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Till Eulenspiegel
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Wie Eulenspiegel in Bamberg um Geld aß

ALS EULENSPIEGEL von Nümberg kam, verdiente er mit List einmal Geld in Bamberg. Er war sehr hungrig und kam in einer Wirtin Haus, die hieß Frau Küngine. Sie war eine fröhliche Wirtin und hieß ihn willkommen, denn sie sah an seinen Kleidern, daß er ein seltsamer Gast war.

Als man morgens essen wollte, fragte ihn die Wirtin, wie er es halten möchte: ob er ein vollständiges Frühstück einnehmen oder nur einzelne Kleinigkeiten essen wolle. Eulenspiegel antwortete, er sei ein armer Gesell und bitte sie, ihm etwas um Gottes Lohn zu essen zu geben. Die Wirtin sprach: "Freund, an den Fleisch- und Brotbänken gibt man mir nichts umsonst, ich muß Geld dafür zahlen. Darum muß ich für das Essen auch Geld bekommen." Eulenspiegel sagte: "Ach, Frau, es dient auch mir wohl, um Geld zu essen. Um was oder um wieviel soll ich hier essen und trinken?" Die Frau sprach: "An der Herren Tisch um 24 Pfennige, an dem Tisch daneben um 18 Pfennige und mit meinem Gesinde um 12 Pfennige." Darauf antwortete Eulenspiegel: "Frau, das meiste Geld dient mir am allerbesten." Und er setzte sich an die Herrentafel und aß sich sogleich satt.

Als er fertig war und gut gegessen und getrunken hatte, sagte er zur Wirtin, sie möge ihn abfertigen; er müsse wandern, denn er habe nicht viel Reisegeld. Die Frau sprach: "Lieber Gast, gebt mir das Essensgeld, 24 Pfennige, und geht, wohin Ihr wollt, Gott geleite Euch!"

"Nein", sagte Eulenspiegel. "Ihr sollt mir 24 Pfennige geben, wie Ihr gesagt habt. Denn Ihr spracht, an der Tafel esse man das Mahl um 24 Pfennige. Das habe ich so verstanden, daß ich damit Geld verdienen sollte, und es wurde mir schwer genug. Ich aß, daß mir der Schweiß ausbrach und als ob es Leib und Leben gegolten hätte. Mehr hätte ich nicht essen können. Darum gebt mir meinen sauer verdienten Lohn."

"Freund", sprach die Wirtin, "das ist wahr: Ihr habet wohl für drei Mann gegessen. Aber daß ich Euch dafür auch noch lohnen soll, das reimt sich nicht zusammen. Doch ist es mir nicht um diese Mahlzeit zu tun, Ihr mögt damit hinweggehen. Ich gebe Euch aber nicht noch Geld dazu, denn das wäre verloren; doch begehre ich auch kein Geld von Euch. Kommt mir aber nicht wieder her! Denn sollte ich meine Gäste das Jahr über also speisen und nicht mehr Geld einnehmen als von Euch, so müßte ich auf solche Weise von Haus und Hof lassen."

Da schied Eulenspiegel von dannen und erntete nicht viel Dank.

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Wie Eulenspiegel nach Rom zog und den Papst sah, der ihn für einen Ketzer hielt

MIT DURCHTRIEBENER Schalkheit war Eulenspiegel reich ausgestattet. Als er nun alle listigen Schelmenstreiche versucht hatte, dachte er an das alte Sprichwort: Geh nach Rom, frommer Mann, komme wieder nequam.

Also zog er nach Rom. Dort betrieb er seine Schalkheit auch und nahm Herberge bei einer Witwe. Die sah, daß Eulenspiegel ein schöner Mann war, und fragte ihn, woher er komme. Eulenspiegel sagte, er sei aus dem Lande Sachsen und ein Osterling. Nach Rom sei er gekommen, um mit dem Papst zu sprechen. Da sagte die Frau: "Freund, den Papst mögt Ihr wohl sehen können, aber ob Ihr mit ihm reden könnt, daß weiß ich nicht. Ich bin hier geboren und erzogen und stamme von den obersten Geschlechtern, aber ich habe noch nie mit ihm sprechen können. Wie wolltet Ihr denn das so bald zuwege bringen? Ich gäbe wohl hundert Dukaten darum, daß ich mit ihm reden könnte." Eulenspiegel antwortete: "Liebe Wirtin, wenn ich die Gelegenheit finde, Euch vor den Papst zu bringen, so daß Ihr mit ihm reden könnt, wollt Ihr mir dann die hundert Dukaten geben?" Die Frau war eilfertig und gelobte ihm die hundert Dukaten bei ihrer Ehre, wenn er das zuwege bringe. Aber sie meinte, es sei ihm unmöglich, solches zu tun, denn sie wußte wohl, daß es viel Mühe und Arbeit kosten würde. Eulenspiegel sprach: "Liebe Wirtin, wenn es nun also geschieht, so begehre ich die hundert Dukaten." Sie sagte: "ja", aber sie dachte: Du bist noch nicht vor dem Papst.

