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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Das Weidwiesenweiblein
  2. Die übergossene Alm
  3. Der Marquartsteiner
  4. Der Schneider von Unken
  5. Die steinerne Agnes
  6. Die Untersberger
  7. Der Kaiser im Untersberge
  8. Der Birnbaum auf dem Walserfeld
  9. Geistermette
  10. Der verlorene Jäger

980. Das Weidwiesenweiblein

Mag das Weidwiesenweiblein nun jenes verwunschene Fräulein vom Karlstein sein, wie einige sagen, oder auch nicht sein, so viel steht baumfest, daß selbiges Weiblein gehörig spukt. An der Wegscheid sitzt es und winselt zum Steinerbarmen, aber die Steine sind dort gar zu groß. Als Baumstamm saust es die steilen Bergwände prasselnd nieder und rollt hinter den Pferden des Reiters her, bis nahe an den Kaitl, dann ist's weg. Auf dem Felsen hört man es herzzerschneidend schreien und wimmern; am schlimmsten hat sich's im Jahr 1831 aufgeführt, nachdem es auch in den Jahren 1782 und 1783 gar arg gespukt und viel Redens von sich gemacht. Seine Gestalt war klein, sein Gewand schwarz, in der Hand trug es einen Tiegel und im Tiegel ein brennend Lämpchen. Ein großer Hut barg das spinnewebig runzelvolle Gesicht. Mit dem Lämpchen leuchtete es den Leuten ganz getreulich durch die dunkle Nacht, und kein Wind mochte das verlöschen, bisweilen aber hat es manche auch ganz ungetreulich irregeführt, besonders wenn sie sich im Kaitl recht bezecht hatten. Im letzterwähnten Jahre machte sich im Spätherbst der Brunnenwärter vom Nesselgraben auf und ging dem Winseln nach, das sich stark hören ließ, und verstieg sich hoch hinauf bis auf den Grat des Bergstocks, da hörte er das Gewinsel wieder tief unter sich, und unter ihm klaffte steilab die schüssige Wand. Da er mit Not wieder heruntergestiegen war, kam ein Bekannter zu ihm, das war der Kreiser von Helmbach, der stieg kecklich und mit Gefahr seines Lebens durch die Schrunden der Stimme nach und fand endlich ein uralt hockeruckeriges Weiblein, das saß in einer Felsenspalte wie eine Unke und greinte gotteserbärmlich, gab auf keine Frage eine Antwort, und wie der Bub sich zu ihm bog, krallte es ihm nach dem Gesicht. Der aber, nicht furchtsam und nicht faul, erwischt das Weiblein beim Schlafittich und zieht es nach sich bis auf die Matte, wo er vorher seine Joppen ausgezogen. Da läßt er's fahren und bückt sich und zieht die Joppe an, und wie er umschaut, ist's Weiblein weg wie weggeblasen. Da kommt ihm aber ein gewaltigs Grauen an, macht, daß er heimkommt, und wird acht Tage lang krank vor Schrecken. Nicht lange darauf ist das Weiblein auch auf den Kaitl gekommen, hat Gaben empfangen, aber nie dafür gedankt. Einige sagen, daß das Weidwiesenweiblein nachderhand mit seinem Lämpchen einem Fuhrmann geleuchtet, dem in finsterer Nacht beim Kalkofen ein Rad zerbrochen, dem sei das Leuchten ein großer Trost gewesen, und habe gesagt, als er das Hülfsrad angelegt: Tausend Dank! – und da hätte das Weiblein voller Freude gesagt: Hab' genug an einem Dank! Jetzt sieht mich niemand mehr! – sei darauf hinweggeschwunden und erlöst gewesen, wie das dienstfertige Licht zwischen Neundorf und Görkwitz im Vogtland.

