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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Der Ziegel vom Waldstein
  2. Der Feilenhauer von Weißdorf
  3. Das Bimmelglöckchen
  4. Das verlorene Kind
  5. Die stille Wiese
  6. Heidenstadt und Wihtehöhle
  7. Eppella Geila
  8. Der Seher im Frankental
  9. Fräulein Podica
  10. Das Seil des Schäfers

700. Der Ziegel vom Waldstein

Die schönste Trümmer auf und zwischen dem ungeheuren Felsenriesen im Fichtelgebirge ist der Waldstein, ehemals ein Sitz der Herren von Sparneck, die ringsum ihre Spartöpfe hatten, in denen sie fremder Leute Geld aufhoben, bis ihrem Treiben ein Ende mit Schrecken gemacht ward. – Ein armer Tagelöhner hieb einstmals Holz ganz nahe beim alten Gemäuer, das von der Burg Waldstein noch übrig, da trat zu ihm ein kleines Männlein, das war gar freundlich und reichte ihm einen Ziegelstein, indem es dem Mann durch Gebärden zu verstehen gab, den Ziegel mit nach Hause zu nehmen. Der Holzhauer war verdutzt und stand wie Butter an der Sonne; er sperrte das Maul auf und die Augen, drehte den Stein langsam in der Hand und beguckte ihn, und es fiel ihm endlich die große Frage ein: Warum soll ich den Backstein mit nach Hause nehmen? – und da sein hausbackener Verstand zu deren Beantwortung nicht ausreichte, so wollte er diese Frage an den Geber richten. Aber siehe da: das Männlein war verschwunden. Noch einmal wandte der Holzhauer den Backstein um und um und murmelte: Wenn's ein Backsteinkäs wäre, ließí ich mirís eher gefallen. So schmiert man sich Hand und Gewand an dem Dingrich rot und hat nichts davon, geh mir einer mit solchen Narrenspossen! Und damit warf er den Ziegel in die Büsche. Als er nach Hause kam, schrie ihn seine Frau ganz verwundert an: Jo Mo! Du gleißest jo schier wie a Speckschwartn! Host dich öpper im Feuer vergulden lossen? – Und da war aller Ziegelstaub, der an Händen und Kleidern haften geblieben war, purer Goldstaub. Hui, wie fix war jetzt der Holzhauer! Wie lief er wieder zum Waldstein hinauf! Wie suchte er im Gebüsch bis in die sinkende Nacht nach dem goldnen Ziegel! – Aber prosit die Mahlzeit, er fand ihn nimmer.

701. Der Feilenhauer von Weißdorf

Zu Weißdorf hat ein Mann gelebt, der war ein gelernter Feilenhauer, gab aber das Geschäft auf und legte sich auf ein anderes, das er für einträglicher hielt, nämlich auf das Geisterbannen. Damals gab es noch Geister, die sich zitieren und bannen ließen, heutzutage wollen sie sich nicht mehr bannen lassen, und es ging dem Feilenhauer nicht wie jenem Schulmeisterlein, das, gleicher Kunst obliegend, gefragt wurde: Können Sie wirklich Geister zitieren? – mit einem stolzen O ja antwortete, aber als nun weiter gefragt ward: Kommen denn auch Geister auf Ihr Zitieren? – ein trübseliges Nein vernehmen ließ – des Feilenhauers Zitierte kamen wirklich. Der Feilenhauer war ein langer hagerer Mann, gruslich anzusehen; er trug einen abgeschabten Schinderranzen von Fischotterfell und sah einem Rattenfänger ähnlicher als einem Staatsrat, vermochte auch mehr, und gefürchtet wurde er von Alt und Jung, weil er so verrufenen Umgang hatte. Wo nun ein Poltergeist sich zeigte, da wurde der Feilenhauer hingerufen, und wo er in einen Ort kam, war auch gleich ein Poltergeist da, den jener beschwur, und da kroch der Geist so demütig in den Fischotterranzen wie im Kindermärchen vom Meisterdieb Pfarrer und Schulmeisterlein in den großen Sack. Alle die eingefangenen Poltergeister trug nun der Geisterjäger gleich gefangenen Katzen hinauf auf Burg Waldstein; dort bannte er sie alle hinein und hielt gute Zucht und Ordnung; da sitzen sie manchmal noch immer um einen großen Steintisch im Burghofe und spielen mit eisernen Karten, die der Feilenhauer selbst verfertigt hat. Die Karten müssen etwas heiß sein, denn man findet ihre Spuren dem Steine eingebrannt.

