsche im Fluß, und eine dieser Frauen verlästerte nach der Waschweiber Art die Herrin greulich, daß diese es voll starren Schreckens in ihre Ohren hinein hörte. Von Scham erglühend, flehte Kunigunde noch einmal zum Herrn, ihre Unschuld zu beweisen, ging zur Burg hinauf und sandte alsbald einen Korb mit leckern Speisen und Wein zu den Waschfrauen hinab, die wußten sich nicht genug zu verwundern über der Kaiserin Gnade und ließen sich's trefflich wohlschmecken. Aber da die Verleumderin auch aß und trank, so hatte sie Mistjauche im Becher, und ihr Weck wurde ihr im Maule zu einer Kröte, wie jenen Lästerbuben, die den Vater angespuckt, ihre Zungen. Selbiges Waschweib hat nie wieder verlogenes Gewäsch weitererzählt, und wäre gut für viele ihresgleichen, wenn alle Tage noch solch Wunder sich begäbe. Da würd' es eine solche Last Kröten geben, daß sie schwerer wöge als die großen Steinkröten vor dem Bamberger Dom. Diese Kröten sollen vordessen gelebt und beim Dombau des Nachts alles, was am Tage gebaut worden, aus des Teufels Antrieb wieder zerstört haben. Das Volk nennt sie Kröten, es waren aber ursprünglich roh gebildete Löwen aus grauer Zeit. Auf dem Rücken des einen entdeckte man runenschriftähnliche Zeichen.

832. Kunigundens Ring

Einstmals lustwandelte Kaiser Heinrich und seine Kaiserin Kunigunde in Bambergs Nähe: es war ein Festvorabend, und alle Glocken läuteten den morgenden Festtag ein. Vor allem aber die zwei hehren Domglocken, die der Kaiser eine und Kunigunde eine jüngsthin erst neu gestiftet hatten, klangen füllreich und harmonisch über der stillen, gottgesegneten Bamberger Flur. Da begannen die Gatten zu eifern, wessen Glocke am schönsten klinge, und die Kaiserin rief, vom Streit erhitzt, indem sie ihren Ring vom Finger zog: So wahr dieser Ring meine Glocke und nicht deine treffen soll, so wahr ist meine die schönste und vom reinsten Klang! – und schleuderte den vielwerten Reif durch die Luft, und er fuhr durch die Luft bis zum Domturme und schlug ein Loch in die Kundelsglocke, und dennoch blieb der Glocke Klang voll und rein und unverändert. So sahe der gute Kaiser Heinrich II. sich auch hierin besiegt, denn er zog bei Kunigunden immer den kürzern, selbst noch im Tode. – Andere sagen, der Kaiser habe an dem Ort, den man noch heute Kunigundens Ruh nennt, ihre Treue angezweifelt, und diese zu beweisen, habe sie den Ring durch die Glocke geworfen.

833. Bamberger Waage

Da Kaiser Heinrich II. gestorben war, bereitete man ihm im Dome sein Grab und legte seinen Leichnam in einen weiten Sarkophag, darin Raum war für zweie. Als nun nach langen Jahren Kunigunde, seine Witwe, auch starb, so sollte sie neben dem Gemahle an seiner Seite ruhen. In feierlicher Prozession trug man ihren Leichnam zum Dome und hob den schweren Steindeckel von Heinrichs Sarkophage; da lag inmitten dessen noch unversehrt des Kaisers Leichnam. Und da ward eine laute Stimme durch das Domschiff hallend gehört, welche rief: Cede, vire, virgine! – gib Raum, Mann, der Jungfrau! – und alsbald rückte Heinrichs Leichnam von der rechten Seite nach links und machte ihr Platz, und lagen nun tot beisammen, die im Leben solches nie gepflogen. Hernach ward über des Kaisers Grabe ein Bild der Gerechtigkeit erhöht, wie die alten Heiden selbe gebildet, als weibliche Gottheit, in der Hand eine Waage haltend. Aber dieser Waage Zünglein steht nicht inmitten, wie das der Waage der Gerechtigkeit stehen soll, sondern hängt nach einer Seite nieder, dieweil auf Erden nichts vollkommen und die irdische Gerechtigkeit auch gar oft einseitig züngelt. Es geht aber die alte Sage, wann sich das Zünglein der Bamberger Waage in die Mitte stellen werde, alsdann werde der Welt Untergang nahe sein. Dieser Sage Deutung ist nicht schwer. Wann auf Erden alles so vollkommen, daß selbst die Gerechtigkeit und ihre Diener stets das volle Recht üben und nicht nach links überschnappen, dann ist die Welt vollkommen, das irdische Reich zu Ende, und das himmlische bricht an.

