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Deutsche Sagen
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Der heilige Wald der Semnonen

Unter den Sweben waren die Semnonen das älteste und edelste Volk. Zu gewissen Zeiten hielten sie in einem Wald, heilig durch den Gottesdienst der Vorfahren und durch alten Schauer, Zusammenkünfte, wozu alle aus demselben Blute entsprungene Stämme Abgesandte schickten, und brachten ein öffentliches Menschenopfer. Vor dem Haine tragen sie solche Ehrfurcht, daß niemand hineintritt, der sich nicht vorher in Bande hätte binden lassen, zur Anerkennung seiner Schwäche und der göttlichen Allmacht. Fällt er von ungefähr zur Erde, so ist ihm nicht erlaubt, aufzustehn oder aufgehoben zu werden, sondern er wird auf dem Erdboden hinausgeschleift. Dieser Gebrauch weist dahin, wie aus dem Heiligtum das Volk entsprungen und der allwaltende Gott da gegenwärtig sei, dem alles andere unterwürfig und gehorsam sein müsse.

Die Seefahrt der Usipier

Eine Schar Usipier, von den Römern in Deutschland geworben und nach Britannien gebracht, beging ein großes und bewundernswürdiges Wagstück. Nachdem sie den Hauptmann und die Soldaten der Römer, welche unter ihren Haufen, um sie zum Dienst abzurichten, gemischt worden waren, getötet hatten, bestiegen sie drei leichte Schiffe, deren Steuerleute sie mit Gewalt dazu nötigten. Zwei derselben, die ihnen verdächtig wurden, brachten sie gleichfalls um und stachen mit dem einen Ruderer in die hohe See, ein wahres Wunder! Bald hier, bald dahin getrieben, hatten sie mit den britannischen Küstenbewohnern, die ihre Habe verteidigten, um Lebensmittel zu kämpfen; meistens siegten, einigemal unterlagen sie. Zuletzt stieg die Hungersnot so weit auf ihren Schiffen, daß sie erst ihre Schwachen und Kranken verzehrten, bald aber Lose darum zogen, wer den andern zur Speise dienen mußte. Als sie endlich Britannien umfahren und aus Unkunde der Schiffahrt ihre Schiffe eingebüßt hatten, wurden sie für Räuber angesehen und von den Sweben, dann von den Friesen aufgefangen. Einige darunter kamen verhandelt und verkauft hernachmals wieder in die Hände der Römer nach Italien, wo sie ihre merkwürdige Begebenheit selbst erzählten.

Die Trullen

Die Vandalen nannten die Goten Truller, aus dieser Ursache: Einst litten die Goten Hungersnot und mußten sich Getreide von den Vandalen kaufen. Sie bekamen aber für ein Goldstück nur eine Trulle voll Korn. Eine Trulle hält noch nicht einmal den dritten Teil eines Sechters.

Totila versucht den Heiligen

Als Totila, König der Goten, vernommen hatte, daß auf dem heiligen Benediktus ein Geist der Weissagung ruhe, brach er auf und ließ seinen Besuch in dem Kloster ankündigen. Er wollte aber versuchen, ob der Mann Gottes die Gabe der Weissagung wirklich hätte. Einem seiner Waffenträger, namens Riggo, gab er seine Schuhe und ließ ihm königliche Kleider antun; so sollte er sich in Gestalt des Königs dem Heiligen nahen. Drei andere Herren aus dem Gefolge, Wulderich, Ruderich und Blindin1), mußten ihn begleiten, seine Waffen tragen und sich nicht anders anstellen, als ob er der wahre König wäre. Riggo begab sich nun in seinem prächtigen Gewande unter dem Zulaufen vieler Leute in das Münster, wo der Mann Gottes in der Ferne saß. Sobald Benediktus den Kommenden in der Nähe, daß er von ihm gehört werden konnte, sah, rief er aus: "Lege ab, mein Sohn, lege ab; was du trägst, ist nicht dein!" Riggo sank zu Boden vor Schrecken, daß er sogleich entdeckt worden war, und alle seine Begleitung beugte sich mit ihm. Darauf erhuben sie sich wieder, wagten aber nicht, dem Heiligen näher zu gehen, sondern kehrten zitternd zu ihrem König zurück mit der Nachricht, wie ihnen geschehen wäre. Nunmehr machte sich Totila selbst auf und beugte sich vor dem in der Weite sitzenden Benediktus nieder. Dieser trat hinzu, hob den König auf, tadelte ihn über seinen grausamen Heereszug und verkündete ihm in wenig Worten die Zukunft: "Du tust viel Böses und hast viel Böses getan; jetzt laß ab vom Unrecht! Du wirst in Rom einziehen, über das Meer gehen, neun Jahre herrschen und im zehnten sterben." Totila erschrak heftig, beurlaubte sich von dem Heiligen und war seitdem nicht so grausam mehr.

