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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Herr Augustin
  2. Schatz auf dem Friedenstein
  3. Thüringer Fluten
  4. Die Nägelstätter Weide
  5. Blutgraben
  6. Das Schwedenglöckchen
  7. Die sieben Wunder von Jena
  8. Fuchsturm und Fuchsname
  9. Die Jenaische Christnacht
  10. Die Studentenpassion

600. Herr Augustin

Zu Gotha am Jakobsplatz steht ein steinern Haus mit einem Steingebilde, darauf ist ein Mann zu erblicken, der zweien Kindlein Brötchen darreicht, und stellt solches Bild den Herrn Augustin vor, welcher ein absonderlicher Kinderfreund war. Stets beschenkte er arme Kinder, ging niemals aus ohne die Taschen voll Gaben, und es war, als ob es aus sotanen Taschen quölle und sie nimmer leer würden. Selbiger Herr Augustin wurde achtzig Jahre alt unter solcher Liebe zu den Kindern und der Kinder zu ihm, und da es mit ihm zum Sterben gedieh, hat man zwei Knäblein an seinem Lager sitzen sehen, welche ihm die Augen schlossen, und auf seinem Grabe ist drei Tage lang ein Knäblein sitzend gesehen worden, niemand aber hat dasselbe gekannt.

601. Schatz auf dem Friedenstein

Auf dem Schlosse Friedenstein zu Gotha, darinnen die Ahnfrau des herzoglichen Hauses umwandelt, war ein Mann vom Soldatenstande des Namens Eckart Hofverwalter, und pflegte bisweilen in der Hofstube auf einer Bank die Nacht hinzubringen, besonders dann, wenn langanhaltende Festlichkeiten bei Hofe seinen Dienst bis in die späte Nacht erfordert hatten. Der erblickte einst in dieser Stube einen Geist, der ihm zu folgen winkte. Eckart nahm das noch brennende Licht und ging ohne Furcht dem Geist nach. Dieser führte ihn durch mehrere Gänge in ein Gewölbe, da stand ein großer Kessel ganz voll Goldstücke, und der Geist bedeutete dem Mann, er solle zugreifen und den Schatz heben. Aber es kam ihm Grauen und Entsetzen an, und er wich nach der Hofstube zurück. Der Geist folgte ihm und suchte ihn unter beweglichen Gebärden zu vermögen, umzukehren. Er solle nur ein Drittel des Schatzes für sich nehmen und die beiden andern Dritteile der Landesherrschaft geben, aber Eckart ließ sich nicht darauf ein. Am folgenden Morgen eröffnete er den Vorgang seinem Herrn, dem Herzog Friedrich II., und bat um Verhaltungsbefehle in dieser Sache. Der Herzog sprach, er befehle ihm hierin nichts, wolle er fürder mit dem Geist gehen, so möge er es auf eigene Gefahr tun. Nach einiger Zeit fand man die Hofstube verschlossen, und der Hofverwalter war nicht zu sehen. Man klopfte und rief, so stark man konnte, und endlich ward die Türe aufgebrochen. Der Hofverwalter lag fast leblos mit dem Kopfe auf dem Tische; er wurde zwar wieder zu sich gebracht, doch war nichts aus ihm herauszubringen. Nur einem Geistlichen hat er hernachmals offenbart, daß der Geist ihm abermals erschienen und gar wehmütig gefleht, gleich wie das Gespenst bei der Edelfrau zu Gehofen, doch den ihm bescherten Schatz zu heben. Er solle sich nur nicht fürchten; es werde zwar eine Geistesgestalt wie ein welscher Hahn ihm zwischen den Beinen hindurchfahren, doch ohne Schaden, und der Wert des Schatzes betrage vierzigtausend Taler. Er, der Hofverwalter, habe aber gesagt, er tue es nicht, er liebe und lobe sich die welschen Hahnen gebraten vor ihm in der Schüssel und nicht also, wie der Geist zu verstehen gegeben, da habe der letztere schrecklich wehmütige und entsetzliche Gebärden gemacht, so daß er, Eckart, darüber ganz die Besinnung verloren habe. Der Geistliche gab den Rat, nicht mehr in der Hofstube zu schlafen, sich einen fetten Konsistorialvogel braten zu lassen und zur Stärkung eine Flasche Wein dazu zu trinken, wobei er ihm auf Verlangen Gesellschaft zu leisten gern erbötig; selbiges hat Eckart getan und ist nachher von dem Geist unbeschwert geblieben, sonach dürfte der Schatz noch zu heben sein, wenn der Geist nicht einen andern Mann gefunden hat. Eckart hat nachher noch manchen welschen Hahnen vor sich erscheinen lassen, dabei zum öftern sein Erlebnis erzählt und ist als herzoglicher Major zu Gotha nach einem löblichen Leben seliglich verstorben.

