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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Die Kielkröpfe
  2. Die Nissen und die Wolterkens
  3. Allerünken
  4. Das Glück der Rantzau
  5. Schwertmann
  6. Die schwarze Gret und das Danewerk
  7. Prinzessin Thüra
  8. Die Sassen und die Jüten
  9. Totenkopf wandert
  10. Die schwarze Schule

180. Die Kielkröpfe

Es gab auch noch andere geisterhafte Wesen von dämonischer Art, deren Natur im Guten und Schlimmen, doch mehr im letztern, mit der der Unterirdischen verwandt ist. Wechselbalg und Kielkropf ist so ziemlich Maus wie Mutter. Beide Sorten sind ausgetauschte Kinder ohne Gedeihen, von häßlichem Aussehen, die stets quengeln und weinen und meist die Unterirdischen, wo nicht gar den Teufel zum Vater haben.

Durch Mißhandlungen, die dem Kielkropf angetan werden, wird meist die Mutter desselben gezwungen, ihn wieder zurückzunehmen und das der Mutter heimlich entrissene eigene Kind zurückzugeben.

Einstmals hat sich eine Frau mit solch einem Kielkropf Jahr und Tag gequält; sie hatte wahrscheinlich vergessen, während ihrer Wochen bis zur Taufe Tag und Nacht Licht zu brennen oder irgendein Kleidungsstück von ihrem Manne anzuziehen. Schon hatte sie den Balg sieben Jahre; er aß viel, aber wollte nicht wachsen, nicht laufen, nicht sprechen lernen, hatte einen großen Dickkopf und spinnenbeinige Ärmchen und Füßchen. Da kam zu der Bauernfrau eine alte Jatrin (Zigeunerin), der klagte die Frau ihr Herzeleid, das sie jahraus jahrein mit dem Kinde habe, und die gab guten Rat, was die Bäuerin vornehmen sollte, um zu sehen, ob ihr Kind etwa ein Kielkropf wäre oder nicht. Diesen Rat befolgte die Frau, sie leerte ein Gänsei aus, füllte Bier hinein und kochte es über der Lichtflamme. Auf einmal begann der bisher stets stumm gebliebene Kielkropf an zu sprechen und sagte:

Ich bin so alt

Wie Brennholz im Wald,

So was habí ich aber doch noch nicht gesehn!

So? sagte die Bäuerin, bist so alt wie das Brennholz im Wald, so bist du mein Kind nicht!, und nahm ein Stück Holz und wollte auf das ungestaltete Kind losschlagen, aber da kam gleich eine alte Unnereerdsche gelaufen und nahm das Kind aus der Wiege und sagte: So will ich mein Kind nicht mißhandeln lassen! – und da sie weg war mit ihrem Balg, stand ein schönes wohlgewachsenes siebenjähriges Kind, das rechte der Frau, neben der Wiege.

Ähnliches widerfuhr einer Frau in Jägerup bei Hadersleben, welcher eine kluge Nachbarin riet, den Wechselbalg in den geheizten Backofen zu schieben. Als sie dies tun wollte, kam schnell die unterirdische Mutter, brachte das umgetauschte Kind und sagte: So schlecht hätte ich nimmer an deinem Kinde getan!, indem sie ihr Kind nahm und verschwand.

Im Dorfe Böken bei der Stadt Lauenburg war ein wundertätiges Marienbild von Holz, das heilte viele Kranke. Nun hatte in einem nahen Nachbardorfe ein Bauer lange Zeit in kinderloser Ehe gelebt und hielt deshalb seine Frau sehr übel. Endlich fühlte die Frau sich in Hoffnung, das machte den Bauer ganz glücklich, und er trug nun die Frau fast auf den Händen. Aber als sie geboren hatte, tauschten die Unterirdischen ihr Kind aus und legten einen Kielkropf ein, der hatte einen Kopf wie eine Metze und spindeldünne Gliedmaßen. Auch wuchs nichts an ihm, als nur der Kopf, der wurde größer als beim größten Menschen. Nach drei Jahren glich der Kopf des Jungen einem Riesenkürbis, und dabei konnte das Kind nicht stehen noch gehen noch sprechen, aber quarren und plärren den ganzen Tag, das konnte es meisterlich. Eines Abends, als die Frau dieses Goldsöhnchen auf dem Schoße hatte und sich mit ihm abquälte, sprach sie zu ihrem Mann: Du, mir fällt was ein, vielleicht kann uns noch geholfen werden; morgen ist Sonntag; nimm doch das Kind und die Wiege und geh damit nach Böken zur Mutter Maria, stelle die Wiege vor sie hin und wiege das Kind eine Zeitlang, vielleicht, daß es hilft. – Das will ich wohl tun, sagte der Bauer und ging am andern Tage mit dem in die Wiege wohlverpackten Kielkropf los. Als er auf die Brücke von Böken kam, rief drunten eine Stimme mitten aus dem Wasser heraus:

Kielkropp, wo wullt du hen?

und da antwortete das Kind in der Wiege:

Ik wil my laten wegen,

Dat ik sal gedegen (gedeihen).

Da war der Bauer vor Verwunderung außer sich, daß sein Balg auf einmal sprach, besann sich aber gar nicht lange, sondern schmiß Kind und Wiege ins Wasser hinab und schrie hinterdrein:

Kannstu nun spräken, du Undeert,

Denn ga dorhen, wo duít hast geleert! –

Da erhob sich unter der Brücke groß Schreiens, als riefen eine Menge Leute; und die Kielkröpfe tummelten sich lustig im Wasser, der Bauer aber lief, was er laufen konnte, heim zu seiner Frau.

Eine fast gleiche Sage geht in der Gegend um Halberstadt, da redet auch der Kielkropf im Korbe:

Ick well gen Hackelstadt

(wohin eine Wallfahrt war),

to unser leven Fruggen, und mi laten wigen,

dat ick möge gedigen.

Da warf der Bauer ebenfalls Kind und Korb ins Wasser, und die kleinen Teufel puddelten und purzelten mit Geschrei lustig im Wasser herum.

181. Die Nissen und die Wolterkens

In den nordischen Landen heißen die Wassergeister Nissen, auch Klabautermännchen, auch Nesse, Puge, Puke, Niskepuke, sind aber doch, wie die Kaboutermannekens in Holland, auch zugleich Hausgeister hülfreicher Art, und der Glaube an sie ist allverbreitet. Neben ihnen bestehen auch noch die Wolterkens, ebenfalls Hausgeistchen, Hausknechtchen, was die deutschen Heinzchen, Hütchen, Heimchen sind; der deutsche Name Heimchen findet sich im Nordischen als Chimeken wieder, und sonst haben sie auch noch gar verschiedene Eigennamen, wie guter Johann, Koome u.a. Zum gleichen Geschlecht werden gezählt die Schreckgespenster, der Büsemann, was in Deutschland der Butzemann, Pötz, Pöpel, Hullenpöpel, der Pulterklaes, der Roppert – in Deutschland der Herscheklaes (Nikolaus), Knecht Rupprecht und dgl.

Auf einem Schiff in See klingelte der Kapitän dem Schiffsjungen und befahl eine Flasche Wein und zwei Gläser zu bringen. Verwundert fragend sah der Junge ihn an. Wie er das Verlangte brachte, saß ein Klabautermann am Tisch beim Kapitän, der Geist des Schiffes, sprach mit dem Kapitän und trank dann mit ihm. Ein kluger Kapitän wird stets gut Freund mit dem Klabautermann seines Schiffes sein, denn dann geht alles gut, kein Sturm hat dem Schiff etwas an, kein Brand bricht aus, kein Mangel, keine Krankheit, kein Seeräuber kann es kapern. Findet das Gegenteil statt, wird der Klabautermann ungut behandelt, so gibt es Lärm, Unordnung, Verwirrung, Meuterei, Feuer, Sturm und Untergang und im besten Falle viele viele unsichtbar erteilte Maulschellen und Prügel. – Einst fuhr Doktor Faust über See. Er hatte sich ein gläsern Schiff erbaut; weil er alle Wissenschaft der Erde kannte und studiert hatte, wollte er auch nun das Meer ganz genau ergründen, und da hatte er in seinem gläsernen Schiffskasten einen Niß, der mußte das Schiff lenken, vor Klippen bewahren, mit ihm untertauchen bis zum Grunde, daß Doktor Faust alle Untiefen kennenlernte und alle guten Fahrwasser. Und dazumal hat Doktor Faust die Seekarten erfunden und hat die ersten gezeichnet, denn vor ihm gab es keine. Eines Tages kamen sie an die Fährstelle am Eingange des Flensburger Hafens, da hatte es aber einen Faden – und war eine recht gefährliche Stelle, und das Glasschiff wäre um ein Haar krachen gegangen. Aber Doktor Faust schrie seinem Niß zu: Hol Niß! – da hielt der Niß das Schiff, daß es stand und nicht weiter gegen die Strandklippen fuhr. Von der Zeit an heißt jene Stelle bei den Schiffsleuten Hol-Niß-Fähr.