981. Die übergossene Alm

Im bayrischen Hochgebirge ragt unter der weiten Kette mächtiger Alpenhäupter auch der Wendelstein sechstausenddreihundert Fuß hoch in die Lüfte, und ewiger Schnee bedeckt die Höhen ringsumher. Am Abhang dieses Berges war nordwärts eine Alm gelegen, die Kaiserer Alm genannt, die war gar blumenvoll, rings gute Weide, und standen schöne Sennhütten droben, mit frischen und lustigen Sennderinnen, die wußten gar nicht, wie gut sie es hatten, und weil sie es zu gut hatten, wurden sie übermütig, führten ein üppiges Leben und sannen auf allerlei Lustfrevel und unnütze Dinge. Sie hingen den Kühen silberne Glocken an und verguldeten den Stieren die Hörner; sie wuschen sich mit Milch und pflasterten den Weg zum Stall mit Käsen, wie der Hirte auf der Blümelis-Alpe seine Treppe. Wein ließen sie von Salzburg fäßleinweis heraufkommen und Schleckerbißlein auch, Rosinen, Mandelkern, Zucker und Zingiber, eingemachten versteht sich, Zimmet und Nägelein, Muskatblüt und -nuß, Pistazien und Zibeben, Datteln und Feigen, Marzipan und Biskuit. An Beten dachten selbige Dirnen die ganze Woche nicht, und den Sonntag auch nicht, und wenn die Woche herum war, wieder nicht, aber getanzt und gejuchezet haben's alleweil genug. Und da haben sie einmal einen ganzen Tanzplatz von Käsen gemacht, und die Lücken mit Butter ausgefüllt, und sind darauf herumgetanzt, und haben gemeint, der Teufel könnte hernach mit seiner Großmutter und seiner Kameradschaft die Käs' schon fressen, daß er auch einmal etwas in seinen hungrigen Wanst bekäme. Aber nun war es verspielt und war Gottes Geduldfaden abgerissen, und in der Nacht, da heult's und klopft's und pocht und donnert an die Sennhütten, und seufzt und ächzt und stöhnt, und die Windsbraut kommt dahergefahren, und die ewigstarren Wellen im Steinernen Meer wogen und branden, und es ist, als ob vom Watzmann bis zum Zugspitz das ganze Gebirg in eins zusammenkrache und -donnere. Ganze Berge Lawinenschnee übergossen die Alm mit den sündigen Menschen darauf, war nur schad ums arme Vieh – und als der Morgen kam, da war auf der ganzen Alm ein Schmelz, wie ein Zuckerguß auf einer Linzer Torte, und glitzerte hell im Sonnenschein – eitel Eis und Schnee und glattgefroren wie eine Gletscherwand. Das ist nun die übergossene Alm, ein ewiges Wahrzeichen von der Menschen Frevel und Gottes Strafgericht.

982. Der Marquartsteiner

Nahe dem Chiemsee, mitten im Schoß der diesen im Süden rings einschließenden Berge, liegt Schloß Marquartstein. Darauf saß ein Graf des Namens Marquart, welcher die Tochter eines Ritters Kuno von Mögling, Adelheid geheißen, entführt hatte, und es war dem alten Möglinger gerade so ergangen wie dem Kaiser Heinrich mit dem Leuchtenberger, sein liebes Kind hatte sich auf der Jagd verirrt, war dem Marquartsteiner begegnet, und dieser hatte sich liebend der Tochter angenommen; um so lieber, als er ihres Vaters Feind war. Aber nur zwei Monate waren dem Marquartsteiner vergönnt, den Becher der Liebe mit Adelheid auszuleeren, da mußte er von Feindeshand den Becher des Todes trinken; Meuchelmörder erschlugen ihn. Seine treue Adelheid beweinte ihn heiß und heiratete darauf den Grafen Ulrich von Pütten. Auch dieser starb und ward heiß beweint, und dann heiratete Adelheid den Grafen Berengar von Sulzbach. Da sie aber ihres Marquartsteiner letzten Seufzer und das Gelübde, ein Kloster zu bauen, empfangen, löste sie sotanes Gelübd, doch nicht eher, bis sie sich nach ihm zum dritten Male vermählt hatte. Dieses Kloster empfing den Namen Baumburg, und Adelheid wurde darin begraben. Adelheids Mutter, Irmengard, eine Hallgräfin von Lindburg, hatte auch ein Gelübde zu erfüllen, und dadurch wurde Berchtesgaden begründet in tiefer Waldwildnis, die jetzt keiner mehr dem freundlichen Talkessel ansieht, durch den aus dem Königssee hervorbrausend die muntere Achen unter schattenden Ahornen ihre dunkelgrünen Wellen rollt. Baumburg und Berchtesgaden blieben lange vereinigt unter einem Propst, und Berchtesgaden war lange Zeit nur ein Sommerfilial, denn im Winter war es dort wegen Wasser und Wind, Sturm und Schnee, Tieren und Waldgeistern nicht auszuhalten, und hatte dort die wilde Berchta so recht ihre Gaden und Jagdreviere. Da ist des Marquartsteiners Andenken treulich behütet worden.