834. Alberade

Im alten Banzgau saß ein Gaugraf hennebergischen Stammes, der vermählte sich mit einer frommen Dame aus dem Niederland, die hieß Alberade. Deren Leben ward gar schwer geprüft; einen blühenden Sohn verschlang ihr der Main, als der Knabe auf dem gefrornen Strom seinen Kreisel trieb, und auch den Gemahl verlor sie; nur eine einzige Tochter gleichen Namens Alberade blieb ihre Stütze, ihre Freude, ihr Glück. Da gründete sie das herrliche Benediktinerstift Banz, indem sie einen Teil ihres umfangreichen Schlosses demselben einräumte, und hoffte nun den Himmel versöhnt zu haben und ihre Tage in Ruhe zu beschließen. Dies ward ihr auch vergönnt, und sie erlebte noch die Freude, daß ihre Tochter sich einem Grafen Vohburg vermählte. Aber nach dem Tode der alten Gaugräfin begann das von ihr begründete Kloster schnell in Abnahme zu kommen; solches ging der Tochter sehr zu Herzen, und sie wandte alles an, das gottselige Werk ihrer frommen Mutter im Flor zu erhalten. Aber auch ihr legte der Himmel herbe Prüfungen auf. Ihr Gemahl fiel in einer Schlacht, und sie zog sich nun mit ihrer Tochter Hedwig auf das mütterliche Erbe, nach Schloß und Kloster Banz, zurück. Da entbrannte einer ihrer Vasallen, einer von Ratzeburg, in Minne gegen Hedwig, und da die Mutter ihm deren Hand verweigerte, so entführte er Hedwig mit Gewalt. Außer sich vor Zorn tat die Mutter, was jene Thüringerin Sophia, der heiligen Elisabeth Tochter, zu Eisenach tat, sie schleuderte ihren Handschuh in die Luft und schrie: Wie diesen Handschuh so übergebe ich den schamlosen Räuber dem Teufel! – und wie dort kam auch hier der Handschuh nicht wieder aus den Lüften herunter. Der Ratzeburger aber setzte sich auf seiner Burg Steglitz fest, plagte die Gegend und bedrängte Kloster Banz so arg, daß die Mönche sich entschlossen, von dannen zu ziehen. Da sann Alberade auf eine List. Sie kleidete ihre Mannen in die Farben der Ratzeburger und legte sie in einen Hinterhalt, lauernd, bis der Raubritter mit seinem Haufen auszog. Als dieser aus dem Gesicht war, sprengten und liefen die Banzer, wie in eiliger Flucht, gegen Steglitz, und da der Burgwart die Farben der Mannen seines Herrn sah und rufen hörte: Der Feind! der Feind!, so ließ er rasch die Zugbrücke nieder und öffnete Tor und Fallgatter. Rasch bemächtigten sich die Eindringenden der Burg, befreiten Hedwig, und als der Ratzeburger wiederkehrte, fand er statt seiner Burg Steglitz eine Ratzeburg, ein Ratzennest, einen Steinhaufen. Lange lebte das Andenken der beiden Frauen Alberade, welche das hernachmals so prachtvolle Stift Banz gründeten und zur Blüte hoben, im dankbaren Andenken.

