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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Trausnitz
  2. Der Krötenberg
  3. Die Abensberger Schar
  4. Die heilige Stilla
  5. Sankt Emmeran
  6. Regensburger Wahrzeichen
  7. Dollinger und Krako
  8. Die schöne Maria
  9. Natternberg
  10. Der Passauer Tölpel

850. Trausnitz

Da Ludwig der Bayer den Österreicher Friedrich den Schönen in seine Macht und Gewalt gebracht hatte, so ließ er ihn nach der sichern Feste Trausnitz ob Landshut bringen, ihn da verwahrlich aufzubehalten. Wie nun Friedrich nach dem Namen des Schlosses fragte und selben erfuhr, erseufzete er und sprach: Ja wohl, truwes nit, trau's nicht! Ich habe sein je nit getraut, daß ich sollte darein gebracht werden. – Zu Friedrichs Bruder, Herzog Leopold dem Ruhmreichen, trat bald darauf ein Zauberer, der erbot sich, mit des Teufels Beihülfe Friedrich zu befreien, und sandte auch wirklich einen Teufel auf die Trausnitz, den Gefangenen hinwegzuführen. Dieser stellte sich dem Könige in Pilgrimstracht vor Augen und erbot sich, ihn auf seinen Schultern von dannen zu tragen, wie Herzog Heinrich den Löwen über Meer. Da fragte der König Friedrich: Wer bist du? – Mußt du es wissen? fragte der Teufel zurück. Dich aus dem Kerkerschloß zu holen, kam ich her, nicht um deinen Fragen Rede zu stehn. – Da graute dem Könige, und schlug ein Kreuz, und der höllische Postmeister fuhr von dannen. Hernach hat Herzog Leopold dem König Ludwig mit Krieg also weh getan, daß er den Gefangenen doch entlassen mußte.

851. Der Krötenberg

Im Landgerichte Rottenburg, zwischen Landshut und Abensberg, liegt im Biebertale ein kleines Kirchdorf, Nordholz geheißen, und nahe dabei ein Berg, der eine Burgtrümmer trägt, allwo ein ritterliches Geschlecht gleichen Namens hauste. Mit diesem Berge hat es eine sondere Beschaffenheit; alljährlich im Maimond gebiert er – nicht Mäuse gleich dem kreisenden Berge des Sprüchworts, sondern eitel Kröten. Scharenweise wie aus einer Quelle schwulgern sie hervor und purzeln und patschen übereinander in Haufen den Berg hinab und rauschen und rascheln im Laub und Gesträuch. Drunten ist ein Weiher, da ziehen sich die Kröten hinein, und binnen drei Tagen ist der so voll, daß er überläuft, und da laufen die Kröten auch mit über und statten der nahen Mühle Besuch ab, verbreiten sich über Hof und Garten, in Stuben und Keller, Kammern und auf den Boden und machen das Haus fast unbewohnbar. Niemand weiß, woher der so plötzliche Zuspruch, item, die Kröten sind da, und niemand tut ihnen etwas, denn – das ist die Hauptsache – je mehr ihrer kommen, je willkommener sind sie, weil sie prophetische Tiere sind, nämlich Vorboten einer reichen Getreideernte, wenn sie in recht großer Zahl erscheinen, wie der Heerwurm auf dem Thüringer Walde. Nach drei Tagen verlieren sie sich, ohne daß man gewahrt, wo sie hinkommen; zurück in den Berg gehen sie nicht, derselbe hat aber von dieser seltsamen Naturerscheinung den Namen Krötenberg erhalten.