1. Bei Marcellinus, p. 72, heißen die drei Herzöge des Totila Ruderit, Viliarid, Bleda.

Die sieben schlafenden Männer in der Höhle

In ganz Deutschland weiß man folgende wunderbare Begebenheit: An der äußersten Meeresküste liegt unter einem ragenden Felsen eine Höhle, in der, man kann nicht mehr sagen seit welcher Zeit, langeher sieben Männer schlafen; ihre Leiber bleiben unverwest, ihre Kleider verschleißen nicht, und das Volk verehrt sie hoch. Der Tracht nach scheinen sie Römer zu sein. Einen reizte die Begierde, daß er der Schläfer einem das Gewand ausziehen wollte; alsbald erdorrten ihm die Arme, und die Leute erschraken so, daß niemand näher zu treten wagte. Die Vorsehung bewahrt sie zu einem heiligen Zweck auf, und dereinst sollen sie vielleicht aufstehen und den heidnischen Völkern die heilige Lehre verkündigen.

Alboin gewinnt Ticinum (Pavia)

Drei Jahre und etliche Monate hatte Alboin Ticinum belagert, eh es sich ergab. Als nun der König durch die Johannespforte an der Ostseite der Stadt einritt, fiel sein Pferd mitten unter dem Tor hin und konnte durch keine Streiche dahin gebracht werden, wieder aufzustehen. Da sagte ein Langobarde: "Gedenk, o König, deines Gelübdes und brich es, so wirst du in die Stadt eingehen, denn es wohnt auch Christenvolk darin." Alboin hatte nämlich gelobt, das ganze Volk, weil es sich nicht ergeben wollte, über die Klinge springen zu lassen. Hierauf brach er nun das harte Gelübde und verhieß den Bürgern Gnade; alsbald hob sich sein Pferd auf, und er hielt ruhig den Einzug.

Autharis Säule

Von Authari, dem König der Lombarden, wird erzählt: Er sei über Spoleto vorgedrungen bis gen Benevent, habe das Land genommen und sogar Reggio heimgesucht, welches die letzte Stadt des festen Landes an der Meerenge, Sizilien gegenüber, ist. Daselbst soll in den Meereswellen eine Säule gesetzt sein; bis zu der hin sprengte Authari auf seinem Roß und rührte sie mit der Spitze seiner Lanze an, indem er ausrief: "Hier soll der Langobarden Grenze stehen!" Diese Säule heißt bis auf den heutigen Tag Autharis Säule.

Agilulf und Theudelind

Nach Autharis (Vetaris) Tode ließen die Langobarden Theudelind, die königliche Witwe, die ihnen allen wohlgefiel, in ihrer Würde bestehen und stellten ihr frei, welchen sie wollte, aus dem Volk zu wählen, den würden sie alle für ihren König erkennend. Sie aber berief Agilulf, Herzog von Taurin, einen tapfern kriegerischen Mann, und reiste ihm selbst bis nach Laumell entgegen. Gleich nach dem ersten Gruß ließ sie Wein schenken, trank selber und reichte das übrige dem Agilulf hin. Als er nun beim Empfang des Bechers ehrerbietig die Hand der Königin küßte, sprach sie lächelnd und errötend: "Der braucht mir nicht die Hand zu küssen, welcher mir seinen Kuß auf den Mund geben soll." Hierauf ließ sie ihn zum Kuß und tat ihm den gefaßten Entschluß kund; unter allgemeinem Frohlocken wurde bald die Hochzeit begangen und Agilulf von allem versammelten Volk zum König angenommen.

Unter der weisen und kräftigen Herrschaft dieses Königs stand das Reich der Langobarden in Glück und Frieden; Theudelind, seine Gemahlin, war schön und tugendsam. Es begab sich aber, daß ein Jüngling aus dem königlichen Gesinde eine unüberwindliche Liebe zu der Königin faßte und doch, seiner niedern Abkunft halben, keine Hoffnung nähren durfte, jemals zur Befriedigung seiner Wünsche zu gelangen. Er beschloß endlich, das Äußerste zu wagen, und wenn er sterben müsse. Weil er nun abgemerkt hatte, daß der König nicht jede Nacht zu der Königin ging, sooft er es aber tat, in einen langen Mantel gehüllt, in der einen Hand eine Kerze, in der andern ein Stäblein tragend, vor das Schlafgemach Theudelindens trat und mit dem Stäblein ein- oder zweimal vor die Türe schlug, worauf ihm alsbald geöffnet und ihm die Kerze abgenommen wurde - so verschaffte er sich einen solchen Mantel, wie er denn auch von Gestalt genau dem Könige gleichkam.

