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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Der Schuster zu Lauingen
  2. Die Schlange als Gast
  3. Albertus Magnus zu Lauingen
  4. Die Kümmernisbilder
  5. Der Hoihoimann
  6. Attila vor Augsburg
  7. Eines Vaterunsers Wert
  8. Doktor Luthers Flucht
  9. Der Abt zu Kalbsangst
  10. Pesttanz zu Immenstadt

960. Der Schuster zu Lauingen

Das Städtchen Lauingen zwischen Ulm und Donauwörth ist gar sagenreich. In den Hunnenzeiten geschah es, daß das Heidenheer und das Christenheer einander gegenüberlag, ohnweit dem Donaustrom und dem Schlosse Faimingen, und weil ihre gegenseitige Streitmacht sich die Waage hielt, so sollte ein Zweikampf zweier auserwählter Streiter den Sieg entscheiden. Da wählte der Kaiser seinen Reichsmarschall, das war ein Pappenheim, und wollte derselbe mutig zum Kampfe schreiten. Wie er sich nun gürtete und rüsten ließ, trat ein Unbekannter zu ihm heran und sprach: Laß ab zu sinnen, wie du dem Feind obsiegen wirst, nicht du sollt des Kaisers Kämpe sein, sondern ein geringer Mann, ein Schuster aus Henfail (so hieß Lauingen vordem). – Wer bist du, daß du solches mir ansagst? fragte staunend der Marschall. – Ich bin Georg, Christi Streiter! antwortete der fremde Mann, des zum Wahrzeichen nimm meinen Daumen. – Und gab dem Marschall den Daumen der Hand heraus, ohne daß die Hand blutete, und verschwand. Der Marschall sagte das Wunder dem Kaiser an, und der Kaiser sandte nach dem Schuster, und der Schuster kam und gewann den Sieg. Da sollte er sich drei Gnaden vom Kaiser erbitten, und da bat er um eine Wiese zum Gemeingut für die Stadt Lauingen, welche nicht viel kleiner mag gewesen sein als jene Wiese bei Bremen, um die der lahme Krüppel in einem Tage hinkte. Zum zweiten bat er für die Stadt Lauingen um das Ehrenrecht, mit rotem Wachs siegeln zu dürfen, das sonst nur die Reichsstädte genossen und ausübten; dann endlich bat er, daß die Marschälle von Pappenheim eine Mohrin sollten als Helmkleinod führen dürfen, welches sie noch bis auf den heutigen Tag tun. Für sich begehrte der fromme Schuster nichts. Sankt Georgs Daumen aber teilten die Pappenheimer, faßten jedes Glied in Gold und bewahrten eins zu Kaisheim, das andere zu Pappenheim heilig auf. Und die Stadt Lauingen nahm, ihrem tapfern Sohn zu Ehren, ebenfalls einen Mohrenkopf zu ihrem Wappen an.

961. Die Schlange als Gast

Zu Lauingen haben ein paar arme alte Leute gelebt, denen ging es kümmerlich trotz allen Fleißes, und der Mann mußte selbst in den Wald gehen und allda sein Holz holen. Da er nun einstmals wieder in den Wald kam, hatte der Sturm einer starken Eiche einen mächtigen Ast abgebrochen, deß freute sich der Mann, und hob den Ast auf, ihn davon zu führen, da kam vom Baume her eine große Schlange auf ihn zu, und er stand ab von seinem Vorhaben und entfloh. Andern Tages aber ging er wieder hin den Ast zu holen, in Hoffnung, die Schlange werde sich nun an einen andern Ort hin begeben haben, allein er fand sie jetzt um den Ast geringelt, wie er diesen aufhob, und die Schlange steckte ihr kleines Köpfchen ihm ganz freundlich entgegen. Der Mann aber schauderte vor dem Wurm und ließ den Ast fahren und hieb sich ein Bündel kleines Holz, und trug dieß nach Hause, betrübt, daß ihm der schöne Ast entging. Als er dahiem das Reisigbündel abwarf, so begann er zu seiner Frau zu sprechen, der er von dem Ast und der Schlange schon erst erzählt hatte: ich habe den Ast wieder nicht, denn die Schlange hatte ihn umringelt! – Indem so that die Frau einen lauten Schrei, und aus dem Reissigbündel glitt die Schlange heraus, und schlüpfte in das Haus und schloß Freundschaft mit der Katze und spielte mit ihr. Da meinten die beiden Alten, es möge wohl etwan ein Mensch wegen einer Unthat in die Schlange verzaubert sein und duldeten sie und gaben ihr Nahrung. Und die Schlange war nicht so undankbar wie jene im Märchen, die ihren Wirthen heimlich Gift in die Suppe spiee, sondern sie brachte eitel Glück und Segen in das kleine Haus; die Arbeit lohnte sich und nährte besser, der Erlös an Waldbeeren, welche die Alte sammelte, wurde ergiebiger und alles was die beiden Leute begannen, das mißrieth ihnen nicht, und so lebten sie mit der Schlange in stetem gutem Frieden, und wurden so alt wie Philemon und Baucis und starben auch mit einander nach ihrem beiderseitigen Wunsche zu gleicher Zeit. Und als sie gestorben waren, wurde die Schlange von keinem Auge mehr gesehen.

