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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Das Männlein auf dem Rücken
  2. Die Teufelshufeisen
  3. Der Teufel ein Fürsprech
  4. Der letzte Groschen
  5. Das Glück im Brunnen
  6. Die Erbsensteine
  7. Sündelstein und Lügenstein
  8. Die Wittekindsburgen
  9. Wittekinds Grab und Gedächtnis
  10. Der Soester Schatz

370. Das Männlein auf dem Rücken

Ein Seiler aus Torgau, der über Land gewesen war und seines Weges heimwärts wandelte, traf einen Knaben auf dem Felde an, der saß am Boden, hatte ein Brettspiel vor sich liegen und spielte in demselben. Da der Weg nicht breit war und das Knäblein schier mitten im Wege saß, so stieß der Seiler im Überschreiten an das Brett, so daß die Steine sich verschoben. Da schrie der Knabe: Warum verrücket Ihr mein Brettspiel? Wartet nur, mein Vater wird's Euch danken! Und rückte darauf seine Steine wieder in Ordnung, und der Seiler ging weiter. Nicht lange währte es, etwa nach hundert Schritten, so holte der Mann ein uraltes graues greises Männlein ein, das sehr müde schien und ihn ansprach, es sei gar so müde, er möge es doch tragen. Des lachte der Seiler über die Maßen; ob das Männlein ihn für ein Kameel halte, das einen alten Affen tragen müsse? – Mußt doch tragen, mußt doch tragen! Hast meinem Söhnlein das Spiel verrückt! rief das Männlein und sprang mir nichts dir nichts dem Seiler auf den Rücken und war so schwer, ach so schwer, und jener mochte schütteln und rütteln, wie er wollte, er rüttelte und schüttelte das alte Männlein nimmer ab. Und so hockelte er es bis vor das Tor von Torgau, dort fiel es von ihm wie ein Nußsack und war verschwunden. Von Zorn und Angst und Mattigkeit schwach und krank kam der Seiler nach Hause, und nach zehn Tagen war er tot. Nun hatte der Seiler einen kleinen Sohn, der jammerte und schrie unsaglich, da trat das Bübchen zu ihm, dem sein Vater das Spiel verstört, und sprach: Höre auf zu klagen und zu weinen. Deinem Vater ist ganz wohl geschehen. Bald sollst du und deine Mutter ihm nachfolgen, denn es wird eine gar schlimme Zeit kommen in Preußen, Meißen und Reußen, darinnen niemand besser sein wird als denen, die gestorben sind. – Das geschah im Jahre 1669, und gingen bald darauf der Kriegstroublen genug durch die Länder, da der Kurfürst von Brandenburg mit einer Armee von zweiundzwanzigtausend Mann zu Roß und zu Fuß aufbrach und gegen die in Deutschland eingefallenen Franzosen zu Felde zog und andere deutsche Völker sich ihm verbündeten.

371. Die Teufelshufeisen

Im Städtchen Belgern zwischen Torgau und dem durch die Schlacht, in welcher Kurfürst Johann Friedrich der Großmütige zum Gefangenen gemacht wurde, berühmten Mühlberg hat es sich begeben, daß einer Bierschenkin, die zwar sehr gutes Bier hatte, dasselbe aber sehr knapp maß, ein seltsamliches Abenteuer zustieß. Zu Belgern wurde vorzeiten, wird auch vielleicht noch jetzt ein über die Maßen gutes Bier gebraut, und wenn von dem Torgauischen Bier das Sprüchwort ging: Torgauisch Bier ist der Armen Malvasier – dieweil es einen überaus würzhaften Geruch und Geschmack hatte – so galt von dem Belgerschen Bier der lateinische Spruch: Cerevisia Belgrana omnibus est sana, während man dem Wittenberger Bier, Kuckuck genannt, spöttlich nachsagte, daß diesem Vogel unterweilen von den Brauern der Hals allzu lang gedehnt werde. Jene Bierwirtin nun mochte es mit dem Teufel entweder verdorben oder es mit ihm allzu gut gemeint haben, genug, der Teufel ritt sie in einer schönen Nacht vor die Schmiede in Pferdsgestalt, lärmte den Schmied munter und gebot ihm, sein Pferd zu beschlagen. Derselbe ging rasch an seine Arbeit, wie er aber dem Pferde den rechten Vorderfuß hob, raunte ihm die Bierschenkin, welche seine Gevatterin war, zu: Gevattersmann, verfahret doch nicht so eilig! – Der Schmied erschrak zum Tode und antwortete: Jo, Frau Gevattersche! Reitet Euch denn der Teufel? – Freilich wohl! antwortete das Pferd, knapp Maß, knapp Maß! Tu's nimmer, tu's nimmer! – Da konnte der Schmied vor Zittern kein Glied rühren, und ließ die Hufeisen fallen, und lief in die Schmiede, und machte sich darin zu schaffen die längste Zeit und sagte, er könne die Nägel nicht finden – und die Kohlen wollten nicht brennen, und da krähete der Hahn. Hui – waren Reiter und Stute ihm aus den Augen. Am andern Tage lag die Krügerin krank im Bette und blieb lange krank; an ihrem Hause hingen statt des üblichen Bierzeichens vier Hufeisen, und als jemand diese herabtun wollte, verbrannte er sich die Hände daran derb und tüchtig.