Eines Nachts hüllte er sich in den Mantel, nahm Kerze und Stäblein zur Hand und tat zwei Schläge an die Türe des Schlafzimmers; sogleich ward ihm von der Kämmerin aufgetan, die Kerze abgenommen, und der Diener gelangte wirklich in das Bett der Königin, die ihn für keinen andern als ihren Gemahl hielt. Indessen fürchtete er, auf solches Glück möge schnelles Unheil folgen, machte sich daher bald aus den Armen der Königin und gelangte auf dieselbe Weise, wie er gekommen war, unerkannt in seine Schlafstube zurück.

Kaum hatte er sich entfernt, als sich der König selbst vornahm, diese Nacht seine Gemahlin zu besuchen, die ihn froh empfing, aber verwundert fragte, warum er gegen seine Gewohnheit, da er sie eben erst verlassen, schon wieder zu ihr kehre. Agilulf stutzte, bildete sich aber augenblicklich ein, daß sie durch die Ähnlichkeit der Gestalt und Kleidung könne getäuscht worden sein; und da er ihre Unschuld deutlich sah, gab er als verständiger Mann sich nicht bloß, sondern antwortete: "Traut ihr mir nicht zu, daß, nachdem ich einmal bei Euch gewesen, ich nicht noch einmal zu Euch kommen möge?" Worauf sie versetzte: "Ja, mein Herr und Gemahl, nur ich bitte Euch, daß ihr auf Eure Gesundheit sehen möget." - "Wenn Ihr mir so ratet", sprach Agilulf, "so will ich Euch folgen und diesmal nicht weiter bemühen." Nach diesen Worten nahm der König seinen Mantel wieder um und verließ voll innerem Zorn und Unwillen, wer ihm diesen Schimpf zugefügt habe, das Gemach der Königin. Weil er aber richtig schloß, daß einer aus dem Hofgesinde der Täter sein müßte und noch nicht aus dem Hause habe gehen können, so beschloß er, auf der Stelle nachzuspüren, und ging mit einer Leuchte in einen langen Saal über dem Marstall, wo die ganze Dienerschaft in verschiedenen Betten schlief. Und indem er weiter bedachte, dem, der es vollbracht, müßte noch das Herz viel stärker schlagen als den andern, so trat der König der Reihe nach zu den Schlafenden, legte ihnen die Hand auf die Brust und fühlte, wie ihre Herzen schlugen. Alle aber lagen in tiefer Ruhe, und die Schläge ihres Bluts waren still und langsam, bis er sich zuletzt dem Lager dessen näherte, der es wirklich verübt hatte. Dieser war noch nicht entschlafen, aber, als er den König in den Saal treten gesehn, in große Furcht geraten und glaubte gewiß, daß er umgebracht werden sollte; doch tröstete ihn, daß er den König ohne Waffen erblickte, schloß daher, wie jener näher trat, fest die Augen und stellte sich schlafend. Als ihm nun der König die Hand auch auf die Brust legte und sein Herz heftig pochen fühlte, merkte er wohl, daß dieser der Täter war, und nahm, weil er bis auf den Tag verschieben wollte, was er mit ihm zu tun willens hatte, eine Schere und schnitt ihm von der Seite über dem Ohr eine Locke von den langen Haaren ab. Darauf ging der König weg, jener aber, der listig und sinnreich war, stand unverzüglich auf, schnitt jedem seiner Schlafgesellen auf derselben Seite eine Locke mit der Schere und legte sich hernach ganz ruhig nieder in sein Bett und schlief. Morgens in aller Frühe, bevor die Tore der Burg eröffnet wurden, befahl der König sämtlichem Gesinde, in seiner Gegenwart zu erscheinen, und begann sie anzusehen, um denjenigen, den er geschoren hatte, darunter auszufinden. Da er aber erstaunt sahe, daß den meisten unter ihnen auf derselben Stelle die Locke fehlte, sagte er zu sich selbst: "Der, den ich suche, ist von niederer Herkunft, aber gewiß von klugem Sinn." Und sogleich erkennend, daß er ihn ohne großes öffentliches Ärgernis nicht mehr finden werde, sprach er laut zu ihnen allen: "Wer es getan hat, schweige und tue es nimmermehr!" Bei diesen Worten des Königs sahen sich alle Diener einander verwundert an und wußten nicht, was sie bedeuteten; außer dem einen, der das Stück begangen hatte, welcher klug genug war, sein Lebelang nichts davon laut werden zu lassen und sich an dem Glück zu genügen, das ihm widerfahren war.

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