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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Wölfe gehenkt
  2. Wolffindis
  3. Die Hunde zu Weißenstein
  4. Der Stockenfels
  5. Juditha
  6. Leuchtenberg
  7. Wichteln bei Kelheim
  8. Wichtlein und wildes Gejaig an der Altmühl
  9. Teufelsmauer und Teufelsstraße
  10. Wilden Heeres Spuk

860. Wölfe gehenkt

Vordessen war ein sonderer Brauch vornehmlich im Franken- und Bayerlande, daß man die Wölfe an Galgen henkte, gleich Wegelagerern, und geht schon vom Herzog Heinrich in Bayern die Sage, daß er, obschon er das Rotwild über alle Maßen liebte und die Rüden den Bauern durch die Zäune jagte, doch bezüglich der Stegreifreiterei all reine Straße hielt, so daß die Kaufleute sein Reich im Rosengarten nannten, die Räuber und Reiter aber von ihm wehklagten: Kein Wolf mag sich in seinem Lande erhalten und dem Strang entrinnen.

Im Sommer des Jahres 1685 hauste ein gefährlicher Wolf im Ansbacher Gebiet, erwürgte mehrere Menschen, Kinder und Erwachsene, und entging lange dem Tode, denn die gnädige Landesherrschaft wies zwar den Oberjäger an, mit Zuziehung mehrerer Leute einen Streif vorzunehmen nach dem Wolfe, aber dabei fleißig acht zu haben, daß dem Wildbret dadurch kein Schaden zugefügt werde; da ging es recht nach dem Sprüchwort: Wasche mir den Pelz und mache mich nicht naß. Der Wolf würgte und wütete fort, die Landleute trauten sich selbst am hellen Tage nicht mehr aufs Feld zu gehen. Zum Unglück verbreitete sich auch noch die Kunde, daß der Wolf gar nicht ein natürlicher Wolf sei, sondern der Geist des vor kurzem verstorbenen Bürgermeisters und Kastenpflegers zu Ansbach. Schon bei seiner Beerdigung habe dieser aus einem Dachfenster seines Hauses seinem Begängnis in aller Gemütlichkeit zugeschaut, und darauf nachts sei er dem Nachtwächter in Wolfsgestalt und in ein weißes Tuch gehüllt begegnet. Da geschah es, nachdem Ende Juli besagter Wolf sich zuerst hatte sehen lassen, daß er am 10. Oktober gemeldeten Jahres im Weiler Neuses bei Windsbach auf zwei Bauernknaben lauerte, die ihm jedoch entgingen, darauf einem Hahn nachsprang, der die Flucht über einen alten mit Röhrig belegten Brunnen flatternd nahm, und überm Springen in den Brunnen hineinfiel, wo ihm nun die Gemeinde leichtlich, wie sich denken läßt, das Garaus machte. Im Triumph wurde das erlegte Untier nach Ansbach zu hochfürstlicher Landesherrschaft gebracht und darauf folgendermaßen mit ihm verfahren. Erstlich wurde er enthäutet, um ausgestopft die hochfürstliche Kunstkammer als rares Exemplar einer anderthalb Ellen hohen Wolfsgestalt zu zieren, dann wurde ihm von Pappe ein Menschengesicht, seiner etlichermaßen bei Lebzeiten gehabten Physiognomie ähnlich, gemacht und mit einem Schönbart, lang und weißgraulich, ausgeputzt; dann bekam er ein Kleid von gewichster Leinwand, fleischfarbrötlich, angezogen und wurde ihm eine kastanienbraune Perücke aufgesetzt. Und also wurde Herr Isegrim auf dem sogenannten Nürnberger Berg vor Onolzbach an einem eigens dazu errichteten Schnellgalgen aufgehenkt, jedermänniglich zur Warnung, er mochte Wolf, Bürgermeister oder Kastenpfleger sein, zur Strafe seiner ungebührlichen Aufführung.

