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Till Eulenspiegel
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Wie der Pfarrer von Hoheneggelsen Eulenspiegel eine Wurst wegfraß, die ihm danach nicht gut bekam

ALS EULENSPIEGEL in Hildesheim war, kaufte er eine gute rote Wurst am Fleischstand und ging weiter nach Hoheneggelsen. Dort war er mit dem Pfarrer gut bekannt. Und es war an einem Sonntagmorgen, als er dort ankam. Der Pfarrer hielt die Frühmesse, damit er zeitig essen konnte. Eulenspiegel ging in die Pfarre und bat die Köchin, ihm die rote Wurst zu braten. Die Köchin sagte ja. Dann ging Eulenspiegel in die Kirche. Die Frühmesse war gerade aus, und ein anderer Priester begann mit dem Hochamt, das Eulenspiegel zu Ende hörte.

Inzwischen war der Pfarrer nach Hause gegangen und sagte zu der Magd: "Ist hier noch nichts gar gekocht, daß ich einen Bissen essen könnte?" Die Köchin sprach: "Hier ist nichts gekocht als eine rote Wurst, die Eulenspiegel gebracht hat; die ist gar. Er wollte sie essen, wenn er aus der Kirche käme." Der Pfarrer sagte: "Lang mir die Wurst her, ich will einen Bissen davon essen." Die Magd reichte ihm die Wurst. Dem Pfarrer schmeckte die Wurst so gut, daß er sie ganz auffraß und zu sich selber sprach: "Segne mir es Gott, es hat mir wohl geschmeckt, die Wurst ist gut gewesen." Und er sagte zu der Magd: "Gib Eulenspiegel Speck und Kohl zu essen, wie er es gewöhnt ist! Das bekommt ihm viel besser."

Und als das Hochamt zu Ende war, ging Eulenspiegel wieder in den Pfarrhof und wollte von seiner Wurst essen. Da hieß ihn der Pfarrer willkommen, dankte ihm für die Wurst und sagte, wie sie ihm so gut geschmeckt habe, und setzte ihm Speck und Kohl vor. Eulenspiegel schwieg still, aß, was da gekocht war, und ging am Montag wieder hinweg. Der Pfarrer rief Eulenspiegel nach: "Höre, wenn du wieder hierher kommst, so bring zwei Würste mit, eine für mich und eine für dich. Was du dafür zahlst, das will ich dir wiedergeben. Und dann wollen wir redlich schlemmen, daß uns die Mäuler vor Fett triefen." Eulenspiegel sprach: "Ja, Herr Pfarrer, es soll geschehen nach Euern Worten. Ich will Eurer wohl gedenken mit den Würsten."

Dann ging er wieder nach der Stadt Hildesheim. Und es geschah gerade wie nach seinem Willen, daß der Abdecker eine tote Sau zur Abfallgrube fuhr. Da bat Eulenspiegel den Abdecker, er möge Geld nehmen und ihm von der Sau zwei rote Würste machen; und er zahlte ihm dafür etliche Silberpfennige. Der Abdecker tat das und machte ihm zwei schöne, rote Würste. Die nahm Eulenspiegel und sott sie halb gar, wie man mit Würsten zu tun pflegt.

Am nächsten Sonntag ging er wieder nach Hoheneggelsen, und es traf sich, daß der Pfarrer abermals die Frühmesse hielt. Da ging Eulenspiegel auf den Pfarrhof, brachte der Köchin die zwei Würste und bat sie, die Würste für den Imbiß zu braten. Der Pfarrer solle die eine haben und er die andere. Dann ging er in die Kirche. Also setzte die Magd die Würste auf das Feuer und briet sie. Als die Messe zu Ende war, wurde der Pfarrer Eulenspiegels gewahr, ging sogleich aus der Kirche in den Pfarrhof und sprach: "Eulenspiegel ist hier. Hat er auch die Würste mitgebracht?" Die Köchin sagte: "Ach ja, zwei so schöne Würste, wie ich sie kaum gesehen habe. Und gleich sind alle beide fertig gebraten." Sie ging und nahm die eine von der Glut, und es gelüstete sie auch nach der Wurst, so gut wie dem Pfarrer. Und sie setzten sich beide zusammen nieder. Während sie so begierig die Wurst aßen, begannen ihnen die Mäuler vor Fett zu schäumen. Ein anderer Mann sah und hörte, daß der Pfarrer zu der Köchin sprach: "Ach, meine liebe, traute Magd, sieh, wie schäumt dir der Mund!" Und die Magd sprach wieder zu dem Pfarrer: "Ach, lieber Herr, sogleich ist Euer Mund auch so!"