983. Der Schneider von Unken

Im Lofertal, das schon österreichisch, liegt Unken, mag wohl den Namen mit der Tat haben, gibt darin auch noch ein Mäustal und ein Rabental, ein Dörflein Höllenstein und eine Bergreihe, die Hohlwege; ein Bach heißt der Unkenbach, einer der Finsterbach und einer der Schwarzbach, fließen alle in die Saal, die ihr Eiswasser unterhalb Salzburg in die Salzach rinnen läßt. Geister gibt es auch genug dortherum und manchen Schatz im Schoß der gewaltigen Berge, die das Tal einengen.

Nun war zu Unken ein tapferer Schneider, eines Schneiders Sohn, das war ein gewaltiger Nimrod, hatte den Stutzen lieber wie das Bügeleisen und den Hirschfänger lieber als die Schere, tat wenigstens so, und hielt sich einen großen Fanghund, aber mit dem Jagdgewehr durft' er am Tage nicht gehen. Nun ging er einstmals bei Nacht über die Wegscheid, wo es gar nicht geheuer ist, war auf dem Kaitl gewesen und hatte da ohne Zweifel einmal getrunken, denn man kann am Kaitl nicht wohl ohne Einkehr vorübergehen. Wie nun der Schneider so hinaufsteigt zur Wegscheid, geht neben ihm ein schwarzer Mann, hält Tritt und Schritt mit ihm und spricht kein Grüß Gott und kein Zeitlassen und kein Gelobt sei Jesus Christ, auch nicht Guten Abend, sondern gar nichts. Wird's dem tapfern Schneider seltsam, ruft seinen großen Fanghund. Aber der große Fanghund, wie er den schwarzen Mann sieht, klemmt er den Schwanz zwischen die Beine und reißt aus wie Schafleder, über die Wegscheid hinein ins Lofertal, daß er in zwei Augenblicken seinem Herrn aus dem Gesicht ist. Jetzt wird's dem Schneider brühheiß und eiskalt in einem Atem, doch faßt er sich ein Herz und zieht vom Leder, nämlich aus seinem Gürtel sein Messer, daran auch, wie dort landüblich, eine Gabel, nestelt die Gabel in die linke Hand und denkt, nun komm nur an, du Schwarzer! Dabei schlugen ihm aber alle Glieder, und die Kniee schlotterten ihm. Der Schwarze blieb stumm. Ein sehr starkes Stück Wegs unterm ganzen Wendberg zur Rechten hin ging der dunkle Begleiter mit, bis sie herunterkamen, wo eine Brücke über einen Bach führt, der vom Mitterberg herabrollt, und welche die Säumerbrücke heißt, darauf blieb der Schwarze stehen und bog sich hinab zum Wasser. Der tapfere Schneider, fest die Wehr, Messer und Gabel in den Händen, trabte weiter, erreichte das Wirtshaus zur Schnagelreit mit Mühe und Not und mehr tot als lebendig und käseweiß, und da dachten die Leute, er wolle jemand totstechen, denn er legte die Wehr gar nicht aus der Hand, und endlich fand sich, daß er vom ängstlichen Festhalten den Krampf in die Finger bekommen hatte und die Fäuste nicht öffnen konnte. Nicht um die Welt wäre er noch einmal vor die Haustüre gegangen, und niemals ging er wieder im Zwielicht über die Wegscheid. Andern Morgens, da der tapfere Schneider heimkam nach Unken, prügelte er den großen Fanghund weidlich durch, schlug ihm mit der eisernen Elle fast das Rückgrat entzwei und jagte ihn aus dem Hause.

984. Die steinerne Agnes

Von Reichenhall nach dem Hallturm und Berchtesgaden zu kommt man unterm Dreisesselkopf vorbei und läßt den Lattenberg rechts liegen; dort war auf einer Alm eine junge hübsche Sennderin, die war auch gar fromm und fleißig und hielt es mit dem Spruch: Bete und arbeite, und die hieß Nesi, das ist auf Hochdeutsch Agnes. Jeden Morgen und Abend hat die Nesi vor einem Kreuzel droben auf ihrer Almen ihr Gebet verrichtet, und das hat den Teufel mächtig gegiftet, denn er hat es gerad zumeist auf die Frommen abgesehen, da die Unfrommen ihm schon von selbst in die Hände laufen.