861. Wolffindis

Im Landgerichte Dingolfing nahe beim Markte Reisbach steht eine kleine Kirche, die ist einer heiligen Jungfrau geweiht, welche eine Martyrerin ihrer Frömmigkeit und Keuschheit wurde. Wolffindis, so war ihr Name, war eines Gaugrafen Tochter, der auf dem Schlosse Warth saß, und neigete ihr Herz dem Christentume zu, da ihr Vater noch ein blinder Heide war. Darüber ergrimmte dieser Vater also sehr, daß er die Tochter an die Schweife wilder Ochsen binden und diese von dannen peitschen ließ. Dort bei Reisbach blieben die Ochsen stehen, und an jener Stelle, wo die Unschuldige verblutete, sprudelte eine Heilquelle hervor. Andere sagen, es habe ein fremder Krieger sich in die fromme Wolffindis also vergafft, daß er ihrer, da sie ihm nicht im guten sich zu eigen geben wollen, mit Gewalt begehrt, und weil er, obschon er ihrer sich bemächtigt, doch nichts erlangen können, habe er sie an seines Rosses Schweif gebunden und sie selbst auf so grausame Weise zu Tode geschleift. Nahe dem Markte Reisbach endete die fromme Wolffindis, und der Wunderquell entsprang.

862. Die Hunde zu Weißenstein

Auch im Bayrischen Walde widerhallt und wiederholt die Sage von den jungen Hunden. Einer Frau Gräfin von Weißenstein begegnete die Bettlerin, die, von jener verhöhnt, sie verwünschte, und eine Zigeunerin prophezeiete ihr, sie werde auf einmal sieben Söhne gebären, von denen würden sechse ihr den Tod zuwegebringen. Solches zu verhüten, ward sie einig mit ihrer Kammerfrau, als bereits der erste Teil der Prophezeiung sich erfüllt hatte, daß jene die sechs nachgebornen Knäblein ersäufen solle. Der begegnete nun auch der aus dem Hussitenkriege zurückkehrende Graf und entdeckte die Untat, ließ die allzudienstfertige Magd alsogleich binden und in den Regenfluß werfen und die Knäblein heimlich aufziehen und ihnen Ammen geben. Heimgekehrt, ließ der Graf sich nichts merken, während sieben ganzer Jahre lang, nahete aber auch seiner Frau nie wieder in Liebe, sondern schützte ein Enthaltsamkeitsgelübde vor, wie die Männer in jenen alten frommen Zeiten sich bisweilen auferlegten. Dann aber, als die sieben Jahre nun um waren, ließ er ein Gastmahl zurichten und fragte die Gäste, indem er die Untat nannte, welche Strafe einer solchen Mutter gebühre. Da fuhr seine eigne Frau, von Angst des Gewissens getrieben, heraus: Lebendig einmauern müsse man solche Rabenmutter! – Du hast es gesagt! zürnte der Graf, dir geschehe, wie du gesagt hast, denn die Rabenmutter bist du! Siehe hier die jungen Raben, die der Herr ernährt und erhalten, deine – Hunde! – Und ließ die sechs frischen Knäblein eintreten. Da war viel Wonne und Weh beisammen und wurden viele Fürbitten laut für die entartete Mutter, sie selbst aber bestand auf der gerechten Strafe und empfing sie. Darauf hat der Graf eines Hundes Bild in sein Wappenschild genommen und die Söhne als die seinen erkannt, ihnen aber zu ihrem Zunamen noch den Hund gefügt, so ist das Geschlecht der Hunde von Weißenstein, gleich jenem der Hunde von Wenkheim und der Rüden von Collenberg im Frankenlande, entstanden, aber der Graf verließ seine Stammburg, und sie fiel in Trümmer.

