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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Die Königstochter
  2. Die grüne und die dürre Linde
  3. Die zwei Gleichen
  4. Burg Plesse
  5. Das stille Volk zu Plesse
  6. Von den Schweckhäuserbergen
  7. Der Drescher und der Zwerg
  8. Graf Isang
  9. Der Glockensee
  10. Der Heinrichswinkel

380. Die Königstochter

In Oberhessen ist ein Berg gelegen, heißt der Christenberg, darauf stand vorzeiten ein Schloß, darin ein König wohnte, welcher nur eine einzige Tochter hatte, welche wundersam begabt war. Dieser König hatte einen Feind, welcher mit Heeresmacht kam und ihn in seinem Schlosse belagerte. Eines Tages blickte die Tochter hinaus, da sahe sie einen Wald sich gegen das Schloß bewegen und rief:

Vater, gebt Euch gefangen!

Der grüne Wald kommt gegangen!

Nun hieß aber auch der Feind des belagerten Königs Grünewald, und so hatte der Tochter Rede einen Doppelsinn. Da sie nun so klug und verständig war, sandte ihr Vater sie dem Feinde entgegen, damit sie mit ihm unterhandle. Und da unterhandelte sie, daß sie freien Abzug haben solle und mitnehmen, soviel sie auf einem Esel fortbringen könne. Darauf setzte sie ihren Vater auf den Esel, packte dem letztern auch noch nebenbei ein Ziemliches an Schätzen auf und zog von dannen, indem sie den Esel leitete. Als sie eine gute Strecke so fortgegangen war, war sie müde und der Esel noch mehr, da hielt sie an einer hübschen Stelle an und sprach: Hier wolle mer ruhen. Als sie nun geruht hatten und weiterkamen, erreichten sie durch Wildnisse das Gebirge und fanden einen Flecken. Da sagte die Tochter: Hier hat's Feld! – Und sind allda geblieben und haben sich ein Schloß gebaut und haben das Hatzfeld genannt, und von jenem Ort der Rast empfing das Dorf Wollmar den Namen.

381. Die grüne und die dürre Linde

Hinter dem Geißenberge in Westfalen, auf dem vordessen weit verrufene Räuber hausten, besonders einer, Johann Hübner genannt, der nur ein Auge hatte und stets ein eisernes Wams trug, erhebt sich mit drei Spitzen der Kindelsberg, auf dem hat auch ein Schloß gestanden, das war voll Ritter, die gerade so schlimm und so schlecht waren wie ihre Nachbarn, die Räuber auf dem Geißenberge, nur daß sie reich waren und ein ergiebiges Silberbergwerk besaßen; dieser Reichtum aber war es eben, der sie übermütig machte. Sie spielten nur mit goldnen und silbernen Kegeln und Kugeln, wie die Einwohner zu Reichmannsdorf bei Saalfeld in Thüringen, buken sich dicke Kuchen von Semmelteig so groß wie Kutschenräder und machten Löcher hinein und steckten sie an die Achsen, während teure Zeiten waren und die Menschen kein Brot zu essen hatten, bis Gottes Langmut über der Ritter Frevel und Sünden ein Ende nahm und ihre Strafe einen Anfang. Spät eines Abends kam ein weißes Männlein in das Schloß auf dem Kindelberge und prophezeite, alle gottlosen Bewohner der Burg würden sterben, und nur der jüngste Sohn und eine Tochter, die beide fromm waren, würden am Leben bleiben; zum Wahrzeichen werde morgenden Tages eine trächtige Kuh im Burgstalle zwei Lämmer werfen. Das Männlein wurde als töricht verlacht und spöttlich aus der Burg gewiesen – und des andern Tages kalbte die Kuh nicht, sondern sie lammte. Da war der Schrecken und die Angst groß, und am dritten Tage kam eine schwinde Krankheit, gleich einer Pestilenz, und raffte alle die Gottlosen dahin. Der am Leben bleibende jüngste Sohn zog mit einem jungen Grafen von der Mark in den Krieg und verlobte ihm seine Schwester, um welche auch, wiewohl vergebens, einer der Raubritter vom Geißenberge warb, den man nur den Ritter mit dem schwarzen Pferde nannte. Sie wies ihn aber ab und sagte, sie werde ihn lieben, wenn die Linde vor ihrem Fenster dürr sei und nie mehr grüne. Da hob der Raubritter heimlich die grüne Linde aus und setzte eine dürre hin, und als er nun ihre Hand forderte, die doch schon versagt war, sprach sie zu ihm: Ich kann dich doch nicht lieben, und wenn ein ganzer dürrer Lindenwald draußen stände. Da stach ihr der Ritter sein Schwert durchs Herz. An demselben Tage kehrte ihr Verlobter mit ihrem Bruder aus dem Kriege heim, und als er sein Lieb ermordet fand, schwur er sie zu rächen, zog aus und erschlug den Ritter mit dem schwarzen Pferde. Dann begrub er mit dem Bruder die Jungfrau, und sie setzten eine grüne Linde auf ihr Grab und einen großen Stein, der immer noch vorhanden ist.