835. Burg-Ebracher Gericht

Wunderlicher Rechtsbrauch der Altvordern ist stets zu beachten. Wem der Weiber Wetzstein zu Westhausen mit seinen Kunkelrichterinnen und der Stettfelder Rügerecht seltsam bedünken will, dem wird in gleicher Weise seltsam dünken das Mannsbildgericht zu Burg-Ebrach. Alljährlich kamen allda am Aschermittwoch zwölf Jungfrauen des Ortes auf freiem Felde zusammen, richteten ein Mannsbild von Holz auf, bekleideten es, wie die Brüßler ihr Pissemännchen, und beschuldigten nun dieses Bild aller Übeltaten, die während des vergangenen Jahres im Orte selbst und in der ganzen Umgegend begangen worden waren; mußte sonach dieses Bild der Sündenbock und -block für alle sein. Da aber besagtes Bildnis stumm war und sich gegen die vorgebrachten Anschuldigungen nicht verteidigen konnte, so ward ihm ein Fürsprech bestellt, der es wacker verteidigte und rechtfertigte. Ward nun Klage vorgebracht wegen geraubter Jungfernkränzlein, gebrochener Eheversprechen und andere schreckliche Übeltaten, so kam oft vor, daß der Fürsprech sprach: Ei mitnichten, Kätterle, das hat ja nicht dieses Mannsbild getan, sondern ein anderes, das du besser kennst! Soll ich's laut sagen, wie jenes heißt? – Da kreischten die Mädchen laut auf und schrieen viele: Ja, und andre kreischten: Nein! – die es nicht wußten, wollten's wissen, und die es wußten, wollten's nicht wissen lassen. So auch bei gestohlenen Sachen, bei üblem Leumund, und es versteht sich, daß des Bildes Fürsprech Haare auf den Zähnen haben und so ziemlich im voraus Taten und Täter kennen mußte, die zur Sprache und Klage kamen, auch mußte er wissen, wenn er einen Täter nannte, mit diesem vor dem wirklichen Gericht fertig zu werden. So übte dieses eigentümliche Gericht einen sittigenden Einfluß, denn jedermann scheute sich, Böses zu tun, weil es unfehlbar zu seiner Zeit zur unlieben Öffentlichkeit kam. Auch half gar wenig, daß die, welche keine guten Briefe hatten, wohlweislich vom Mannsbildgericht wegblieben, um so eher wurden sie genannt und bekannt.

Heutzutage wird das Mannsbildgericht überall nicht mehr im freien Felde, sondern in den Stuben beim Kaffeekränzchen geübt, und da hat leider das arme Mannsbild niemals einen Fürsprech.

836. Der Seckendorfe Lindenkränzlein

Kaiser Heinrich II. hatte einen Leibjäger, der hieß Walther, den nannten sie den "schönen Jäger“ und war nicht allein bei jedermänniglich und bei dem Kaiser selbst beliebt, sondern auch sonsten. Einst jagte der Kaiser in den tiefen Forsten am rothen Main, und verfolgte hitzig einen Edelhirsch, da scheuchte er einen mächtigen Ur auf, der sich ihm brüllend entgegenstürzte. Schon glaubte der Kaiser sich verloren, denn er war kein Jüngling mehr und wie weit er ein Mann war, mocht’ er wohl am besten selbst wissen, und zitterte vor dem Unthier um/ sein Leben, da warf sich Walther dem Ur entgegen, und stiieß ihm den Jagdspeer durchs Herz, daß er röchelnd zusammenbrach; darauf erschellete er sein Horn, da fand sich das Gefolge zusammen, das den Herrn aus den Augen verloren hatte, und sah den todten Ur und den erschrockenen Kaiser und den kühnen unerschrockenen Jäger. Den hieß alsbald der Kaiser niederknien und schlug ihn eigenhändig zum Ritter, brach von einem nahen Lindenbaum einen jungen Sproß mit acht Blättern, bog ihn in ein leichtes Kränzlein zusammen und sprach: dieß sei deines Geschlechtes Wappen fortan, ein ruhmreiches Siegeskränzlein, zum Preis der tapfern That, damit du deinem Kaiser und Herrn das Leben gerettet. – Darauf ritt der Herr mit allem Gefolge und dem neuen Ritter aus den Forsten nach Forchheim hinab, andern Tages aber gen Nürnberg, allwo er seinen und des Reiches Kanzlar Eberhard berief und ihn fragte, ob kein ritterlich Lehen anheimgefallen. Darauf eröffnete der Kanzlar dem kaiserlichen Herrn, daß ein Ritter, des Namens Cuno im Rangau am Flüßchen Zenn seßhaft, erbenlos abgegangen, der besaß ein Mannlehen, das hieß Seckendorf. imd dieses schenkte der Kaiser dem treuen Walther. Und ist selbiger der Ahnherr und Stammvater des hernachmals reichen und weitverzweigten Geschlechts derer von Seckendorf geworden. welche sich in nicht weniger als sechs Linien theilten, und dem Hochstift Eichstädt einen Bischof gaben.