852. Die Abensberger Schar

Da Kaiser Heinrich II. zu Regensburg Hof hielt, stellte er ein Jagen an in den Forsten zwischen Regensburg und Abensberg und lud dazu die benachbarten Edeln, doch mit dem Gebot, es möchte ihrer keiner mehr denn nur einen Diener mitbringen, sintemalen es schien, als sei der Kaiser freigebiger gegen die Pfaffen gewesen als gegen die Jäger. Siehe, da nahete dem Hoflager im Walde von Avensberg her eine starke und stattliche Männerschar, alle in guter Jagdwehr und hoch zu Roß, und große Dienerschaft lief neben den Rossen. Wer nahet dorten mit so vielem Gefolge? fragte der Kaiser, und die Antwort lautete: Graf Babo ist's, der Abensberger. – Da nun der Graf nahe herzuritt, sah ihn der Kaiser ungnädig an und fragte: Du hast wohl Unser Gebot nicht vernommen oder verstanden, daß du so viele Mäuler uns ins Lager führest? – Darauf sprang Graf Babo vom Roß und beugte seine Kniee vor dem Kaiser und sprach: Hoher Herr! Du hattest die Gnade, mir und meinen Söhnen zu erlauben, dem Jagen beizuwohnen. Jeder von uns kommt selbander nur mit einem Diener! – Das sind ja über sechzig Mannen! rief der Kaiser. – Ja, hoher Herr! Es sind unserer sechsundsechzig! erwiderte mit heiterer Miene Graf Babo. Und da traten zweiunddreißig Männer, Jünglinge und Knaben, die indes von ihren Rossen gestiegen waren, und knieten nieder, und Babo sprach: Siehe, hoher Herr, das sind alle meine lieben Söhne, die und noch acht Töchter habe ich mit zwei Frauen erzeugt in Gottes Hülfe und die Söhne erzogen zu deinem Dienst, und übergebe und widme sie dir mit Leib und Leben! – Das laß ich gelten! rief der Kaiser, sind das deine Söhne, ei, so sollen es auch meine Söhne sein. Einem ist die Natur freigebig, einem ist sie karg. – Und reichte einem jeden der zweiunddreißig die Hand, und dem Vater zu allererst, und verhieß ihnen Schlösser und Lehen, ihren gräflichen Stand wohl fortzuführen.

853. Die heilige Stilla

Aus dem Geschlechte der Grafen von Abensberg ging eine fromme Maid hervor, deren Name war Stilla. Sie war die Tochter Wolfram II. Stilla erbaute eine Kapelle unfern Abensberg in die Ehre Sankt Peters und stiftete mit ihren Brüdern Rapoto und Konrad das Kloster Heilsbronn. Stilla gelobte dem Himmel ewige Keuschheit, besuchte täglich im Geleit ihrer Frauen ihren Andachtsort und hätte nichts lieber gehabt, als auch an dessen Stätte ein Kloster erstehen zu sehen. Sie teilte mit dem heiligen Sebald ganz ein und dasselbe Sehnen, da zu ruhen, wohin weiße Stiere ihren Leichnam ohne Führer ziehen würden. Diesen Ort bezeichnete auch bereits ein Handschuh, den Stilla in die Luft warf, aber nicht im Zorn wie die thüringische Sophia oder Alberade von Banz, sondern in lauterer frommer Zuversicht, und der Handschuh war, einer weißen Taube gleich, nach ihrer Kapelle zugeflogen und hatte auf diese sich niedergelassen. Da nun Stilla gestorben war, sollte sie in das Kloster gen Heilsbronn begraben werden, aber da taten die Dienerinnen deren letzten Willen kund, und so ward derselbe befolgt, und das weiße Stiergespann zog ihre Leiche ohne Lenker zu ihrer Kapelle hin. Danach ist auch ihr heißer Wunsch noch erfüllt und an deren Stätte ein Frauenkloster erbaut worden, welches den Namen Marienburg empfing. Rechts beim Eingang in die Klosterkirche erblickt man Stillas Grab, und geschahen allda viele Wunder, und wurde Stilla als Heilige vom Volke verehrt, gleichwie die preußische Dorothea, obschon kein Papst sie kanonisierte; aber Bischof Rainboto von Eichstätt hatte in der Peterskapelle ihr zu Ehren einen Altar errichtet und geweiht.

