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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Spottnamen und Schildbürger im Norden
  2. Die Rungholder auf Nordstrand
  3. Die getreue Alte
  4. Treuer Herr, treuer Knecht
  5. Der Dom zu Schleswig
  6. Die nächtliche Trauung
  7. Der schnelle Reiter Tod
  8. Der Zauberer von Plön
  9. Die Seeräuber
  10. Die Krempner Glocke

190. Spottnamen und Schildbürger im Norden

Im innern Deutschland denken wir Wunders, was für weise Lalenburger wir im Schwaben- und Frankenlande, in Schilda und Schöppenstätt, in Wasungen und Ummerstadt u.s.w. haben. Da schaut einmal hinauf nach Ditmarschen und Schleswig-Holstein, da ist des Volkes Necklust lebendig über alle Maaßen. Da sind die Jagler bei Schleswig, die heißen die tollen Jagler, wie auf dem Rhöngebirge die Einwohner des Dorfes Ditges die tollen Dittiser; die wollen einen Balken partout die Queere durch ihr Thor schaffen, bis sie einen Spatzen mit einem Strohhalm fliegen sahen, der den Halm zur Längst in sein Nest zog. Die Hotstrupper haben eine Scheuer, in der sie alle Dummheiten einheimsen und auffspeichern, daher das Sprüchwort gilt: geh nach Hotstrupp und laß dir die Narrheit verschneiden. Zu Gabel ging es mit einer Katze fast/ gerade wie zu Wasungen. Sie kauften solch ein rares Thier zum Mäuseausrotten für dreihundert Thaler. Als der Handelsmann fort war, fiel den Gablern erst ein, daß sie zu fragen vergessen, was denn dieses Thier fresse? (Zu Wasungen kam die Rückantwort: die Katze frißt alles, da entstand große Furcht, und man schaffte schleunigs die Katze wieder ab.) Dem reitenden nacheilenden Boten aber rief der Händler zu: Milch und Mäuse! – Nun pfiff gerade der Wind etwas stark, und der Bote verstand: Milch und Menschen! und brachte im Galopp diese Antwort zurück. Welch ein Schreck! Wie da zu rathen und zu helfen? Im äußersten Haus war schon die Katze, sie sollte von da reihum gehen, wie der Dorfspieß. Man wagte sich nicht an das menschfressende Unthier, man steckte das Haus in Brand, da sollte es drinnen verbrennen. Als das Haus im schönsten Brennen war, wurde es der Katze zu warm darin, sie sprang daher geschwinde heraus und lief in das nächste. Das wurde auch angesteckt; die Katze sprang von da, weil es wieder zu warm wurde, in das dritte Haus, und immer so fort, bis kein Haus mehr da war, da lief sie über Feld, und kam nicht wieder. Die Gabler aber waren froh, daß sie die Katze und zugleich auch ihre Hausmäuse loswaren, wie jene Guten, die ihr Haus niederbrannten, um die Wolterkens sammt allen Wanzkern los zu werden. Die Romöer sind auch eine kluge Sorte. Sie wollten gern ihre Kirche zwei Ellen weiter schieben, und meinten, da nur wenige Leute diese erbaut, so würden viele Leute die Kirche doch leicht fortschieben können. Damals trug man allgemein zu Romöe rothe Jacken; alle hatten welche, nur Paul Moders, ein armer Robbenfänger, hatte keine. Da sagte er, alle Romöer sollten sich an der Nordseite zum Schieben anstellen, an der Südseite aber eine Jacke zwei Ellen weit von der Kirche legen, damit man richtig sehen könne, ob die Kirche weit genuzg geschoben sei. Der Vorschlag gefiel, die Jacke ward hingelegt, und alles schob. Jetzt kam Paul Moders und schrieb: genug! genug! haltet ein! Ihr habt die Kirche schon über die rothe Jacke hinüber geschoben, ihr Simsone, ihr! – Da waren die Romöer froh, daß es ihnen so wacker gelungen war. Am nächsten Sonntag wunderte sich Jedermänniglich, daß auch Paul Moders mit einer rothen Jacke in die Kirche kam, konnen gar nicht begreifen, wie der arme Thranschlucker zu einer rothen Jacke gekommen war.

