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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Solis-welte
  2. Stock voll Dukaten
  3. Tetzel und der Ritter
  4. Die Spinnerin im Mond
  5. Arendsee
  6. Mutter Emerentia
  7. Osterburger Pech
  8. Die rote Furt
  9. Zwei Frauen zugleich
  10. Jungfrau Lorenz

330. Solis-welte

In der Altmark liebt man Ursprungssagen aus frühesten Zeiten. Julius Cäsar gründete nach dortiger Sage in Deutschland den Planetengöttern zu Ehren sieben Städte, dahin ja auch die magdliche, dem Planeten Venus geweihte Stadt Magdeburg deutet. Die dem Sonnengotte Sol geweihte Stadt aber liegt in der Altmark, hieß früher Solis-welte – das sollte vom alten Wort Welle, die bogenförmige Laube, also Hütte, oder von dem jüngern Wort Wellermauer, eine Lehmwand, abzuleiten sein, wer es glauben will – und heute heißt sie Salzwedel. Andere sagen, daß, wie den Isistempel bei Gardelegen, Drusus hier einen Solistempel gegründet habe. Das Götterbild des Phoibos Apollon stand noch, als Karl der Große das Heidentum brach und die alten Tempel zerstörte.

331. Stock voll Dukaten

Zu Salzwedel ist einmal ein Mann gewesen, der hatte von einem andern hundert Dukaten geliehen, hatte aber keine Lust, dieses Gold wieder zurückzuzahlen. Er habe es ihm ja schon gegeben, sagte er zu dem Mahnenden, sooft dieser kam, und so ward er endlich verklagt. Nun gebrauchte der böse Schuldner sich dieser List. Er ließ einen Spazierstock hohl drehen, barg in diesen das Röllchen mit den hundert Dukaten fest, daß es nicht klapperte, und kam mit diesem Stock auf das Rathaus, wo er seinen Gläubiger schon nebst dem Richter seiner harrend fand. Nach Reden und Gegenreden schritt der Richter zur Eidesabforderung, dazu war der treulose Mann bereit, er drückte geschwinde dem Gläubiger seinen Stock zum Halten in die Hand, weil er die rechte Hand emporheben und die linke auf ein Kruzifix über einem Evangelienbuch legen mußte, und schwur frech und sicher, was jetzt die Wahrheit war, daß er die hundert Dukaten vollwichtig und vollgezählt in des Gläubigers Hände zurückgegeben habe. Somit war die Sache abgetan, der Gläubiger ging traurig und beschämt, der Schuldner aber triumphierend nach Hause, nur war es schade, daß er nicht auch nach Hause kam, denn unterwegs ereilte den Meineidigen das schwere Gericht des allsehenden Gottes. Er stieß auf einen Müllerwagen, dessen Pferden sandte der Herr ein paar Hornissen auf den Hals, daß sie wütend wurden und durchgingen und den Mann umstießen und den Wagen über ihn hinwegrissen; zwei Räder gingen über ihn und gaben ihm den Armsündertod des Gerädertwerdens ohne Zeremonie und zwei über den Stock und sprengten ihn auf, da fielen die hundert Dukaten heraus, und der offenbare Betrug fiel auch mit heraus und kam ans Licht. Hernachmals ist diese Geschichte in der Katharinenkirche auf der Neustadt zu Salzwedel abgebildet worden.