702. Das Bimmelglöckchen

Im Kapellenturme der Burg Waldstein, andere sagen auf Epprechtstein, hat ein Betglöcklein gehangen, dessen Schall hat man an bestimmten Tagen im Jahre gar deutlich gehört, daß man in Zell, am Bergesfuße, öfters geglaubt hat, es hänge im dasigen Kirchturme. Das hat zur Geisterkirche geläutet. Mancher hörte es erklingen, stieg zum Berge hinan und sah und hörte droben nichts. Eine Frau, die ihrem im Walde arbeitenden Mann das Mittagsbrot brachte, hörte den Schall und ging ihm nach. Und wie sie droben um eine Mauerecke der Burg biegt, da erblickt sie die Geisterkirche offen und in hehrer Pracht, und auf dem Turme darüber schwingt sich hin und her das bimmelnde Glöcklein. Orgelton und Chorgesang dringt aus der Kirche; dem Altare zugekehrt steht der Priester, und am Boden knieen die Geharnischten und die Frauen in weißen Schleiern. Da ergreift es die arme Frau gar mächtig, auch niederzuknieen und im Staube mit anzubeten den, welchen alle guten Geister loben, doch zugleich grauset ihr, denn sie fühlt, daß sie nicht zu dieser Gemeinde gehöre. Aber der Andacht frommer Drang zieht sie dennoch hinein in das Heiligtum, und mit Händefalten knieet sie nieder. Da wendet der Priester am Altare sich um, da fällt sein Blick eisig kalt und streng auf sie, er hebt den Arm empor und ruft mit dumpfer Stimme: Wehe! wehe! – und im Nu verschwinden Altar und Priester, Orgel und Chor, Männer und Frauen, der Kirche Schmuck; das Glöcklein sinkt vom Turme und dicht vor der Frau in den Boden – ein Wetter grollt und donnert um die Trümmer, und auf ihren Mauern stehen wieder hoch und stark die seit Jahrhunderten darauf emporgeschoßten Bäume. Ganz bestürzt, mehr tot als lebend, kommt die Frau zu ihrem Manne zurück, lange versagte ihr die Sprache. Der Mann hat nichts von Sturm und Unwetter gehört, der Himmel ist hell und klar. Bebend wankte die Frau nach Hause – nach drei Tagen lag sie auf der Bahre.

703. Das verlorene Kind

Eine andere arme Frau (Rückverweis auf Nr. 702, sk) trug auf ihrem Arme ein kleines Kind zum Walde und kam in die Ruine Epprechtstein. Dort setzte sie ihr Kind ins Gras und suchte Waldbeeren. Mit einemmale stand vor ihrem Blick eine prächtige Kirche mit offenen Türen, und darinne stand ein Opferbecken, das war voll Goldstücke. Eilend sprang die Frau hinzu und raffelte von dem Golde in ihre Schürze, soviel als hineinging. Pfeilschnell eilte sie nach Hause, das Gold besaß sie, das Kind vergaß sie. Erst daheim gedachte sie wieder des hilflosen Kleinen; im Fluge eilte sie wieder berghinan – aber da war weder Kind noch Kirche mehr zu erblicken, und vergebens die Trümmer durchirrend und mit Klagegeschrei die Lüfte erfüllend, rief sie nach ihrem Kinde. Es war und blieb verschwunden und verloren. – Täglich kam das arme Weib auf den Berg, um das Kind weinend, nach dem Kinde suchend, ihr Gold lag ruhig daheim in der Truhe, sie rührte es nicht an, sie mochte an dasselbe nicht denken – denn es kostete ihr zu viel, es kostete – ihr Kind. – So ging ein ganzes Jahr dahin, die Waldbeeren waren wieder reif; die Beerensammlerin nahete wieder der Burgtrümmer, mit doppeltem Schmerzgefühl, denn es war gerade der Jahrestag ihres Unglücks und Verlustes – da mit einemmale – kaum traut sie ihren Augen, da steht die Kirche wieder vor ihrem Blick, und neben dem Opferstock, der wieder voll vom Golde blinkt, sitzt blühend ihr Kind und reibt sich die Augen – es ist eben aufgewacht und hat sich rothe Wänglein geschlafen. Mit freudigem Schreck stürzt die Mutter hinzu, ergreift's, herzt's, trägt's fort – schenkt der Goldfülle keinen Blick – Endlich einmal wendet sie scheu sich um, ob nichts ihr folge, ob Niemand ihr das Kind wieder entreißen wollte? aber da verschwand eben vor ihren Augen die Kirche wieder wie ein Nebelbild und wurde wieder die wüste Trümmer. Nun war die Mutter selig, und da das Wundergold, der Seegen der Geisterwelt, ihr blieb, so lebte sie fortan ein beglücktes Leben, und erzog ihr Kind zu Gottes Ehre.