Die Büsumer an der See, die sind auch von den Pfiffigen. einstmalen gingen ihrer Neun zu baden, und schwammen wie die Enten. Jetzt hob sich der Vordermann und sagte: mine Jongens, ik mutt doch würftig mal tellen, ob ay noch all dohopen sünt. Nun zählte er: einer, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, ich bin ich, es muß beim Donner, einer versoffen sin! – Jetzt schwammen alle traurig zum Ufer; ein Fremder kam, dem klagten sie ihr Herzeleid, und der rieth ihnen, sie sollten sich niederlegen, und ihre Nasen in den Sand stecken, hernach die Löcher zählen. Selbies thaten sie, hurrah! Da gab es neun Löcher, und keiner war versoffen. Den Mond wollten die Büsumer aus dem Brunnen schneiden, einen/ Hummer haben sie für einen Schneider angesehen, auf ein Feld säeten sie Kuhplapper, meinten von selbigen Eiern sollten Kühe wachsen. Ein Mann stahl ihnen einen weißen Mühlstein, lange zogen sie ihm nach, folgten seiner Spur bis nach Hamburg, thaten sich dort viel zu Gute auf Gemeindeunkosten, gingen auch in St. Michelskirche und erhoben auf einmal einen Heidenspektakel, indem sie überlaut schrieen: unser Mühlstein! unser Mühlstein! Der Herr Pastor hat ihn, hat sin Köpken durchgesteckt! – Sie hielten den großen und breiten runden Halskragen aus Battist, den die Mode den Geistlichen um den Hals gelegt, für ihren großen weißen Mühlstein.

Die Bishorster leitete ein Schalk an einem Seil in einen tiefen Brunnen, als sie nach gewohnter Weise die Christnachtmette besuchen wollten, und sich an dem Seile, das sie ausgespannt hatten, um in der Nacht des Weges nicht zu fehlen, forthalfen. So erzählen die Haseldörfer, Bishorst aber hat die Elbe nach und nach ganz hinweggefluthet.

Die Kisdorfer haben eine Sense, die ein Grasdieb liegen ließ, für ein gefährliches Thier angesehen, und eilend eingezäunt. Auch sie trugen, wie ihre witzigen Brüder in Deutschland, den Tag in Säcken in ein neugebautes Haus.

Die Fockbecker haben einen Teich mit eingesalzenen Heringen besetzt, meinten, überís Jahr reichliche Brut davon zu haben. War aber gefehlt; als der Teich abgelassen ward, war kein Hering drin, nur ein großer Aal. – Das ist der Heringsfresser, der muß sterben! rief der klügste Fockbecker. Wir wollen ihn essen, wie er unsere Heringe gegessen hat! – schlug einer vor. Das ist nicht Strafe genug! – rief ein zweiter, der sich einmal gebrannt hatte. Verbrennt ihn! – Nein! schrie ein dritter, der einmal fast ertrunken wäre: brennen ist sehr schlimm, aber versaufen ist schlimmer. Wir wollen ihn in die Au schmeissen, und ihn versaufen! – Alle stimmten dem letzten bei, zumal er am meisten schrie, und wie der Aal nun im Wasser fröhlich schnalzte und sich krümmte und schlängelte, da rief der letzte Weise: seht ihr, wie er sich quält! Ja – das ist der schlimmste Tod, das Versaufen. – Wenn das Verdursten nicht noch schlimmer ist! rief einer, der gern das letzte Wort haben wollte. (S. 173-175)