602. Thüringer Fluten

Große und greuliche Wasserfluten haben oft das Thüringerland heimgesucht. Eine der schrecklichsten war die am 17. Maimond 1558; die Erde erbebte, und die Schleusen des Himmels gossen stromgleiche Fluten auf die Fluren zwischen Gotha und Langensalza nieder. Im Orte der Grafen von Gleichen, Burgtonna, wurden fast vierzig Häuser und Scheunen zumal und von Grund aus verwüstet, daß man hernach nicht mehr sah, wo Haus oder Scheuer gestanden. Starke Bäume wurden mit den Wurzeln ausgerissen und davongeführt, sechsundvierzig Personen fanden nur allein in Burgtonna ihren Tod. In einem der hinweggerissenen Häuser, des Hirten Wohnung, lag eine Wöchnerin, die Tags vorher geboren hatte. Das Kindlein lag in einer Mulde, das Haus stürzte zusammen, die Mutter verdarb, das Neugeborene schwamm in seiner Mulde unversehrt neunzig Schritte weit davon, blieb im Gezweig eines Apfelbaumes hangen und ward gefunden lebend und ohne Leid. An manchen Stellen im Dorfe hat das Wasser dreier Männer Höhe übereinander erreicht. Ein Mann sang noch im Untersinken: Nun bitten wir den Heiligen Geist; ein anderer reckte seine Hand im Sinken aus dem Wasser und segnete die, so noch lebendig. Ein Knabe, ein Knecht und ein Futterschneider gewannen einen hohen Birnbaum, die erhielten ihr Leben. Ein im Lande umwandernder Buchträger, heutzutage neumodisch Kolporteur genannt, kam auf einen Balken rittlings zu sitzen, schwemmte fünf Ackerlängen hinweg und brachte sich und seinen Bücherranzen glücklich und unversehrt ins Trockne.

Das war aber alles nichts gegen eine Flut, dergleichen nie vorher und nie nachher erhöret worden im Thüringer Lande, die geschahe am 29. Mai 1613. Da kamen Wetter von allen Seiten und standen viele Meilen in die Runde über dem Lande und tobten gegeneinander, daß alle Leute glaubten, der Erde jüngster und letzter Tag sei herbeigekommen, das reichte von der Saale bis zum Harz und von der Werra bis zur Elbe. Die Ilm überschwoll ihr Bette zehn bis zwölf Ellen hoch, riß in Weimar vierundvierzig Häuser und Scheuern weg, ertränkte vierundsiebzig Menschen und zweihundert Stück Vieh; noch ist am Kegeltor daselbst der schwarze Strich, das Wahrzeichen, wie hoch dort die Flut stand. In Oberweimar ertranken vierzehn Menschen, stürzten zweiundzwanzig Häuser ein; in Mellingen raffte die Flut zweiundzwanzig Menschen hinweg und zertrümmerte sechsunddreißig Häuser. Eines Hirten Weib ertrank mit zugleich vier Kindern; der Vater, der sich rettete, hörte noch, wie das jüngste, als seine kleine Lagerstätte schon schwamm, die Mutter fragte: Kommen wir auch in den Himmel, wenn wir ertrinken? – und als jene mit Ja! antwortete, hat das Kindlein gerufen: Ei, so will ich gern mit ertrinken! Gut Nacht, lieb Vater und Mutter! – Mehrere Dörfer wurden fast ganz hinweggerissen, so daß nur wenige Häuser stehenblieben. In Gotha blieb kaum ein Fenster ganz von den Schloßen, kein Halm auf den Äckern. Mühlhausen litt ungemein; der Schade, den Wetter und Flut in Langensalza tat, ward allein auf eine Tonne Goldes geschätzt, aber er ganze Schade im Thüringer Lande auf mehrere Millionen Taler. Nur allein zwischen Jena und Magdeburg ertranken über zweitausend Personen oder wurden von einstürzenden Häusern begraben. Diesen furchtbaren Wassererguß nannte man hernachmals die Thüringer Sündflut und erkannte in ihr ein strafendes Gottesurteil, um so mehr, als alle römischen Zahlbuchstaben dieses strafenden Jahres in einem einzigen Worte enthalten waren, und das war das Wort IVDICIVM (MDCXIII).