332. Tetzel und der Ritter

Da Tetzel, der Ablaßkrämer, mit seinem Kasten im deutschen Lande herumzog, kam er auch nach der Altmark und in ein Dorf bei Salzwedel, heißt Flechtingen, und schlug seinen Kram auf, predigte von den Sündenstrafen, dem Fegefeuer und der Höllenpein und rühmte die Kraft des Ablasses. Nun saß zu Flechtingen ein Edelmann, Herr Bernard von Schenk genannt, der hörte auch andächtiglich zu und nahm sich's absonderlich zu Herzen, daß einer nicht nur für begangene, sondern auch für vorhabende und zukünftige Sünden, sie bestehen, aus welcher Tat sie wollen, sich Ablaß kaufen könne, und für das Geld springe seine Seele, sobald es im Kasten klinge, aus dem Fegefeuer und bleibe sündelos noch drei Tage nach der aschgrauen Ewigkeit. Das alles malte der Ablaßprediger mit feurigen und beredten Worten aus, und der Ritter trat auch hinzu und kaufte sich einen gar schönen Brief, auf Pergament gedruckt, und Tetzel mußte seinen, des Ritters, Namen und das Datum hineinschreiben, auch ein Siegel wurde nicht vergessen, und die nachbarlichen Edeln kauften auch, und der Kasten wurde schier voll Ortstaler und Goldgülden, und Tetzel zog mit seinem Kasten wohlgemut von dannen. Wie er nun so durch den Flechtinger Forst zog, siehe, da harrete seiner schon, ihm vorausgeeilt, Herr Bernard von Schenk und sagte: Pfaff, tue mir die Freundschaft und gib mir –, Meinen Segen, o frommer Sohn, den sollt du haben! unterbrach ihn Tetzel und hob die Hände zum Segnen. Nein, deinen Kasten, den Segen laß ich dir! erwiderte der Ritter. Des erschrak Tetzel mächtiglich und sprach die beweglichen Worte: Solch ein edler Ritter wird nicht so ehrlos sein, das Gut der Kirche anzutasten, das sie zu frommen Werken und zur Wiederherstellung gebrechlicher Gotteshäuser gar notwendig braucht. Kirchenraub ist ja der sträflichste Raub und neben dem Vater- und Muttermord die größte und schwerste Sünde! Da zog Herr Bernard von Schenk den kurz zuvor erst gekauften Ablaßbrief hervor und hielt ihn Tetzeln vor Augen und sagte: Mag es eine Sünde sein, hier ist mein Ablaß dafür, von Euch selbst, ehrwürdiger Vater, mir erteilt, daher ziehet mit Gott und lasset den Kasten mit mir ziehen und empfanget auch meinen Segen. So Ihr es wollt, könnt Ihr auch den Heiligen Vater zu Rom von mir grüßen. Da nun Tetzel nur ein schwaches Geleit bei sich hatte, dem Ritter aber mehrere mannliche Reisige gefolgt waren, so mußte er mit kummervollem Blick auf den geldvollen Kasten von diesem Abschied nehmen und seines Weges ziehen. Herr Bernard von Schenk aber nahm das Geld und zeigte sich als ein echter und rechter Schenk, er schenkte es zum Bau einer Kirche, die dem Dorfe Flechtingen damals noch fehlte. Den großen und dicken Ablaßkasten aber, den schenkte er in die Kirche zu Wittenberg, wo er noch steht und gezeigt wird. Tetzel aber ließ sich einen andern Kasten machen, das wird der sein, der hernach nach Goslar gekommen ist, woselbst er sich noch befindet. Es gibt der Ablaß- und Tetzelkästen auch sonst noch hier und da, aber das Geldlein ist herausgetan.

