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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Der Greifenstein
  2. Der Mönch auf Blankenburg
  3. Das gefährliche Pfand
  4. Die törichten Musikanten
  5. Heilsberg
  6. Die Totenschauerin
  7. Das Frühmahl
  8. Die Hangeeiche
  9. Der Wassermann
  10. Der Wechselbalg zu Großwitz

520. Der Greifenstein

Ein thüringischer Graf, des Namens Heinrich, brachte aus einem Kreuzzuge einen Greifen mit, andere sagen einen Falken, der nur auf den Namen Greif gehört. Einst ließ der Graf den Greif nach einem Reiher steigen, er stieg und kam nicht wieder, das war dem Grafen sehr leid, und er gebot seinen Dienern, allüberall zu suchen und zu spähen, ob sie den Greif fänden – es war aber vergebens. Des andern Morgens ging der Graf selbst wiederum aus, den Falken zu suchen, den er sehr ungern mißte. Da erblickte er ihn nach dem Kesselberge zu hoch in der Luft schweben und im Nu auf einen Schwarm Vögel niederstoßen, die sich auf einem nahen Berge niederließen. Eilends bestieg der Graf diese Anhöhe und fand seinen Greif an dem Orte, wo sonst die Burggerichte gehalten wurden, im Gebüsche seine Beute verzehrend, rings umher aber Singvögel, die von ihren Nestern aufflatterten. Ei, ei, du loser Schelm, sagte der Graf scherzend: habí ich dich nicht gehalten wie ein Kind, und doch willst du mich verlassen? Freilich istís hier schöner, als auf meiner Hand, und du hast dir wahrlich keine üble Residenz erwählt. – So sprach der Graf, und seinen Greif auf die Hand nehmend und streichelnd, schaute er sich um, und weil ihm der Platz so wohl gefiel, da man von ihm aus Thal und Gegend weit überschaute, so kam es ihm in den Sinn, hier eine Burg zu erbauen. Noch in demselben Jahre wurde der Grund gelegt; der Bau währte mehrere Jahre, denn es wurde so fest und stark gebaut, wie wenn die Mauern ewig halten sollten; ja, der Mörtel, der noch jetzt mit unverwüstlicher Festigkeit die mürben Sandsteine zusammenhält, soll mit Wein angemengt worden sein, damit er die Steine um so fester kitte. Die Burg aber nannte der Graf zum Andenken seines Greifes, der den Platz erwählt, Greifenstein – das Volk nennt sie nur "das alte Schloß,ď und glaubt, sie sei bei einer Belagerung zerstört und verbrannt worden, obgleich diese Meinung der Geschichte zuwiderläuft; in der Geschichte aber heißt sie die Blankenburg und die Grafen von Schwarzburg hatten sie inne und wohnten auf ihr.

521. Der Mönch auf Blankenburg

Auf dem Burghofe der alten Blankenburg läßt sich in der Dämmerstunde oft ein Mönch mit grauem Haare und Barte sehen, der den Leuten winkt, sie möchten ihm folgen. Das hat aber bis jetzt noch niemand gewagt als ein Schäferknabe, der auf dem mit Gras bewachsenen Hofe seine Lämmer weidete. Den führte der Mann mit langer grauer Kutte, die mit einem Stricke umgürtet war, an ein eisernes Tor. Der Mönch berührte es mit dem Finger, und im Nu sprangen die Flügeltüren auf und eröffneten den Blick in unterirdische Säle, wo das Licht der Lampen, die von der Decke schimmerten, sich in tausend goldenen Geräten spiegelte. Der Saal war mit harten Talern gepflastert, und in den Winkeln lagen Haufen Goldstücke. Obgleich der Mönch winkte, hineinzutreten und zuzulangen, so traute sich doch der Bube nicht, und als er dem vor Staunen fast an die Stelle gebannten Knaben lange zugewinkt, verschwand er plötzlich, und es war keine Spur von Tor und Saal mehr zu sehen.