962. Albertus Magnus zu Lauingen

Im Städtchen Lauingen ist der große Albertus geboren, der ein Bischof war und ein Zauberer, das letztere aber vor dem ersten. Er war ein Meister in allen geheimen Künsten und gebot über die Geister. Wandelnde Menschen brachte er durch Kunst hervor und redende Häupter. Mehr als eine schöne Mär geht von ihm in Liedern um, wie er zu Paris jene verbuhlte Königin gestraft und bekehrt, die ihre Liebhaber in den Turm von Nesle lockte und darin verderben ließ, damit keiner ihre Schande ansage, auch wie er die Minne der jungen Königstochter mit Listen gewann. Albertus Magnus konnte den Winter in den Sommer umzaubern, wie er durch sein Gastmahl zu Köln bewies, das er dem König Wilhelm am heiligen Dreikönigstag im Jahr 1248 gab. Damals – vor sechshundert Jahren – es ist schon lange her, gab es noch Tausendkünstler; heutzutage gibt es keine mehr.

Einst hatte Albertus mit einem guten Gesellen Umgang, der schmeichelte ihm sehr und warb eifrig um des Magnus Freundschaft, und da ihm Albertus einen Dienst erwiesen, so verschwur er sich hoch und teuer, wann er zum Glück gelange, dem Meister das nie zu vergessen, schwur es bei dem Becher Wein, den er in der Hand hielt, denn sie tranken gerade miteinander – und da ereignete es sich gleich darauf, daß der dankerfüllte Freund zu großem Glück gelangte, das wuchs und wuchs ihm wunderbar zu Häupten, und wurde endlich gar ein König, und lebte als solcher schon drei Jahre herrlich und in Freuden, und scharrte sehr unköniglich viel Geld und Gut zusammen, und war geizig und karg über alle Maßen. Albertus aber war indes in tiefe Armut gefallen und nahete als Bettler dem Könige, dem er einst wohlgetan, und erinnerte ihn an dieses Einst und flehte, seine Not zu mildern. Der König aber rief: Ei seh Uns einer solchen frechen Lump und Strolch! Viel hätten Wir zu tun, sollten wir Uns jeden Vagabunden und Fechtbruders erinnern, da wollten Wir viel lieber nimmer König sein! – So sei's gewesen! sprach Albertus, und da fiel dem Träumer – denn alle Herrlichkeit war nur ein Wonne- und Weintraum gewesen – der Pokal aus der Hand und zerklirrte, und jener fuhr erschrocken auf und staunte, und Albertus sprach: Fahr hin, Geselle! Deinen Sinn mir zu offenbaren, war ein Traum von drei Minuten lang genug, die doch drei Jahre dir gedünket! Deine Treu hat ihren Lohn dahin.

Hernachmals ist zu Lauingen auf einem Turme des berühmten Eingebornen Albertus Bildnis aufgestellt worden, und sein Andenken lebte dort nicht minder fort von Kind zu Kindeskind wie zu Köln und Regensburg und in seinen Schriften von den Tugenden der Tiere, Kräuter und Edelgesteine, von den Naturheimlichkeiten und der Frauen Rosengarten, denn er war ein weiser Meister über alle.