Dieselbe Sage wird auch erzählt vom Orte Schwarzenstein bei Rastenburg an der Guber, dort soll der Schmied zwei Hufeisen wirklich aufgenagelt haben, die man dann an den Händen der Bierschenkin fand, mühsam abnahm und in der Kirche aufbewahrte.

372. Der Teufel ein Fürsprech

Durch die Mark zog ein Landsknecht, der blieb in einer Stadt krank liegen und gab seinen vollen Geldbeutel, den er mit sich führte, der Wirtin, denselben zu verwahren. Dieser gelüstete nach dem Gelde, und ward eins mit ihrem Mann, dasselbe zu verleugnen. Da nun der Landsknecht genesen war und weiterziehen wollte, forderte er sein Geld. Da schrie ihn das Weib an, was er sich zeihe, was er beginne? Sie wisse nichts vom Gelde, habe keins von ihm empfangen, und schalt ihn auf das ärgste. Er nun schalt das Weib wiederum eine untreue Diebin, indem so kam der Wirt hinzu, verteidigte sein Weib und warf den Landsknecht zur Türe hinaus; ziehet der Landsknecht vom Leder, haut in die Türe, stürmt das Haus. Schreit der Wirt: Nachbarjo! – wird gleich ein ziemlicher Zulauf, wird der Landsknecht verstrickt und in Nummer Sicher gebracht, darauf wird Gericht über ihn gehalten und er wegen Haus- und Stadtfriedensbruch,propter vim publicam, zum Schwert begnadigt. Da kam zu dem Gefangenen der Teufel und sagte: So und so steht es mit dir. Willst du dich mir ergeben, so errette ich dir den Hals, willst du nicht, so kostet dich der Handel selbigen. Der Landsknecht war aber keiner von den übel verschrieenen Landsknechten, sondern ehrlich und fromm, und da er sich schuldlos wußte, antwortete er, er wolle lieber zehnmal sterben, als dem Teufel seine Befreiung danken. Da ihm nun der Teufel vergebens die Schmerzen des Todes, den er erleiden sollte, schilderte und jener immer sich gleich und standhaft blieb, so sagte der Teufel endlich: Und ich will dir dennoch helfen, ohne allen Beding und ohne Zusage und Lohn von deiner Seite, damit du siehst, daß der Teufel nicht so schwarz ist, als ihr ihn malt, und auch uneigennützig sein kann. Verlange daher, wenn du vor das Gericht gefordert wirst, um dein Urteil zu vernehmen, einen Rechtsanwalt, einen Fürsprech zum Verteidiger, dann will ich in einem blauen Hut mit weißen Federn in der Nähe stehen, mitten unter den andern Advokaten, kein Advocatus Diaboli, die in der Regel erbärmliche Schächer sind, sondern Diabolus Advocatūm. Dem Landsknecht dünkte solches höfliche Anerbieten des Teufels nicht gegen Gott zu sein, und nahm es an, sintemal doch einem jeden sein Hals lieb ist, und so provozierte er auf einen Fürsprech und deutete auf den Herrn mit dem blauen Hut. Der Teufel verneigete sich sittiglich gegen den Gerichtshof, bat um das Wort, erhielt solches und hub an zu sprechen trotz einem. Er trug den ganzen Handel noch einmal vom Anfang an vor, wie des frommen Landsknechts Vertrauen auf das schändlichste von der falschen Wirtin getäuscht worden sei, wie der Wirt nicht von ungefähr zu dem Hader gekommen, sondern mit seiner schlechten Frau im Einverständnis gewesen und schon im Hinterhalt gelegen habe. Wie ferner der Wirt – welcher mit seinem Weibe mit anwesend war – den Landsknecht zuerst mit tätlicher körperlicher Mißhandlung verletzt und aus dem Hause geworfen, der Landsknecht aber niemand angegriffen, sondern mit seinem Schwert bloß einige unerhebliche Ritze in die Haustüre gehauen, wozu ihn gerechter Zorn über die gegen ihn begangene Untreue hingerissen, daher ihm die zur Last gelegte vis publica gar nicht anzurechnen sei, mindestens nicht bis zur Lebensstrafe.