Die Nissen wohnen in den Häusern in kleinen Balkenlöchern und sonstigen Winkeln; wird ihnen brav Grütze mit Butter, auch Milch und Butterbrot vorgesetzt, so sind sie die hülfreichsten Gäste, wer es mit ihnen nicht gut meint und trifft, dem geht alles die Quer, er verarmt und geht zugrunde.

Zur Sage von den Nissen mischt sich ein Zug, der mit jener vom Alraun und Galgenmännlein tiefinnig zusammenhängt, nämlich der, erkauft zu werden um den billigsten Preis. Wer den Niß nicht mehr loswerden kann vor seinem Tode – denn höher, als man ihn selbst kaufte, ihn weggeben oder wegwerfen, verschenken und dgl. kann und darf man nicht, da kehrt er immer wieder – verfällt dem bösen Feind. Ein solcher Niß ist dann nicht mehr Hausgeist, er ist Alraun, Spiritus familiaris, und wer ihn besitzt, ist Teufelsbündner. Ein solcher Niß wird insgemein in einem Kasten verwahrt und gut gepflegt, gleich dem Alraun. In der Regel trägt er ein rotes Mützchen. Es kommt auch vor, daß Nissen miteinander uneins werden, da sie ohnehin heftiger und jähzorniger Natur sind, und sich prügeln. Ein Niß zu Süderenleben stahl für seinen Bauer in einer Zeit, da es sehr an Heu gebrach, als für seinen Herrn Heu aus der Scheune eines Hufners in Söderup, und dieses Hufners Niß stahl zu gleicher Zeit Heu vom Boden des Süderenlebener Bauers. Unterwegs trafen sie aufeinander und prügelten sich die ganze Nacht hindurch bis zum Tagesanbruch, so daß sie darüber ganze große Haufen von Heu verloren und auf einer Wiese verstreuten, die heißt davon noch heute Pugholm. So ging es auch mit zwei Nissen in Sundewitt, die Hafer gestohlen hatten an verschiedenen Enden, die stießen aufeinander, daß sie über vier Scheffel ausgedroschenen Hafer aus den Hafergarben verloren, welche sie trugen. Der Nissen Hochzeitzüge gingen oft unsichtbar, den Begabten auch sichtbar, durch die Stuben, mit großer Pracht und höchst zahlreich, wie in der deutschen Sage.

Die Wolterkens wohnen vornehmlich in reichen, vorratbegabten Häusern, verrichten Küchendienste, Mägde- und Knechtearbeit, ziehen Wasser, besorgen das Vieh, binden die Besen und lieben es, wenn ein Bauer sein Haus mit den Seinen – oft der Unruhe halber, die er von ihnen hat – verläßt, im Besengestrüpp zu sitzen und sich mit in die neugewählte Wohnung tragen zu lassen und dann neckisch zu rufen: Wir ziehen um!

Will einer all dieses dämonische Gesindlein, wie es heißen mag, Klabautermännchen, Unterirdische, Nissen, Puke, Wolterkens usw., mit aller Gewalt los sein, so gibt es nur ein Mittel: er muß vor jeden Ausgang des Hauses ein Wagenrad stellen und dann das Haus samt allem Geräte, das darinnen ist, bis auf den Grund niederbrennen. Dieses selbige Mittel soll auch das unfehlbar beste zur Vertilgung der Wanzker sein.