191. Die Rungholder auf Nordstrand

Husum gegenüber in der Nordsee liegt die Insel Nordstrand, darauf lag einst ein reicher Ort, Rungholt, dessen Bewohner bauten große feste Dämme, und darauf stehend sprachen sie zum Meere voll Übermutes: Trotz um, blanke Hans! – In ihrem Übermut haben sie einmal eine Sau im Wirtshaus betrunken gemacht, ihr eine Schlafmütze aufgesetzt und sie ins Bett gelegt, dann sind sie zum Pfarrer gelaufen und haben ihm gesagt, er müsse kommen und einem Todkranken das heilige Abendmahl reichen. Da er nun das Sakrament nicht also schändlich entweihen wollen, haben sie ihn bedräut und mißhandelt, und schmählichen Unfug fortgetrieben. Da erging in der Nacht an den Pfarrer ein Zeichen und eine Stimme: Gürte dein Gewand und ziehe deine Schuhe an und wandere. – Da wanderte der Pfarrer fort mit den Seinen, so eilend er konnte. Darauf erhob sich ein Wind, und es schwoll das Wasser, und wuchs und wuchs an den Dämmen hinan, die dort Deiche heißen, und ging über die Dämme, und stand über ihnen vier Ellen hoch, und den Flecken Rungholt auf Nordstrand und sieben andere Kirchspiele verschlang das Meer. Einst soll es wieder auferstehen. Bei heller See erblicken Schiffer zum öftern den Ort und das Land auf des Wassers Grunde, seine Häuser, seine Türme und Windmühlen, auch wollen manche die Glocken der versunkenen Kirchtürme haben erklingen hören.

Gleich den Rungholtern haben auch einstmals die bösen Bauern zu Lichtenau im großen Werder in Preußen (bei Danzig) getan, es ist ihnen solches aber übel genug bekommen.

192. Die getreue Alte

Zu Husum sollte einst ein Winterfest gefeiert werden auf dem Eise, denn das Eis war fest. Zelte wurden aufgeschlagen auf der herrlichen blanken Fläche zwischen dem Ufer und der Insel Nordstrand, Schlittschuh lief, was laufen konnte, Stuhlschlitten flogen dahin, Musik und Tanz, Lied und Becherklang verherrlichte den schönen Tag und die nahe lichthelle Mondnacht, die den Jubel noch vermehren sollte, denn schon ging der Mond auf.

Alles und alles war hinaus aufs Eis und machte sich lustig, nur ein steinaltes Mütterlein war zurückgeblieben, hatte die Weltlust hinter sich, und wenn sie ja wollte, konnte sie hinaus und hinab aufs Eis sehen, denn ihr Häuslein stand auf dem Damme. Und sie tatís, sie sah gegen Abend hinaus und sah im Westen ein Wölkchen über die Kimmung heraufziehen, da befiel sie große Angst, denn sie war eines Schiffers Witwe und kannte die See und die Zeichen von Wetter und Wind. Sie rief, sie winkte – niemand vernahm sie, niemand blickte nach ihr – aber das Wölkchen wuchs zusehends und war ein Bote der Flut und schnell umspringenden Windes von Nord nach West. Und wenn die auf dem Eise nur noch eine halbe – eine Viertelstunde zögerten, so war es um sie getan, so stand Husum menschenleer. Wie die Wolke wuchs, zusehends, riesengroß, schwarz – wie sie schon den lauen Windhauch spürte, wuchs auch der Alten unsagliche Angst – und sie war allein, krank, halb gelähmt, machtlos. Dennoch ermannt sie sich, kriecht auf Händen und Füßen zum Ofen, nimmt einen Brand, zündet das Stroh ihres eignen Bettes an und kriecht zur Türe des Häuschens hinaus. Bald schlägt die Flamme aus dem Fenster, hinauf zum Dach, des Sturmes Odem facht hellodernde Glut an, und: Feuer! Feuer! schreit es auf dem Eise, und die Zelte werden verlassen, die Schlittschuhläufer fliegen dem Strande zu, die Schlitten lenken sich heimwärts. Und da faucht schon der Wind über die Eisfläche, da pochtís schon drunten und poltert, und wie Kanonendonner kracht das Eis in der Ferne. Die schwarze Wolke überzog den Mond und den ganzen Himmel, wie ein Leuchtturm flammt das Haus der Witwe und zeigt den Heimwärtseilenden die sichere Bahn. Wie die letzten am Strande sind, rollt die Flut ihre Wogen über das Eis und reißt Zelte und Tonnen, Wagen und Zechgeräte in ihre rauschenden Wirbel.