Das soll der Arzt Freidank sein, welcher den Kaiser Günther, der hier auf dieser Blankenburg geboren wurde, vergiftete und so lange hier umgehen muß, bis ihm, dem treulosen Verräter, ein Mensch Zutrauen geschenkt hat.

Sonst mußte jedes Kind, welches zum ersten Male den Greifenstein besuchte, ein Stücklein Brot mitnehmen, womit es den Mönch begütigen könne, wenn er erschiene. Dabei wurde dem Kinde, das sich aus Furcht vor dem Mönche scheu an die Eltern schmiegte, der tiefe, jetzt leider fast ganz verschüttete Brunnen gezeigt, welcher ehemals so tief gewesen sein soll, daß ihm das Wasser aus der Schwarza zufloß, und aus dem der Storch die kleinen Kinder holt und sie den Müttern, den Geschwistern aber große Zuckertüten mitbringt.

522. Das gefährliche Pfand

Auf einem Edelhofe unter Blankenburg, etwa in Watzdorf, war Spinnstube, es wurden Pfänder ausgelöst. Was soll tun das Pfand, das ich hab' in meiner Hand? wurde gefragt, und ein vorwitziges Mädchen sagte: Auf die Burg gehen und eine Kachel von dem alten Öfchen holen! Der kecke Vorschlag ging durch, aber selbst den beherzten Burschen graute vor der Ausführung. Das Pfand gehörte einem Mädchen – Sophie Brandt soll sie geheißen haben –, und sie machte sich, um nicht furchtsam zu erscheinen, auf den Weg. Als sie in das einzig übriggebliebene halb verfallene Stübchen der Burg tritt und eben beschäftigt ist, eine Kachel aus dem verwitterten Ofen zu brechen, hört sie in der Nähe Tritte und leise Stimmen. Sie schlüpft erschrocken hinter den Ofen und verbirgt sich. Es waren mehrere Räuber, die vom Raube kamen und hier ihre Beute teilen wollten. Sie schürten mitten im Zimmer ein Feuer an, aßen und tranken, und nachdem sie die Beute geteilt, streckten sie sich sorglos auf den Fußboden, um zu schlafen. Als das vor Angst halbtote Mädchen merkte, daß sie fest schliefen, schlich sie sich hervor, schritt über den Räuber, der sich vor die Tür gelagert, weg und entfloh aus allen Kräften, immer die Räuber auf ihren Fersen wähnend. Leichenblaß tritt sie in die Spinnstube; kaum hört sie den allgemeinen Jubel, womit sie empfangen wird, mit zitternder Hand legt sie die Kachel auf den Tisch – und sinkt entseelt zu Boden.

523. Die törichten Musikanten

Mehrere Musikanten aus Klein-Gölitz, die in Blankenburg beim Tanze mit aufgespielt hatten, gingen auf dem Nachhausewege am alten Schlosse vorüber. Der Mond beleuchtete die gelben Mauern, und durch die verödeten Fenster neigten sich grüne Büsche. Der eine sagte: Wie wäre es, Kameraden, wenn wir den alten Grafen, die da oben umwandeln, ein Ständchen brächten; solche große Herren nehmen das gar gut auf, zumal wenn sie so selten Musik hören wie da droben! Den andern war es recht, und sie spielten einen gemütlichen Dreher. Die heitern Weisen hallten lustig in die Nacht hinein, und ihr Klang brach sich sanft widerhallend an den alten Mauern. Oben aus den Fensterhöhlen schienen verwitterte Gesichter freundlich zu nicken. Als die letzten Töne verklangen, trat ein graues Männchen – die Musikanten hatten es nicht kommen sehen – zu ihnen, schenkte jedem einen Buchenzweig und sagte: Bringt das eueren Kleinen mit, die schnabulieren gern Bucheckern! Unterwegs warfen alle den Zweig lachend weg und sagten: Wenn der wunderliche Mann uns wenigstens ein Zuckerbrötchen mitgegeben hätte, denn Bucheckern essen unsere Kleinen dieses Jahr nicht, da wir welsche Nüsse die Fülle haben, und in denen steckt doch ein ordentliches Bübchen (Kern). Nur der Baßspieler steckte das Zweiglein zum Andenken in seinen Baß. Des andern Morgens kamen seine Kinder fröhlich gehüpft und fragten: Vater, was habt Ihr uns denn für gelbe Nüßchen mitgebracht, die taugen doch nicht zum Essen, denn sie sind hart, daß man sich die Zähne dran ausbeißen könnte! Und als der Vater den Zweig betrachtete, siehe! da war er in pures Gold verwandelt, und so wurde er der reichste Mann im Dorfe. Die andern Musikanten durchsuchten nun jedes Gräschen am Wege, um ihr Zweiglein wiederzufinden, aber es blieb nicht nur verloren, sondern sie sollen noch obendrein von unsichtbaren Händen unbarmherzige Nasenstüber bekommen haben.