Eulenspiegel wartete, denn alle vier Wochen einmal mußte der Papst eine Messe lesen in der Kapelle, die da heißt Jerusalem zu Sankt Johannis Lateranen. Als nun der Papst die Messe las, drängte sich Eulenspiegel in die Kapelle und so nahe wie möglich an den Papst heran. Als dieser die Stillmesse hielt, kehrte Eulenspiegel dem Sakrament den Rücken. Das sahen die Kardinäle. Und als der Papst den Segen über den Kelch sprach, da kehrte sich Eulenspiegel abermals um.

Als nun die Messe zu Ende war, sagten die Kardinäle zum Papst, daß eine Person, nämlich ein schöner Mann, bei der Messe gewesen sei, die während der Stillmesse seinen Rücken gegen den Altar gekehrt habe. Der Papst sprach: "Es ist notwendig, daß man das untersucht, denn es geht die heilige Kirche an. Wenn man den Unglauben nicht straft, ist das Unrecht gegen Gott. Und hat der Mensch solches getan, so ist zu befürchten, daß er im Unglauben lebt und kein guter Christ ist." Und er ordnete an, man solle den Menschen vor ihn bringen.

Die Boten kamen zu Eulenspiegel und sprachen, er müsse vor den Papst kommen. Eulenspiegel ging sogleich mit ihnen vor den Papst. Da fragte der Papst, was er für ein Mann sei. Eulenspiegel antwortete, er sei ein guter Christenmensch. Der Papst fragte weiter, was er für einen Glauben habe. Eulenspiegel sagte, er habe denselben Glauben, den seine Wirtin habe, und nannte sie beim Namen, der wohlbekannt war. Da bestimmte der Papst, daß auch die Frau vor ihn kommen solle.

Der Papst fragte die Frau, was sie für einen Glauben habe. Die Frau antwortete, sie glaube den Christenglauben und was ihr die heilige christliche Kirche gebiete und verbiete. Sie habe keinen anderen Glauben. Eulenspiegel stand dabei und begann, den Mund listig zum Lachen zu verziehen. Er sprach: "Allergnädigster Vater, du Knecht aller Knechte, denselben Glauben habe ich auch, ich bin ein guter Christenmensch." Der Papst sagte: "Warum kehrst du dann dem Altar den Rücken während der Stillmesse?" Eulenspiegel sprach: "Allerheiligster Vater, ich bin ein armer, großer Sünder und zeihe mich solcher Sünden, daß ich des Altars nicht würdig bin, bis ich meine Sünden gebeichtet habe." Damit war der Papst zufrieden, verließ Eulenspiegel und ging in seinen Palast.

Eulenspiegel ging in seine Herberge und mahnte seine Wirtin um die hundert Dukaten; die mußte sie ihm geben. Und Eulenspiegel blieb Eulenspiegel nach wie vor und wurde durch die Romfahrt nicht viel gebessert.

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Wie Eulenspiegel die Juden in Frankfurt am Main um tausend Gulden betrog, indem er ihnen seinen Dreck als Prophetenbeere verkaufte

NIEMAND soll betrübt sein, wenn den listigen Juden ein Auge zugehalten wird. Als Eulenspiegel von Rom kam, reiste er nach Frankfurt am Main. Dort war gerade Messezeit. Eulenspiegel ging hin und her und sah, welches Kaufmannsgut jeder feilbot. Da gewahrte er einen jungen, starken Mann, der trug gute Kleider und hatte einen kleinen Krämerstand mit Bisam aus Alexandria, den er über die Maßen teuer anbot. Da dachte Eulenspiegel: Ich bin auch ein fauler, starker Kerl, der nicht gerne arbeitet; könnte ich mich auch so leicht ernähren wie dieser, so gefiele mir das wohl.

Des Nachts lag er schlaflos und dachte über seinen Nahrungserwerb nach. Da biß ihn ein Floh in den Hintern. Nach dem grappelte er eilig und fand etliche Knötlein im Hintern. Da dachte er: das müssen die kleinen Dinger sein, die man "Lexulvander" nennt, von denen der Bisam herkommt. Als er des Morgens aufgestanden war, kaufte er grauen und roten Zende1 und band die Knötlein darein. Er besorgte sich eine Bank, wie sie die Krämer zu haben pflegen, kaufte sich andere Spezereien hinzu und stellte sich mit seinem Kram vor dem Römer auf. Da kamen viele Leute zu ihm, besahen seine seltsamen Waren und fragten ihn, was er Sonderbares feilböte. Denn es war eine merkwürdige Kaufmannsware: sie war in einem Bündel gebunden, wie Bisam, und roch gar sonderbar. Aber Eulenspiegel gab niemandem rechten Bescheid über sein Kaufmannsgut, bis drei reiche Juden zu ihm kamen und nach seiner Ware fragten. Denen gab er zur Antwort, es seien echte Prophetenbeeren. Wer eine davon in den Mund nähme und danach in die Nase stecke, der könne von Stund an wahrsagen. Da gingen die Juden beiseite und beratschlagten eine Weile unter sich. Zuletzt sprach der alte Jude: "Damit könnten wir wohl weissagen, wann unser Messias kommt, was uns Juden ein nicht kleiner Trost wäre." Und sie beschlossen, daß sie die Ware kaufen wollten, wieviel sie auch dafür geben müßten.