963. Die Kümmernisbilder

Zu Lauingen geht auch die Sage von der frommen Jungfrau Kümmernis, die so vielfach in deutschen Landen begegnet, und deren Bilder zu Wien, zu Ettersdorf bei Erlangen, zu Saalfeld und an vielen andern Orten gefunden werden, vornehmlich auch zu Gmünd in Schwaben, wo aber Maria, oder nach andern die heilige Cäcilia, die Schuhspenderin gewesen sein soll. Zu Lauingen und dessen Umgegend ward nun geglaubt, wer nur ein Bild der Jungfrau Kümmernis bei sich trage und sich ihr verlobe, dem werde also aus seiner Not geholfen, wie sie dem armen Spielmann half, und zweimal wird noch immer alldort ihr gekreuzigt Bildnis in Kirchen gefunden. Am Wege von Dillingen nach Steinheim steht ein Kapellchen, Sankt Leonhard geweiht, das barg der Kümmernisbilder viele, die als Gelübde hier dankbar geopfert waren, das erfuhr ein Bischof zu Augsburg und verdroß ihn, denn es steht keine Kümmernis im römischen Heiligenkalender, und das deutsche Volk soll nichts Eignes haben, und befahl, die Bilder alle abzureißen und zu verbrennen. Als das die Bauern in der Gegend hörten, liefen sie eilend nach Sankt Leonhard und holten ihre Votivbilder wieder von der Wand, um sie dem Feuer zu entreißen und ihnen bessern Platz zu gönnen. Hernachmals ist aus der Kapelle gar ein Pulvermagazin gemacht worden, und da haben die Bauern gesagt: Seht ihr wohl! Sankt Leonhard kann sein Haus nicht schützen! Sankt Kümmernis hätte das nicht gelitten. – Selbst in der altberühmten Kirche zu San Marco zu Venedig ist ein Kümmernisbild zu erschauen.

964. Der Hoihoimann

Zwischen Lauingen und Augsburg liegt Wertingen, dort ist die Gegend gar bruchig, moosig, schnureben und so recht gemacht zum Aufenthalt der Irrlichter, Hullenpöpel und Spukdinger aller Art. Darüber hin fuhr und fährt noch immer das wilde Gejäg, aber erst nicht mit Horrido und Hussassa und Kliff und Klaff, wie der Dichter singt, sondern dem Wanderer dünkt erst gar liebliches Getön von weitem zu hören, wie Musik aus dem Singerberge, und es drängt ihn, diesen lieblichen Klängen nachzugehen. Aber bald genug kommt er in des Teufels Küche, sinnbetörender Lärm umbraust ihn, Raben schwärmen und lärmen ihm überm Haupt, es rasselt und prasselt, knallt und schallt, bellt und gellt, das wilde Gejäg mit all seinem Höllenspektakel, und froh kann er sein, wenn er nicht aufgehoben und mit fortgeführt wird weit durch die Luft und in das Moos geschmissen, durch das die Glött und Zusam zwischen nichts weniger als romantischen Ufern der Donau zuschleichen. In diesem wüsten Lärm tut sich auch der Geist eines Kerls hervor, der nichts weiß, als fort und fort überlaut Hoi! hoi! zu schreien, der aber auch bisweilen ohne die Begleitung des wilden Gejägs erscheint, mit einer Peitsche knallt, wie zwanzig Fuhrleute auf einmal, und sein Hoi hoi! über die weiten unheimlichen Flächen erschallen läßt. Der irre Wanderer, der ihn von weitem hört, denkt: Gott sei Dank, dort fährt ein Fuhrmann, holst du den ein, so kannst du dann des Weges nicht fehlen. Der Wanderer verdoppelt seine Schritte und holt den Fuhrmann ein, der keinen Wagen und auch keine Pferde hat; es ist ein Zwerg mit großem Schlapphut in einem roten Mantel und schreit Hoi hoi! und knallt, und lacht, und verschwindet, und der Wanderer steckt mitten im Irrwischmoor bis an die Knie, oder bis an den Bauch, oder noch tiefer, und wartet, bis jemand kommt und ihm heraushilft. In weiter Ferne hört er des Kobolds Hi hoi! tief im Geröhrig drin verhallen.