382. Die zwei Gleichen

Nicht weit von Göttingen liegen auf einer Berghöhe zwei Burgruinen, Altengleichen und Neuengleichen genannt. Die Sage geht, daß in sehr frühen Zeiten zwei Grafen aus dem Sachsenlande sie erbaut, welche dann von diesen Burgsitzen aus das Land bedrückt und beraubt hätten, da seien sie unter der Regierung Kaiser Otto IV. befehdet, von den Bewohnern des Landes vertrieben und ihre Burgen zerstört worden, darauf sie sich nach Thüringen gewendet und dort die unter dem Namen der drei Gleichen bekannten Bergschlösser erbaut hätten. Es beruht das aber alles auf Nachrichten, die nur als Sage annehmlich klingen. Die einst schönen und stattlichen Nachbarburgen bei Göttingen gehörten zwei Dynasten, Ezike und Elle von Reinhausen genannt. Der letztere dieser Brüder, Elle, brachte ein mannlich Geschlecht hervor, davon ein Sproß mit dem Bischofshut von Hildesheim sein Haupt geschmückt sah. Doch endlich blühte dieses Geschlecht dennoch ab, und die Burgen sind hernachmals an die Familie von Uslar gekommen. Diese war in zwei Linien geteilt; das Haupt der einen hatte Altengleichen mit drei Vierteilen der Herrschaft inne, das Haupt der andern bewohnte Neuengleichen und besaß nur das letzte Viertel der Gleichenschen Herrschaft. Solcher Ungleichheit halber liebten sich diese beiden Herren keineswegs, sie haßten sich vielmehr recht gründlich und so sehr, daß einer den andern mit einem Pfeilschuß zu töten beschloß. Diesen argen Gedanken blies jedem von beiden der Teufel zu gleicher Zeit ein, und die beiden im Haß einander gleichen Bewohner der Burgen Gleichen gedachten an einem und demselben Morgen jeder den Nachbar und Feind zu erlegen. Der Teufel lenkte jedem zugleich den Schuß in das Herz hinein, und so starben sie wie jene Ritter auf den zwei einander nachbarlich nahen Rheinburgen, die man die Brüder nennt.

383. Burg Plesse

Auf dem Plesseberge, anderthalb Stunden von Göttingen, liegt die Trümmer des ehemaligen Bergschlosses Plesse. Von dieser Burg gehen gar mancherlei Sagen. Ein Kind ward lebendig in der Mauer beigesetzt, als man die Burg erbaute, um sie, nach frühem Wahn, unüberwindlich zu machen. Vor fünfzig Jahren fand man das Särglein mit den Gebeinen. Hinter der Burg ging ein Felsenbrunnen zur Tiefe, in dessen Gemäuer ein heimlicher verborgener Eingang zu einem unterirdischen Gang in das Innere der Burg führte, so daß man aus der Burg Wasser holen konnte, auch wenn sie belagert war. Ein mannhaftes Rittergeschlecht nannte sich nach der Burg edle Herren von Plesse, und obschon die einst stattliche Burg in Trümmern liegt, bewachen und beschirmen die Rittergeister noch ihren einstigen Wohnsitz. Einem Maurer, der Steine aus dem Burggemäuer brach, um sie drunten zu verwenden, schreckte ein seltsames unerklärbares Geräusch, daß er fast darüber die Besinnung verlor und endlich von dannen eilte, ohne je wieder hinauf und nach Burgsteinen zu begehren. Der letzte edle Herr von Plesse war Dietrich VI., mit ihm ist am 22. Mai 1571 das Geschlecht ausgestorben, und dann ist alsbald die Plesse ein Zankapfel zwischen Braunschweig und Hessen geworden, bis endlich die Burg nach manchem Streit an Hannover gelangt ist. Hauseten oben über der Erde auf Plesse große und tapfere Ritter, so hauste ebendaselbst unter der Erde ein kleines winziges Völklein, von dem eine gar wunderliche Mär umgeht.