863. Der Stockenfels

Zwischen Burg Lengenfeld und Nittenau am Regen beim Dorfe Fischbach liegt eine Burgruine auf einem hohen Berge, Stockenfels geheißen, darinnen ist es nicht geheuer; verwunschene und hineingebannte Spieler sitzen drinnen und karten und würfeln und haben eiserne Karten, wie die Spieler in der Burgtrümmer von Waldstein und die Männer im Flußberg, und glühende Marken und Becher. Wer sie sieht, dem grauset. Und wer sind denn diese Männer? Ritter sind es nicht, Pfaffen auch nicht, Bauern auch nicht. Sie haben große schwarzlederne Schurzfelle und harte Köpfe. Spielen dürfen sie nicht beständig, sie müssen auch was tun. Da ist ein grausam tiefer Brunnen auf Stockenfels, der geht bis zum Bergesgrunde, da stehen sie auf einer Leiter von oben bis unterst, und der unterste schöpft Wasser und langt es herauf, und der oberste schüttet's aus, und rastlos wandern die Eimer die ganze Woche lang, und das sind die abgeschiedenen Bierbrauer von Regensburg, von Straubing, Cham, Burglengenfeld, Landshut und andern Orten, die solche Buße tun müssen, dieweil sie bei ihrem Leben zu viel Wasser in jedes Gebräu gemischt, und werden ihrer immer mehr, "daß bald gor kani mehr in den Brunnen eini gohn," als welches sehr schade ist, sonst wollt' einer dem Stockenfelser Brunnen die ***er Brauer ebenfalls bestens empfohlen haben.

864. Juditha

Aus dem Böhmerlande zog der junge Herzogsohn Brzetislav durch den Böhmerwald, erkor sich am Regenfluß eine heimliche Stelle in den waldigen Talwinkeln nahe bei Regenstauf und ging mit nur wenig Dienern nach Regensburg hinein. Er hatte von einer überaus schönen Nonne vernommen namens Juditha, welche die Tochter eines Grafen vom Rheine soll gewesen sein, Otto des Weisen. Es gelang ihm, sie zu sehen, und alsbald entbrannte in beiden zueinander heftige Liebe, und der junge Herzogsohn beschloß, die schöne Juditha zu entführen. Diesen Plan führte Brzetislav auch ohne Säumen aus, er bestach die Torwächter, daß sie ihm das Tor, und die Brückenwächter, daß sie ihm die Brücke offen hielten, und die Torwächter drüben in Stadtamhof nicht minder, band sein Roß vor der Klosterpforte an, ging hinein und holte sich seine Erkorene ohne alle Umstände. Mittlerweile war der Weg vor dem Kloster durch eine mächtig große Kette gesperrt worden, die hieb Brzetislav entzwei, hob die Entführte auf sein Roß und sprengte mit ihr von dannen, seine Getreuen folgten, und hinter ihnen rasselten die Tore samt und sonders zu. Ehe sie den Verfolgern wieder aufgetan wurden, verging die längste Zeit, das Regensburger Stadttor, drei Brückentore und zwei Tore von Stadtamhof, alle mit schweren Schlössern und Riegeln; es war offenbar eine wahre Torheit, die Flüchtigen verfolgen zu wollen. Auf der Brücke verlor Juditha einen roten Schuh, wie Katharina von Bora, da sie aus Kloster Nimbschen bei Grimma an der Mulde flüchtete, der wurde samt der zerhauenen Kette lange als ein Denkzeichen aufbewahrt. Der Vater der Entführten klagte nun zwar beim Kaiser über den Jungfrauenraub, und das Kloster klagte nicht minder, aber der Vater Herzog Brzetislav gab seinem Sohne Mähren und erwirkte ihm Verzeihung.

Wundersamerweise, nur mit minderer Wahrscheinlichkeit, wiederholt sich dieselbe Sage zu Schweinfurt, nur heißt die Nonne dort Jutta, wohnt im Kloster auf der Petersstirn. Der Vater ist ein Markgraf von Schweinfurt oder gar – doch heimlich – Kaiser Konrad der Salier selbst, und als der Bote mit der Klage an den Kaiser gesendet ward, behändigte man ihm zur Beglaubigung den verlornen Schuh – da er ihn aber überreichen wollte, verschwand er ihm aus der Hand hinweg.