182. Allerünken

Allerünken heißen in Dithmarschen die Alräunchen, wenn sie nicht Eigennamen haben. Eine Bauernfrau hatte so ein Ding im Hause. Sie brauchte bloß ein wenig Teig anzurühren, so wuchs ihr der ganze Kessel voll Klöße. Ein neues Dienstmädchen erfuhr von andern auf dem Felde, daß ihre Frau in einem Koffer das Allerünken verschlossen halte. Neugierig, wartete das Mädchen nur den Sonntag ab, als Bauer und Bäuerin in die Kirche waren, um zu stöbern und zu suchen, und richtig, sie fand den Schlüssel zum Koffer in seinem Versteck und schloß auf. Eine kleine Puppe lag in dem Koffer, hatte Kleidchen an, war weich gebettet und bewegte sich. Der Magd kam das Ding graulich vor, sie schlug den Deckel zu und legte den Schlüssel wieder an seinen Ort. Mittags nahm sie die nötige Menge Mehl zu Klößen für das Haus und Gesinde – Herrgott, wie quoll und schwoll das! Alles voll, alles voll, das ganze Dorf hätte ein Klößeessen halten können. Jetzt kam die Frau nach Hause und sah den Vorrat. Was fällt dir ein? Was soll diese Menge? Bist du unklug? – Das Mädchen antwortete: Ich habe nicht mehr Mehl zum Teig genommen, als nötig war. – Ha – so hast du – geh – wasche dir einmal die Hände und halte dein Maul! – Wie das Mädchen ihre Hände gewaschen hatte, war ihr die Kraft des Allerünken verloren.

Manche haben auch das Allerünken Mönöloke genannt. Verfertigt wurde es in des Teufels Namen von weißem Wachs, in einen Rock von blauem Taffet gekleidet, und darüber ein Wams von schwarzem Sammet, Hände und Füße blieben bloß. Sie mußten gut verwahrt und reinlich gehalten werden, dann wurden die Besitzer reich. Wollte einer viel Getreide, so stellte er die Mönöloke unter den Getreidehaufen, Geld, unter den Geldkasten usf.

183. Das Glück der Ranzau

Das Geschlecht der Grafen Ranzau ist uralten Herzoglich Schleswigschen Stammes. Einer Urältermutter dieses Geschlechtes begegnete es, daß ein kleines Männlein mit einer Laterne zu ihr kam, und sie in einen Berg holte, zu einer Wöchnerin bei den Unterirdischen. Sie legte derselben nur die Hand aufs Haupt und alsbald genas das Zwergen-Weiblein glücklich. Das Männlein begleitete dann die edle Frau wieder nach ihrem Schlosse zurück, und gab ihr einen Klumpen gediegenes Gold und sagte: lasse daraus fertigen fünfzig Rechenpfennige, einen Hering und zwei Spindeln, und verwahre das alles wohl bei deinem Geschlecht, denn solches wird stets in Ruhm und Ehre bleiben, so lange von diesen Stücken nichts verloren geht. – Dieses geschah, und die Stücke haben noch auf lange Zeit dem Hause Glück gebracht. Es soll sich diese Thatsache, die auf sehr verschiedene Weise erzählt wird, auf dem Schlosse Breitenburg zugetragen haben. Den goldenen Hering hatte zuletzt Josias von Ranzau, ein tapferer Degen und kriegslustiger junger Held. Er ließ sich ein gutes Schwert fertigen und den Hering an dessen Griff umbiegen und als Bügel anbringen, trat dann in französische Dienste, hatte Glück in unzähligen Schlachten, und wurde zuletzt Generalfeldmarschall. Fechten und Raufen war seine höchste Lust, dabei war er freilich unüberwindlich durch das Erbstück der Ahnfrau. Das wurde ihm, weil es ruchbar geworden, einstmals von einem Kriegskameraden, Caspar Bockwold, ins Gesicht gesagt, er habe gut Fechten und Händel suchen, man wisse wohl, daß er fest sei und sein Muth und seine Tapferkeit im Hering seines Degengriffes stecke. Darüber ergrimmte Junker Josias höchlichst, schleuderte alsbald seinen Degen/ von sich in den Rhein, und forderte Caspar Bockwold auf der Stelle zum Zweikampf, und besiegte ihn dennoch. Selten schlug es ihm fehl, als Sieger aus solchen Kämpfen zu gehen, er hatte deren aber so viele, daß er auch gar manche böse Scharte davon trug. Als er zu hohen Jahren kam, hatte er nur noch ein Auge, ein Ohr, einen Arm und ein Bein, und außerdem noch an seinem Leibe sechsundfunfzig Male schwerer Wunden.