965. Attila vor Augsburg

Da der wilde Etzel mit seinem Hunnenheere schlimmer noch als das wilde Gejäg die Fluren des Lechgebietes überströmte, nahete er auch der alten Römerkaiserstadt Augsburg, der Augusta Vindelicorum, und wollte mit wenigen Gefährten den Lech durchreiten. Wie er nun an des Alpenstromes flaches Ufer kam und sein Roß schon den Huf erhob, in das Wasser zu treten, da rauschte das Wasser gewaltiglich, und es hob sich aus dem Grunde ein Riesenweib, grauenhaft und furchtbar anzusehen, daß das Roß entsetzt zurücksprang und der König im Sattel wankte. Und die graue Stromfei sah ihn aus hohlen Augen an mit starrem Todesblick, reckte den gespenstigen Arm lang aus gegen den König und sprach nichts als diese Worte: Retro Attila! Retro Attila! Retro Attila! – und sank wieder nieder, und über ihrem flatternden Nixenhaar schlossen sich rauschend die Gewässer. Da packten den König nie gefühlte Schauer an, und er starrte hin, und sprach kein Wort, und wandte sein Roß, und ritt nicht über den Lech.

Bald hernach ist die schreckliche Hunnenschlacht am Lech erfolgt, in welcher Sankt Ulrich, hernachmals der Schutzpatron der Stadt Augsburg, damals als heldenmütiger Bischof noch im irdischen Leben wandelnd, dem Christenheere vorkämpfte und ihm zum Siege half und deutsche Einheit die fremdländischen Barbarenhorden in ihre Heimat zurückjagte – was nicht von ihnen das Lechfeld mit seinem Blute und seinen Leichen düngte.

966. Eines Vaterunsers Wert

Da der heilige Ulrich noch Bischof zu Augsburg war, kam alltäglich zur Mittagsstunde ein alter Bettler an die Pforte des Bischofhofes, der ward da gespeist mit