Also gingen sie wieder zu Eulenspiegel und sprachen: "Kaufherr, was soll, mit einem Wort gesagt, eine Prophetenbeere kosten?" Eulenspiegel bedachte sich kurz: Fürwahr, wenn ich Ware habe, beschert mir unser Herrgott auch Käufer; den Juden dient diese Kost wohl. Und er sagte: "Ich gebe eine für tausend Gulden. Wenn ihr die nicht geben wollt, ihr Hunde, so geht nur hinweg und laßt mir den Dreck stehn." Um Eulenspiegel nicht zu erzürnen und seine Ware zu bekommen, zahlten sie ihm sogleich das Geld und nahmen eine der Beeren. Eilends gingen sie damit nach Hause und ließen alle Juden, alt und jung, zusammenrufen.

Als sie beisammen waren, stand der älteste Rabbi auf, genannt Alpha, und erzählte, wie sie durch den Willen Gottes eine Prophetenbeere bekommen hätten. Die sollte einer von ihnen in den Mund nehmen und dann die Ankunft des Messias verkündigen, damit ihnen Heil und Trost davon komme. Sie alle sollten sich darauf vorbereiten mit Fasten und Beten. Und nach drei Tagen sollte Isaak die Beere mit großer Feierlichkeit einnehmen.

Das geschah also. Als er sie im Munde hatte, fragte ihn Moses: "Lieber Isaak, wie schmeckt es denn?"

"Gottes Diener, wir sind von dem Goj betrogen, es ist nichts anderes als Menschendreck." Da rochen sie alle so lange an der Prophetenbeere, bis sie das Holz erkannten, auf dem die Beere gewachsen war.

Aber Eulenspiegel war hinweg und schlemmte tüchtig, so lange das Geld der Juden reichte.

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Wie Eulenspiegel zu Quedlinburg Hühner kaufte und der Bäuerin für das Geld ihren eigenen Hahn zum Pfande ließ

FRÜHER waren die Leute nicht so gewitzt wie jetzt, besonders nicht die Landleute. Einmal kam Eulenspiegel nach Quedlinburg, da war gerade Wochenmarkt, und Eulenspiegel hatte nicht viel Zehrgeld. Denn wie er sein Geld gewann, so zerrann es wieder. Und er dachte nach, wie er wieder zu Geld kommen könnte.

Nun saß eine Bäuerin auf dem Markte und hielt einen Korb voll guter Hühner samt einem Hahn feil. Eulenspiegel fragte, was ein Paar Hühner kosten solle. Sie antwortete ihm: "Das Paar zwei Stephansgroschen." Eulenspiegel sprach: "Wollt Ihr sie nicht billiger geben?" Die Frau sagte: "Nein." Da nahm Eulenspiegel den Korb mit den Hühnern und ging auf das Burgtor zu. Die Frau lief ihm nach und sprach: "Käufer, wie soll ich das verstehen? Willst du mir die Hühner nicht bezahlen?" Eulenspiegel sagte: "Ja, gern, ich bin der Äbtissin Schreiber."

"Danach frage ich nicht", sprach die Bäuerin, "willst du die Hühner haben, so bezahle sie. Ich will mit deinem Abt oder deiner Äbtissin nichts zu tun haben. Mein Vater hat mich gelehrt: ich soll von denen nichts kaufen noch ihnen etwas verkaufen oder borgen, vor denen man sich neigen oder die Kappe ziehen muß. Darum bezahl mir die Hühner, hörst du wohl?" Eulenspiegel sagte: "Frau, Ihr seid kleingläubig! Es wäre nicht gut, wenn alle Kaufleute so wären! Sonst müßten alle guten Kameraden schlecht bekleidet einhergehen. Aber damit Ihr des Eurigen gewiß seid, so nehmt hier den Hahn zum Pfand, bis ich Euch den Korb und das Geld bringe."

Die gute Frau meinte, sie sei wohl versorgt, und nahm ihren eigenen Hahn zum Pfand. Aber sie wurde betrogen. Denn Eulenspiegel blieb mit den Hühnern und mit dem Geld aus. Da ging es ihr wie denen, die bisweilen ihre Sachen aufs allergenaueste besorgen wollen: die betrügen sich manchmal zuallererst selbst.

So schied Eulenspiegel von dannen und ließ die Bäuerin sich sehr erzürnen über den Hahn, der sie um die Hühner gebracht hatte.

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