Die arme Alte hatte ihr Häuschen geopfert, die Bewohner ihrer Stadt zu retten. Es wird ihr ja wohl nicht unvergolten geblieben sein.

193. Treuer Herr, treuer Knecht

Als auf der Lohheide die Holsten gegen die Dänen die große Siegesschlacht schlugen, fielen der Dänen so viele, daß die ganze Feldmark voll Leichen lag. Die schwarze Gret hat auch in dieser Schlacht mitgefochten. Graf Geert, der Holstenführer, ward im Schlachtgetümmel vom Pferde geworfen, aber ein Bauer aus Büttel bei Brockdorf in der Wilstermarsch half ihm wieder zu Roß und sprach: Nun gebrauche wieder deiner vorigen Kräfte. Zum Dank dafür befreite der Graf das ganze Dorf von der Landesschatzung. Einen Edelmann, Wedeke von Osten, der in dieser mörderlichen Schlacht fiel, hatte Graf Geert so lieb, daß er um ihn weinte. Derselbe Graf ließ in Rendsburg eine Schar Landsknechte zurück, an welche die Bürgerschaft noch Forderung hatte. Als sie aber den Lärm der Schlacht hörten, machte sich die Schar unter Führung des Ritters Burchard von Itzehude, des Grafen Marschall, auf, und dem Getümmel zu. Es war aber Nacht, und wie sie gegen Sehestedt oder Königsfährde kamen, ritt ihnen ein Dänenhaufe stracks in die Hände, den griffen sie an, erschlugen einen Teil und fingen die anderen, und der Marschall ritt mit ihnen nach Schloß Gottorp und pochte an, den Grafen Geert zu sprechen. Dieser war schwer verwundet, erhob sich aber dennoch vom Lager. Da sprach Burchard zu ihm: Herr, da ich Euch zuziehen und Hülfe leisten wollte, bin ich verwundet und gefangen worden und nur unter Geleit entlassen. Wes soll ich mich trösten? Wollet Ihr mich vom Feinde lösen? – Ohne Zweifel! antwortete der Graf. Ich habe der Dänen genug gefangen und gebe ihrer viele darum, dich frei zu machen. – Getreuer Herr, getreuer Knecht! sprach darauf der Marschall zu sich selber und rief dem Grafen freudiglich zu: Herr, ich bin nicht wund und nicht gefangen, aber ich bringe Euch gefangen den Dänenkönig, seine schwarze Gret und sein ganzes Gefolge! Laßt das Schloß auftun und verwahret alle wohl. – Darhat sich der König mit großem Gelde lösen müssen, und es wurde ein Sprüchwort unter den Leuten im Lande: Treu Herr, treu Knecht.

Dasselbige Sprüchwort hat sich weit verbreitet, und hat in späterer Zeit ein Herzog zu Sachsen-Weimar es sogar auf Münzen prägen lassen, und liegt ein tiefer Sinn darin für Herren und Diener.

194. Der Dom zu Schleswig

Die Domkirche zu Schleswig war vorzeiten die schönste und prächtigste im ganzen Lande, aber durch Kriegszeiten geriet sie im Verfall, und als sie in Feindes Händen war, ward gar übel in ihr gehaust. Das Kriegsvolk lagerte in ihr, soff, spielte und fluchte. Bei einem Kartenspiele war einem wüsten Gesellen das Glück abhold, da verschwur er sich mit lästerlichen Flüchen und schrie: Ei so will ich dem alten Gott die Augen ausstechen! und warf sein Schwert hoch hinauf gegen das Domgewölbe. Und siehe – es fiel nicht wieder herab, sondern blieb droben am Gewölbe im Gemäuer fest stecken. Als die Feinde ihren Abzug genommen, wurde das Schwert entfernt, aber wenn man drunter stand, sahe man immer noch, wie man zuvor gesehen, des Schwertes Schatten, und der war nicht wieder auszutilgen.