333. Die Spinnerin im Mond

In einem Dorfe bei Salzwedel, es könnte Wiebelitz gewesen sein, lebte ein altes armes Weiblein, hatte eine einzige Tochter, die hieß Marie, und das war gar ein geschicktes Kind, und half der Mutter leichtlich über die Armuth hinweg. Marie konnte täglich beinahe zwei Zahlen Garn spinnen, und ihr Faden war unvergleichlich gleich und fein. Aber so fleißig Marie war, so lebensfroh war sie, und in der Spinnenkoppel (Spinnstube) stetig die lustigste, zumal wenn die Rädlein bei Seite gesetzt wurden und der Tanz anging, der spät genug aufhörte./ Der Mutter war das gar nicht lieb, daß das Töchterlein zum öftern bis nach Mitternacht umhertollte, und ihre Ermahnungen sich so gar wenig zu Herzen nahm. Nun war wieder ein Winter fast zu Ende, und Marie war der Fleiß selbst gewesen, und es kam der Abend von Marie Lichtmeß, wo noch einmal Spinnekoppel sein sollte, den Winter zu beschließen, denn: Lichtmeß muß man die Wurst bei Tag eß' – lautet das Sprüchwort, und die Mutter sprach zur Tochter, als diese ihr Rädchen aufnahm, um fortzugehen: liebes Kind, heute ist ein Marientag, heute darf kein Kind ungehorsam gegen die Aeltern sein, sonst straft es der Himmel alsogleich, darum versprich mir, daß du heute nicht wieder bis nach Mitternacht ausbleibst, sondern vor Mitternacht heim kommst, und daß du heute nicht zum Tanze gehst, ich verlasse mich darauf. Marie versprach mit nassen Augen, was ihre Mutter verlangt, und nahm ihr Rad und ging. Es wurde sehr fleißig gesponnen, aber nun kamen die jungen Bursche, und hatten im Wirthshause ein Paar Prager Musikanten gefunden, das war etwas Neues, die mußten mit, und nun ging das Tanzen los. Marie wollte fort, wollte der alten Mutter Wort halten, allein die Bursche und die Mädchen ließen sie nicht fort, sie mußte mit an den Reigen, die Spielleute pfiffen und fiedelten auch gar zu schön. Und als die Marie einmal am Tanzen war, da ging sie nimmer davon, da konnte die Alte lange warten, denn tanzen war Mariens Wonne und ihr Glück. Und da ging die Mitternachtstunde vorüber, ehe sie es nur dachte, und als der lustige Kreis das Haus verließ, wurden die Mädchen mit Musik nach Hause gebracht, und bekamen schöne Ständchen, das hallte gar lieblich durch die helle Mondnacht und die tiefe Stille. Da kamen sie auch am Kirchhof vorbei, dessen Thor offen stand, und stand eine alte Linde darauf, darunter war ein freier ebener Raum, und dahinein gingen die Tänzer und die Spielleute und begannen von neuem Tanz. Erst schauerten und scheuten die Dirnen, dann folgten sie doch, halb gezwungen, und endlich auch Marie. Die alte Mutter aber wartete daheim und weinte über ihr Kind, und da sie von weitem den Freudenschall hörte, dachte sie gleich,. dabei werde Marie nicht fehlen, und machte sich auf und kroch aus dem Häuschen, ihr Kind zu holen. Da sah sie nun zu ihrem Schreck und Zorn ihre Marie unter den Kirchhofspringern, und rief ihr zu mit strengem Gebot, sogleich nach Hause zu folgen. Aber die Maid rief: ei Mutter, der Mond scheint ja noch so hell und schön! Geh nur hin, ich komme bald! – Da hob die Alte ihre beiden dürren Hände zum Himmel auf und schüttelte ihre grauen Haare, die ihr wild um das Haupt hingen, und schrie in wildem Grimme: ei daß du Rabenkind im hellen Monde säßest fort und fort, und hättest immer und ewig deine verfluchte Spinnekoppel droben oder beim Teufel und seiner Großmutter! – Und wie die Alte diesen Fluch gesprochen, schlug sie hin und war todt, Marie aber behielt nicht Zeit zum Jammern und Klagen, sammt ihrem Rädchen ward sie schnell entrückt hinauf in den Mond, da sitzt sie, da sinnt sie, da spinnt sie – wenn der Mond recht hell scheint, kann man sie gar deutlich sehen, und all ihr wunderzartes überfeines Gespinnst das streut sie vom Mond herab, zum Frühlingsbeginn, wann die Spinnekoppeln enden, und im Herbst, wann sie beginnen und die Abende sich längern, da führt es der Wind an hellen Tagen dahin und dorthin, und schwimmt weiß durch die Luft und zieht regenbogenfarbig glänzend von Strauch zu Strauch, von Blume zu Blume, und die Leute nennen es Marienfäden, Marienseide, fliegenden Sommer.