184. Schwertmann

In einem Hofe, Namens Rothwisch, in der Krempnermarsch, lebte vor dessen auch solch ein Raufbold (Rückverweis auf

183, sk), aber noch viel schlimmer, denn er trieb es gar arg mit allen tollen Streichen, und hieß Schwertmann. Der hat für seine Uebelthaten gar lange als Gespenst umgehen müssen, als Feuermann, und hat die Leute geschreckt und geängstigt. Als Schwertmann gestorben war, sah man ihn auf seinem Leichenwagen wieder nach Hause fahren. Beim Leichenschmauße saß Schwertmann unter den Leidträgern. Bald guckte er da, bald dort aus einem Fenster, einem Korbe, einer Lucke, mit schrecklicher, abschreckender Fratze. Als Pfarrer und Küster kamen und diesen Geist bannen wollten, warf er ihnen alles Böse, das sie heimlich gethan, laut vor, bis zum geringsten. Endlich überwand ihn der Schulmeister, der im Ueberwinden Uebung hatte, und trug ihn nun nach dem wilden Moor, ihn zu bannen. Da zischelte ihm Schwertmanns Geist ins Ohr: nur nicht zu tief in den Sumpf, hörst du? nur nicht zu tief. Als Schwertmann nun dorthin gebannt war, aber eben nicht zu tief, so wandelte er von Zeit zu Zeit als Feuermann herum, und schreckte viele Leute. Die größte Pein litt er an seinen brennenden Füßen; wo er Schuhe fand, zog er sie an, weil sie seinen Brandschmerz linderten, es paßten ihm auch alle, nur konnte er kein Paar lange tragen, weil er jedes gleich durchbrannte. Oft bat er selbst Leute um Schuhe, die gleich verschwanden, sobald sie ihm hingesetzt wurden. Endlich hat ein Bäckergesell diesen ruhelosen Geist in einer Kiepe gefangen und sie ins Meer gesenkt, seitdem war Ruhe vor ihm, aber sein tolles Wesen bei seinem Leben und nach seinem Leben, das blieb im Gedächtniß der Leute, und sie sprachen sprüchwörtlich, wenn es wo recht wild und toll und übel herging: da regiert Schwertmann.

Wenn einmal einer etwa die Kiepe zufällig auffischt und öffnet, da wird er schon sehen, was für einen Fisch er gefangen hat.

185. Die schwarze Gret und das Danewerk

König Christoph I. von Dänemark hatte zur Gemahlin des Pommerherzogs Sambor Tochter, das war ein arges Zauberweib; sie hieß nur die schwarze Gret und hatte den Beinamen Springhest. Sie ist die Urheberin des berühmten Danewerkes, jenes riesigen und weiten Walles; den zu erbauen schloß sie einen Bund mit dem Teufel und gebot ihm, in einer Nacht den Wall fertig zu machen; nur ein einziges und zwar eisernes Tor solle hineinkommen, dafür solle dem Teufel gehören, was zuerst durch das vollendete Werk schreite. Da stellte der Teufel ein zahlloses Heer von Arbeitern in das Feld, davon füllte jeder nur dreimal seinen eisernen Hut voll Erde, so war der Wall fertig, und der Teufel stellte sich hinter dem Torflügel auf die Lauer, sah auch schon einen gutgekleideten Reiter die Landstraße daherkommen und freute sich auf den Fang. Aber zufällig hatte der Reiter einen Pudel bei sich, der lief vornweg nach Hundeart, und der Teufel riß ihn wütend in Stücke, wie auf der Reußbrücke die Gemse, auf der Regensburger Brücke den Hund, im Dom zu Aachen den Wolf, und wo sich sonst dieser Sage ein Widerhall findet.