524. Heilsberg

Von der Einführung des Christentums in die Gegend von Blankenburg, Schwarzburg und Rudolstadt geht diese Sage. Winfried Bonifazius kam auf seinem Bekehrungszuge durch Thüringen über die steinige Hochebene, darauf jetzt Trappendorf liegt, durch öde Waldwildnisse. Da er nun mit seinen Gefährten in einem Talgrunde lagerte, so ließ er sein Pferd weiden, und da dessen Fuß wund war, scharrte es damit heftig, und da entsprang eine Quelle, von deren Wasser der Fuß des Rosses alsbald heil wurde, wie sich auch im Spring in Heiligenbrunn die göttliche Wunderkraft offenbart. Da drang gar bald der Ruf des heilenden Wassers zu den Bewohnern der Umgegend, sie strömten herbei, hörten Winfrieds Lehren, ließen sich aus der Heilsquelle taufen, und viele siedelten sich dort an. So ist das Dorf Heilsberg entstanden, darin nun Winfried eine Kirche gründete, deren Schutzpatron er hernachmals ward, auch nahm die Gemeinde des heiligen Mannes Bild in ihr Siegel auf, und am Turme der Kirche ward das Hufeisen jenes Rosses von dem geheilten Fuße befestigt.

Zur alten Bonifaziuskapelle in Heilsberg kam auf einem Zuge durch Thüringen König Ludwig, Karl des Großen Sohn, und vernahm die Geschichte der Gründung und Entstehung, betete allda und begabte das Kirchlein reichlich, ließ auch in einen großen Stein eine Inschrift graben zum ewigen Gedächtnis seiner Schenkung, die ist allda bis zum Jahre 1816 geblieben, dann aber nach Weimar gebracht worden, allwo sie in sicherer Obhut aufbewahrt wird. Diese alte Schrift ist eine steinerne Rätselnuß, an der sich die Gelehrten ihre Weisheitszähne ausbeißen können, so sie deren haben. Noch keiner, weder in der Zopf- und Perücken-, noch in der neuesten Waldschratbartzeit, hat diese Rätselschrift richtig und verständig gelöst und gelesen, und die Versuche solcher Lösung, welche in öffentlichen Druckschriften bekannt worden sind, sind bis jetzt auf der Kindheitstufe der Forschung stehengeblieben.

525. Die Todtenschauerin

Auf dem Schlosse zu Rudolstadt lebte einst eine Prinzessin, die hat eine gar traurige Begabung gehabt. Wenn in dem fürstlichen Hause ein Sterbefall eintrat, so sahe sie statt der wirklichen Leiche auf dem Paradebette jedesmal die nächstfolgende. Und obschon dieses zweite Gesicht die Prinzessin gar traurig machte, weil ihr Herz stets den Schmerz um zwei Glieder der Familie empfand, so konnte sie doch nicht unterlassen, jedesmal in den Sarg zu blicken, doch behielt sie, was sie schaute, stets als tiefes Geheimniß in ihrer Brust verschlossen, aber ihr Leben ging dabei trübe und traurig hin. Zu einer Zeit aber setzte sie ihren letzten Willen auf, ordnete ihr Begräbniß an, und entschlummerte bald darauf sanft – sie hatte sich selbst im letzten Sarge erblickt – und nahm diese dunkle Gabe mit in das Grab.