854. Sankt Emmeran

Was der heilige Sebald für Nürnberg ward, hochverehrter Wundertäter, segenwirkender Schutzpatron und gefeierter Heiliger, das alles wurde Sankt Emmeran für die freie Reichs- und Reichstagstadt Regensburg, von der die Rede geht, daß sie so viele Kirchen und Kapellen gehabt als das Jahr Tage. Der heilige Emmeran oder Heimeran stammte aus Guienne und war Bischof von Poitiers. Aus Neigung, die Heiden zu bekehren, kam er nach Deutschland und nach Bayern. In diesem Lande hatte zwar der heilige Rupert bereits den Samen des Christentums ausgestreut, jedoch noch nicht an allen Orten, und Theodo V., der Bayerherzog, bat Sankt Emmeran, das gottselige Werk fortzusetzen. Herzog Theodo hatte eine schöne Tochter namens Utha, und Utha hatte einen Liebsten namens Siegebald, und der hatte den Namen mit der Tat, er hatte bald gesiegt, und zwar allzubald, und war darüber bei Utha großes Herzeleid, und wußte sich keines Rates, fürchtete vielmehr, daß der Zorn ihres Vaters und Bruders sie und ihren Geliebten töten würde. Da entdeckte sie sich dem heiligen Emmeran, und der fromme reine Mann war von so himmlischer Güte, daß er ihr den Rat gab, sie möge ihn als Täter nennen. Ob er nun glaubte, die Sache damit minder schlimm für Utha zu machen und der Rache zu entgehen, da er gerade im Begriff war, gen Rom zu reisen, oder ob er sich nach dem martervollsten Tode sehnte, weiß man nicht. Er reiste ab, und die geängstigte Utha befolgte seinen Rat. Zornentbrannt warf sich alsbald Landopert, ihr Bruder, mit einer Schar Mannen aufs Roß und setzte dem frommen Pilger nach, holte ihn auch bald genug zwischen dem Inn und der Isar beim Dorfe Helfenburg ein und schrie ihn spöttlich an: Ei guten Tag, Bischof! Ei guten Tag, Herr Schwager! – ließ alsbald Emmeran greifen, auf eine Leiter binden, ihm die Hände und Füße abhauen, die Nase und Ohren abschneiden, die Augen ausstechen und den verstümmelten noch lebenden Körper in die Sonne stellen. Als die grause Tat geschehen war, wurden zwei Männer sichtbar, welche eilig die abgelösten Gliedmaßen des heiligen Mannes sammelten und vor den Augen der Mordknechte verschwanden, und zu dem wahnbetörten Landopert trat Wolflet, ein Geistlicher, dem Emmeran alles vertraut und seinen Tod vorausgesagt hatte, und welcher, als die Mordtat geschah, nicht beihanden war, hätte sie auch schwerlich hemmen können. Nun freilich ward Landopert die übereilte grausame Tat von Herzen leid, war aber einmal geschehen, und wurde der Körper erhoben und gen Regensburg geführt, und da fuhr die Seele aus dem Munde des Gemordeten wie ein rosenroter Blitzstrahl und fuhr gen Himmel. An dem Orte des Mordes wölbte sich von selbst ein grüner Hügel, wie ein Grab, und geschahen daselbst unzählige Wunder. Der heilige Leichnam wurde zu Regensburg in St. Georgen beigesetzt, und Landopert erbaute zur Sühne und zur Buße seiner Untat das berühmte Stift St. Emmeran. Solches alles hat sich begeben im Jahre des Herrn 652, da noch die Agilolfinger in Bayern herrschten. Ob des heiligen Mannes schuldloser und blutiger Opfertod der Prinzessin Utha zugute gekommen, meldet die Sage nicht, aber der Stadt Regensburg ist dieser Tod zu hohem Glück gediehen bis zur Zeit, da in Kostnitz das Konzil war und der Huß verbrannt wurde. Da sind in Regensburg zwei Geistliche gewesen, die haben es laut gesagt, daß dem Huß zu viel geschehen sei. Da wurden diese beiden ergriffen und ihnen auch gleichwie dem Huß getan, und ward damals der Ketzerturm erbaut. Von dieser Zeit an, erging die Sage, habe man bemerken wollen, daß sich das Glück dieser Stadt gar merklich verkehrt und ins Abnehmen gekommen.