Nun hat der Teufel die fromme Dirne gar arg in Versuchung geführt, ist bald als Hirtenbub, bald als Jäger, bald als Musikant zu ihr gekommen und hat ihr seine Teufelslügen vorgeplauscht, aber sie hat sich alles nichts anfechten lassen und ist ihm immer entgangen, ist auch zuletzt nicht mehr allein in ihrer Sennhütte geblieben, sondern hat noch eine Sennderin bei sich bleiben lassen. Darauf, um sie allein zu haben, hat ihr der Teufel eine Kuh weggetrieben bis auf die Almgarten, die nach St. Zeno gehört, und wie die Nesi ihre Kuh gesucht hat und endlich auch erblickt, so gar weit weg, und sie hat eintreiben wollen, ist der Teufel als ein Wildschütz dagestanden mit einem schönen Gamsbart auf dem Hütel und in einer grauen Joppen und hat sie mit ganz feurigen Augen angeschaut. Da hat sie einen Schrei getan und hat Reißaus gegeben, und der Teufel ist hinter ihr her und hat sie gejagt, bis sie nimmer laufen konnt', und ist an eine Steinwand gekommen, wie die heilige Ottilia, und hat zur Mutter Gottes gerufen: Hilf, heilige Mutter Gottes!

Hilf! hilf! – und da hat sich die Steinwand aufgetan, und die Nesi ist hindurchgerennt, aber der Teufel, nicht faul, ist eben auch durchgeschlupft, hinter ihr drein, und hat das arme Dirndl doch erwischt, aber wie er an's angerennt ist, hat er sich fast seine große schwarze Nase ein- und die Hörner abgestoßen, wenn er noch welche gehabt hat, denn der Leib Nesis ist in Stein verwandelt gewesen, und zwei weiße Engeln haben ihre Seele sanft gen Himmel getragen. Da hat der Teufel einen schönen Zorn gekriegt über die steinerne Sennderin, und die steht heute noch als Fels und heißt die steinerne Nesi. Und die Schlucht blieb und heißt das Teufelsloch, und wenn die Sonne hindurchscheint, was alle Jahr gerade am Sonnwendtag nur einmal geschieht, so juchezet die Nesi, daß man es weit und breit auf den Almen hört.

985. Die Untersberger

Wer von Reichenhall nach Berchtesgaden geht, hat stets den weitberufenen Untersberg zur Linken. Dieser, von vielen im Volke auch der Wunderberg geheißen, steht eine Meile von Salzburg an dem Grundlosen Moos, wo einst vor alten Zeiten die große Hauptstadt Helfenburg gestanden haben soll. Er ist sechstausendsiebenhundertundachtundneunzig Fuß hoch und überreich an Wäldern, Alptriften, Wild und heilsamen Kräutern, an Marmor und anderm noch kostbareren Erz und Gestein. Ein altes Buch sagt aus, daß öfters fremde Kunsterfahrene aus Welschland herbeikamen, die Erze und Minern insgeheim bearbeiteten, nebenbei aber sich der Bosheit gebrauchten, die Fundgruben den Umwohnern aus Neid zu verhehlen und zu verblenden. Zahllose Sagen gehen von dem Untersberg im Munde des Volkes. Im Innern sei er ganz ausgehöhlt und mit Palästen, Kirchen, Klöstern, Gärten, Gold- und Silberquellen versehen. Kleine Männlein bewahrten die Schätze und wanderten ehedem oft um Mitternacht in die Stadt Salzburg, in der Domkirche daselbst Gottesdienst zu halten, aber auch nach andern Kirchen der Umgegend. Sieben Holzknechten und drei Reichenhallern kam einst auf schmalem Fußweg ein ganzer Zug schwarzer Männchen entgegen, vierhundert an der Zahl, Paar um Paar, ganz gleich gekleidet, zwei Trommler und zwei Pfeifer voran. Auch hörte man des Nachts in diesem Wunderberge Kriegsgetümmel und Schlachtgetön, besonders bei bevorstehendem Kriege. Zur mitternächtigen Geisterstunde kommen die Riesen hervor, steigen zum Gipfel und schauen gen Osten unverwandt; wann es dann zwölfe schlägt, erlischt ihr vorausgehend Flammenlicht, die Riesen verschwinden, und es treten die Zwerge aus dem zaubervollen Bergesinnern und brechen das Erz und hämmern am Gestein, oder sie wandeln, mit netzförmigen Häubchen bedeckt, mitten unter dem weidenden Vieh umher.

Vieles auch weiß die Sage der Umwohner von den wilden Frauen des Untersberges zu berichten; wilde Frauen in weißen Gewändern, mit fliegenden Haaren, an den Firsten des Berges. Sie sangen schöne Lieder.