Da nun die wilde schwarze Gret, Springhest genannt, überhaupt ein gottloses, unseliges Leben führte, so ward ihr zur Strafe ihrer schrecklichen Sünden von Gott geboten, allnächtlich über ihr Teufels- und Danewerk als Geist zu reiten. Da haben viele Leute sie gesehen. Ihr Anzug ist ganz schwarz, aber ihr Pferd ist weiß, und sein Odem ist Feuer. Zwei Geister in weißen Kleidern folgen ihr, und da rennen und sprengen die Drei wie der wilde Jäger von Hollingstede bis Haddeby. Dieses Gespenst leidet nicht, daß auf seinem Walle etwas angebaut werde. In der Nähe von Haddebye heißt ganz besonders eine Stelle im Danewerke nach der Springhest Margretenwerk, da läßt sie sich am häufigsten sehen.

Einstmals erschien sie armen Fischern vom Schleswiger Holm, die traurig waren, daß sie nach einer arbeitvollen Nacht nichts gefangen hatten, in aller ihrer königlichen Pracht, mit Perlen und Demanten geschmückt, wie man ihr Bild im Schlosse zu Husum sah, und gebot ihnen, die Netze noch einmal auszuwerfen, aber den besten Fisch, den sie fingen, den sollten sie wieder in das Wasser werfen. Die Fischer taten den glückhaftesten Zug, der seit St. Petri Zeiten getan worden, und der beste Fisch, der hatte Flossen von Smaragd, Schuppen von gemünztem Gold, und seine Nase war mit Perlen besetzt. Der eine Fischer wollte dieses Prachtstück gleich wieder in die Flut werfen, dem andern aber fraß die Habgier am Herzen, und er verbarg den Fisch gegen den Willen des an dern, seines Gefährten. Rasch wurde fortgerudert, aber da begannen alle andern Fische auch Schuppen von gemünztem Golde zu bekommen und Perlen am Oberkiefer und Edelsteine statt der Flossen, und da wurde der Kahn so schwer, so schwer, und sank, und der Habgierige mußte ertrinken, der andere aber konnte nur mit genauer Not sein Leben retten.

186. Prinzessin Thüra

Auf der Thürenburg beim kleinen Danewerk saß vor langen Zeiten eine Königstochter, die hieß Thüra, nach ihr ist auch der Berg genannt. Nun kam dazumal ein fremder Prinz, um sie zu freien, der war aber so häßlich, daß niemand ihn ersehen konnte, auch die Prinzeß nahm ihn höchst ungern, konnte es ihm aber nicht abschlagen. Endlich fiel sie auf einen Rat. Kurz vor der Hochzeit nahm sie mit dem Bräutigam einen Spazierritt auf dem alten Wall nach Hollingstede vor, da ging damals noch eine Inbucht von der Westersee herein. Auf dem Rückweg ließ die Prinzessin ihr Schürztuch fallen, als ob der Wind es ihr entführte. Da sagte der Prinz: Prinzessin, Ihr habt Euer Schürztuch fallen lassen, wollt Ihr es nicht mitnehmen? – Darauf antwortete sie: Ei, wenn Ihr ein redlicher Ritter seid, so solltet Ihr, junger Herr, doch selbst absteigen und mir das Tuch aufheben! – Da ritt er hin zur Stelle und bückte sich vom Roß, und die Prinzessin ritt auch hin, zog, wie er sich bückte, sein Schwert rasch aus der Scheide und hieb ihm den Kopf ab. Als sie nun nach Hause kam und gefragt wurde, wo sie denn ihren Bräutigam gelassen habe, da sagte sie: Ach, wir ritten den alten Wall entlang, da sind die Unholde über uns gekommen und haben dem Prinzen den Kopf abgeschlagen, ich aber bin hinweggeritten. – Da wurde der Tote aufgesucht und in einen Riesenberg (Hünengrab) gelegt, auf das Eperstorfer Feld, wo man es in den Dreibergen nennt.