855. Regensburger Wahrzeichen

Die Wahrzeichen Regensburgs sind am Dome zu finden und an der Brücke: am Dome ein Mann von Stein, der sich herunterstürzt, und an der Brücke ein kleiner Mann, der nach jenem schaut, die Hand über die Stirne haltend. Das sind die Baumeister des Domes und der Brücke; beide wetteten miteinander, wessen Bau zuerst vollendet sein werde. Und soll der Baumeister der Brücke des Dombaumeisters Lehrling gewesen sein. Der Lehrling nun ging einen Bund mit dem Teufel ein und versprach ihm die ersten drei Seelen, die über die vollendete Brücke gehen würden, zum Eigentum, wenn er sie eher vollende als sein Meister den Dom. Da schleppte der Teufel als bekannter Steinschlepper und Lastesel Steine in Massen herbei und half bauen, was das Zeug hielt, und ward die herrliche Brücke gebaut mit fünfzehn granitnen Schwibbogen und drei Türmen aus lauter Quadersteinen, vierhundertsiebenzig Schritte lang und dreiunddreißig Schuh breit. Und unversehens war sie fertig, und da der Dombaumeister auf seinem Gerüste stand und das Werk vollendet sah, so tat er wie der Baumeister des Doms zu Köln, dem Ähnliches widerfuhr, er stürzte sich vom Gerüste herab, worauf sein steinern Bild am Dom angebracht wurde. Der Brückenbaumeister aber sperrte die Brücke, sowie sie vollendet war, daß kein Mensch darübergehen durfte, und trieb zuerst einen Hund, einen Hahn und eine Henne darüber, welche der Teufel in Empfang nahm und dadurch bestätigte, daß die Tiere auch Seelen haben, was von vielen verneint worden, und mag sie ohne Zweifel zu der Wolfsseele getan haben, die er beim Dombau zu Aachen fing, und zu der Eselsfüllenseele, die er auf Burg Rheingrafenstein so glückhaft erhaschte, und zu andern Tierseelen. Der von des Teufels Ansprüchen also durch List befreite Architekt brachte nun zum ewigen Wahrzeichen die Bilder von Hund, Hahn und Henne auf der Brücke selbst an, auch zeigt man auf ihr ihren größten und ihren kleinsten Stein nebeneinander.