865. Leuchtenberg

Vor dem Böhmerwald liegt die alte Landgrafschaft Leuchtenberg, dazu gehört auch Schloß, Stadt und Amt. Daselbst weilte Heinrich der Vogler, da er diese Gaue gegen die Ungarn und Wenden schirmte, und war auch seine Tochter Jutta bei ihm und weidwerkete mit ihm. Da geschah es, daß die Prinzessin eine schlanke Hinde verfolgte und ganz abkam von ihrem Vater und sämtlichem Jagdgefolge, und ward ihr bänglich zumute, wie der Jungfrau Lorenz zu Tangermünde. Es kam aber kein stolzer Edelhirsch, die Kaisertochter aus dem Walde zu tragen, doch fand sich ihr ein Helfer. Dem Vater aber war und blieb sie verloren Tage, Wochen, Monden lang, und grämte dieser sich sehr. Vergebens war die Prinzessin durch den ganzen weiten Wald gesucht worden, sie blieb verschwunden. Jahr und Tag verging, der Kaiser suchte noch immer sein verlorenes Kind, einstens bis zum späten Abend, und verirrte sich selbst nach einer Gegend hin, die er noch nie betreten. Da leuchtete ihm von einem Berge aus einer Burg ein tröstliches Licht, er klomm hinan und begehrte Einlaß, und alsbald wurde der Gast vor den Burgherrn, einen Ritter Gebhardt, und dessen junges Ehegemahl geführt. Und siehe, selbiges junges Ehegemahl war des Königs Tochter Jutta, welche der Ritter im Walde vom Verderben erlöst und an sich genommen hatte als einen werten Fund, von dem er sich nimmer zu trennen vermochte. Da ernannte ihn der Kaiser zum Grafen und gab ihm den Namen Leuchtenberg, in alter Sprache Luichtenbergk, weil der Berg ihm zum frohen Wiederfinden geleuchtet.

Nahe der alten Landgrafenburg, die nun auch längst in Trümmern liegt, steht einsam ein alter Baum, der wird der kalte Baum genannt. Unter ihm ruht ein erschlagener Rittersmann, der eine Leuchtenbergerin liebte; ihr Vater aber erschlug ihn, weil er ihm nicht ebenbürtig erschien, und ließ ihn unter diesen Baum einscharren, gegenüber einem Turme der Burg, darin er seine Tochter zur Strafe ihrer Minne einsperrte. Und die Tochter fluchte dem Baume, daß er ewig erkaltet stehen solle, wie ihres Liebsten Herz. Turm und Burg sind gebrochen, wie das Herz der liebenden Jungfrau brach, aber der Baum steht noch. Kühl weht die Luft stetig auf seiner Höhe, wenn es auch drunten noch so heiß, Frostschauer umwehen sein Gezweig, und seine Blätter erbeben fort und fort wie der Espe Laub, und er heißt noch bis heute: der kalte Baum.