Nun erhob sich der Wirt und zürnte in ungeschlachter Rede gegen den Teufel: das seien alles Kniffe, Ränke und Rechtsverdrehungen; man kenne wohl das Sprüchwort: Advokaten – Teufelsbraten – Murren auf der linken, Beifall auf der rechten Seite der Zuhörer –, ihn, den Wirt, aber solle gleich der Teufel bei lebendigem Leibe holen, wenn er oder sein Weib je von dem Landsknecht Geld empfangen oder auch nur bei ihm gesehen, und werde ein weiser hoher Gerichtshof sich nicht in seinem nur allzu gerechten Urteil irren lassen durch einen – hier würde der Teufel noch einen ganzen Sack voll Ehrentitel an den Hals geworfen bekommen haben, wenn der Oberrichter den Wirt nicht zur Ordnung gerufen hätte. Der Fürsprech des Landsknechts lächelte, er neigte sich nochmals vor dem Gericht und bat aber ums Wort. Mein Klient, hub er an, hat mir seinen Beutel nebst Inhalt also beschrieben. Derselbe ist von Wildleder, durch langen Gebrauch unsauber, an der einen Schnur, womit er zugezogen wird, hängt ein Ringlein von Messing. In dem Beutel befinden sich fünfzig und fünf kurfürstlich brandenburgische Taler mit dem Bildnis Joachimi, sechs rheinische Goldgülden, zwanzig Schreckenberger, dreizehn sächsische Gröschlein, ferner eine spanische Doppelkrone mit dem Bildnis Königs Philippi, ein Doppeldukaten Herzog Richards von Bayern, Pfalzgrafen bei Rhein, und außerdem noch zwei Schaustücke, eines mit dem Bilde Kaiser Maximiliani, eines mit dem Caroli quinti und endlich ein kupferner Schaupfennig, auf welchem steht: Ehe man brech Treu und Glaub in Not, man soll ehe willig gehn in Tod.

Alle Zuhörer erstaunten über des Fürsprechs treffliches Gedächtnis, am meisten der Landsknecht selbst, denn er hatte dem Teufel von dem Inhalt seines Beutels kein Wort gesagt, kannte so genau gar nicht die Münzen, und was auf ihnen für Schriften geprägt waren, davon konnte er keine einzige lesen.

Will nun ein hoher Gerichtshof, fuhr der Fürsprech weiter fort, die Gnade haben und zwei sichere Boten in dieses unschuldigen Wirtes Haus senden, so dürfen dieselben nur im Hintergebäude hinter dem letzten Schornstein rechter Hand drei Ellen und eine Spanne hoch fühlen, da werden sie die Hände voll Ruß bekommen, und unter diesem Ruß wird sotaner Beutel meines Klienten sich finden lassen.

Die Wirtin tat einen Schrei, und dem Wirt begannen die Kniee zu schlottern, beide aber wurden kreideweiß und fielen auf ihre Knie nieder. Die Boten gingen, und der Teufel sprach: Mit Verlaub, ihr Herren! Machen wir einmal gegen eure Gewohnheit kurzen Prozeß! Dieser Schächer Geständnis leset ihr in ihren Armesündermienen – einen mußt' ich haben, den Gast oder den Wirt – das Weib laß' ich euch, das ist mir zu gefährlich. Der Wirt hat sich mir verschworen, des seid ihr alle Zeugen! – Sprachs – packte den Wirt im Nacken, fuhr mit ihm zum Fenster hinaus und führte ihn über den Markt in den Lüften hinweg, wohin, erfuhr niemand, konnten sich's aber schon denken. So kam der Landsknecht zu seinem Recht und auch wieder zu seinem Gelde.