986. Der Kaiser im Untersberge

Im Schoß des Berges sitzt verzaubert ein alter Kaiser. Einige sagen, Karl der Große sei es, andere nennen Friedrich den Rotbart, der sich in das Unterschloß auf dem Kyffhäuser in Thüringen verwünscht haben und dort noch sitzen soll. Wieder andere lassen Kaiser Karl V. den sein, der im Untersberge verzaubert weile. Mancher soll ihn gesehen haben mitten im Kreise glänzender Wappner, sitzend an einem Tisch von Marmelstein, durch welchen ihm der Bart gewachsen, der fast dreimal um den Tisch reicht. Wann er zum drittenmal die letzte Ecke erreicht, dann wird der Antichrist erscheinen, dann wird die große Schlacht auf dem Walserfelde geschlagen, die Engel stoßen in ihre Posaunen, und der Jüngste Tag bricht an. Auch die Tochter des Kaisers wohnt daselbst und hat sich zum öftern freundlich gegen solche gezeigt, die zu günstiger Stunde in den Berg traten. Zu heiligen Zeiten will man wahrgenommen haben, daß der große Kaiser sich mit seinem Hofgesinde oder aber mit den Mönchen von St. Justus in der Domkirche zu Salzburg um Mitternacht eingefunden, die Mette mitgesungen und dem Hochamte beigewohnt, welches sein Hofpfarrer oder der Prior von Sankt Justus oder wohl gar ein großer Kirchenprälat zelebriert, der zu gleich mit ihm in den Untersberg verwünscht worden ist. Zu solchen Zeiten wallen die vertriebenen Mönche in langen Zügen durch Erdklüfte unter Seen und Flüssen nach den benachbarten Kirchen und halten in St. Bartholomä am Königssee bei Berchtesgaden, in Grödig, im Münster Berchtesgadens und im hohen Dome der Metropolis zur Mitternachtsstunde unter Glockenklang und Orgelton den Gottesdienst. Ritter und Reisige durchreiten in glühenden Panzern, auf Flammenrossen und mit funkensprühenden Waffen die Gefilde der Umgegend, sich zur Pein und dem Lanmann zum Schrecken. Mit anbrechendem Tage eilen sie in den Untersberg zurück durch eine nur selten und nur wenigen sichtbare eherne Pforte, welche beim Hallturm hinter den Trümmern der Burg Plauen zwischen den Steinklüften eingestürzter Felsen zu Tage geht.

987. Der Birnbaum auf dem Walserfeld

Auf dem Walserfeld, ganz nahe dem Untersberg, steht ein uralter Birnbaum, ganz dürr und abgestorben seit langer Zeit, und ist schon zum öfteren gar umgehauen worden, aber durch die Kraft des Allmächtigen wurde die Wurzel behütet und trieb wieder aus, daß der Baum emporwuchs. Von diesem Baume geht nun eine alte Weissagung, daß er dereinst wieder beginnen werde zu blühen und Frucht zu tragen. Wann aber dieses sich ereignet, dann wird der verzauberte Kaiser mit all' seinen Wappnern hervortreten aus dem Schooße des Untersberges, und es wird eine große und erschreckliche Schlacht des Glaubens halber geschlagen werden. Dieses geschieht aus göttlichem Verhängniß, weil kein Mensch mehr dem andern brüderliche Liebe erzeigen will. Wann der Baum beginnt zu grünen, wird diese Zeit der Noth nahe sein, wann er aber anfangen wird Früchte zu tragen, wird sich die Schlacht anheben, und der Fürst des Bayernlandes wird an den Birnbaum seinen Schild aufhängen. Auf dem Felde wird den Streitern das Blut rinnen bis an die Knöchel und in die Schuhe, und die Vornehmen (merk's) werden wünschen, insgesammt auf einem Sattel davonreiten zu können. Nur die guten Menschen werden von den Riesen des Untersberges geschützt und gerettet, die bösen aber alle erschlagen werden. So blutig soll die Schlacht sein, daß sie alles Volk zerstören wird, als welches gar schrecklich. Fürwahr, eine gräßliche Prophezeihung, klingt, als wenn 1848 ihr Geburtstag gewesen wäre. Die Guten werden davon kommen, das sind die mit den Schlapphüten,/ den rothen Federn und den Waldschrattbärten, die den bösen, vornehmen Menschen alle brüderliche Liebe zu erzeigen, und mit ihnen zu theilen trefflich geneigt sind.