334. Arendsee

Das Städtchen Arendsee dankt seinen Namen einem großen umfangreichen See, der dicht danebenliegt. Ehe noch das Städtlein erbaut war, und ehe der große See vorhanden war, stand an dessen Stelle eine große Burg, die ist aber in einer Nacht mit Mann und Maus versunken, und nur ein Mann, der Arend hieß, und seine Frau, die ziemlich weit von dem Schlosse waren, sahen es, denn auf einmal hörte die Frau ein Krachen und ein gewaltiges Rauschen und rief ihren Mann: Arend, seh! – und beide mußten eilend flüchten, daß die Flut sie nicht auch erreichte. Die haben hernachmals beide ausgesagt, daß die Flut überschnell die ganze Burg samt allen Bewohnern verschlungen. Weshalb sie das getan, ist nicht kund geworden, schwerlich jedoch, um die Bewohner für ihre Tugend zu belohnen. Hernach hat jenes gerettete Paar sich angebaut am Seeufer und so allmählich den Ort begründet, der vom Ausruf der Frau den Namen des Mannes Arendsee bekommen hat. Der See friert nur dann zu, wenn der Belt zufriert, und da fängt er erst an zu rauchen wie ein Backofen und läßt in seinem Innern ein Geheul und Krachen hören und ein Getöse über sich in der Luft, daß es Grausen erregt, es zu vernehmen. Es werden bisweilen im See, wenn die Sonne recht hell scheint, und wenn es recht still ist, die Mauern und Gebäude des versunkenen Schlosses erblickt. Als einstmals einige vorhatten, des Sees Tiefe zu ergründen, und ein Seil hinabließen, ward plötzlich von unten an dem Seile gezuckt, und wie sie es heraufzogen, war ein Zettel daran befestigt, auf welchem aus Hiob stand: Willt du der Welt Lauf achten, darinnen die Ungerechten gegangen sind? Die vergangen sind, ehe denn es Zeit war, und das Wasser hat ihren Grund weggewaschen. – Und die im Schiffe saßen und das lasen, erbebten und ließen ab von ihrem Vorhaben.

335. Mutter Emerentia

Zu Arendsee war ein Nonnenkloster des Benediktinerordens, nur für adelige Jungfrauen, das großen und guten Rufes sich erfreute. Das Haus ist noch allda zu sehen und auch die Kirche, mit mancherlei Bildwerk geziert. Als der erste Religionskrieg in Deutschland entbrannt war und die katholische Religion in diesen Landen verdrängt wurde, drohte auch diesem Kloster Angriff und Plünderung, doch ward der feindliche Heerführer bewogen, der Domina aus besondern Rücksichten freien Abzug zu gewähren. Diese edle Klosterfrau hieß Emerentia von Rietdorf, und als ihr freier Abzug gewährt war, sprach sie ferner Wunsch und Bitte aus, es möge ihr erlaubt werden, auch vom Kloster einiges in Sicherheit zu bringen, etwa so viel und nicht mehr, als sie unter ihrem Chormantel werde bergen können. Da vermeinte nun der Heerführer, die hochwürdige Frau werde die reichen Meßgewande und sonstigen Kirchenornate gern mit fortschleppen wollen, und gestand nicht ohne Zögern und ungern diese Bitte zu, denn es war doch hauptsächlich auf des Klosters Plünderung und Spoliation abgesehen. Als nun die Domina aus dem Kloster trat, da bauschte ihr Mantel weit, weit um sie her, und der Feind dachte in seinem Sinn: Nun, die macht ausgebreiteten Gebrauch von der Erlaubnis, die hat sich ja beladen wie ein Kameel. Was hatte aber Mutter Emerentia unter ihrem Mantel? Zehn Paar Füße sah man darunter gehen. Sie hatte die neun Klosterjungfrauen ihres Konvents unter den Mantel gehüllt, wie eine treue Henne die Küchlein unter ihre Flügel, damit ihnen nicht Leid noch Unbill widerfahre. Das brachte der frommen Mutter Emerentia großen Ruhm. Ihr Bild wurde hernachmals in der erhaltenen Klosterkirche an der Orgelempore angebracht, wie sie mit ihrem Mantel die Jungfrauen deckt, und darüber wurde geschrieben:

Die Versammlung des jungfräulichen Klosters Arenthsee.

darunter aber:

Emerentia von Rietdorf, Domina.

Allheide von Eickstedte,

Anna von Baldenstedten u.s.w.