In derselben Kirche stand auch ein hölzern Bildnis des Erlösers, Christus unter dem Kreuze sitzend. Ein Trunkener stolperte mit einem Beil daher und hieb im frechen Übermut dem Bilde die große Zehe des linken Fußes ab. Da schmerzte ihn gar plötzlich sein eigner linker Fuß, und wie er nach Hause kam, hatte er den Stiefel voll Blut, und seine eigene Zehe war abgehauen.

195. Die nächtliche Trauung

Nahe bei Apenrade geschahe es, daß der Pfarrer eines ohnweit der Ostsee gelegenen Dorfe in der Nacht von ein paar Matrosen aus dem Bette geholt wurde, welche ihm einen schweren Beutel mit Goldstücken vorhielten und ihm sagten, diese solle er erhalten, wenn er ihnen alsbald in seinem Ornate zur Verrichtung einer heiligen Handlung folge, wo nicht, so müsse er unfehlbar und auf der Stelle sterben. Der Prediger folgte seinen rauhen Führern zu der Kirche, die in einer ziemlichen Entfernung vom Dorfe einsam stand. Er sahe sie von innen erleuchtet, und eine Schar bewaffneter Seeleute in fremder Tracht erfüllte ihre Räume. Er wurde zum Altare hingeleitet, dort stand ein junger Herr in reicher Tracht und eine Dame im Brautschmuck, hinter ihnen aber war die Gruft geöffnet. Da wurde dem Priester befohlen, das Paar zu trauen, und er tat es nicht ohne Beben, und als das Paar verbunden war, ward ihm weiter anbefohlen, eine Grabrede zu halten an dem offenen Grabe, als ob er jemand begrübe, und er tat auch dies nicht ohne Beben. Da er nun vollbracht, was von ihm verlangt worden war, so wurde ihm noch ein furchtbar schwerer Eid abgenommen, nun und nimmermehr zu sagen, was er hier gesehen und was durch ihn geschehen. Hierauf ist er, vom Grausen ergriffen, die Kirche hinter sich, eilend nach Hause gegangen, aber noch war er nicht weit von der Kirche, so hörte er in ihr einen starken Schuß fallen und einen lauten Aufschrei aus Frauenmund – enteilte ganz bestürzt und fast sinneverwirrt nach Hause. Er fand keine Sekunde Schlaf, und mit dem frühesten eilte er wieder nach jener Kirche hin. Auf hoher See sah er einen stattlichen Dreimaster mit russischer Flagge schwimmen. Als der Pfarrer in die leere Kirche trat, fand er alles in bester Ordnung – aber – in dem offnen Grabe, daran er in der Nacht die Leichenrede gesprochen, lag die Leiche der Braut, die er hatte trauen müssen, mitten durch das Herz geschossen. – Diese Sage wird auch auf Anholt erzählt und in ähnlicher Weise auch zu Lunden in Norderdithmarschen. Ganz so lebt sie aber auch zu Trotting auf Seeland, und der berühmte Philosoph Schelling hat sie in wohlklingende Terzinen umgedichtet.

196. Der schnelle Reiter Tod

Im Schleswiger und Dithmarscher Lande geht eine Sage um von einem bäuerlichen jungen Liebespaare, das hatte sich gar zu lieb, aber Gott fügte es, daß der Bräutigam krank ward und starb. Da wollte sich seine Liebste gar nicht zufrieden geben und weinte und jammerte den ganzen Tag, und wenn es Abend wurde, so ging sie hin auf sein Grab und weinte und jammerte die liebe lange Nacht. Da nun die dritte Nacht kam, seit er begraben war, und sie wieder dasaß und weinte, da kam ein Reiter auf einem Schimmel und fragte sie: Willt du mit mir reiten? Da schlug sie die Augen auf und sahe, daß es ihr Geliebter war, und sprach: Ja, ich will mit dir reiten, wohin du willt – und stieg mutig zu ihm auf sein Pferd, und fort ging es mit dem Wind um die Wette in die weite Welt. Da sie nun eine gute Strecke geritten waren, so sprach der Geliebte:

Der Mond der scheint so hell,

Der Tod der reitet so schnell,

Mein Liebchen, graut dir nicht?