373. Der letzte Groschen

In der Mark, nach Polen zu, kam zu einer Zeit, da Teurung herrschte, ein ganz armes Bäuerlein zur Edelfrau und klagte ihr seine große Not, er habe ein krankes Weib und viele kleine Kindlein und für sie und sich zu essen gar nichts, die Edelfrau wolle doch aus Gnade ihm einen Scheffel Korn vorstrecken. Sie aber schlug es ihm rund ab, nur gegen bare Bezahlung könne sie ihm sotanes Korn ablassen. Der Mann ging fort und bettelte und suchte, daß er das Geld leihe, und bracht's mit großer Not zusammen, doch fehlte ihm noch ein Groschen. Ging aber doch wieder zu der Edelfrau und zählte ihr das Geld vor. Aber da fehlt ja noch ein Groschen! sprach sie hart. Der Arme bat und flehte, sie wolle ihm doch um Gottes willen das Korn dafür geben, er habe mit größter Mühe dieses Geld zusammengebracht und wisse den Groschen nicht zu schaffen. Aber da leuchtete kein Stern, die Edelfrau bestand auf dem Groschen. Weinend ging der Arme hinweg und hungerte und bettelte von neuem – endlich gewann er auch den letzten Groschen – und legte ihn in der hartherzigen Herrin Hand. Indem so entfiel der Groschen ihrer Hand – gierig und hastig bückte sie sich selbst danach, ihn wieder aufzuraffen, aber da verwandelte sich der Groschen in eine große greuliche Schlange, die durch ihre Hand und um ihren Arm sich wand und sie mit schmerzlichen Bissen verwundete. Und da half kein Herr Gott! und kein Ach Gott! Die Schlange blieb ihr am Arme, biß und quälte sie fort und fort, und nach dreien Tagen fuhr die Frau in Raserei von hinnen.

374. Das Glück im Brunnen

Zu Schilda im Amte Torgau, dessen Bürger unter dem Namen der Herren von Schilda bekannt sind, und welches Städtlein von wegen der kurzweiligen Reden und Taten, so man von denen Einwohnern erzählt, weitberühmt ist, hat sich im Jahre 1553 diese wahrhaftige Geschichte zugetragen. Es wohnete daselbst ein Bürger, der hieß Urban Ermtraut, der hatte auf seinem Hof einen tiefen Brunnen, aber des Wassers wenig darin, und wollte ihn tiefer graben lassen, verdingte das einem Maurer des Namens Hemberg. Der machte sich am 18. November im Brunnen sein Gerüst über dem Wasser, stellt die Leiter ein, steigt herauf, verzehrt sein Morgenbrot, muß aber erst ein Maß fertigen, daran es ihm gebricht, bevor er weiterarbeiten kann, hat jedoch seinen Hammer drunten liegenlassen, steigt nochmals hinunter, denselben zu holen; indem, wie er drunten ist, verfällt unten das Erdreich, weichen oben die Steine und bricht mit Donnergepolter der ganze Brunnen zusammen, daß er sich mit Schutt und Gestein füllt bis herauf zum Rande. Alle Welt zu Torgau erschrak. Der ist gut aufgehoben! sprachen die weisen Herren zu Schilda, lasset ihn begraben sein! Damit war es abgetan. Der Rat war doch noch weiser wie die Bürger, der beriet sich und ratschlagte ein langes und ein breites, endlich drang die Meinung durch: Nein! Der Brunnen muß geräumt werden und der arme Verschüttete heraufgeholt und dahin begraben werden, wo ihm als einem Christen zu liegen ziemt. Das geschahe am 21. Tage des Wintermonds, und es wurde nun erst begonnen zu graben nach der Zeche und nach Schachten fort und fort. Und am folgenden Tage nach Mittag um zwei Uhr kamen die Arbeiter auf einen großen Stein, da ging ein Loch hinunter, da stießen sie eine Stange hinab, zu fühlen, wie tief es gehe – und da schrie es drunten: Au! meine Nase! – und der Verschüttete lebte noch und hatte sich von selbiger Stange unangenehm berührt gefühlt und schrie, sie möchten ihn um Gottes willen aus dem kalten Loch helfen, es sei gar nicht schön da herunten! – Wie nun die Arbeiter hörten, daß der Mann noch lebte, arbeiteten sie sehr fleißig bis zehn Uhr abends, da wurden sie seiner ansichtig; er stand hinter der Leiter, die hatte ihn gegen die Steine geschützt, aber mit dem halben Leib stak er im Erdreich, und rief: Sagt meiner Frau, sie solle mir eine Biersuppe kochen, dieweil mich hungert! – Aber indem er das rief, tat das Erdreich unter den Arbeitern wieder einen Schuß hinab und auf ihn drauf und verschüttete ihn aufs neue ganz und gar. – Nun ist's aus, nun ist Feierabend! sprachen die Arbeiter und stiegen gemächlich wieder hinauf. Droben aber stand der Bürgermeister zu Schilda, Herr Jakob Schmied, und befahl zu arbeiten ohne Aufhören. Man sollte Schilda nicht auch noch zu den vielen Lügenmären, die über das Städtlein im Schwange gingen, nachsagen, es begrübe die Leute in die Brunnen. – Und so ward aufs neue begonnen, mit keiner Hoffnung – doch um Mitternacht gelangten sie zu dem verfallenen Maurer, und da fragte er: Ist die Biersuppe fertig? Und brachten ihn frisch und gesund herauf, und war vier Tage und drei und eine halbe Nacht, achtundachtzig Stunden, im Brunnen gewesen; ließ sich seine Suppe von Torgauer Würzbier übertrefflich schmecken und lobte Gott, dessen hohe Wundermacht er im Finstern erkannt hatte, wie geschrieben steht im 88. Psalm V. 13.