Es geht auch noch diese Sage vom alten Bergschloß Epprechtstein, daß alle Jahre einmal, aber an keinem bestimmten Tage, wann und so lange der Pfarrer auf der Kanzel drunten in Kirchenlamitz das Vaterunser betet, sich ein Fels hebt und auseinander klafft, und große Haufen Goldes blicken läßt, aber so wie das Amen schallt, schließt er sich wieder auf ein Jahr lang zu. Wer ihn offen sieht, muß schnell etwas auf das Gold werfen, dann darf er ein Vaterunser lang zulangen muß sich aber wohl sputen, denn versäumt er zu lange, so schnappt der Fels zu, und klemmt ihm beide Hände ab, oder gar das Köpfchen.

704. Die stille Wiese

Vom Fichtelgebirge abwärts dem Maingefilde zu leiten mannigfache Pfade und Wege in ein ihm naheliegendes Bergland, das viele noch zu jenem rechnen und ob seiner Naturschönheiten die fränkische Schweiz benennen. Diese Gegend ist reich an Höhlen und reich an Sagen. Durchflossen wird es von der Wisent, einem forellen- und krebsreichen Wasser. Burgtrümmer gibt es allda in Fülle, Streitberg, Neideck, Dramaus oder Drameisel, Rabenstein und noch viele andere; da führt der Weg auch über eine schöne, sanft von umbuschten Berggeländen umfriedete Wiese ganz nahe bei Muggendorf, welche vorzugsweise vom Volk die stille Wiese genannt wird. Die Sage meldet über den Ursprung dieser Benennung: Da Doktor Luther in Koburg weilte und seinen Freund Melanchthon zurückerwartete der auf dem Reichstag in Augsburg war (1530), so machte er einen Ausflug in diese Gegend und kam auch nach Muggendorf. Der Ruf des großen Mannes ging vor ihm her, und alles Volk eilte herbei, ihn zu sehen, womöglich auch zu hören. Endlich kam er; viele drängten sich um ihn, viele sprachen zugleich ihn an, viele trieb Ehrfurcht, andere die Neugier. Da blieb Luther auf dieser Wiese stehen, erhob die Hand und rief: Stille! – und stille ward es ringsumher wie das Grab; kein Laut, keine Lippe regte sich mehr. Und Luther sprach, der gewaltige Mann Gottes und Mann des Volkes, und in einer feurigen Rede erbaute er die Hörer, die ihn im tiefen Schweigen umstanden, und als er endete, da johlte nicht der betrunkene Beifall, der manch andern Volks-und Wiesenredner zum dritten Himmel erhob, da lärmte kein Händeklatschen und Bravoschreien – da blieb es still – tiefstill, nach wie vor, und sie fürchteten den Herrn mit Ernst und fühlten wohl unbewußt Nehemias Prophetenwort: Seid stille, denn der Tag ist heilig. – Und da nannten sie die geweihte Stelle die stille Wiese.