einem Mittagsmahl und betete jedesmal zu frommem Danke drei Vaterunser für den Bischof. Da kam einmal dem heiligen Mann eine sorgenschwere Zeit, wie sie wohl an keinem Erdensohn vorübergeht, denn jeder hat bisweil sein Kreuz, und da erging er sich in trüben Gedanken und begegnete dem alten Bettler, und sich zu zerstreuen, redete er ihn an: Wie geht es dir, Alter? – Wie immer, hochwürdigster Herr Bischof! war des Greises Antwort. – So, so! sprach Ulrich, mir aber geht es nicht wie immer, mir geht es trübe, und ich glaube ganz sicherlich, du hast heute für mich kein heilig Vaterunser gesprochen. – Mein Seel, getroffen! versetzte der Bettler, ich habe nicht gebetet, weil, als ich kam, Euer Küchenmeister mir ein Gesicht machte wie die Katz, wenn's donnert, und mich anschnurrte und mit den Worten abspeiste: Heute wird nichts gereicht! Von solcher Abspeisung wurd' ich nicht satt, hochwürdigster Vater, sollt' ich nun für nichts beten? – Auf diese Rede wandte sich der Bischof nach seinem Hofe zurück und berief alsbald den Küchenmeister und sagte ihm: Du hast mich durch deinen nichtswürdigen und gottverdammten Geiz um jenes Armen Vaterunser gebracht und bist schuld an dem Kummer, der über mich gekommen ist. – Ei wohl, Herr Bischof, antwortete keck der Knecht, an so eines Lumpen Vaterunser wird auch was Rechts gelegen sein! Wieviel Deute wird das wohl wiegen? – Ich weiß dies in der Tat nicht, antwortete Ulrich, darum erhebe dich flugs gen Rom und frage an beim Heiligsten Vater, wieviel ein Vaterunser wert sei, und ehe du mir dessen Antwort bringst, tritt nicht wieder vor mein Angesicht! – Da mußte nun der arme Küchenmeister per pedes apostolorum gen Rom pilgern, doch ward ihm allenden als Boten Bischof Ulrichs gutes Geleit, und kam bald vor den Papst und legte diesem seine Frage vor. Da sprach der Heilige Vater: Ein Vaterunser – das ist wert eines güldnen Pfenniges. – Damit machte der Küchenmeister sich auf gen Augsburg und erstattete Ulrich Bericht. – Sehr gut, sprach dieser; aber, mein Sohn, wie breit soll der güldne Pfennig sein? – Solches wußte der Bote nicht und mußte aber gen Rom fahren und dem Papst diese neue Frage vorlegen; war ihm ein schlechter Gefallen, gab auf der weiten Reise gar nicht so gute Bröcklein und Schlücklein als in des Herrn Bischofs Küche zu Augsburg. Da er nun zum Papste fragend kam, so sprach dieser: Ein Vaterunser, das ist wert eines güldnen Pfenniges, welcher so breit ist als die ganze Erde. – Freudig eilte der Bote nun wieder über die Alpen und sagte die Auskunft an, doch St. Ulrich sprach: Sehr gut, aber, mein Sohn, wie dick soll der güldne Pfennig sein? – Das wußte nun der gute Bote wiederum nicht, und da half kein Zittern für den Frost, er mußte zum dritten Male gen Rom wallen und verwünschte auf dem Wege alle alten Bettler und Hungerleider und Vaterunserbeter zu allen tausend Teufeln und gab keinem einen Deut, soviel ihrer in Welschland ihn auch antraten. Und nun gab der Papst diesen Bescheid: Ein Vaterunser, das ist wert eines güldnen Pfenniges, der so breit ist wie die Erde und so dick, so weit der Himmel von der Erde und die Erde von dem Himmel ist. – Da nun der Küchenmeister mit dieser Botschaft endlich heimkehrte, sprach St. Ullrich: Siehe, nun weißt du es, mein Sohn, wieviel ein Vaterunser wert ist, und magst selbst ausrechnen, wenn du kannst, wieviel Deute selbiges wohl wiegen wird. Jetzt gib von nun an dem Alten wieder Tag für Tag seine Mahlzeit, damit er für uns fernerhin seine heiligen drei Vaterunser beten möge. – Und es geschahe also.

967. Doktor Luthers Flucht

Als Doktor Luther im Jahre 1518 nach Augsburg beschieden war, dort ins Verhör genommen zu werden, und daselbst von einem übelunterrichteten Papst an einen besser zu unterrichtenden Papst appellierte, nicht minder auch den Gedanken der Appellation an ein allgemeines Konzilium faßte, erfuhr er von mehr als einer Seite her, daß ihm von seinen erbitterten Gegnern persönliche Gefahr drohe; insonderheit warnte ihn ein Freund, der Augsburger Patrizier Langemantel, und bewog ihn, die Stadt heimlich zu verlassen, bot ihm auch sein Geleite an, und so führte er ihn eines Abends durch die Straßen und bog plötzlich, indem er sprach: Da hinab! zur Rechten der Straße, welche beide herabkamen, in ein enges Winkelgäßchen ein, das sich abwärts gegen die Mauer senkte und zu einem Pförtlein leitete, dessen Wächter gewonnen war, und vor dem die Rosse schon harrten. Am andern Tage, wo die Gegner Luthern fassen wollten, war er fort. Wer anders konnte ihm fortgeholfen haben als der Teufel? In einem langen Mantel hatte selbiger als langer dürrer Kerl im Gäßchen gestanden und Luthern den Weg zur sichern Flucht gezeigt, der noch bis heute zum Dahinab heißt. Müßt' ein erzdummer Teufel gewesen sein, dem dann zumal auf Wartburg sein schlechter Habedank vom Luther geworden. Außerhalb der Mauern Augsburgs setzten sich Luther und sein biederer Geleitsmann in raschen Trab, hatten's auch nötig, denn die Flucht war entdeckt, und des Papstlegaten Reiter jagten nach, immer dem Laufe des Lech entgegen, dem Gebirge zu – wurden's aber bald müde, da sie keine rechten Reiter waren, und kehrten heim und sagten, sie hätten den Luther beinahe gefangen, aber der Teufel reite neben ihm, und beide hätten feuerschnaubende Rosse geritten und wären davongesaust und -gebraust wie die Windsbraut – zu allen Teufeln.