375. Die Erbsensteine

In einer Zeit großer Teuerung trug sich's zu, daß ein reicher Bauer in der Mark, der noch mehrere Ernten liegen hatte, vermeinte, er werde Hungers sterben müssen, denn solche Zagheit befällt oft die Geizigen, und weil das Korn sich nicht mehren und nicht wohlfeiler werden sollte, so besäete der Geizige seinen Acker mit Erbsen, aber ganz heimlich, und sprach dazu:

Ich säe Erbeis,

Daß's weder Gott noch die Welt weiß.

Aber ein Nachbar, welcher der Erbsen wirklich bedurfte und deren ebenfalls säete, hörte diese Worte und rief jenem auf seinen Acker hinüber.

Lieber Nachbar! Ich säe auch Erbeis,

Aber, daß Gott und die Welt darum weiß.

Da geschahe das Wunderbare, daß des letztern Mannes Erbsensaat keimte und fröhlich aufgrünte, aber die Saat des Geizigen, die ist durch Gottes Schickung samt der Ackerkrume versteinert. Und die in Steine verwandelten Erbsen sind noch heutiges Tages vorhanden, man kann darin Erbsen aus der versteinerten Ackerkrume gleichsam wie aus einer Hülse lösen, und die Hülsen selbst lösen sich vom Gestein ab und sind steinern.

Solcher Erbsensteine und Erbsenäcker finden sich aber nicht allein in der Mark, sondern auch in Thüringen und in Westfalen.

Zwischen Eisfeld und Krock am Abhang des Thüringer Waldes gegen Franken liegt ein solcher Erbsenacker, aber die Sage von ihm lautet ganz anders. Ja dieselbe Sage in wieder veränderter Form klingt aus Palästina herüber und tut überall dar, wie die kindliche Phantasie wundersame Gebilde der Natur sich poetisch zu deuten und zu erklären versuchte und verstand. Und da war es vorzugsweise das Reich der Steine, an dem jene Phantasie ihre Kraft übte.

376. Sündelstein und Lügenstein

Mit großen Steinen hat sich der Teufel immer gern zu schaffen gemacht. Ein solcher liegt bei Osnabrück, ragt dreizehn Fuß tief aus der Erde, und die Bauern sagen von ihm, der Teufel habe ihn an einer Kette gehalten und durch die Lüfte geführt, um da oder dort diese oder jene Kirche einzuschlagen. Dies habe er auch an einer Kapelle versuchen wollen, aber eines sündlosen Priesters Gebet habe ihn gezwungen, den Stein fallen zu lassen. Noch zeigen die Bauern im Stein die Stelle, wo die Kette gesessen, und nennen ihn den Sündelstein.