384. Das stille Volk zu Plesse

Tief unterm Boden des Burgberges der Plesse wohnt ein stilles Zwergenvolk, hülfreich und guttätig den Menschen, das sich unsichtbar zu machen vermag und durch jede verschlossene Türe, durch jede Mauer wandelt, so es ihm beliebt. Bei dem tiefen Felsbrunnen ist der Haupteingang in des stillen Volkes unterirdisches Reich. Wie die Herren Studenten zu Göttingen gar gern die Burgruinen der beiden Gleichen und die absonderlich schöne und anmutige der Plesse besuchen, so tat auch ein Göttinger Student im Jahre 1743. Er hatte ein Buch mitgebracht, und da er sich auf dem von lieblichen Schatten malerischer Bäume umspiegelten Burgplatz allein fand, legte er sich auf den Rasen und las. Ein süßer Geruch, wie von Waldmeister, Maienglöckchen und Flieder, schläferte ihn ein. Lange schlief er, bis ein Donnerschlag und strömender Regen ihn weckten. Dunkel war es um ihn her, nur Blitze beleuchteten mit fahlem Schein die verwitternden Trümmer. Der Student betete, denn damals pflegten die Studenten noch zu beten, jetzt werden's wohl nur noch wenige tun – da kam ein Licht auf ihn zu. Ein kleines altes Männchen mit eisgrauem Bart trug's und hieß jenen ihm folgen. Das Männlein führte den Jüngling zum Brunnen, in welchem ein Brettergerüst stand, darauf traten beide, und jetzt ging es wie auf der schönsten Versenkung eines Theaters sanft zur Tiefe bis auf den Wasserspiegel. Da wölbte sich eine Grotte, in der es trocken und reinlich war. Da sagte das Männlein: Es stehet dir nun frei, hier im Trocknen zu verharren, bis droben das Unwetter vorüber, oder mir in das Reich der Unterirdischen zu folgen. Der Student erklärte, letzteres wählen zu wollen, wenn keine Gefahr ihm drohe. Darüber beruhigte ihn das alte eisgraue Männlein, und so folgte er ihm gleich einem Führer durch einen gar niedern und engen Gang, der für das Männlein just hoch und weit genug war, aber für den Bruder Studio nichts weniger als bequem, so daß ihm ganz schlecht wurde. Endlich traten beide aus dem Gange und sahen vor sich eine weite Landschaft, durch die ein rauschender Bach floß, mit Dörfern aus lauter kleinen Häusern, wie die chinesischen, und ganz kunterbunt bemalt, wie die Wachtelhäuser. In das schönste dieser Häuschen traten sie ein, und darin war des eisgrauen Männleins werte Familie, welcher der Studiosus Theologiä aus Göttingen vorgestellt wurde. Hierauf grüßten ihn die Anwesenden mit einer stillen Verbeugung. Dann stellte das Männlein dem Studenten die werte Familie vor, seinen Vater, das war aber ein ganz schneefarbiger Greis, und ebenso seine Mutter, beide waren so alt, daß sie nur noch auf Stühlen sitzen, nicht mehr stehen und gehen konnten; dann seinen Großvater und seine Großmutter, die hatten beide kein Härlein mehr auf ihrem Kopf und kein Fleisch mehr auf ihren Knochen und konnten bloß liegen, dann des Männleins Frau, auch schon