603. Die Nägelstätter Weide

Zwischen Langensalza und Groß-Vargula, allwo Winfried Bonifazius eine Kirche gründete und zum Zeichen der Wahrheit der Christuslehre seinen Stab in den Boden stieß, aus dem ein grünender Baum wurde, liegt das Dorf Nägelstätt und dabei eine Trift, die ist verrufen und heißt die Nägelstätter Weide. Zum öftern sind Geister dorthin gebannt worden. So lebte zu Langensalza ein wunderlicher Doktor, der von aller Welt sich abgeschieden hielt, doch ließ er reiche Gaben an die Armen durch seinen Diener austeilen. Er starb endlich alt und vielleicht auch lebenssatt; da es nun zu seinem Begräbnis kam und der Sarg schon in der Flur stand, sangen die Kurrendschüler vor dem Hause nach üblicher Weise ein Sterbelied – siehe, da schaute oben der alte tote Doktor in seiner weißen Zipfelmütze und mit einer grünen Brille zum Fenster heraus. Man eilte bestürzt in das Haus, öffnete den Sarg – da lag der Alte starr und steif; man erhob rasch den Sarg und trug ihn zum Gottesacker hin, während der Doktor wiederum gemütlich nachsah, wie man mit ihm dahinlief, als wäre er ein zu begrabender Jude. Von da an schaute von jedem Mittagsglockenschlag zwölf Uhr bis um ein Uhr der Geist des Doktors aus dem Fenster, und niemand wollte in das Haus ziehen. Da ließ man einen Hullen- und Pöpelsträger kommen, das war ein Jesuit vom Eichsfeld, der brachte einen Fuhrmannskober mit, bannte den Geist dahinein und trug ihn in die Nägelstätter Weide. Acht Tage darauf geschah es von ohngefähr, daß ein Brautpaar aus dem Dorfe durch die Weide ging, wollte in die Stadt und wollte Einkäufe zur Hochzeit machen, hatte aber des Geldes nicht gar viel, und da tat die Braut einen Wunsch: Ach, wenn wir doch einen Schatz fänden, da wäre unserer Sorge mit einem Male abgeholfen! – Jaja, sagte der Bräutigam, hat sich was mit Schatz finden! – Da aber gewahrte sein Blick an einer alten Eiche einen Kober, der mit Stricken fest umwunden war, der hing an einem Astrest, und da rief der Bräutigam scherzend: Fundus! hier hängt unser Schatz. – Rasch wurde der Kober vom Baume genommen, er war sehr schwer, gewiß enthielt er Geld – und wurde etwas seitab vom Wege geöffnet. Wie die fest geknoteten Stricke mühsam gelöst waren und der Deckel abgehoben war, siehe, da ging es dem Brautpaar wie dem Fischer im ersten Märchen der Tausendundeinen Nacht, der die alte Wärmflasche aufgefischt und aufgeschraubt, es stieg ein Qualm aus dem Kober, der roch wie Teufelsdreck, Baldrian und Moschus durcheinander, und aus diesem Qualm formte sich die Gestalt eines uralten hockeruckerigen Männleins, und das war der Langensalzer Doktor, der sprach gar freundlich: Habt Dank, ihr jungen Leutchen, daß ihr mich aus dem Kober erlöst habt, in den mich der gottverfluchte Jesuiter hineingebannt, und empfanget zum Danke diesen Goldgulden, dafür mögt ihr kaufen, was ihr wollt, er wird immer wieder zu euch zurückkehren. Doch mißbraucht nie die Gabe meines Dankes. Da wurde das Brautpaar reich und glücklich. Der Geist des alten Doktors ging aber nicht wieder in das Haus nach Langensalza zurück, sondern blieb in der Nägelstätter Weide, wo er sich noch immer bisweilen sehen läßt. Eine ähnliche Sage wird vom Webicht, einem Walde bei Weimar, erzählt, wo es auch nicht geheuer sein soll, zumal an dieses Laubwaldes unterm Ende, nach Tiefurt zu, auch die Ilmnixe sich sehen läßt, ihr grünes Haar strählt und flicht und Leute in das Wasser lockt.