So auch liegt ein ähnlicher Fels auf dem Domplatz zu Halberstadt, mit dem der Teufel als Vater der Lügen dem Dombau ein Ende machen wollte. Der Baumeister aber nahm diese Absicht wahr und verhieß in aller Schnelle dem Teufel, ein Weinhaus neben den Dom zu bauen, sobald dieser letztere vollendet sei, da warf der Teufel den Stein hin. Man sieht daran noch die Spur des glühenden Daumens. Hinterdrein hielt der Baumeister nicht Wort. Der Stein heißt deshalb der Lügenstein.

Bei der Mündner Glashütte im Geismar-Wald liegt auch ein Stein, in den hat ein daraufsitzender Feldherr seine Spur gedrückt. Er zweifelte an seinem Glücke, und daß er so wenig siegen werde, als der Stein weich werden. Und siehe, da erweichte sich der Stein, was außerdem wunderselten geschieht.

377. Die Wittekindsburgen

Held Wittekind, oder Widukind, der Sachsenherzog, hatte eine Burg in der Gegend von Minden auf einem schönen Berge, da, wo das Wesergebirge beginnt und man einen reizenden Punkt der Gegend die Porta westphalica nennt, die hieß die Wittekindsburg oder Wekingsburg, auch Wittigenstein. Eine andere stand auf dem Werder, da wo die Herforder Werre in die Weser fließt, und eine dritte hatte Wittekind nahe der heutigen Stadt Lübbecke erbaut, die hieß die Babylonie. Von allen gehen noch Sagen um im Lande Westfalen. Die Burg bei Minden, oder der Ort selbst, habe erst Visingen geheißen, da habe Karl der Große, als Wittekind Christ geworden, gern einen Bischofsitz alldort begründen wollen und begründet. Denn es sei Raum genug vorhanden gewesen, auch bedurften die Menschen in jenen frühen Zeiten, obschon sie größer und stärker waren wie das heutige Geschlecht, des Raumes ungleich weniger wie letzteres. Und da habe Wittekind zu dem Bischof gesprochen: Es soll mein gut Schloß Visingen an der Weser gelegen zu gleichem Recht mein und dein sein und kein Streiten um das Mein und Dein: min-din, und von da sei der neue Sitz Mindin genannt worden, daraus dann hernachmals Minden entstand. Auch Wettin, der Sachsenfürsten hehre Stammburg, soll Wittekind erbaut haben, und Wittenberg dankt ihm nicht minder seine Gründung.

Nahe der Burg am Werder soll ein greiser Christenpriester dem Helden Wittekind auf dessen Jagdgange im tiefen Walde begegnet sein und zu ihm gesprochen haben, er solle an Christum glauben und an die Macht des ewigen Gottes. Da habe der Heidenheld ein Zeichen dieser Macht gefordert, und der Priester habe im Gebet zu Gott gefleht um solch ein Zeichen. Mache, daß Wasser aus diesem Felsen springt, so will ich die Taufe annehmen! habe Wittekind gerufen, und da habe sich das Roß emporgebäumt, mit dem Huf an den Fels geschlagen, und ein Wasserstrahl sei aus dem Gestein gerauscht. Da stieg der Held vom Roß und betete und baute nachderhand eine Kirche an den heiligen Ort, die hieß dann Bergkirchen, und der Born darunter quillt noch heute und heißt der Wittekindsborn.