705. Heidenstadt und Wihtehöhle

Nahe beim Örtchen Alberndorf, das nach Muggendorf eingepfarrt ist, liegt ein Platz von einigen tausend Schritten Umfang, den nennen die Umwohner die Heidenstadt, aber auch die Hundsbrücke. Gespenster und das wütende Heer haben alldort sich häufig sehen und vernehmen lassen; altheidnisch Geld ward dort gefunden von Kupfer wie vom besten Silber; auf der Ebene sind eine große Anzahl trichterförmige Gruben, Mauerreste finden sich noch, und nur eine oder zwei Viertelstunden davon entfernt ist der hohle Berg, sonst das hohle Loch genannt, jetzt aber nach einem Romane bisweilen auch Oswaldshöhle geheißen, darinnen gar mancherlei ober- und unterirdisches Geklüft, absonderlich die Witzenhöhle, mit einem natürlichen Wasserbecken, dabei die Heiden, die hier einen Götzen verehrt, ihre Reinigungen vorgenommen haben sollen. Dieser Götze hieß Witte oder besser Wihte und war ein riesiggedachter Haingott, denn wÓhe war in der uralt-deutschen Sprache das gleiche Wort für Hain wie für Tempel, weil andere Tempel nicht vorhanden waren, darin schon an sich der Begriff des Geweihten lag, daher Wicht als Elementargeist, nicht gerade Zwerg, daher die alten Namen Witicho und Wittechind, daher unser Wort weihen, daher der Weihkessel in des Naturgottes Wihte Höhle, welche Benennung der Sprache spätere Abwandlung in Witzenhöhle verdarb; dahin deuten auch die vielen Witchensteine, meist sagenhafte Felsen in waldreicher Umgebung. Will jemand dabei noch an die uralte Benennung der Unholden und runischen Hexenweiber: Pilwizen oder Bilbitzen, denken, so wäre auch solche Deutung nicht uneben, aber der Wihte steht höher. Diese Höhle ist fünfhundert Schritte lang, so lang, als man vom obern Tor zu Bayreuth bis zum untern zu gehen hat; in drangvoller Kriegszeit diente sie den Umwohnern als bergender Zufluchtsort. Manche haben von einem ehemals vorhandenen Bilde des Wihte erzählt, es ist aber, daß es ein solches gegeben, nicht wahrscheinlich, oder es war ein Machwerk späterer Zeiten.

706. Eppella Geila

Zu Drameisel bei Muggendorf saß ein Ritter, des Name war Eppelin von Gailingen, der war zugleich ein mächtiger Zauberer und hatte ein Flugroß, damit sprengte er steile Felswände hinan und hinab, setzte über Heuwagen und berührte kein Hälmlein, setzte über die Wisent und ward nicht naß am Fuß, wie der Wittich über die Wisar setzte. Zu Gailenreuth war sein Stammhaus, doch hatte er noch viele Burgen im Lande umher, und von einer zur andern flog er auf seinem Wunderroß wie der Wind. Von Drameisel ritt er nach Muggendorf über einen hohen Felsen und Riß, das konnte ihm keiner nachtun. Auf die Nürnberger hatte der Eppelin einen scharfen Zahn; er umgab sich mit beutesüchtigen Genossen und ritt an ihrer Spitze gar oft in das Nürnberger Stadtgebiet. Da sangen die Kinder von ihm:

Da reitít der Nürnberger Feind aus,

Eppela Gaila von Dramaus.

Oder:

Eppela Geila von Dramaus

Reitít allzeit zu vierzehnt aus.

Die Vierzehnzahl mochte wohl von alters her im Ostfrankenlande eine geheimnisvolle Bedeutung haben, daher auch seine Vierzehnheiligen. Als der Eppelin, auf dessen Kopf ein Preis gesetzt war, den die Nürnberger gern selbst verdient hätten, einstmals in Nürnberg auf die Burg gestürmt war und sich dort eingeschlossen und hart bedrängt sah, denn sie hatten das Burgtor zugeschlagen und schrieen ihm zu, daß sie ihn nun gleich henken würden, da tummelte er sein Roß mit Fechterhieben und rief:

Die Nürnberger henken keinen,

Sie hätten ihn denn vor!

spornte sein Roß zur Mauer nahe beim Luginsland und sprengte die furchtbare Tiefe über Wall und Graben hinab und hinüber und entkam glücklich. Da haben sie hernach mit Staunen die Spuren der Hufeisen angeschaut, die der Rossessprung in der Mauerzinne zurückgelassen. Als nach manchen gelungenen Handstreichen und kühnen Griffen der Eppelin einmal gen Farnbach kam und zechend in der Herberge lag, bauten die Feinde, denen das verraten war, eine Wagenburg um das Haus, er aber saß zu Roß und sprengte über acht Wagen, aber "überm neunten", so singt ein altes Lied von ihm, "gab er den Giebel auf". Da er nicht weiterkonnte, so opferte er, wie ein Reinhold von Dordone seinen treuen Bayard, sein Wunderroß, indem er es erstach, und gab sich gefangen. Das geschahe zu Postbauer, und im Städtlein Neumarkt, zwischen Nürnberg und Regensburg, ward er mit dem Schwert gerichtet. Sein Andenken lebt unvergessen.