aus den Zwanzigen und etwa in den Sechzigen, und ihre Kindlein von dreißig bis vierzig Jährchen und die kleinen Enkelchen etwa von vierzehn bis fünfzehn Jahren. Dann sprach der alte Großvater einige Worte des Grußes, der Gast aus der Oberwelt möge sich nur umsehen und ohne Furcht sein. Dann kam die jüngste Tochter, die war nur eines Schuhes hoch, doch dreizehn Jahre alt, und sagte: Es ist angerichtet. Das hörte der Student gern, daß die stillen Leutchen auch anrichteten. Und die Tafel war königlich, was die Geräte, Tafeltücher, von Asbest gewebt, Teller und Löffel von Gold, Messer und Gabeln von Silber und dergleichen betraf. Das Essen war und schmeckte gut, und was das Trinken anlangte, so dünkte dem Studenten, er trinke den köstlichsten Wein, die Zwerglein aber behaupteten, es sei nur Wasser. Nach Tische erzählte der uralte Vater dem Studenten viel von der Einrichtung des unterirdischen Reiches. Ihm und den Seinen, als geborenen Herrn desselben, gehorche alles willig und gern. Landstände habe das Land keine, und er als Regent halte auch keine Minister, die einen so teuer und so unnütz wie die andern. Es gebe in diesem stillen Reiche nur Friede, Zufriedenheit und Wohlwollen. Ein jeder tue ungeheißen seine Pflicht. Es gebe keine Zwiste, keine Kriege, keine sogenannte Politik. Man kenne hier unten keine Wühler als die Maulwürfe und Reitmäuse, und die stammten aus dem unterirdischen Reiche. Wie der Alte noch redete, erscholl ein Zeichen von einem stark geblasenen Horne: das Zeichen zum Gebet. Alles faltete die Hände und fiel auf die Kniee und betete still und leise. Der Abend brach an, und es kamen Lichte auf großen silbernen Armleuchtern, und man ging in ein anderes Zimmer. Alles, was er bis jetzt gesehen, gehört und wahrgenommen, reizte gar sehr die Wiß- und Neubegier des Studenten. Er dachte, es müsse nicht übel spekuliert sein, über diesen so wohlgeordneten Staat unter dem althessischen Boden eine Reisebeschreibung zu verfassen und herauszugeben, wie weiland Nils Klimm getan, zu Nutz und Frommen der Oberwelt, und wollte schon beginnen, sich Bemerkungen in seine Brieftasche zu machen. Aber das alte Männlein verhinderte ihn daran und sagte: Laß das! Ihr da oben lernt doch nicht, glücklich zu sein; ihr versteht das Befehlen so schlecht wie das Gehorchen. Ziehe hin und fürchte Gott, ehre den Herrscher und die Gesetze und scheue niemand! Der Studiosus fand es sonderbar, daß man die Gäste, die man erst eingeladen, gehen heiße, mußte sich aber fügen. Er empfing noch einige Gaben mit auf den Weg und fand sich unversehens wieder oberhalb des Brunnens auf der Plesse. Der Morgen war prächtig angebrochen, und der Burgwald erschallte von Vogelstimmen. Der Studiosus besah die Gaben und befand, daß es Gold und Edelsteine waren von hohem Wert. Er hatte, wenn er diesen Reichtum gut und vernünftig anwandte, genug für sein ganzes Leben.