In der gewölbten Thorhalle des Rudolstädter Schlosses ist eine eiserne fest verschlossene Thüre, durch diese tritt, ohne daß eine Angel sich regt, zu gewissen Zeiten zur Mitternachtstunde eine weiße Gestalt, mit marmorbleichem Antlitz, schreitet die Stufen herab, wandelt über den Schloßhof und verschwindet dann wieder. Diese Erscheinung soll der Geist jener todtenschauenden Prinzessin sein, und jedesmal dann erblickt werden, wenn dem fürstlichen Hause ein Trauerfall bevorsteht.

526. Das Frühmahl

Auf dem Schlosse zu Rudolstadt herrschte die verwitwete Katharina von Schwarzburg, eine geborene Fürstgräfin von Henneberg, als der niederländische Krieg durch die Lande wütete. Sie hatte für das Land ihrer unmündigen Söhne einen kaiserlichen Schutzbrief erwirkt, denn es nahten ihm des blutgierigen Herzogs Alba räuberische Scharen. Der Herzog kam in Rudolstadt an und lud sich auf ein Frühstück bei der Gräfin auf dem Schlosse ein, und diese Einladung konnte nicht abgelehnt werden. Während der Herzog mit seinen Begleitern und Gefolge sich's wohlschmecken ließ, taten die spanischen Soldaten nach ihrer Gewohnheit, trieben den Bauern das Vieh weg, plünderten und erpreßten Geld. Klage auf Klage traf ein, und die Gräfin hieß ihren ganzen männlichen Hofstaat und alle Schloßdienerschaft sich bis an die Zähne bewaffnen, dann trat sie in den Speisesaal zum Herzog Alba und schilderte ihm die Ungebühr seiner Soldateska, indem sie ihm des Kaisers Freibrief zeigte. Alba aber sagte: Krieg ist Krieg! – Da sprach die Gräfin: Schreibt einen Brief, Herr Herzog, an Euer Volk, daß sie meinen Untertanen alles wiedergeben, was sie raubten, und auf der Stelle ihrer Zügellosigkeit Einhalt tun. – Wie, Frau Gräfin? fragte unmutig der Herzog und zeigte keine Neigung, der Aufforderung Folge zu leisten, da rief die Gräfin ganz entrüstet: Ihr wollt nicht? Nun, bei Gott, Fürstenblut für Ochsenblut! – Ein Handwink der mutvollen und entschlossenen Frau, und durch alle Türen drängte sich, Mann an Mann, eine Schar Geharnischter mit bloßen Schwertern und spitzen, scharfen Partisanen. Der Herzog wurde blaß und flüsterte mit dem Herzog von Braunschweig, der mit ihm war. Dann schrieb er die Ordre. Der Herzog von Braunschweig lachte und lobte, äußerlich im Scherz, innerlich im Ernst, die herrliche deutsche Frau, die nun gar demütig dankte und die Bewaffneten entließ. Alba schwieg und ging und mag lange an das Rudolstädter Frühmahl gedacht haben. Diese wackere Gräfin ruht in der Kirche zu Rudolstadt, und über ihrer Gruft ist ein schönes metallenes Denkmal mit nachrühmender Schrift zu lesen. Sie war eine große Beschützerin verfolgter protestantischer Geistlichen, so namentlich des Kaspar Aquila und Justus Jonas.