866. Wichteln bei Kelheim

Bei Kelheim an der Donau oberhalb Regensburg, wo in grauer Vorzeit die Kelten eine Burg hatten und Römerschanzen unter dem Namen des Heidengraben noch zu finden sind, gab es vorzeiten auch Wichteln, die waren von guter, hülfreicher Art, in Haus und Hof, Acker und Wiese, man hörte nur Gutes von ihnen sagen; sie begabten sogar die von ihnen Begünstigten, außer daß sie jegliche Arbeit für sie taten, mit römischen goldenen und silbernen Pfennigen, waren auch insonderheit den Schiffern hülfreich und förderlich, absonderlich an den gefahrvollen Stellen der langen Wand, wo zu beiden Seiten die Felsen sich schroff und steil in den Stromspiegel senken, daß kein Fußbreit Landes bleibt für eines Menschen Tritt, und starre Felsgebilde auf die Schiffenden herabschaun. Ein Zwergenschloß hat in jener Gegend gestanden, aber niemand vermag es zu finden, und der Schatz, der in dessen Tiefen ruht, bleibt verloren. Endlich sind auch hier die Zwerge von dannen gezogen, vielleicht zur selben Zeit, als Herzog Thassilo das Kloster Arzberg in Kelheims Nähe gründete, welches das erste in ganz Bayern war, das war in der Zeit, als der heilige Kolumban in dieser Gegend den Heunen und Wenden den christlichen Glauben predigte, denn das Gebimmel der Klosterglocken war den Zwergen unausstehlich. Ein Fährmann bei Weltenburg hörte nachts den Ruf: Hol über! – der fand ein Gezwerg und nahm es in seinen Nachen, und der Nachen wurde so schwer, daß er bis zum Rand in die Flut sich senkte. Drüben wimmelten Hunderte aus dem Nachen, und jeder spendete einen Denar, altes Römergeld, als alle gezahlt hatten, hatte der glückliche Schiffer ein römisches Münzkabinett in seiner Mütze, Consulares, Familiares, Imperiales und Städtemünzen, alles bunt durcheinander, aber die Wichteln waren ausgewandert, und niemals ließ sich wieder eins blicken. Sie haben aber hübsche Andenken hinterlassen, sie haben in den Kelheimer Schiefer die schönen allerliebsten Bäumchen und Strauchwerke und die niedlichen Fische und sonstiges mit feinstem Pinsel auf das sauberste gemalt.

867. Wichtlein und wildes Gejaig an der Altmühl

Gleichwie an der Donau bei Kelheim, so hat es auch an der Altmühl, die sich ja eben bei Kelheim schwesterlich in der Donau Umarmung senkt, Wichteln. Dort im Altmühlbereich ist ohnehin ein weiter Tummelplatz von allerlei Spukgeistern. Da ist eine Mühle am Altmühlfluß gelegen, heißt die Bubenroder Mühle, der gegenüber sich der Burgstein hebt, ein hoher Steinfels mit einem Schlaufloch und unterirdischem Gang, daraus kamen allabendlich nach dem Gebetläuten drei Wichtlein in die Mühle und arbeiteten, reinigten, fegten, schütteten auf und mahlten, und am Morgen war alle Arbeit getan. Auch legten sie dem Müller auf einen Stein am Burgstein alle Tage einen blanken Funfzehner oder gar einen Sechsbätzner, die er fand und ruhig einsteckte. Mit dem ersten Schlag der Morgenglocke kehrten die Wichtlein wieder in ihren Felsen zurück. Da wollte es der Müller auch gut machen und meinen, wie viele andere, zum Beispiel die Schleifmüller bei Brotterode, und ließ ihnen neue Kleidchen machen und legte sie auf den Steg, damit sie ihre alte schäbige Tracht ablegen sollten, denn sie sahen immer aus, als würden sie, wenn sie einer an eine Wand würfe, daran kleben bleiben. Da kamen sie, da nahmen sie die neuen Kleidchen, besahen sie her und hin, wandten sie traurig nach oben und nach unten und sprachen dann:

Abgelohnt,

Ausgefront. –

Treuer Sinn,

Fahre hin!

Und schwanden samt den neuen Kleidchen hinweg und kamen nimmermehr wieder. Der Name Bubenrod soll von den Wichtlein herrühren, weil sie nicht größer als kleine Buben gewesen.

Nicht weit vom Burgstein ist ein Fels, heißt der Kloppengipfel, von dem zieht zum öftern das wilde Gejaig, wie in dieser Gegend die wilde Jagd heißt, zum Burgstein mit seinem Lärm und Hallo hinüber und fährt längs der Teufelsmauer dahin.