336. Osterburger Pech

Als Kaiser Lothar einstens durch die Altmark reiste, wollte die Stadt Osterburg der Ehre seines Besuches auch gern teilhaft werden, sandte daher Abgeordnete aus ihrer Mitte an den kaiserlichen Herrn und ließ ihn feierlich einladen. Der Kaiser nahm die Einladung an und kam, brachte aber ein überaus zahlreiches Gefolge mit, dessen sich in solcher Zahl das gute Städtlein gar nicht vermutet und versehen hatte. Gleichwohl geschah alles, was nur geschehen konnte, den hohen Gast zu ehren, welcher auch zufrieden war, aber nicht so waren das einige seines Gefolges, die begannen Hader zu suchen bei dem Feste und verhöhnten bei einem Aufzuge insonderheit das löbliche Gewerk der Büttner, das eine große Braupfanne voll Bier dahertrug und einen Reifentanz anstellte. Dieses Handwerk nahm das übel, meinte, auf grobe Klötze gehörten grobe Keile, und hämmerten und pochten auf ihre Gegner nach Büttnerart; so gedieh der Hader zur Keilerei und die Keilerei zum Getümmel und das Getümmel zur Schlacht, in welcher fast alle Einwohner von Osterburg erschlagen und Stadt und Burg zertrümmert wurden. Das war ein teurer Besuch.

Vor hundert Jahren ist es geschehen, daß einem Brauer zu Osterburg seine Bottiche behext waren, so daß ihm kein einziges Gebräu geriet, welches letztere Mißgeschick auch außerhalb Osterburg manchem Brauer noch in neuester Zeit widerfahren soll. Guter Rat war folglich teuer, und gutes Bier war gar nicht zu bezahlen. Der Brauer wandte sich dahin und dorthin um Abhülfe, und endlich erfuhr er, daß in Stendal ein wahrer Hexenmeister wohne, der alles vermöge, und dem kein böser Geist widerstehen könne. Er berief also diesen Wundermann, und selbiger kam, läuterte und weihte auf ganz besondere Weise das Pech und begann unter wunderlichen Zeremonien und Zaubersprüchen die Bottiche auszubrennen. Aber der gute Zauberer mußte etwas versehen haben, oder der Geist, der in den Bottichen saß, mußte stärker sein als die gegen ihn angewendeten Wunderkräfte, denn mit einem Male brannte das Pech die Bottiche an, und die Bottiche brannten das Haus und das Haus brannte die Straße an, und in wenigen Stunden lagen mehr als zwei Dritteile des Städtchens Osterburg in Asche. Osterburg hatte den höchsten und künstlichst gebauten Kirchturm in der ganzen Altmark, auch dieser Turm wurde ein Opfer derselben verderblichen Feuersbrunst. So war durch dieses geweihte Pech aller Hexerei in den Braubottichen auf das kräftigste gesteuert.

337. Die rote Furt

Ohnweit Osterburg ist vorzeiten eine große und blutige Schlacht geschlagen worden. Albrecht von Askanien und Huder von Stade stritten allda um den Landesbesitz, um die Altmark. Auf beiden Seiten blieben viele Krieger tot, und deren Blut rötete die Erde weit umher, nicht minder ein Bächlein, die Clia geheißen. Das Erdreich dort herum ist noch immer rot, und das Bächlein nahe dem Dorfe Kruncke heißt noch bis heute die rote Furt.

Anderer Sage nach soll aber die rote Erde und die rote Furt davon herrühren, daß vorlängst zwischen den beiden tapfern Städtlein Osterburg und Seehausen, die einander so nachbarlich nahe liegen, daß der Weg von einer Stadt zur andern kein Dorf berührt, eine mörderliche Schlacht geschlagen worden sei, in welcher Schlacht der Anführer der Osterburger, dieweil es in der ganzen Stadt an Pferden gänzlich Mangel gehabt, auf einem Ochsen geritten und zu Felde gerückt sei. Von der roten Erde bei Deutz geht die ähnliche Sage einer großen Schlacht.