707. Der Seher im Frankental

Bei Frankental, einem Klosterhof des berühmten Stifts Langheim zwischen Lichtenfels und Bamberg, hütete im Jahr 1445 ein junger Schäfer des Namens Hermann seine Herde und wollte sie von der Berghöhe heimwärts treiben, als die Abendglocke vom Kloster Banz auf dem gegenüberliegenden Berge in das schöne Maintal niederklang. Da hörte er seitwärts ein Rufen, die Stimme eines weinenden Kindes, und sah ein Knäblein einsam auf dem Acker sitzen, er ging auf dasselbe zu, da fand er ein Kind von strahlender Schönheit, das ihn wunderlieblich anlächelte und gleich darauf vor seinen Augen verschwand. Er ging von der Stelle hinweg, sahe sich aber noch einmal um, und siehe – da saß wieder das Kind, noch viel herrlicher anzuschauen, und zwei Kerzen brannten neben ihm. Noch einmal eilte Hermann auf die liebliche Erscheinung zu, und abermals verschwand sie. Beunruhigt in seinem Gemüte trieb der Schäferknabe die Herde heim und sprach zu seinen Eltern von dem Gesicht, allein diese glaubten ihm nicht und geboten ihm, zu schweigen; er vertraute aber, was er gesehen, einem frommen Priester, und der sagte ihm, was er tun solle, falls er noch einmal einer solchen Erscheinung gewürdigt werde. Solches geschah auch, doch erst im folgenden Jahre auf demselben Platze, nur noch viel überirdischer. Das Kindlein, von himmlischer Glorie umstrahlt, hatte ein rotes Kreuz auf der Brust und war umgeben von noch vierzehn andern himmlischen Kindlein, alle rot und weiß (das sind des alten Frankenlandes Farben) gekleidet. Jetzt fragte Hermann: Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes: wer seid ihr, und was wünschet ihr? – Da antwortete das himmlische Kind: Ich bin Jesus Christus, und diese sind die vierzehn heiligen Nothelfer. Wir wollen hier wohnen und ruhen und euch dienen, so ihr uns dienet! – Darauf schwebte das Jesuskind und die Vierzehn mit ihm zum Himmel empor. Und am nächsten Sonntage sah der Seher vom Frankental um dieselbe Stunde zwei brennende Kerzen vom Himmel sich auf jene Stelle niedersenken, und eine des Weges daherkommende Frau sah dies Wunder ebenfalls und sah auch, wie die Kerzen wieder himmelan schwebten. Da ging nun Hermann der Schäfer zum Abte von Langheim und verkündete ihm und den Vätern des Klosters die wiederholten Erscheinungen, und es wurde eine Kapelle auf jener Berghöhe begründet, die bald als ein sonderer Gnadenort weit und breit in Ruf kam; Wunder geschahen dort, Wallfahrer strömten aus Nähe und Ferne herbei und beteten zu den vierzehn heiligen Nothelfern, auch wurde die Kapelle mit reichem Ablaß begnadigt; eine Brüderschaft nannte sich nach den Nothelfern, ein Graf von Henneberg gründete ihnen einen Ritterorden; Kaiser Friedrich III. selbst wallfahrtete dorthin, ein Gelübde zu erfüllen, auch Albrecht Dürer war im Jahre 1519 alldort. Und durch gute und schlimme Zeiten hindurch behielt die Wallfahrtkirche Vierzehnheiligen ihren großen, dauernden Ruf und Ruhm, immer schöner und herrlicher wurde sie gebaut, eine Propstei ward neben ihr errichtet. Mitten im Kreuz, das Langhaus und Querschiff bilden, erhebt sich ein dreifacher Altar mit unten offenem Raume über der Stelle, wo der Seher vom Frankental die Erscheinung sahe. An dieser Stelle zu beten, zu büßen, zu geloben wallen alljährlich viele Tausende dem hoch und schön gelegenen Tempel zu. Die Namen der vierzehn heiligen Nothelfer sind Georgius, Blasius, Erasmus, Pantaleon, Vitus, Christophorus, Dionysius, Cyriakus, Achatius, Eustachius, Aegidius, Margaretha, Barbara und Katharina. Unvergänglich lebt das Andenken an den frommen Schäfer Hermann, den Seher im Frankental.