868. Teufelsmauer und Teufelsstraße

Wenn dort vor dem Harz einige vereinzelt stehende zerklüftete Felswände Teufelsmauern heißen, so ist doch deren räumliche und Längenausdehnung nur gering, hier aber im Altmühlgebiet sind Teufelsmauer und Teufelsstraße von erstaunenswerther Ausdehnung und Länge. Sie beginnen schon bei Pföring an der Donau, ohnweit Regensburg, durchstreichen das ganze Eichstädtische Gebiet und die Ansbachischen Aemter, aufwärts der Altmühl, ziehn über Berg und Thal, überspringen Bäche und Flüsse, und enden erst bei der alten Reichsstadt Wimpfen im Neckarthale; ihre ganze Länge wird auf dreißig Meilen angeschlagen, und es ist wohl außer Zweifel, daß die Teufelsmauer ein altes Römerbauwerk ist, dieß zeigen die zahlreichen Fundstücke an Gewaffen und Münzen. Sie war ohnstreitig das, was die Deutschen eine Landwehre nannten, deren als tiefe Gräben noch viele in andern Ländergebieten vorkommen, die Römer ein Vallum, einen Wall, eine Schutzwehr, und wohl theilweise auch Heerstraße. Der Mauergrund geht 5 – 6 Fuß tief in die Erde; heutzutage sind ihre Spuren nur noch wenig sichtbar; zwischen Ellingen und Pleinfeld erblickt man linker Hand an der Nürnberger Straße noch ein sechs Schuh hohes und eben so breites Stück über der Erde. In Gunzenhausen durchstreicht die Teufelsmauer die Vorstadt, dort sind noch Spuren eines Römercastrums. Eine Strecke weit heißt dieses Werk auch die Pfahlhecke, vielleicht vom Worte Vallum gebildet, vielleicht auch nicht. Zwei Nachbardörfer, eines dicht an der Pfahlhecke, führen die Namen Pfahlsdorf und Pfahlspoint. Eine Stunde von Uffenheim liegt auch ein Dorf Pfahlheim mit einem wunderthätigen St. Ottiliabild. Die Sage nennt diesen alten Mauerbau ein Werk des Teufels. Ein Bauer zu Gundelsheim, dessen Schlafkammer gerade über der Teufelsmauer stand, hat erzählt, daß er und seine Frau in tiefer Nacht vom Peitschenknall erweckt worden: ein Reiter hoch zu Roß sprengte am Ehebett vorüber, schreckliches Getöse hinter ihm drein, über hundert Pferde, zahllose rollende Wägen, viel Volks und ein Stimmengewirr wie beim babylonischen Thurmbau, alles wild vorüber, – das wilde Gejaig, und mit Blitzesschnelle, daß den Leuten noch die Haare zu Berge standen, wenn sie nur daran dachten. Solch eine Schlafkammer wird sich keiner wünschen. Und dergleichen wissen die Umwohner der Teufelsmauer gar viel zu erzählen. In manchen Dörfern haben sie sich die alte Teufelsmär örtlich zurechtgelegt und zugeschnitzt; wie die Steine der Teufelsstraße bei Ried, in der Nähe von Dollenstein und Kunstein. Dort lebte eine Bäuerin als Teufelsbuhle und Bündnerin, wurde ihm aber treulos in der Sterbestunde, und obschon der Teufel ihrer Seele gewiß zu sein glaubte, so ging es doch, wie bei Pape Döne (Sage Nr. 211), der Pfaffe überwand den Teufel und betete die Seele der alten Hexe in den Himmel hinein; damit noch nicht zufrieden, zwang er sogar den Teufel, vor ihm her bis Ried eine Straße zu pflastern, weil der Weg schwierig war wie dort die Straße zu Bommel, die Doctor Faust von seinem Teufel Jost pflastern, aber auch hinter sich wieder aufreißen ließ (Sage Nr. 141). Hier aber ließ der Pfaffe die Straße nicht wieder aufreißen, und der Teufel hatte die ganze Geschichte so satt, daß er vor Aerger von dannen fuhr, und die von ihm gebaute Straße in des Teufels Namen stehen ließ. Das nämliche wird auch erzählt von einem Stück Teufelsweg bei Ostendorf, da mußte der Teufel gar vor einem Reiter her in aller Hurtigkeit pflastern. Da hat er rechtschaffen geschwitzt. Als er`s satt hatte, reckte er einen Stein, darüber stürzte das Pferd, und der Reiter brach den Hals. So machte er es auch bei der Pfahlhecke; er hatte, wie dort am Harz (Sage Nr. 402), auch mit dem lieben Herrgott Theilung beschlossen, und wollte vor dem Hahnenkrähen ein Stück Land mit einer Mauer abgrenzen, hatte sich auch ein gätlich (großes, sk) Stück deutschen Landes abgesteckt, man weiß nur nicht recht, ob er das nördliche oder das südliche Stück für sich haben wollte, wahrscheinlich aber das südliche, weil er da den Pfaffensack München mit in den Kauf bekommen, – allein der Hahn krähete zu früh, und der Teufel zertrümmerte vor Aerger gleich selbst die ganze Mauer. Es geht auch die Sage, daß dieser Teufelsweg um die ganze Welt reiche und die Straße sei, die der ewige Jude laufen müsse, und alle sieben Jahre komme er wieder auf die nämliche Stelle.