338. Zwei Frauen zugleich

Alle Welt kennt die Sage von der Doppelehe des Grafen von Gleichen in Thüringen, wenigen aber mag bekannt sein, daß diese Sage in der Altmark ihren treuen Widerhall findet. Zu Aulosen in der Landschaft, die man in der Wische nennt, saß ein Herr von Jagow, der war gar fromm und gottesfürchtig, und diese Gemütsrichtung bestimmte ihn, seine Heimat und Frau und Kinder zu verlassen und gegen die Ungläubigen zu Felde zu ziehen, wie man dazumal insonderheit die Türken nannte. Dort aber geriet er in Sklaverei, und es trug sich mit ihm aufs Haar alles genau so zu, wie die Sage von dem Grafen von Gleichen meldet, Gefangenschaft, Gärtnerschaft, sowie Liebschaft mit der vornehmen Türkin, Eheversprechen, Flucht, Dispensation des Papstes und endliche Heimkehr. Die Frau von Jagow saß an einem Gründonnerstag mit ihren Kindern bei Erbsen und Stockfisch und dachte an ihren lieben Mann, als unversehens selbiger mit einem wunderschönen Frauenbild vor ihre Augen trat. Die Freude war groß und herzlich, und die beiden Frauen wurden zwei ebenso gute Freundinnen miteinander wie die deutsche und die morgenländische Frau von Gleichen und sind dies auch, was viel sagen will, unter allen Umständen bis an ihr Ende geblieben. Noch zeigt man der Türkin Bildnis unter den Ahnenbildern der Familie von Jagow, und der erfreute und nicht nur glücklich heimgekehrte, sondern auch glücklich bleibende Herr von Jagow stiftete auf den Gründonnerstag eine Armenspende, bestehend in Erbsen und Stockfisch, zu seinem ewigen Andenken, nebst einer Zugabe von Speck und Brot, und haben sich seitdem viele tausend Arme an diesem Tage dort trefflich sattgegessen. Die türkische Gemahlin aber wurde nach ihrem Ableben zu Großen-Garz in eine Gruft beigesetzt; ihr Körper wurde noch als Mumie gezeigt, und ein Leichenstein in derselben Kirche ließ die beiden gleichzeitigen Frauen des Ritters nebeneinander erblicken, gleich dem Leichenstein des Grafen von Gleichen zwischen seinen beiden Frauen im Dome zu Erfurt.

339. Jungfrau Lorenz

In der Nähe von Tangermünde war früher ein großer und weitausgedehnter Forst, dieser war Eigentum einer Jungfrau des Namens Lorenz. Der Wald war also groß, daß seine Herrin, als sie eines Tages in demselben lustwandelnd sich erging, sich verirrte und sich nimmer zurechtfinden konnte. Drei Tage lang irrte sie verzweifelnd in dem Waldesdickicht umher, nährte sich von Beeren und trank aus Rieselbächen. Sie glaubte schier, nie wieder des Waldes Ende zu finden und darinnen sterben zu müssen, so sehr sie auch den Himmel anrief, ihr Hülfe zu senden. Siehe da, als sie am dritten Tage wieder recht inbrünstig gebetet hatte, erschien ein Hirsch, der hatte ein Geweih wie Elche so groß und nahte ihr ganz zahm, neigte sich vor ihr und schaufelte sie, ehe sie sich's versah, mit seinem mächtigen Geweih vom Boden empor und auf seinen Rücken und trug sie fort, immerfort durch den weiten Wald, sanft und recht wie stolz auf seine Last, bis sie endlich den Wald sich lichten und beim Heraustritt die Tore von Tangermünde vor sich liegen sah. So kam Jungfrau Lorenz wieder in ihrer Heimat an und erfüllte sogleich ein Gelübde. Sie schenkte einen guten Teil des Waldes der Nikolaikirche zu Tangermünde, ließ ihr Bildnis von Holz auf einem Hirschgeweih künstlerisch ausarbeiten und in der Kirche aufstellen mit der Verordnung, daß dasselbe bewahrt bleiben solle für alle Zeiten, und solange von der Kirche noch ein Stein auf dem andern stehe. Die Kirche blieb stehen und steht heute noch, und das Bild wird heute noch gezeigt, obschon die Stürme der Zeit so vieles brachen und änderten. Aus der Kirche wurde ein Lazarett, all ihre Bilderzier wurde entfernt oder zertrümmert, nur das Bildnis der Jungfrau Lorenz überdauert alles. Sie selbst scheint dasselbe unsichtbar zu schützen, Gepolter und unheimlicher Lärm entsteht, wann jemand nur wagt, an den Zacken des Hirschgeweihes etwas aufzuhängen. Der ganze Landstrich zwischen den Dörfern Grobleben und Bölsdorf, den die Jungfrau Lorenz an die Kirche schenkte, und in welchem jetzt kein Wald mehr ist, heißt noch immer das Lorenzfeld.

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