708. Fräulein Podica

Überm Städtlein Lichtenfels, allwo man es noch heute den Burgplatz nennt, lag eine Burg der alten Grafen von Meran. Dort wandelt der ruhelose Geist des Fräuleins Podica von Schaumberg, stammend aus einem gar weit verzweigten edeln Geschlechte dieser Gegenden, deren Stammburg über dem Städtlein Schalkau zwischen Koburg und Eisfeld gelegen war und auch nur noch geringe Überreste zeigt. Das Fräulein hatte einen Bräutigam des Namens Kunemund, der zog mit in eine bedeutende Fehde, die bei Scheßlitz im Hochstift Bamberg zu einer Entscheidungsschlacht gedieh. Podica von Schaumberg gab ihrem Erkorenen einen Handschuh mit, und er schwur, denselben lebend oder tot ihr zum Pfande seiner Treue zurückzubringen, allein der Jüngling brachte den Handschuh nicht zurück. In der Schlacht bei Scheßlitz fiel der treue Junker Kunemund, und als Fräulein Podica von Schaumberg die Trauermär erfuhr, nahm sie sichís alsosehr zu Herzen, daß sie vor Gram und Kummer starb. Seitdem geht sie bei nächtlicher Weile im Gemäuer der alten meranischen Burg um und ruft mit leiser seufzender Stimme: Kommt noch nicht mein Kunemund? – Ihre Erlösung ist einzig an die Bedingung geknüpft, daß ein Sterblichgeborener ihr erwidern soll: Längst fiel dein Kunemund bei Scheßlitz! – So leicht diese Bedingung erscheint, so ist sie doch noch immer nicht erfüllt worden, denn denen, welche die Wandelnde erblickten, entfiel vor Schreck das rechte Wort, oder der Name des Geliebten, oder der des Städtleins Scheßlitz, und denen, so vielleicht richtig geantwortet hätten, mag sie wohl nicht erschienen sein. Und so wandelt der arme ruhelose Geist von einem Jahrhundert in das andere hinüber. Oben auf Bergen und Burgen, in ätherischer Hülle wandelnd, die ewig lebende Sage, und unten der Dampfwagen, über die Eisenbahn brausend, die den deutschen Norden mit dem deutschen Süden verbindet und beider Verkehr vermittelt.

709. Das Seil des Schäfers

Zu Ahorn, sonst am Ahorn, daher auch vom Landvolk Mahren genannt, in der Gegend von Koburg, war früher auch eine berühmte Wallfahrt. Dort lebte eine alte Hexe, die hatte einen Grimm auf die Ahorner und brachte ihnen ein Wetter zuwege, daß sich vom Brausen des Sturmwindes, den sie erregte, die Turmspitze bog, und nun spöttelten die Nachbarn und sagten: Zu Ahorn steht es schief; der Ahorner Turm hat schräg geladen – und was dergleichen anzügliche Spottredereien mehr waren. Das tat ihnen mächtig leid, und schauten nach Hülfe umher, und da fand sich auch ein frommer Schäfer, der sah zwar keine Heiligen und Himmelskerzen, aber er sah, wo es fehlte, und versprach Abhülfe. Er nahm ein sehr langes und dickes Seil, das band er an die Spitze des Turmes und das andere Ende an eine Fichte, die noch am Bergesrande steht, und zog nun unter dem Murmeln von Zauberformeln die Turmspitze wieder gerade, so daß die Ahorner nun wieder Ruhe vor ihren spottlustigen Nachbarn hatten. Die Wetterhexe, deren Tücke aus der Ahorner Turmspitze eine schiefe Ebene gemacht hatte, wurde gebührendermaßen verbrannt, der Strick aber aufgehoben, und ist derselbe noch zu sehen, die Mär aber in das Kirchenbuch geschrieben.

Der Ahorn, der diesem Dorfe den Namen gab, und andern nicht minder, denn es gibt noch in derselben Gegend ein Frei-Ahorn, ein Kirch-Ahorn, ein Wüsten-Ahorn, war gewiß den heidnischen Vorfahren ein verehrter Baum, gleich Eiche, Buche und Linde. Sein schneller Wuchs, sein kräftiger hochaufschossender Stamm, sein schattengebendes Laub machten ihn den alten Deutschen nicht minder wert wie den Alt- und Neugriechen, und sicher nicht ohne Beziehung gaben sie ihm den Namen Ehre und sahen in seinen Blättern ein Sinnbild ausdauernder Festigkeit.

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