604. Blutgraben

Im Jahre 1555 am 6. des Heumonds hat der Schloßgraben zu Weimar an einer Stelle hinten bei der Rentnerei angefangen zu wallen und überzuquellen, als ob das Wasser siede. Und war dessen Farbe fleischfarb, ja bisweilen gar rot wie Blut, daß sogar der Schatten, so von dem Sonnenschein an das Schloß gefallen, am Gemäuer feuerrot gesehen wurde. Bisweilen hat sich dieses Aufwallen an einer Stelle, bisweilen auch an mehreren erhoben und ist mit Gewalt mitten im ruhigen Flusse emporgedrungen, obschon im Grunde keine Quelle vorhanden war. Das hat für und für angehalten bis an den dritten Tag, und da hat man den Graben abgelassen, aber keine Ursache des Aufwallens und der Farbe gefunden; am Erdreich aber hing es wie Blutstropfen, und in Gefäßen aufbewahrt blieb das Wasser klar wie roter Wein. Zu Erfurt wurde damals auch ein Brunnen blutrot, und ein Feldwegs von Weimar begann eine Brunnquelle, die das Jahr vor dem Bauernkrieg auch in Blut verwandelt worden, aufs neue rötlich über sich zu sprudeln, wie auch noch ein Brunnen im Thüringerland in gleicher Gestalt gesehen worden. Was es bedeute, wußte man damals nicht zu sagen, hernachmals aber ist es klar geworden mit Schrecken, denn in dieser Zeit hoben sich die Grumbachischen Händel an, welche auf thüringischer Erde gar manchem Mann das Leben kosteten und die beiden Brüderherzoge zu Sachsen, Johann Friedrich den Mittlern und Johann Wilhelm, auf den Tod entzweiten, auch den ersteren guten, glaubenseifrigen und freundestreuen Fürsten in lebenslängliches Gefängnis brachten.

605. Das Schwedenglöckchen

Zu Weimar auf dem Stadtkirchturm hängt ein altes, später aber umgegossenes Glöckchen, das hat zu zweien Malen in der Nacht um zwei Uhr plötzlich von selbst Sturm zu läuten begonnen, und das geschah das erstemal im spanischen Kriege, da der Alba in Thüringen hauste, und da hatten die Spaniolen einen Anschlag gemacht, die Stadt Weimar zu überfallen; da sie aber die Wächterglocke hörten, so die Bürgerschaft ins Gewehr brachte, brachen sie wieder auf und zogen von dannen. Zum zweiten Male geschah es im Dreißigjährigen Kriege, als die Schweden unversehens der Stadt zur Nachtzeit sich näherten und auf dem Acker hinter der alten Burg, den man noch die Schwedenschanze nennt, andere sagen, am Ettersberge, Lager schlugen. Da trat zu dem jungen Herzogssohn Johann Ernst ein kleines weißgekleidetes Knäblein, rief den Prinzen wach und sagte ihm, es sei große Gefahr vorhanden, er solle es seinem Vater ansagen. Zugleich schlug hell vom Turme das Glöcklein an; da wurden die Bürger wach und rüsteten sich zu guter Hut und Abwehr, denn die Schweden waren auch in Freundes Landen ein wüstes verderbliches Kriegsvolk und hätten Weimar nicht geschont, obgleich die heldenmütigen Brüder Wilhelm und Bernhard, Herzoge zu Sachsen-Weimar, mit dem Schwedenkönige Gustav Adolf im Bündnis, ja dessen berühmte Feldherren waren. Zum Angedenken jenes Läutens, das von einem Engel geschehen sein soll, wurde hernach, wohl zwei Jahrhunderte lang, in jeder Nacht um zwei Uhr das Schwedenglöckchen eine Weile geläutet, nunmehr aber ist solches Läuten abgestellt worden, wie so mancher andere alte Brauch, vornehmlich aber an vielen Orten die dankbare Erinnerung.

606. Die sieben Wunder von Jena

Jena ist eine berühmte Stadt wegen seiner Hochschule, seines thüringischen Weines und seiner sieben Wunder. Letztere besonders wurden in den früheren Zeiten gar sehr gepriesen und hochgehalten und in Versen aller Sprachen geschildert. Der bekannteste dieser Verse lautet:

Ara, caput, draco, mons, pons, vulpecula turris,

Weigeliana domus, septem miracula Jenae.