837. Pfaffeneifer

Zu Forchheim war ein alter Pfaff, so schwach und lahm, daß er mußte von zwei Diakonen auf die Kanzel geführt werden. Da geschah es am Gründonnerstage 1557, wo man in den Kirchen vom Nachtmahl unsers Herrn predigt, daß der Greis sich auch hinaufführen ließ und begann zu predigen über Pauli erste Epistel an die Korinther das eilfte Kapitel, tadelte aber das klare Wort des Apostels und verteidigte des Papstes Satzung und die Eucharistie in einerlei Gestalt gar hoch. Letzteres zumal hätt' ihm niemand verargen dürfen, denn er war katholisch, aber er überschritt in seinem Eifer alle schickliche Grenze, schlug auf das Kanzeltuch, daß Staub und Motten wie ein Rauch herausfuhren, ballte die Fäuste und warf die Hände empor und schrie, gegen den Apostel scheltend, daß er das heilige Mahl in doppelter Gestalt zu nehmen gelehrt: Paule! Paule! Ist dem also, wie du lehrest, und ist es unrecht, sub una specie zu kommunizieren, ei so hole mich doch gleich der Teufel! – Und zum Volke sich wendend, brüllte der Eiferer: Ja, meine geliebten Christen, meine Seele setze ich euch zum Pfande ein, daß des allerheiligsten Vaters, des Papstes, Wort und Lehre die rechte und richtige ist, und wenn sie es nicht ist, so soll mich gleich bei lebendigem Leibe der Teufel holen! – Über solche gotteslästerliche Rede und Predigt hat sich das Volk über alle Maßen entsetzt, und alsbald entstand ein Knacken, Krachen und Brechen in der Kirche, als wolle sie zusammenstürzen – und alles Volk stürzte hinaus – und da hat sich in der Kirche ein langer schwarzer Mann sehen lassen, von dem ging ein starker Wind, daß ein Brausen in der ganzen Kirche erschollen, der hat den gottlosen Pfaffen vom Predigtstuhl geführt, und niemand hat erfahren, wo er hingekommen ist. Hernach hat sich der schwarze Mann wieder sehen lassen und in des Bischofs Bruderssohn Hans Fuchs Rugenstein Stuhl gesessen, der hat gegen ihn sein Schwert gezogen, aber immer nur damit sich selbst geschlagen, und ist darüber gar viel Rumor und Lärmens worden.