385. Von den Schweckhäuserbergen

In der Göttinger Gegend zwischen den Dorfschaften Waake, Landolfshausen und Mackenrode, die recht in einem Dreieck zueinander liegen, liegen auch drei Berghöhen, welche man vereint die Schweckhäuserberge nennt. Eine dieser Höhen ist etwas länglich gedehnt, wie so manches in dieser Erdenwelt, die heißt der lange Schweckhäuserberg, und derselbe trug früherhin auf seinem Gipfel ein Ritterschloß. Obschon keine Trümmer davon mehr vorhanden sind, gehen doch die Einwohner der drei genannten Orte gern hinauf auf den Gipfel, der freien Natur und schönen Aussicht zu genießen, besonders am ersten Ostertag, und erzählen sich mancherlei Mär und Sage von diesen Bergen. Daß ein Heidentempel droben gestanden mit einem ehernen Riesenbilde, hohl, wie der Herkules auf der Wilhelmshöhe bei Kassel, das die Heidenpriester zu allerlei Trug und Blendwerk benutzt, und statt selbst zu predigen, hätten sie das metallene Bild predigen lassen. In den Bergen aber seien Zwerge seßhaft gewesen. Von sotanen Zwergen hat einer die Tochter eines Schafhirten gern gesehen, aber sie liebte bereits einen treuen Schäfer und war für den Quarksen nicht zu Hause, zumal er neben der Kleinheit vorn und hinten mit einem merklichen Verdruß aufwartete, kleine Schweinsäugelein, beträchtliche Lippenwülste, Schlappohren, ein aschgraues Gesicht und die Annehmlichkeiten grüner Zähne und stets feuchter Nase, etwa wie der Spiegelschwab im Volksmärchen, besaß. Doch hatte der Zwerg eine große Tugend, er war über die Maßen reich und spendierlich und schenkte drauf und drein, und da die Mutter besagten Mägdeleins, das Lorchen hieß, die Gaben nicht zurückwies, so vermeinte der Zwergenmann, er habe nun ein Recht, und sagte endlich kurz und rund zur Alten: Daß du es weißt, deine Tochter wird mein, es wäre denn, du wüßtest meinen Namen zu nennen; kannst du das, wenn ich wiederkomme, so soll es auch gehen wie im Kindermärchen, dann will ich weichen, und das Lorchen soll freie Wahl haben, nach dem Orakel der Gänseblume, zwischen Edelmann, Bettelmann, Schulmeister, Pfarr. Damit ging er nicht in bester Laune hinweg. – Das war der Mutter des Mägdleins gar unlieb zu hören, klagte es dem Liebhaber ihrer Tochter und riet ihm um sein selbst und seiner Liebe willen, des Zwergen Namen auszukundschaften. Das däuchte nun freilich dem jungen Gesellen ein schweres Stück und war's auch in der Tat, denn es gibt der Wichtlein wohl ab und auf all um den Rhein, in Preußen und Reußen, dünken sich wunders viel zu sein und zu bedeuten, und so einer nach ihnen umfragt in allen Landen, so hat niemand die Tausendteufelskröpel jemals auch nur nennen hören. – Der Schäfer spähte nun gar fleißig umher, und als einmal der Zwerg sich zeigte, schlich er ihm nach, allein plötzlich verschwand der Zwerg an einem Steinfelsen. Als der Schäfer zum Fels trat, sah er eine schöne rote Blume darauf blühen, und innen hörte er hämmern und klingen. Der Zwerg schmiedete und sang dazu:

Hier sitz' ich, Gold schnitz' ich,

Ich heiße Holzrührlein, Bonneführlein.

Wenn das die Mutter wüßt',

Behielt' sie ihr Lürlein.

Das nahm sich der Schäfer zu Ohren und hinterbrachte es schnell seiner Liebsten und ihrer Mutter. Bald darauf kam der Zwerg wieder und fragte: Weißt du meinen Namen? – Ach! sagte die Alte, wie kann ich Euern Namen wissen? Ihr werdet wohl am Ende Vitzliputzli heißen! – Nein, so heiße ich nicht! grölzte der Zwerg. Oder Peter Neffert! riet die Alte neckend weiter. – Nein, so gar nicht! antwortete jener. Ich frage zum dritten und letzten Mal: wie heiße ich? – Da sang die Alte:

Im Felsen sitzt Ihr, Gold schnitzt Ihr!

Ihr heißet Holzrührlein, Bonneführlein.

Und weil das die Mutter weiß,

Kriegt Ihr nicht mein Lürlein!

Das hat dir der Teufel gesagt, Weib! schrie voll Ärger der Zwerg, fuhr ab und ließ sich nimmermehr wieder sehen. Der Schäfer aber hat das Lorchen geheiratet und ist mit ihr gar glücklich geworden.

386. Der Drescher und der Zwerg

In der Burgscheuer zu Schweckhausen draschen einmal zwei Drescher Erbsenfrucht auf der Tenne aus; die Schoten waren groß und ausgiebig, und nach dem Ausdreschen wurfelten sie die Erbsen, aber als sie bald fertig waren, sahen sie, daß es kein Haufen wurde. Die Erbsen flogen wohl durch die Luft, und die Spreu fiel nieder, aber auf die Tennen kamen keine Erbsen. – Höre, das geht nicht mit rechten Dingen zu, sagte der eine Arbeiter zum andern, und der erwiderte: Da hat der Kuckuck sein Spiel, und warf seine Wurfschaufel in die Höhe, nach der Stelle hin, wohin sie die Erbsen geworfen. Mit einem Male steht ein Zwerg sichtbarlich vor ihnen, der hält einen großen Sack aufgesperrt, und dahinein waren alle Erbsen geflogen. Durch den Schaufelwurf war aber dem Zwerg die Nebelkappe vom Kopf gestreift, daher war er nun sichtbar geworden, rasch fuhr der Knecht zu und nahm die Kappe weg, und der andere griff nach seinem zur Seite liegenden Dreschflegel, um auf den Zwerg loszuschlagen. Der aber flüchtete eilend von dannen, ließ den Sack mit Erbsen zurück und auch seine Nebelkappe. Die ist hernach noch lange im Schloß aufbewahrt worden, und die Herren haben damit viel Kurzweil getrieben.