527. Die Hangeeiche

Überm Saalstrom drüben zwischen Rudolstadt und Saalfeld ist ein Bergzug, dessen höchster Gipfel der Kulm heißt, von dem auch manche Sage geht, da war einst ein schöner Eichenwald, und in demselben stand eine besonders große uralte Eiche. Es geschah zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, daß eine Abteilung Kriegsvolk im Dorfe Reichenbach am Fuß des Waldberges im Quartier lag, sich dort gütlich tat und dann weiterzog. Am Tag darauf sollte das heilige Abendmahl im Gotteshause den Frommen dargereicht und dem Herrn für den Abzug der Soldateska gedankt werden, siehe, da fehlte der goldene Altarkelch, den in uralter Zeit ein frommer Mann der Kirche geschenkt hatte, und alle Anzeichen ließen vermuten, daß der Kelch von den Soldaten gestohlen worden sei. Da erbot sich der alte Schultheiß, ein bejahrter Mann, den Kriegern zu folgen und von dem Hauptmann den geraubten Kirchenpokal zurückzufordern, wie sehr er dabei auch sein Leben der Gefahr aussetzte. Er ereilte den Soldatenhaufen auf der mittlern Heide, und unter jenem mächtigen Eichbaum hingestreckt fand er den Hauptmann und brachte seine Klage vor. Mit strengem Blick hörte der Hauptmann die Beschuldigung, daß einer seiner Leute den Kelch geraubt, und befahl sofort, wenn der Schuldige unter ihnen sei, solle er den Becher herausgeben. Keine Hand rührte, kein Schuldiger meldete sich. Nun wohlan! rief jetzt der Hauptmann dem Schulzen zu, suche euren Kelch! Bei welchem du ihn findest, der soll auf der Stelle an dieser Eiche henken, findest du ihn aber nicht, so henkst du, dafür, daß du meine Leute solcher Tat geziehen!

Erschreckt bis zum Tode begann der Schultheiß sein Suchen und fand nichts. Schon glaubte er sein Leben dem Tode verfallen, da blinkt etwas hell aus dem Schatten eines Busches, da liegt ein schlafender Soldat, den Kopf auf dem Tornister ruhen lassend, und aus dem Tornister blinkt der Altarkelch. Gefunden! ruft laut der Schulze und zieht den Kelch hervor. Verwünschungen der Kameraden und Fußtritte wecken den Schlafenden, der ganz betäubt die Klage hört, und da tritt auch schon der Profoß heran mit dem Strick, und nach kurzer Frist bedeutete der Hauptmann ihn, den Dieb zu henken. Endlich hat dieser begriffen, um was es sich handelt, und beteuert laut seine Unschuld, und da alles nichts hilft und er zur Eiche hingedrängt wird, ruft er verzweiflungsvoll: So möge niemals, so wahr ich unschuldig sterbe, ein Eichbaum in diesem Walde grünen und aufkommen! So starb er, und starb unschuldig. Der ihn aufhenkte, war der Dieb, der rasch und heimlich, als er des Hauptmanns Schwur hörte, den Kelch aus seinem Tornister nahm und in den des schlafenden Kameraden steckte. Kaum war nun der Kamerad gehenkt und der Schulze mit dem glücklich gefundenen und zurückerhaltenen Gottestischbecher nach Reichenbach zurückgeeilt, so erwachte die Natter des Gewissens in dem Henker, und er zitterte, wo er eines Eichbaums ansichtig wurde. Nirgend Rast und nirgend Ruhe findend, verließ er seine Fahne, ging zur Eiche zurück, schnitt den armen Kameraden ab, begrub ihn unter tausend bittern Reuetränen und knüpfte sich selbst an einen Ast der Eiche auf. Andere sagen, er habe sein Verbrechen dem Hauptmann eingestanden und dieser ihn alsbald am selben Baum sein Recht widerfahren lassen.

Auf der Heide aber starben bis auf die Hangeeiche alle Eichbäume ab, das machte die Verwünschung des unschuldig Gemordeten, und der Wald trägt keine mehr, selbst die Hangeeiche dorrte endlich ab oder ward vom Sturme gefällt.