988. Geistermette

Ein Bewohner dieser Gegend, der Seebühler genannt, hat erzählt, einmal sei er mit seinem Vater und ihrer zwei andern vom Thumsee zur Nachtzeit nach Berchtesgaden zu gegangen, Wild zu schießen, denn dort gibt es Wild und Wildschützen allewege. Da seien sie außerhalb Reichenhall bei der jetzt niedergerissenen Kirche von St. Peter und Paul vorbeigekommen, gerade als die Glocke drinnen in der Stadt zwölf geschlagen. Alsbald erblickten die Wildschützen die Kirchenfenster hell erleuchtet und kletterten neugierig außen an einem Fenster in die Höhe, hineinzugucken, denn Wildschützen fürchten sich vor dem Teufel nicht. Da war die ganze Kirche voll schwarz angetaner Leute, und jede Person hielt ein Licht, und hatten ihre Häupter all gesenkt voll Andacht. Am Altare der Priester hielt feierlich das Hochamt, und die Orgel erklang dazu durch die Nachtstille in süßen Tönen. – Außer dieser Kirche und dem Dome zu Salzburg werden als Geisterkirchen auch noch genannt die Propsteikirche zu Berchtesgaden, die Kapelle zu St. Bartholomä hart am Königssee unterm Watzmann, die zu St. Zeno abwärts Reichenhall nach Salzburg zu, auch in der G'main und im Stift zu Högelwerth ist gleiches wahrgenommen worden. Ja sogar weit vom Untersberge, hat der Seebühler erzählt, zu St. Salvator in Prien, hart am entgegengesetzten Ufer des Chiemsees nach Rosenheim zu, wie ihm die Mesnerin heilig und teuer versichert hat, haben die schwarzen Untersberger Geistermette gehalten; die Kirche war hell erleuchtet, die Orgel klang nebst andern Instrumenten, die Kirchentüre aber war verschlossen und ließ sich mit dem Schlüssel nicht öffnen. Nachbarsleute genug seien dabei gewesen und könnten's bezeugen.

989. Der verlorene Jäger

Es ist nicht selten geschehen, daß Leute in den Untersberg entrückt worden, längere oder kürzere Zeit darinnen geblieben, dann wieder herausgekommen sind und erzählt haben, was ihnen darin begegnet; darüber gibt es viele Sagen, ja ganze Bücher, so eins von Lazarus Aizner, der hat schrecklich viele Wunderdinge im Berg gesehen, auch die Türen zu den Gängen, die nach den Kirchen führen, welche die Untersberger besuchen; einer dieser Wege geht tief unterm Königssee nach Bartholomä – und hat viel seltsamer Prophezeiungen gehört.

Einstmals ging ein Jägersbursch auf den Untersberg und ging daselbst verloren, denn er kam nicht wieder; er war in den Berg geraten und wußte nicht wie, doch hatte er sich seines Bedünkens nicht gar lange darin aufgehalten und wanderte wieder ganz wohlgemut seiner Heimat zu. Als er an die Kirche kam, die man nennt die G'main zur Mutter Gottes, so hörte er läuten und traf auf dem Kirchhof ein kleines Mägdlein an, das fragte er: Warum läutet man? – Zum Seelgottesdienst für einen Jäger, der vorig's Jahr auf dem Berge verloren gangen ist, antwortete das Kind. Da ging der Jäger in die Kirche und kniete nieder am Speisegitter, und nach und nach füllte sich das Gotteshaus mit Leuten, davon viele seine Verwandten waren, die ihn alle nicht erkannten. Wie es nun Zeit zum Opfer war, erhob sich der Jäger zuerst und ging voran, da erst erkannten ihn seine Verwandten und Freunde und staunten, daß der mit dem Opfer ging, für dessen arme Seele derselbige Trauergottesdienst gehalten wurde, und war nach beendigtem Dienst groß Fragens um ihn her – aber der Jäger schwieg und offenbarte nichts. Nur dem Erzbischof von Salzburg hat bald darauf der Jäger erzählt, was er gesehen und im Berge erlebt, und ein Vierteljahr danach ist er tot gewesen. Er hat Michael Holzegger geheißen, und soll sich diese Sache 1738 zugetragen haben. Und der Erzbischof ist über das, was er vom Jäger vernommen, sehr nachdenklich und tiefsinnig geworden und hat es niemand anvertraut.

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