Als aber der große Wittekind nach einem Leben voll mannlicher Kämpfe gestorben war – manche sagen, in einer Schlacht gegen den Schwabenherzog Gerwald gefallen –, da ist zwar sein Leib in Engern, wo er auch eine Burg hatte, beigesetzt worden, aber viele haben ihn nachher doch noch wiedergesehen. Die Sage geht, daß die Schlacht auf dem Wittenfelde gar vielen braven Streitern das Leben gekostet, und daß der Held endlich flüchtend gegen Ellerbruch gezogen. Da nun im Heerestroß viele Weiber und Kinder gewesen, die nicht gut fortzubringen, da habe sich das Sprüchwort erfüllt: Krupp unter, krupp unter (krieche ein), die Welt ist dir gram – und es habe sich unten an der Babylonie der Berg aufgetan, und Wittekind sei mit seinem ganzen flüchtigen Heer und allem Gefolge hineingezogen und habe sich da hineinverwünscht für ewige Zeiten. Manches Mal sieht man ihn in gewissen Zeiten mit auserlesenem Gefolge im Wesergebirge auf weißen Pferden reiten, da besucht er seine Burgen, auch wird das Heer erblickt mit blinkenden Spießen, und lauter Lärm wird dann vernommen, Rossegewieher und Hornschall, und die Anwohner sagen, es bedeute Krieg, wenn der Wittekind aus der Babylonie ausreite, wie dort vom Rodenstein und Schnellert die verwandte Sage geht. Auch um den grundlosen Kolk, einen Moorsee in Westfalen, spuken zur Nacht Wittekinds Heerscharen und ziehen nach der Widekesburg – einer öden Trümmerstätte.

378. Wittekinds Grab und Gedächtnis

Da Wittekind, der große Sachsenheld, der, solange es ihm nur möglich war, die Freiheit seines Volkes gegen Kaiser Karls Unterdrückung schirmte, gestorben war, so fand er sein erstes Begräbnis zu Engern in dem Stift, was er selbst begründet und erbaut, doch ward seinem Gebein, wie ihm selbst im Leben, wenig Ruhe beschieden. Denn hernachmals wurde es von Engern in einen schlechten Kasten nach Herford gebracht, und hernach aber nach Engern, doch wurde sein Gebein gleich dem eines Heiligen verehrt, auch sein Andenken in so hohen Ehren gehalten, wie kaum ein anderes eines deutschen Fürsten und Helden aus so früher Zeit, denn vormals ließen alle Fürsten zu Sachsen mit Stolz ihren Namen bis zu Wittekind zurückführen, ebenso die alten Herzoge zu Bayern, zu Schwaben, die Kapetinger in Frankreich, die Herrscher Oldenburgs und Dänemarks, Savoyens und andere. Da wollten alle Wittekinder sein. Kaiser Karl IV. hat des Helden Grabmal hoch geehrt und erneuern lassen. Es war darauf eine Schrift in Kreuzesform und des Helden Bild nach uralter Art mit perlengezierten Schuhen, Purpurtunika mit edelstein- und sternenbesäetem Überwurf, gar köstlich, und einem Hute, der einer Krone ähnlich.

379. Der Soester Schatz

Nicht weit von Soest in Westfalen lag ein altes zerstörtes Haus, Mauerreste eines Burgstalles etwa, darinnen sollte, so ging die Sage, ein großer Schatz in eiserner Truhe verborgen liegen, bewacht von einer verwünschten Jungfrau und einem schwarzen Hunde. Es müsse und werde einst, so meldete die Sage weiter, ein fremder Edelmann kommen, den nie eines Weibes Brust gesäugt, der werde die Jungfrau erlösen, den Schatzkasten gewinnen und mit einem feurigen Schlüssel ihn erschließen. Trotz dieser bestimmt ausgesprochenen Vorhersagung wagten sich aber doch unterschiedliche Schatzgräber, fahrende Schüler, Teufelsbanner und solche Vaganten mehr an des Schatzes Hebung, jedoch vergeblich, denn sie sahen so seltsame Gesichte und erhielten zumeist so übeln Willkommen, daß ihnen die Lust, wiederzukehren, auf immer verging. Einst geschah es, daß ein junges Mädchen aus einem nahen Dorfe ein paar Geißen hütete und ganz zufällig in den Hof des alten Gemäuers kam, da trat unversehens eine Jungfrau auf das Kind zu und fragte, was es da zu schaffen habe. Das Mägdlein sagte, es suche Beeren und Kirschen für sich und Futter für seine Ziegen. Da zeigte die Jungfrau auf ein Körbchen voll Kirschen und sagte: So nimm dort von den Kirschen, komme aber nicht wieder, damit dir nicht Übels begegnet. Das Kind erschrak, furchtsam griff es nach den Kirschen und nahm nur sieben Stück und eilte aus dem Gemäuer. Als es die Kirschen draußen essen wollte, waren sie in das reinste Gold verwandelt. Die Jungfrau aber soll das Los zahlreicher Schwestern teilen, sie soll noch immer unerlöst sein.

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