869. Wilden Heeres Spuk

Einst ritt ein vornehmer Reiter zur Nachtzeit zwischen Ober-Hochstadt und Burgsalach längs der Teufelsmauer seine Straße hin, da begann sein Pferd zu schnauben und zu schlagen und närrische Kapriolen zu machen, denn es sahe etwas, was der Reiter nicht sah, weil Tiere, vornehmlich Pferde, Esel und Hunde, Geister und Gespenster sehen, als welches schon die Eselin Bileams bewahrheitete. Es mochte wohl die Höllenpferde wittern und erblicken, auf denen das wilde Gejaig dahinfuhr.

Im dicken Walde Harleslohe in der Gegend von Theilenhofen und Rittern ist aller Spuk und Greuel des wilden Heeres bald nah, bald fern zur Nachtzeit vernommen worden, ja einem Bauer begegnete das Heer am hellen Tage in Gestalt von Schatten, die von fern auf ihn zukamen, Jäger mit Saufedern, zu Roß, Treibknechte, Hundejungen mit ganzen Koppeln von Hunden, aber alles in tiefer Stille, so sei es an ihm vorüber zu Walde gezogen. Es herrscht auch dort der Glaube, wie in Thüringen, daß Frau Holle die Zugführerin des Heeres sei, dieselbe, die den Mägden, die zur Weihnachtzeit ihren Rocken nicht abgesponnen haben, den Flachs verwirrt und einen stinkenden Possen hineintut.

Zu Heidenheim saß der Zolleinnehmer, guckte nachts zum Fenster heraus und sah das wilde Heer von Sammenheim hergebraust kommen; er hatte viel Herz im Leibe und schrie, als es nahe war: Alles z'samm nei in Moarkt! Alles z'samm nur nei! – Ratsch! hatte er einen Schlag auf den Kopf, und als er diesen rasch zurückziehen wollte, pump, da krachte der obere Fensterrahmen, und der Kopf tat weh und ging nicht hinein, dieweil ihm der wilde Jäger ein Hirschgeweih aufgesetzt hatte. Ähnlich ging es auch einem Turmwächter zu Eichstätt, im Ostentor, wo gewöhnlich das Heer durchzieht – das Loch ist noch zu sehen –, der war auch fürwitzig und schaute nach dem Geisterspuk, und da schwoll ihm der Kopf so dick, daß er nicht wieder zurückgezogen werden konnte, und wurde sein Maul zwei Spannen breit, und als es Tag wurde, guckte er noch, und die Gassenjungen deuteten hinauf und schrieen: Hei! der Passauer Tölpel! der Passauer Tölpel!

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