187. Die Sassen und die Jüten

Vorzeiten war, wie ein Mann zu Kurborg bei Schleswig am Danewerk erzählt hat, dieser Wall die Grenzscheide zwischen Jütland und dem Lande der Sassen, und den alten Wall, der das Danewerk heißt, den hätten die Jüten erbaut. Sie gruben, den Wall noch sicherer zu machen, da sie mit den Sassen in einem heftigen Kriege begriffen waren, auch noch einen Graben davor, der heißt noch heute der Kuhgraben. Und da banden sie eine Schar rote Ochsen zusammen, steckten auf jedes Ochsenhorn ein Wachslicht, hingen ihnen weiße Tücher über die Köpfe und dachten damit den Sassen bange zu machen. Aber die tapfern Sassen nahmen den Kuhgraben und die Ochsen dazu. Nachher lagen sie aber lange vor dem eigentlichen Wall; endlich fanden sie eine Stelle zum Hindurchkommen. Der Wall ging nämlich durch ein Torfmoor und war an dieser Stelle bloß von Torf aufgeworfen. Da steckten die Sassen Feuer in den Wall und brannten das Stück bis auf den Grund nieder. Noch ist die Stätte zu sehen und heißt der Sydergrund. Da nun die Sassen den Jüten immer näher kamen, vergruben diese ihre Kriegskasse in den Sydergrund, und die Sassen drangen durch den Wall und erschlugen in einer großen Schlacht zwanzigtausend Mann, dann kehrten sie wieder um. Die Jüten aber sammelten sich aufs neue und ließen sich vernehmen: Noch sind sie nicht den Kropper Busch vorbei! Sie trieben nun die Sassen auf die Heide und schlugen bei Kropp die zweite Schlacht. Da haben die Sassen vierzigtausend Mann verloren, und davon ist das Sprüchwort entstanden: Noch ist er nicht den Kropper Busch vorbei. In dieser Schlacht verloren die Sassen auch ihren Feldherrn, das war ein Mann von solcher Stärke, daß er mit seinem bloßen Finger in jeden Stein schreiben konnte. Nicht weit von Anschlag liegt noch so ein Stein, den er hingeworfen hat in der Schlacht, da sieht man noch alle fünf Finger, wie sie in den Stein eingegriffen haben.

188. Totenkopf wandert

Nicht weit von der Jütlandgrenze lagen zwei Burgen, Fobeslet und Drenderup, die Güter sind noch vorhanden. Auf Drenderup saß ein wüster Gesell, Ritter Adelbrand, auf Fobeslet aber ein holdes Fräulein, Antolille geheißen. Der Ritter liebte das Fräulein, und das Fräulein haßte den Ritter. Sie sagte ihm, er sehe aus wie ihres Vaters Hund, und ein andersmal, er sei nicht besser als ein alter Pantoffel. Das verwandelte des Ritters Liebe in grimmen Haß, und er schwur dem Fräulein furchtbare Rache. Sieben Jahre bewachte er ihre Burg, sieben Jahre durfte sie sich nicht herauswagen, und da sie dies auch nicht tat, so bekam er sie nicht in seine Gewalt. Da gab er, scheinbar des Harrens müde, seine Bewachung auf und reiste weg, und bald kam das Gerücht, er sei gestorben. Sieben Jahre war das Fräulein Antolille in keine Kirche gekommen, sie sehnte sich in eine solche, und da sie nun sich sicher glaubte, so verließ sie ihre Burg mit ihrem Gefolge. Plötzlich brach aus einem Hinterhalt Ritter Adelbrand, versprengte die Diener und ergriff die Unglückliche, die seine Liebe mit so bitterm Hohn gelohnt. Er band sie an den Schweif seines Pferdes und jagte so mit ihr davon auf seine Burg zu. Ihre Mutter sahís von den Burgzinnen und starb mit Antolille zu gleicher Zeit. Als Adelbrand seine wilde Rache gekühlt, tötete er alsbald sich selbst. In Drenderup begrub man die drei Leichen. Aber Adelbrands Schädel fand keine Ruhe in der Gruft; wie er so rastlos sieben Jahre arger Gedanken voll gewesen, so spukte und rollte er bald da, bald dort umher, schreckte die Menschen und weilte in keinem Grabe.