Nein! sagte sie, was soll mir wohl grauen? Ich bin ja bei dir. Und weiter und weiter ging der Ritt und immer hastiger wie vorher, aber die Dirne saß fest auf dem Pferde und hielt den Geliebten umfaßt. Da fragte dieser zum andernmal:

Der Mond der scheint so hell,

Der Tod der reitet so schnell,

Mein Liebchen, graut dir nicht?

Nein! erwiderte sie nochmals, was soll mir grauen? Ich bin ja bei dir! – Aber es wurde ihr doch ein wenig wunderlich zumute; und da fragte er zum drittenmal:

Der Mond der scheint so hell,

Der Tod der reitet so schnell,

Mein Liebchen, graut dir nicht?

Da begann ihr zu grauen, fester hielt sie ihn umklammert und sprach kein Wort. Da sauste das Pferd dreimal mit ihnen in einem Kreis herum, und weg waren sie.

Weitumgehend ist diese Sage, auch in England wie in Schweden ist sie verbreitet. Die Schauerverse des toten Reiters vernahm der deutsche Dichter Bürger und spann aus ihnen seine düstre Ballade Lenore.

197. Der Zauberer von Plön

Es saß auf dem Schlosse Plön Herzog Johann Adolph zu Holstein-Sonderburg, der war ein großer Kriegsheld, aber auch ein großer Zauberer. Er verstand die Passauer Kunst, war kugelfest und konnte sich unsichtbar machen. Die Feinde konnte er so verblenden, daß sie weder ihn noch seine Leute sahen. Einmal war er recht im Gedränge, da verwandelte er sich und alle seine Streiter in Bäume, da standen die Feinde und gafften den Wald an, und traten an die Bäume, und thaten, was sie nicht lassen konnten, davon hatten hernach die Krieger Johann Adolphs ihre Stiefeln voll.

Schloß Plön ist ganz von weiten Seen umgeben; in Ferne einer Meile davon liegt Stocksee, aber der Umweg, den man zu Lande machen muß, ist viel länger. Der Herzog war gern in Stocksee, und fuhr Sommer und Winter über den großen Plöner See zu Wagen hinüber. Einmal fuhr ein Bauer hinter dem Herzog her, und kam auch glücklich an den Strand. – In wessen Namen thatest du das? fragte ihn der Herzog. Im Namen von euer herzoglichen Gnaden! – antwortete der Bauer. Das war dein Glück, – sprach der Herzog: aber ein anderes mal laß es bleiben! –

Aus Stocksee wollte der Herzog gern eine Stadt gemacht haben, und befahl beim Antritt eines Kriegszugs nach Ungarn und gegen Polen unter Kaiser Leopold, den Ort zu vergrößern, seiner Gemahlin aber, Dorothea Sophia, geborne Prinzessin zu Braunschweig, gefiel Plön besser, sie nahm das für Stocksee ausgesetzte Geld und erbaute die Neustadt Plön. Als der Herzog zurückkam, fuhr er sogleich nach Stocksee, und da er von seinen Befehlen nichts vollzogen sah, schwur er, daß seine Frau sterben solle. Sie erfuhr das alsobald, und als sie aus einem Fenster des Schlosses ihren strengen Gemahl heranfahren sah, stürzte sie sich aus dem Fenster. Der Herzog aber gebrauchte seine Kunst, und sie kam ohne Schaden an den Boden, und der Herzog sagte ihr, er habe allerdings geschworen, daß sie sterben solle, doch Eile habe es mit dem Sterben keine, sie möge doch warten, bis ihr Stündlein von selbst schlage. Das hat sie gethan, und hat ihren Herrn und Gemahl noch überlebt.