387. Graf Isang

Der letzte Besitzer der Burg Schweckhausen hatte eine sehr schöne Tochter, Bertha genannt, um diese warb Graf Isang, welcher ein wilder und wüster Ritter war, dessen Schloß zwischen Bernshausen und Seeburg stand. Auch er war der letzte seines Geschlechts und hatte schon viele Untaten getan, die sich gar nicht niederschreiben lassen. Die schöne Bertha wollte gar nichts von der Werbung des Grafen Isang wissen, aber da dessen Mutter eine gewaltige Zaubrerin war, so verwünschte sie das Mägdlein, daß es im Burghain nachts so lange umgehen und seufzen sollte: Hilf mir! hilf mir!, bis jemand zu ihr sagen würde: Helfe dir der liebe Gott! Aber auch damit solle sie noch nicht erlöst sein, sondern der Sohn zweiter Ehe einer Frau, der als Pfarrer studiert habe und noch ein reiner Jüngling geblieben sei, wenn er seine erste Predigt tue, der könne Bertha erlösen. Da hat nun die arme Bertha fort und fort spuken müssen die längste Zeit.

Der Graf Isang wurde aber von nun an nur immer ärger und schlimmer und häufte Schuld auf Schuld, Sünden auf Sünden. Da brachte ihm eines Tages sein Koch einen silberweißen Aal, es war aber eine weiße Schlange, und der Graf war begierig, davon zu essen, und verbot, daß irgend jemand von der Dienerschaft es wage, auch von dem weißen Aal genießen zu wollen. Da nun der Graf von der Schlange gegessen hatte und hinab in den Hof kam, da hörte er viele Stimmen, und hörte die Tiere sprechen, und verstand ihre Sprache. Aber erfreuend war es nicht, was Graf Isang hörte. Die Hennen gackerten: Packe, packe, packe dich! – Der Hahn schlug mit den Flügeln und krähte den Grafen an: Flieh, flieh, flieh, flieh! – Die Tauben gurrten: Die Burg, die Burg, die Burg geht unter! – Gänse und Enten schnatterten durcheinander: Graf Isang, Graf Isang! Es ist alle, alle, alle. Wo dein Haus heute stand, ist morgen Wasser, Wasser, Wasser, Wasser! – Dem Grafen rieselte es kalt durchs Gebein, da er die Tiere also reden hörte. Da stürzte sein Diener atemlos herbei und rief: Hört Ihr's, Herr? Hört Ihr's, was die Hunde heulen und winseln? Auf, auf, auf! Das Haus soll im Hui, im Hui versinken, verschwinden! – Und da entbrannte der Graf im jähen Zorn und zog sein Schwert aus der Scheide und schrie: Selbst Hund! Hatte ich nicht allen verboten, vom weißen Aal zu essen, nun hast du's doch getan und hörst den Unsinn und schwatzest ihn gleich nach! Fahre zur Hölle, du Teufelsrabe! Du Unsinnskrächzer! – und damit spaltete der Graf dem Diener den Kopf und ritt aus der Burg hinaus nach dem Städtchen Gieboldehausen zwischen Göttingen und Nordheim zu. Hinter ihm sank unter Erdbeben und Donnerkrachen seine Burg in den Boden, und an ihre Stätte trat ein tiefer See. Graf Isang aber trat in ein Kloster zu Gieboldehausen und büßte reuig seine Sünden ab und machte reiche Schenkungen von seinem Erbe. Auch die arme Bertha von Schweckhausen hat hernachmals, doch nach langer Zeit, durch einen außerordentlich tugendhaften jungen Pfarrer ihre Erlösung gefunden.

388. Der Glockensee

Zwischen Northeim und Uslar liegt der Flecken Moringen; dort ist in einem Garten ein kleiner See, den nennen sie den Opferteich. Vor alten Zeiten haben Tempelherrn zu Moringen einen Sitz und Klosterhof gehabt. In noch frühern Zeiten wurde unter alten Eichen, die in des Teiches Nähe standen, Gericht gehalten, und die Schuldigbefundenen wurden als Sühnopfer der Gerechtigkeit tot oder lebendig in den Teich gestürzt, daher sein Name Opferteich. Derselbige Teich ist nicht groß, aber sehr tief und wird durch unterirdische Quellen unterhalten, sichtbaren Zufluß hat er nicht.