838. Die geraubte Hostie

Bei Eckenbütter spielte ein Metzgerbursche mit einem andern, dem sein Meister vieles Geld zum Vieheinkauf mitgegeben, und verspielte alles; zuletzt zog er den Rock aus, trennte die Silberknöpfe von der Weste und verlor auch die. Da kam ihm der Gedanke, in der Martinskirche eine goldene Monstranz zu stehlen; er brach heimlich ein, nahm die Monstranz und entwich. Auf dem Wege nach Forchheim entnahm er der Monstranz die heilige Hostie und warf sie auf einen Acker in das Korn. Als er durch Forchheim wanderte und sich nach einem Goldschmiedsladen umsah, siehe, da stellten ihn die Hunde, wie vordessen die Torsoldaten zu Forchheim die Wanderer stellten, und ließen ihn nicht weiter. Als nun hochlöbliche Polizei zu Forchheim des Gesellen sich annahm und die Monstranz bei ihm fand, wurde er eingesponnen. Am andern Morgen ging eine Magd ins Gras, die sah helle Lichter auf dem Kornacker brennen, sie ging näher und sah nichts; als sie wieder entfernter war, sah sie die Lichter wieder, gerade wie es dem Seher im Frankental erging. Sie sagte das Gesicht ihrer Herrschaft an, und auch dieser geschah das gleiche. Darauf gelangte an Geistliche die Kunde, die kamen und erhoben die geweihte Hostie, und auf der Stelle, wo sie gefunden ward, wurde eine Kapelle erbaut. Der Dieb aber ward auf einer Kuhhaut zum Richtplatz geschleift.

Diese Sage wiederholt sich an vielen Orten, unter andern in Erfurt, so genau, daß es auch dort eine Martinskirche ist, aus welcher die Monstranz geraubt wird, nur sind dort der Diebe drei, die Hostie wird in ein Loch geworfen, und den einen der Diebe treibt Reue zur Offenbarung der Missetat.

839. Das scharfe Eck

Hart an Baiersdorf, zwischen Forchheim und Nürnberg, sieht man, von Nürnberg kommend, ganz nahe der ersten Stadt zur linken mitten in dem grünen Thale der Rednitz ein altergraues Ruinenschloß, vier Stockwerke hoch mit vielen Fenstern. Dieses Schloß hießScharfeneck, gehörte einst als Sommerlustort einem Abt, und barg in seinen Tiefen grauenvolle Kerker, in denen mancher Gefangene schmachtete und verschmachtete, und weil diese Armen so scharf behandelt wurden, nannte das Volk Schloß Scharfeneck: das scharfe Eck, und nennt es noch so. In der Ruine soll es gar nicht geheuer sein, zumal in der Mittags- und Mitternachtsstunde. Neugierige werden mit Steinen geworfen, oder durch Spukgestalten erschreckt, daher meidet das Volk den öden und verrufenen Bau.

Im markgräflichen Kriege, da der wilde Brandenburger Markgraf Albrecht Alcibiades diese Lande verheerte, hatte er das Schloß Scharfeneck als Eigenthum inne, und drangsalte von da aus die Umgebung weit und breit. So berannte er auch Kunreuth, das Schloß, welches zwei Herren von Egloffstein vertheidigten, da sie es aber nicht halten konnten, so kapitulierten sie auf freien Abzug der Besatzung, und räumten die Burg; der Markgraf aber ließ achtzig Landsknechte sothaner Besatzung festhalten, berief den Burgkaplan und gebot diesem, diese Männer zu absolvieren. Als dies geschehen war, ließ er auf einem langen Gang der Burg Kunreuth die achtzig aufhenken, einen hinter dem andern, darum heißt derselbe Gang noch bis heute der Todtengang. Darnach nahm der Markgraf den Pfaffen und ließ ihn vor dem Schloß an der großen Linde, die noch steht, gleichermaßen auch henken; heißt noch die Pfaffenlinde. Die beiden Ritter von Egloffstein, welche glücklicherweise entkommen waren, nahmen aber für diesen schändlichen Mord eine empfindliche Rache an dem grausamen Markgrafen; sie sammelten neues Volk, ersahen ihre Zeit, und berannten Schloß Scharfeneck, nahmen es und brannten es aus, daß auch nicht ein Balken darin unverkohlt blieb. Nun steht der einsame Steinbau noch immer da, und "in den öden Fensterhöhlen – wohnt das Grauen."

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