Zwischen Plön und Stocksee liegt ein Dorf, heißt Ruhleben, alldort hat Herzog Johann Adolph sein unruhiges Leben beschlossen, bei seinem Tode soll es aber eigen hergegangen sein, man spricht nicht gern davon, zeigt aber im Stillen ein Fenster, aus welchem der Herzog von einem Unbekannten geholt worden sei. (S. 180)

198. Die Seeräuber

Es waren zwei Seeräuber, die auf der Elbe ihr Wesen trieben, von denen hieß der eine Klaes Störtebeker (Stürzebecher) und der andere Göde (Götke, Godeke) Michel, die waren zu Wasser und zu Lande gleich gefürchtet, und es gibt von ihnen Lieder und Geschichten ein langes und ein breites, wie von allen berühmten Räubern. Deren wohnten auch in der Engelsburg zwischen Niendorf, Bargenstede und Varenwinkel bei Meldorf, und auf der Insel Sylt war ein Seeräuber, der hieß der lange Peter. Seine Leute trugen hübsche Abzeichen und Orden, auf einer Seite ihrer Kleidung einen Galgen, auf der andern ein Rad, damit sie sich öfters ihrer Sterblichkeit erinnerten. An der Insel Alsen hängt die Halbinsel Kajnas, da hauste auch ein gefürchteter Räuber darauf, der hieß Kaj. Ein anderer hieß Bars, der hatte die kleine Insel Barsöe inne; auf Dorf und Schloß Schwienkuhlen bei Ahrensböck herrschte gewaltig Peter Muggel, der plünderte zu Land, war ein Teufelsbündner, ward erstochen und spukt noch heute. Ein anderer Land- und Wasserräuber saß auf Schloß Weseby und hieß Weser, dem ward endlich sein Schloß berannt und entbrannt, und er stürzte sich von einem hohen Turme mit seiner Schwester hernieder in die Flammen. Diese Räuber nannten sich Vitalienbrüder.

Den Störtebeker brachte eines Blankeneser Fischers schnöder Verrat samt seiner Bande in Bande. Alle wurden nach Hamburg geführt und dort auf dem Grasbrook geköpft, es waren ihrer nicht minder denn siebenzig. Das Blut floß so hoch auf dem Richtplatz, daß der Scharfrichter bis an die Knöchel darin watete. Da riefen ihn einige Ratsherrn an: Nun, Meister, wie war Euch zumute bei dem vielen Köpfen? Der Meister mochte wohl einen guten Trunk getan haben, er schwang sein Richtschwert hoch im Kreise überm Haupt und rief: Hoho, ganz wohl zumute, ihr gestrengen Herren! Ich könnte so fort köpfen, und wäre mir eine Lust, wenn der ganze hochweise Senat an meine Schneide müßte! Solche Antwort nahm ein hochweiser Senat der Stadt Hamburg gar krumm und übel, und mißfiel ihm, und ließ den kecken Schwätzer in Ketten legen und ihm darauf sein Haupt abschlagen nach Spruch und Urteil.