528. Der Wassermann

Zu Unter-Preilipp, einem Dorfe unterm hohen Culm, das bis hinab zum Saalufer reicht, allwo ein uralt Kirchlein mit köstlichen Schnitzbildern und einem Handörgelein, das Herzog Ernst der Fromme selbst gespielt haben soll, ward Nachts an die Thüre der Wehmutter gepocht, und draußen hat ein kleiner Mann gestanden und sie gerufen; da sie nun herunter kam, ist er hinunter ins/ Unterdorf gegangen nach der Saale zu und hat ihr drunten eine Binde über die Augen geworfen, und darauf mit einer Gerte auf das Wasser geschlagen, und da hat sich das Wasser auseinander gethan, und sind die zwei auf Stufen tief hinuntergeschritten, und zuletzt in eine kleine Stube gekommen, wo der kleine Mann der Frau das Tuch abnahm, und sie eine kleine Frau in einem kelinen Bettchen liegen sah, die ihrer Hülfe dringend bedurfte, worauf der Mann die Stube verließ. Da nun die Wehmutter alle ihre Sachen mit gutem Glück verrichtet hatte, sprach die kleine Frau: ich bin eine Christin getauft wie du, aber der gräuliche Wassermann hat mich ausgetauscht, da ich noch ein Sechswochenkind war, der frißt meine Kindlein alle am dritten Tage. Er wird gleich wiederkommen, und dir viel Geld bieten, nimm aber ja nicht mehr als andere dir geben, ich weiß, eure Art nimmt gern so viel als möglich – nimm auch keinen Weck mit, und trinke keinen Wein, wenn er dir es anbietet, sonst dreht er dir hinterdrein den Hals um. – Die Wehmutter befolgte diese Lehren genau, und ward glücklich und ohne Gefährde zurückgeleitet; beim Abschied grölzte noch der Wassermann: du hast klug gethan, nicht mehr zu nehmen als dir gebührte, – und da hat hernachmals die hebamme auch nicht mehr bei den Leuten geschleckt und sich füttern lassen und hat auch noch mit nach Hause genommen, und keine großen Thaler gefordert von armen Leuten.

529. Der Wechselbalg zu Goßwitz

In derselben Gegend (bezieht sich auf 527: Die Hange-Eiche), aber hinter Saalfeld, waren Bursche und Mädchen in einer Lichtstube versammelt, und alle fröhlich, bis auf eine Kindsmagd im selben Hause, die war mürrisch und verdrüßlich, weil sie gar zu große Noth mit dem stets schreienden und mißgestalteten Kinde ihrer Dienstherrschaft hatte, welches leider Gottes ein Wechselbalg war. Hinten im Hofe war ein alter halbverfallener Keller, in welchem sich bisweilen ein Licht sehen ließ, und das geschah auch am selben Abend, wo die Bursche und Mädchen Spinnstube hatten, und da sagten die Mädchen, die Bursche sollten doch hineingehen in den Keller, und sehen was das für ein Licht sei? Die Bursche hatten aber keine Lust, und sagten, die Mädchen sollten doch hineingehen, und die es thue, solle einen nagelneuen Rock gekauft bekommen, nur ein Wahrzeichen müsse sie mit herausbringen. – Keine der Jungfern hatte Lust, bis auf die Verdrüßliche, die sagte: wenn ihr mir den kleinen Schreibalg da so lange halten wollt, will ich schon gehen. – Dieß ward zugesagt und gethan und die Magd ging; der Keller stand auf und in der Tiefe schimmerte ein Licht. Da nun die Magd hinein blickte, ob alles sicher sei, so grölzte es hinten hervor: guckst du, so werf' ich! – Ganz unerschrocken aber versetzte die Magd: wirfst du, so fang' ich! – Das wiederholte sich noch zweimal und die Magd hob ihre Schürze auf, und da flog etwas dunkles aus der Höhle hervor und plumpte schwer in ihre Schürze, und zappelte, und war ein kleines Kind. Das war Wahrzeichens genug; eilend trug die Magd das Kind/ vor ins Haus, und wie alle es voll Verwunderung ansahen, trat die Hausfrau dazu und hub an zu schreien: Herr Gott! Herr Gott! Mein Kind, mein liebes Kind! Wie ist es wieder so schön geworden! – Und war wirklich dieser Frau ihr Kind, und der Wechselbalg in der Wiege war auf und davon. – Da ist in jener Gegend das Sprüchwort aufgekommen, wenn einem oder einer ganz unversehens etwas zu Theil wird: ich bin dazu gekommen, wie die Magd zum Kind.

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