Als das Tempelhaus noch stand, ließen die Klosterbrüder eine neue Glocke gießen und in dem Kirchturm aufhängen. Aber sie ließen selbige Glocke nicht erst taufen, wie doch allgemeiner Brauch war, denn die Templer taten manches, und manches taten sie nicht, das beiderseits ihnen bösen Ruch machte. Als daher zur Christmette die Glocke zum ersten Male geläutet wurde, tat sie einen schrillen Klang und fuhr zum Schalloch heraus gerade in den kleinen tiefen See hinab, und da liegt sie noch bis heute, und der See hat von ihr den zweiten Namen Glockensee erhalten. In jeder Christnacht läutet die Glocke eine ganze Stunde lang, und bei hellem Wetter sieht man sie bisweilen im Grunde liegen und grüngoldig heraufschimmern. Kein Fisch kann im See leben, und lebt keiner darin, wegen der Glocke. – Bei Ricklingen, ohnweit Hannover, ist ein unergründlicher mit Wasser gefüllter Erdspalt, eine wahre Teufelskutte, in die hat der Teufel eine ganze Kirche gestürzt, deren Glocken man noch Ostern und Pfingsten läuten hört.

389. Der Heinrichswinkel

Nicht weit hinter dem Harzstädtlein Gittelde, das manche auch Gattelde schreiben und Gittel sprechen, und das in alten Zeiten Chatila geschrieben ward, nach der Staufenburg zu, da liegt der merkwürdige Raum, auf welchem des Sachsenherzog Heinrich des Finklers Vogelherd stand, als ihn die Abgesandten des Reichs aufsuchten und die Kaiserkrone ihm darboten. Dort saß Heinrich mit seinem Gemahel im lauschigen Winkel einer grünen Laube, und als er die Gesandten nahen sah und wußte nicht, was sie wollten, da winkte er ihnen mit der Hand, zu warten, bis er sein Netz zusammengezogen habe. Der Fleck heißt noch bis auf den heutigen Tag der Heinrichswinkel. Bei Gittelde hatte der Herzog eine kleine Burg, deren ehemalige Stelle man noch zeigt und die Burg nennt, nahe dabei ist eine Wiese, die heißt der Kaisergarten, Heinrich legte dort einen Garten an. Rundum hatte Heinrich außer diesen seinen Lieblingsorten Jagdhäuser, so eines auf dem Berge, der die spätere Staufenburg trug, eins in Gittelde, eins in Seesen, eins zu Herzberg, eins zu Scharzfeld, eins zu Schildberg, eins auf dem Harzburgberge. Eine andere Anhöhe hieß die Vogelsburg und lag über einem Ort, der hernachmals Vogelsbeck benannt wurde. Alldort erlegte Junker Heinemann von Gittelde einen Bären, der den Herzog hart bedrängte, ward hoch belobt und belohnt, und Heinrich erbaute an dem Ort eine Kapelle, und die Priester mußten darin beim Messedienst vor dem Altar auf das Fell des Bären wie auf einen Teppich treten. – Die Staufenburg ist hernachmals durch den Kaiser Heinrich I. gar stattlich auf- und ausgebaut worden, und er hat sie als einen Lieblingssitz betrachtet. Hernachmals in spätern Zeiten hat sich auf der Staufenburg noch mancherlei Geheimnisvolles zugetragen, und ihre Mauern sahen nacheinander der Liebe Wonnen und der Liebe Pein im vollsten Maße, so daß sie für Herzog Heinrich von Braunschweig, der seine Eva von Trott droben wohnen hatte und barg, selbst gar ein traulicher Heinrichswinkel geworden. – Auf einer Felsklippe ist noch ein Frauenfuß tief eingedrückt zu sehen, dort stand oft lange ein schönes Weib mit sehnsuchtsvollem Blick und schaute dem Kommen des Liebsten entgegen. Man will sie auch noch jetzt erblicken mit goldgelbem, fliegendem Ringelhaar, wie die alten deutschen Meister ihre schönsten Marienbilder malten.

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