Der Altar in der Hauptkirche ist als ein Wunder erachtet worden, weil unter ihm eine offene Torwölbung und Straße hindurchführt, was wohl kaum irgendwo bei einer Kirche der Welt stattfindet, daß dicht unterm Altar Heu- und Mistwagen durchfahren können. Der Kopf war ein Kunstwerk an der Rathausuhr, der die Kunst konnte, sovielmal zu gähnen, als die Uhr Schläge tat, welches aufmunternde Gaukelspiel einen ebenso langweiligen Distelkopf vermochte, von diesem Gähnen des Kopfes den Namen der Stadt herzuleiten, als habe sie jemals Gähna geheißen. Der Drache ist ein künstliches Monstrum, ein Gerippe, das in der Universitätsbibliothek steht und viele Hundeköpfe hat, ähnlich dem apokalyptischen Tiere. Der Berg ist der Hausberg, oder auch der Gleisberg, beide trugen alte Burgen. Die Brücke ist die Saalbrücke, an welcher sich einige Wahrzeichen befinden; dieselbe mochte in der Zeit, als sie neu war, wohl ein Wunder vorstellen. Der Fuchsturm ist allbekannt, er heißt auch der Riesenfinger, und es geht von ihm eine Riesensage: der Riese habe seine Mutter geschlagen, da sei ein Berg über ihn zusammengebrochen und habe ihn bedeckt, doch den Zeigefinger mußte er warnend aus seinem Grabe hervorstecken, das ist der gewaltige hohe Turm. Das Weigelische Haus war wohl von allen diesen sogenannten Wundern das sehenswerteste. Man konnte in ihm die Sterne am hellen Tage sehen und von unten nach oben ohne Treppen gelangen.

607. Fuchsturm und Fuchsname

Der Turm, welcher heutzutage und schon geraume Zeit der Fuchsturm genannt wird, war die Warte des Stammschlosses der Grafen von Kirchberg, die diesen Landesteil inne hatten; das Schloß hieß Kirchberg, weil es über einer Kirche sich erhob, die schon der heilige Bonifazius gegründet hatte. Dieser Turm beherbergte vor grauen Zeiten einen gar hohen und berühmten Gast, das war Graf Konrad von Wettin, zubenannt der Große, aller Sachsenherrscher vieledler Stammherr. Graf Wiprecht von Groitzsch hatte Neigung gezeigt, sich die Markgrafschaft Meißen anzueignen, und das Gerücht verbreiten lassen, dessen rechtmäßiger Herr, der junge Markgraf Heinrich, sei an Gift gestorben, darüber kam es zu einer sehr verwickelten und unklaren Fehde, bei welcher Graf Konrad von Wettin nicht unbeteiligt blieb, zumal er selbst zum Markgrafen von Meißen sich ernennen ließ, indem er die Behauptung aufstellte, Heinrich der Jüngere, Markgraf von Meißen, sei mitnichten sein naher Verwandter, sondern der untergeschobene Sohn eines Kochs. Dies weckte wieder zwischen beiden eine ernste Fehde, in welcher Konrad von Wettin Heinrichs Gefangener wurde. Dieser rächte den Schimpf, der seiner Mutter und ihm durch Konrad angetan worden, sehr empfindlich; er hing ihn in einen festen Käfig, gleich einem raren Vogel, außen an den hohen Wartturm, und es wäre vielleicht um diesen Stammvater geschehen gewesen, wenn nicht Heinrich bald darauf kinderlos gestorben und Konrad, sein einziger und rechtmäßiger Erbe, dadurch befreit worden wäre.

Als Ruine hat sotane Turmwarte denen jenaischen Studenten oft zum Zielpunkt ihrer vergnüglichen Ausflüge dienen müssen. Als die Hochschule durch die Sachsenherzoge begründet worden, ward ein Gelehrter von der Schule zu Naumburg nach Jena als Professor der griechischen Sprache berufen, der hieß Brysomann, war ein kleines seltsames Männlein und trug Sommer und Winter ein Mäntelein, das mit Fuchspelzen verbrämt war. Weil er nun von einer Schule hergekommen, so nannten ihn die Studenten Schulfuchs, und dann nannten sie jeden so, der auf einer Schule war oder von der Schule kam, und hatten sie diese Ankömmlinge früherhin geplagt und gehänselt als Pennale – von der Federbüchse der Schüler –, so plagten und hänselten sie dieselben nun als Füchse, und da sie diese Schwänke gern im Freien an Lieblingsplätzen trieben und der hohe Gipfel des Kirchbergschlosses ein solcher Platz war, so bekam die Warte den Namen Fuchsturm, und wurde dort den armen unerfahrenen jungen Füchslein häufig gar übel mitgespielt.