856. Dollinger und Krako

Zu Kaiser Heinrichs des Hunnensiegers Gezeiten hielt derselbe in Regensburg Hof und daselbst ein Stechen. Da kam unter Geleit ein freisamer Heide geritten, deß Name war Krako, der forderte die Ritterschaft zum Lanzenbrechen auf mit großem Uebermuth, und wer im Stechen auf Leben und Tod unterliege, dessen Seele sollte dem Teufel eigen sein, denn er hatte heimlich zwei Teufel in seinem Dienst, die ihn stark machten und nach Teufelart auf Christenseelen lauerten. Die Ritter aber alle schwiegen bestürzt und keiner wagte den Kampf anzunehmen, und der Kaiser fragte zornig: habe ich denn an meinem Hofe keinen Mann, der mit dem Heiden das Stechen darauf wagt, daß seine Seele, wenn sie ihn verläßt, dem Heiland unserm Herrn gehört, und mit nichten dem Teufel? – Da trat ein mannlicher Ritter hervor, Hans Dollinger geheißen – andere sagen, derselbe habe ob Hochverraths im Kerker gelegen, und sei zum Kampfe zugelassen worden, um gleichsam hier in einem Gottesgerichtskampf seine Seele zu lösen – und begann das erste Stechen mit dem gewaltigen Heiden, und da sah er in des Heiden Spiegelschild die zwei Teufel, die ihm kämpfen halfen, allen andern unsichtbar, und da stach der Heide den Dollinger vom Roß, daß er auf dem Rücken lag, wie ein gepritschter Frosch, und zu Jesu im Himmel hinein schrie, ihm von den Heiden und seinen Teufeln zu helfen. Da ritt der Kaiser zu dem Gefällten und hielt ihm ein Crucifix an den Mund, daß er das küsse, und von dem Kuß wurde der Dollinger frisch und gesund, und sprang auf, bestieg sein Roß und da thaten sie das zweite Reiten gegen einander, und stach der Dollinger dem Heiden die Lanze in das Ohr, wie der junge Königssohn am Rhein dem Heidenweibe sein Schwert (Sage Nr. 48), daß die Spitze zum andern Oehrlein wieder heraustrat, und der Heide vom Rosse fiel, wie ein Nußsack, und seine Seele dahin fuhr, wohin er sie verlobt, nämlich zu allen Teufeln. Hernach hat der Dollinger an seiner Herberge zu Regensburg sothanen Kampf in Stein hauen und abbilden lassen, das wurde auch ein Regensburger Wahrzeichen, ward auch vielfach gemalt und besungen in alten Liedern.

857. Die schöne Maria

Wie zu Worms und zu Prag schon vor Christi Geburt Juden gewohnt, also auch zu Regensburg, die waren auch gute Juden und sahen mit Schrecken und Entsetzen die große Verfinsterung der Sonne, da Christus zu Jerusalem am Kreuze hing, und da gerade ihre Bauleute einen Turm bauten, so verließen sie den Bau vor Schrecken und ließen einen Gerüstbalken stecken, welcher auch noch lange Jahre nachher als ein Wahrzeichen gewiesen worden ist. Darum schützten auch die Regensburger Bürger ihre Juden in der grausen Zeit, als die verrückten Geißler durch die Lande fuhren und allüberall die Juden erschlagen wurden. Nachher aber, als die Unvernunft zur Herrschaft kam, der Huß zu Kostnitz verbrannt worden war und die zwei Geistlichen zu Regensburg und mit der Vernunft das Glück der Stadt sich gewandt hatte, da ging es auch zu Regensburg den Juden schlecht, sie wurden des Mordes von sieben Christenkindern beschuldigt und grausam vertrieben. An die Stelle ihrer geschleiften Synagoge wurde eine hölzerne Kapelle gebaut und in diese ein Gnadenbild gesetzt, das hieß die schöne Maria, und ward zu ihr ein Gelaufe des Volkes in hellen Haufen, gerade wie zum Pauker von Niklashausen. Die Leute ließen alles und alles stehen und liegen, Haus und Hof, Arbeit und Geschäft, liefen viele Meilen Weges barfuß, zum Teil ganz nacket, den Adamiten gleich, brachten ihre Rechen, Beile, Mistgabeln und Sicheln vom Felde mit und gaben ihren letzten Heller der schönen Maria willig zum Opfer hin. Da nun so ein schönes Geldlein einging, so meinte der Rat zu Regensburg, der Bischof brauche das nicht alles in des Stifts Säckel zu streichen, und wollte den Spendepfennig mit ihm teilen, der Bischof aber wollte mitnichten teilen; darüber entbrannte heftiger Zwist und Hader, und das Ende vom Liede war, daß über selben Zwiespalt die schöne Maria in Abnahme kam und der größte Teil des Volkes der gesunden Vernunft und der Lehre Luthers zufiel, weil es endlich einsah, daß nur um des Geldes willen und nicht um der Ehre Gottes und der gnadenreichen Jungfrau willen das Bild der schönen Maria aufgestellt war, und so gewann auch diese Wallfahrt, gleich der zu Niklashausen und der zu Grimmenthal, ein schnelles Ende.