Da nun die Hamburger den Störtebeker und seine Leute gefangen hatten, durchsuchten sie sein Schiff nach Schätzen, fanden aber nichts, und da sie nicht wollten, daß solches Raubschiff wieder in See steche und auf dem Meere oder der Elbe sich zeige, so verkauften sie es an einen Zimmermann als Wrack zum Zerschlagen und zur Alltagsnutzung. Wie nun der Zimmermann den großen Mast fällen wollte und ihn unten abzusägen begann, da stieß er auf etwas Hartes, davon der Säge die Zähne stumpf wurden, und siehe da, das Innere des Mastbaumes war Metall, eitel Kupfer. Der Zimmermann zeigte seinen Fund beim Magistrat an, und dieser unterzog nun den Dreimaster näherer Untersuchung. Siehe, da war der größte Hauptmast innen von gediegenem Kupfer, der zweite von Silber, der dritte von Gold, das war ein guter Fang, und in den Rahen und Bramsegelstangen steckte auch noch allerlei Gutes gut verborgen. Der Zimmermann ward reichlich belohnt, und aus dem Golde wurde eine Krone verfertigt, die reichte um den St. Katharinenturm herum, so groß war des Goldes Fülle. In der Franzosenzeit und -herrschaft, an welche Hamburg nur mit einem Fluche denken kann, solange es steht, ist auch dieser Goldschatz vom Feinde genommen und vermünzt worden. Auf Jasmund in Rügen hatten Störtebeker und Göde Michel tiefe Höhlen. Noch werden in Hamburg vier Richtschwerter gezeigt, mit denen diese beiden und ihre ganze Bande enthauptet wurden.

199. Die Krempner Glocke

Wieviel die Hamburger des Goldes übrig und genug hatten, erhellt aus dieser Sage. Zu Krempen hing eine herrliche Glocke in dem Kirchturm. Es hatte sich bei ihrem Guß etwas Besonderes zugetragen; da nämlich die Speise schon flüssig und alles zum Gusse fertig war, hatte der Meister noch ein Geschäft und befahl dem Lehrjungen die Obhut des Gießofens. Da stand auf einer Kapelle ein Schmelztiegel, in welchem Silber floß, der Meister mochte das wohl zu einer Zier oder Inschrift benutzen wollen, der Junge aber meinte, das müsse noch zur ganzen Masse, um sie recht gut und wohlklingend zu machen, und schüttete den Tiegel voll Silbers hinein zur Glockenspeise. Der Meister kam gerade dazu, ergrimmte und schlug mit seinem Stock so hart auf den Jungen, daß dieser tot niederfiel. Der Glockenguß fand statt, und als nun die Glocke Maria getauft war, in ihrem Stuhle hing und geläutet wurde, da hatte sie von dem Silber gar einen hellen, reinen Klang, dergleichen noch niemand so schön gehört hatte, aber immer klangen und lauteten die Worte hindurch: Schad um den Jungen! Schad um den Jungen.

Da nun die Glocke so schön tönte, wurden die Hamburger neidisch auf die Krempner und machten sie ihnen feil. Sie boten und boten und boten zuletzt eine Kette von Gold, so groß, daß sie um ganz Krempen herumreichen sollte. Das waren endlich die zu Krempen zufrieden, die gute Maria ward auf einen Wagen gesetzt und fortgefahren. Aber auf einer nahen Anhöhe stand der Wagen und sank ein. Es wurde vorgespannt noch so viel, die Pferde vermochten nicht, ihn weiterzubringen. Da spannte man zwei Pferde am hintern Teile des Wagens an, und siehe, mit Leichtigkeit ließ er samt der Glocke sich ziehen, wieder hinab nach Krempen zu. Da hing die Maria bald wieder im Turm und ließ ihre wehmutvolle Klangstimme ertönen: Schad um den Jungen! Im Kriege der Russen gegen die Schweden, der auch über diese friedlichen Gefilde sich hinwälzte, haben die Schweden die schöne Kirche von Krempen in die Luft gesprengt, aber von der Glocke ist nichts entdeckt worden. Die Sage geht, sie sei in die Erde versunken und werde dereinst wohl wieder gefunden werden.

Die Sagen von versunkenen Glocken sind über ganz Deutschland zahllos verbreitet, die vom Glockenguß in Verbindung mit des Lehrlings Tod begegnet nicht minder an vielen Orten, z.B. in der Stadt Breslau; Glocken in Wassertiefen hört man läuten, sowohl aus Orten, die wegen ihrer Sünden versanken, als auch einzelne Glocken, welche räuberisch hinweggeführt wurden und dann sich selbst der Räuberhand entrückten, so eine von Haddeby, eine von Gramm in Nordschleswig, eine Kapellglocke aus Neukirchen, eine im Flemhuder See u.a.

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