608. Die Jenaische Christnacht

Zu Jena hat sich's zugetragen, daß ein Student des Namens Weber aus Zwickau, der bereits in Leipzig studiert hatte, sich mit noch einigen Gesellen und einem Schäfer verband, in einem Weinbergshäuslein, allwo sich eine weiße Jungfer zum öftern blicken ließ und ein Schatz liegen sollte, den Teufel zu zitieren und Schätze oder Brutpfennige von ihm zu gewinnen. Es ging aber selbiges Kunststück gar übel aus, denn obschon sie sich Doktor Fausts Höllenzwang nebst anderem Zaubergerät verschafft und in der Christnacht des Jahres 1715 in dem Häuslein sich zusammenfanden, so sind sie doch am andern Morgen nicht in die Stadt zurückgekommen und nachmittags der Student ganz betäubt und sinnlos, der Schäfer und noch ein Bauer aber tot in dem Häuschen gefunden worden. Als nun solches Ereignis der Obrigkeit angezeigt wurde, geschah Verordnung, daß zu den Leichnamen, nachdem der Student in den Gasthof zum gelben Engel herabgeschafft worden war, drei Wächter bestellt wurden, zu denen sich noch zwei andere Personen freiwillig gesellten, die aber in der späten Nacht wieder herab in die Stadt gingen. Da nun die drei Gesellen beisammensaßen und wachten, hat es gar arg an die Türe des Häuschens gekratzt, und es ist ein Geist in Größe eines Knaben eingetreten, der sich her- und hinbewegte und dann die Türe mit einem Krachen zuwarf, als sei sie in tausend Stücke gefahren. Am andern Morgen lagen diese Wächter für tot bei den Leichnamen, und zwei davon blieben auch tot. Alle aber hatten blaue Flecken und Striemen auf der Haut. Diese Geschichte machte ringsum vieles Aufsehen und wurde viel darüber geschrieben und in Druck gegeben. Man nannte sie nicht anders als die Jenaische Christnachttragödie.

609. Die Studentenpassion

Eine noch weit schrecklichere Tragödie als die zu Jena im Weinbergshäuschen wurde im Jahre 1716 zu Halle aufgeführt. Der Schauplatz war der grüne Hut, ein Wirtshaus, die Zeit die heilige Karwoche und die Schauspieler leider Gottes Studenten. Diese Schar hatte sich zu einem Zechgelage zusammengefunden und saß schon Tag und Nacht beisammen, als einigen der Teufel den Gedanken eingab, die Passion unseres Herrn und Heilands zu agieren, und zogen in ihr ruchloses Spiel auch den Wirt und dessen zwei aufwartende Töchter. Sie ließen ein Lamm braten und nannten das ihr Osterlamm, und als sie dasselbige verzehrt, hielten sie das Nachtmahl, indem einer von ihnen sie nach der Reihe aus einem Bierglase als aus einem Kelche trinken ließ und Rettichscheiben statt der Oblaten darreichte und dazu die heiligen Einsetzungsworte gotteslästerlich verdreht und verkehrt sprach. Dann wurde der eine, der dies getan, von ihnen verhöhnt, verspottet, zum Scherz gegeißelt, mit einem roten Mantel umhangen, dann an ein Kreuz, aus Brettern rasch zusammengenagelt, ausgestreckt angebunden, dann abgenommen und in einen Backtrog begraben. Aber Gott läßt sich nicht spotten, seine Gerichte sind schrecklich. Es erschien kein Teufel, es ließ kein Gespenst und kein Geist sich blicken, es vergingen nur wenige Stunden – und als diese wenigen Stunden vergangen waren, da waren eilf von diesen jammervollen Schächern tot, war der Wirt tot, waren dessen zwei junge Töchter auch tot, und die andern, so dabei gewesen, unter ihnen der Unselige, der die Rolle unseres Herrn und Heilands gespielt, lagen hie und da zum Tode krank umher, raseten in Verzweiflung und verfielen zum Teil in tiefe unheilbare Schwermut.

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