Acht Meilen ritten in dieser einen finstern Herbstnacht der Luther und der Langemantel, da hob sich vor ihnen im Glühen der Morgenröte das Schloß Hohenschwangau mitten aus dem Schoß des Hochgebirges, wo die biedern Ritter von Schwangau saßen, die gleich andern bedeutenden Männern der deutschen Ritterschaft, wie Franz von Sickingen, Ulrich von Hutten, Sylvester vom Schaumberg und die von Freiberg auf Hohenaschau, dem Luther und seinem Werke im Herzen zujauchzten, und da ward Luther gar herzlich und gastlich empfangen und hätte weilen mögen, solange er gewollt, zudem sein Herr, der Kurfürst von Sachsen, ihm durch Spalatin hatte andeuten lassen, er sehe es gern, wenn jetzt in der Zeit großen drohenden Sturmes Luther noch eine Zeitlang sich an einem sichern Ort verborgen halte und nicht so bald nach Wittenberg zurückkehre. Da schrieb Luther dem Kurfürsten mit seinem gottgetrosten, unerschütterlichen Mute: Will ziehen, wohin mich der allmächtige Gott haben will, mich seinem gnädigen göttlichen Willen ergeben, er mach's mit mir, wie er wolle. Ich bin gottlob noch von Herzen fröhlich.

Aber weil Burg Hohenschwangau, die jetzt zum herrlich erneuten Königsschloß geworden und der Anwesenheit Luthers in ihren Mauern in einem Bilde Lindenschmits noch immer freudig eingedenk ist – gleich des Schatzes, der in ihren Tiefen liegt und bisweilen zutage steigt, wenn der Regenbogen seinen Fuß auf die Burgzinnen setzt und der Schatz sich sonnt – wegen Augsburgs Nähe dem Langemantel noch nicht sicher genug schien, so schied er mit Luther von den Schwangauern und suchte tiefer im Bayerlande ein stilles, abgelegenes Asyl. Sie hatten danach weit zu reiten, über München, allwo Luther, gleichwie zu Wertheim am Main, die Bratwürste schuldig geblieben sein soll, nach Rosenheim und von da zum Chiemsee, wo still im Schoß der Alpenvorberge zwischen dem See mit seiner Herren- und Fraueninsel und dem gewaltigen Alpstock des Hochriesen ein stattlich Schloß sich hebt, das noch heute mit seinem Ahnensaal und manch alten Erinnerungen an die ritterliche Vorzeit mahnt. Das war Hohenaschau, das Hauptschloß der Freiberge, und dahin brachte Langemantel den Luther in ganz sichere Hut. Ein dürftig kleines Kämmerlein ist's freilich, das alldort dem Wanderer als Luthers Wohnzelle gezeigt wird, und der Kastellan weiß nichts zu sagen, als daß Luther auf seiner Reise nach Rom, die er als Mönch machte, dort geherbergt habe, und die Forschung behauptet dasselbe. Allein obschon nach dem Sprüchwort alle Wege nach Rom führen, so ist dennoch kaum zu denken, was der wandernde Mönch, der früher im Dienst seines Ordens reiste, damals in einem von jeder Hauptstraße völlig abgelegenen Gebirgstalkessel und auf einem Ritterschloß zu suchen gehabt, selbst wenn er die Straße durch das nahe Inntal verfolgt hätte. Und so lebt Luthers Anwesenheit auf zwei stattlichen Burgen des Bayerlandes, die ihm gastlich Schutz und Schirm geboten haben sollen, sagenhaft fort, da Luther selbst von dieser ganzen Fahrt geschwiegen hat und der Orte weder den einen, noch den andern genannt. – Er zog immerdar dahin, wohin der allmächtige Gott ihn haben wollte, und war von Herzen fröhlich.