189. Die schwarze Schule

Viele Sagen gehen in Nordfriesland und in Norddithmarschen von der schwarzen Schule, in welcher kein anderer der Schulmeister ist als der Teufel selbst. In diesem seinem Seminarium unterrichtet der Schwarze junge Theologen und Schulmeister in gar mancherlei geheimen Künsten, doch nicht umsonst, sie müssen ihm ihre Seele verschreiben und eine gewisse Bedingung festhalten, fehlt einer deren und versiehtís einmal, so ist seine Seele verloren. Die meisten versehenís. Da muß einer nur ein Strumpfband tragen, ein anderer darf sich nur einmal die Woche rasieren, ein dritter darf nie anders die Strümpfe anziehen als verkehrt. Die Künste, welche diese schwarzen Scholaren lernten, bestanden in Bannen, Festmachen, sich an andere Orte schnell hinzücken, erfahren, was daheim geschieht, und wenn sie noch so weit vom Hause sind, andere, besonders Diebe, stehenbleiben machen, sie festschreiben, festlesen und dgl. Bisweilen glückt es einem oder dem andern, den Teufel, der seinen Bündnern fort und fort nachstellt und dahin wirkt, daß sie das Gelobte nicht halten, zu überlisten, denn manchem Pastoren und Schulmeister auf dem Lande ist fürwahr der Teufel selbst noch nicht klug und schlau genug. So wird viel gesprochen von einem Pastor in Medelby im Amte Tondern, des Namens Fabricius, der konnte mehr als Brot essen, weil er in die schwarze Schule gegangen, und der durfte niemals zwei Strumpfbänder anlegen, sondern immer nur eins. Damit er nun sich vergäße, lagen gar manchesmal früh beim Aufstehen zwei Strumpfbänder auf seinem Stuhle, damit fing ihn aber der Teufel keinesweges. Hierauf plagte der Teufel das Mädchen, das für den Pfarrer Strümpfe strickte, als Floh, da ließ sie oft die Maschen fallen und juckte sich, und da wurden die Strümpfe zu weit, weil sie sich auch zum öftern verzählte, nun fiel der Strumpf ohne Band herunter auf die Ferse, das verschlug aber dem Pfarrer alles nichts, er band ihn doch nicht fest, sondern ließ ihn hängen, und der Teufel konnte ihm nichts anhaben. Ein anderer Pastor, hieß Ziegler, durfte auch nur ein Strumpfband tragen, doch nur auf Zeit eines Kontraktes mit dem Teufel, nach dessen Ablauf wollte jener kommen und ihn holen. Da nun die Zeit um war, kam der Teufel frühmorgens, und der Pfarrer zog sich langsam an; zuerst zog er die Strümpfe verkehrt an, das war dem Teufel schon ganz zuwider, dann zog er sich weiter sehr langsam an, und der Teufel verlor die Geduld und sagte: Mache endlich, daß du fertig wirst, das dauert ja eine Ewigkeit! Ich habe mehr zu tun. Jetzt warte ich keinen Augenblick länger, als bis du dein Strumpfband angelegt. Der Pastor Ziegler hatte schon das Strumpfband in der Hand, aber als der Teufel das sagte, legte er es ganz langsam wieder hin, sprach zum Teufel: Guten Morgen! – und legte sich auf die andere Seite. Wütend fuhr der Teufel von dannen und kam nimmermehr wieder, und nimmermehr wieder trug der Pastor ein Strumpfband. Als er noch einmal herumgeschlafen hatte, nahm er eine Schere und schnitt seine Strümpfe unter der Wade ab, so erfand er die Strumpfsocken, wie sie die meisten Männer jetzt tragen, und brauchte keine Strumpfbänder mehr.

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