858. Natternberg

Nicht weit vom Kloster Metten, welches ein frommer Hirte gründete, der unter einem Baume schlummernd beim Erwachen ein Buch auf seinem Herzen fand, am schönen Donaustrom, aber an dessen rechtem Ufer, zwischen Straubing und Passau, ragt der Natternberg empor, der einst ein stolzes Schloß der Grafen von Bogen trug. Diesen Natternberg hat der alte Steinschlepper und Bergversetzer, der Teufel, geradeso hieher an die Donau getragen wie die Sanddüne, den Losberg, bei Aachen. Trug er die Düne dorthin vom Meeresstrand, so trug er den Natternberg gar über die Alpen aus Welschland, von wo herüber er überhaupt gar manch verfluchtes Teufelsgut nach Deutschland einzuschleppen und zu schleifen schon gewohnt, und zwar deshalb, weil die Bürger von dem nahen, am Stromesufer liegenden Städtlein Deggendorf gar fromme Leute waren, deren Gottesfurcht dem Erzfeind bitterlich verhaßt, und wollte mit dem Berg die Donau dämmen, um das arme Deggendorf in des Stromes übertretender Flut zu ersäufen. Aber wie er dahergesaust kam mit dem gewaltigen Berge, da läutete drüben im Kloster Metten die Glocke das Ave, und da er wohl wußte, daß dieses Sei gegrüßt nicht ihm galt, sondern einer, vor der er und alle Höllennattern aller Macht bar wurden, so ließ er vor Schreck und Zorn den Berg mitten in die ganz ebene Flur fallen, wie den Feldstein über Themar, und hat es somit dem Teufel eigentlich nur wunderselten geglückt, sondern hat sich fast allüberall vergeblich geschunden und geplagt und sich allenden hin nur Denkmäler seiner Ohnmacht gesetzt.

859. Der Passauer Tölpel

Zu Passau, das als eine Dreistadt nächst Oberhausen am Zusammenstrom dreier Flüsse liegt, der Donau, des Inn und der Iltz, ist gegen der großen Kirche über bei einer Mauer ein abscheulich großes Menschenhaupt in Stein gehauen zu sehen, dessen Mund zwei Spannen lang ist, woraus zu schließen, welche Anmut das Ganze zeigt, das wird der Passauer Tölpel genannt und ist weit und breit bekannt als ein Wahrzeichen, neben dem Stadtwappen, das nicht minder als ein solches gilt und einen geschundenen Wolf vorstellt. Und erging es den Passauer Gesellen immer schlecht genug, wenn sie in die Fremde kamen, denn da war des Fragens nach ihrer guten Stadt Wahrzeichen kein Ende. Die Klugen wußten sich aber gar gut zu helfen, denn sie erwiderten dann insgemein den unkundigen Fragern, sie hätten ein getreues Abbild des Tölpels mit sich in die Fremde gebracht, und so nun einer geneigt war, solches zu sehen, ließen sie ihn in einen Spiegel blicken, da sahe er Tölpels zur Genüge. So auch in der eigenen Stadt, wenn einer neugierig war und den Tölpel sehen wollte und nach ihm fragte, führten sie ihn zu einem Rohrbrunnen, ließen ihn in dem Wasserspiegel sein eigen Antlitz schauen, und wenn sie es recht wohl mit ihm meinten, gossen sie ihm einen Stutz Wasser über den Kopf oder stießen sein Gesicht zum Gesicht im Wasser, da hatte er dann gleich eine Tölpelei zu Gesicht bekommen.

Ein anderweites Wahrzeichen zu Passau war der Blutstein, auf diesem ließ Herzog Otto von Bayern einen ihm feindlichen Legaten des Papstes des Namens Albrecht, der ihm die Stadt aufsässig gemacht, erwürgen, schinden und in Stücke hauen, davon soll noch der geschundene Wolf im Passauer Stadtwappen herrühren.

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