968. Der Abt zu Kalbsangst

Auf dem Marienberge ohnweit Kempten stand ein Schloß, das hatte den seltsamen Namen Kalbsangst, das soll schon gestanden haben, als die Kaiserin Hildegard das Kloster Kempten gründete, dessen erster Abt, Andagar, bereits im Jahre 796 verstarb. Das ist lange her. Zur Zeit der deutschen Gegenkönige Philipp von Schwaben und Otto IV. und ihrer Kämpfe soll es um Zucht und Ordnung im Kloster Kempten nicht allzu wohl bestellt gewesen sein; der Abt, Herr Wernher, beliebte gar nicht im Kloster zu wohnen, sondern wohnte auf Schloß Kalbsangst und führte allda ein vergnüglich Leben, wobei man munkelte, daß er mit dem bösen Feind und seinen Engeln mehr als mit Gott und dessen Heiligen verkehre, obschon er zum öftern vom Schloß herunter in das Stift ritt, um daselbst Messe zu lesen.

Eines Morgens sollte dieser Ritt auch erfolgen, aber des Abtes Türe tat sich nicht auf, und er antwortete auf kein Rufen, und da man endlich nach langem Harren das Schloß sprengte, so lag Abt Wernher tot, nicht in seinem Bette, sondern mitten in seinem Gemache, und während man seinen Rücken erblickte, erblickte man auch zugleich sein Gesicht, und die Zunge hing ihm etwas weit aus dem Munde. Und als es Nacht geworden und der Leichnam auf einem Paradebette lag, da schwebten schwarze Vögel zu den Fenstern herein, die rauschten mit ihren Flügeln und hatten blitzende Augen und feurige Schnäbel und rotglühende Krallen, und kamen ihrer immer mehr und mehr, daß entsetzt die Leichenwächter flohen und mit Zetergeschrei des Schlosses Bewohner zusammenriefen. Aber wie man sich nach dem Zimmer traute, hatten die Vögel allzumal des Abtes entseelten Leichnam erhoben und trugen ihn fort durch die rabenschwarze Nacht. Fernhin sah man ihn noch ziehen, wie einen Feuerstreif, aber nicht empor, sondern tiefer und immer tiefer, nach dem See zwischen Martinszell und Niedersandhofen. Seitdem ist es auf Schloß Kalbsangst nicht mehr geheuer gewesen, und es ist deshalb nach und nach von allen Bewohnern verlassen und eine öde Trümmer geworden. Aber auch in und um den See hat es greulich gespukt, so arg, daß der Kemptner Äbte Jagdschlößchen, das auf einer Landzunge in den See hineingebaut stand, auch eine Ruine geworden.

969. Pesttanz zu Immenstadt

Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges wütete zu Immenstadt und seiner ganzen Gegend eine furchtbare Hungersnot und daraus entspringend die Pest des Hungertyphus, und war allenden nichts als Angst, Not, Pein, Schrecken, Jammer und Verzweiflung. Da trat ein Priester auf, der sah, wie die Angst und das allgemeine Verzagen die Menschen zu eitel todesbleichen Gespenstern machte, und sprach: Wo will das hinaus? Laßt fahren den Trübsinn und das Wehklagen! Laßt Musik erschallen! Haltet Mummenschanz und lustige Umzüge! Trotzt Tod und Teufel mit lauter Fröhlichkeit! – Und selbiger Rat ward befolgt, erst von wenigen, dann von vielen, dann von allen, und war probat. Die Krankheit hörte auf, und den Kranken kam der Appetit wieder, und gegen den Hunger ward auch gesorgt, man brauchte nur mit freundlicher Zurede und Nötigung die Speicher der Kornwucherer, welche immer die Hungersnot befördern, weil sie das Getreide zurückhalten, um auf den allerhöchsten Preis es zu treiben, und sollt' es lieber der Kornwurm fressen, zu öffnen. Zum Andenken hat man hernachmals alle Jahre zu Immenstadt einen Tanz mit lustigem Umzug gehalten und denselben den Pesttanz genannt.

Dieses gut anschlagende Mittel hat man in den allerneuesten Zeiten wieder hervorgesucht in solchen Städten, allwo die Cholera sich hat einnisten wollen, und ganz sicher nicht ohne Erfolg, und geschieht nichts Neues unter der Sonne, sondern es ist alles schon dagewesen.

Auch der Schäfflertanz, den die Bötticher zu München alle sieben Jahre halten, soll von gleichem Ursprung sich herleiten.

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