Darüber kam Eulenspiegel von der Kirche hereingegangen. Da sprach ihn der Pfarrer an: "Sieh, was du für Würste gebracht hast! Schau, wie mir und meiner Haushälterin die Münder triefen!" Eulenspiegel lachte und sprach: "Gott segne es Euch, Herr Pfarrer! Euch geschieht nach Euerm Begehren, da Ihr mir nachrieft, ich solle zwei Würste mitbringen. Davon wolltet Ihr essen, daß Euch der Mund schäume. Aber des Schäumens achte ich nicht, wenn nur nicht das Speien hinterher kommt. Ich bin sicher, es wird bald hinterher kommen. Denn wovon die zwei Würste gemacht sind, das war eine verendete Sau, die schon vier Tage tot war. Darum mußte ich das Fleisch sauber seifen, und davon kommt Euch der Schaum."

Die Köchin fing an zu zürnen und spie über den Tisch, desgleichen auch der Pfarrer. Der rief: "Geh schnell aus meinem Haus, du Schalk und Bube!" und ergriff einen Knüttel und wollte ihn damit werfen und schlagen. Eulenspiegel sprach: "Das stehet einem frommen Mann nicht wohl an! Ihr hießet mich doch die Würste bringen, habt sie beide gegessen und wollt mich jetzt mit Knütteln schlagen und werfen. Bezahlt mir doch zuerst die beiden Würste, ich schweige von der dritten!"

Der Pfarrer wurde zornig und tobte sehr. Er sprach, Eulenspiegel solle künftig seine faulen Würste, die er aus der Abfallgrube geholt habe, selber essen und sie ihm nicht in sein Haus bringen. Eulenspiegel sagte: "Ich habe sie Euch doch ohne Euren Willen nicht in den Leib gesteckt. Freilich hätte ich diese Würste nicht essen mögen. Aber die erste Wurst hätte ich wohl gemocht. Die habt Ihr mir ohne meine Erlaubnis aufgegessen. Habt Ihr nun die gute erste Wurst gefressen, so eßt auch die schlechten Würste hinterher!" Und er sprach: "Ade, gute Nacht!"

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Wie Eulenspiegel dem Pfarrer zu Kissenbrück sein Pferd mit einer falschen Beichte abschwatzte

EINE BÖSE Schalkheit ließ sich Eulenspiegel nicht entgehen in dem Dorfe Kissenbrück im Asseburger Gerichtsbezirk. Da wohnte ein Pfarrer, der eine gar schöne Haushälterin hatte und dazu ein kleines, hübsches, munteres Pferd. Die hatte der Pfarrer alle beide sehr gern, das Pferd und auch die Magd. Nun war der Herzog von Braunschweig zu dieser Zeit in Kissenbrück gewesen und hatte den Pfarrer durch andere Leute mehrfach gebeten, ihm das Pferd zu überlassen, er wolle ihm dafür mehr geben, als es wert sei. Der Pfarrer schlug es aber dem Fürsten allezeit ab. Er wollte das Pferd nicht verlieren, weil er es so gern hatte. Der Fürst wagte auch nicht, ihm das Pferd wegnehmen zu lassen, denn das Gericht unterstand dem Rat von Braunschweig.

Eulenspiegel hatte diese Dinge gehört und wohl verstanden und sprach zu dem Fürsten: "Gnädiger Herr, was wollt Ihr mir schenken, wenn ich Euch das Pferd des Pfaffen zu Kissenbrück herbeischaffe?"

"Wenn du das tust", sprach der Herzog, "will ich dir den Rock geben, den ich jetzt anhabe." Und das war ein roter, mit Perlen bestickter Schamlot.

Eulenspiegel nahm das an und ritt von Wolfenbüttel in das Dorf zur Herberge beim Pfarrer. Er war in des Pfarrers Haus wohlbekannt, denn er war oft vorher bei ihm gewesen und ihm willkommen. Als er nun etwa drei Tage dort gewesen war, da gebärdete er sich, als ob er ganz krank sei, ächzte laut und legte sich nieder. Dem Pfaffen und seiner Haushälterin tat es leid, und sie wußten keinen Rat, was sie tun sollten. Zuletzt wurde Eulenspiegel so krank, daß ihn der Pfaffe anredete und ihn bat, er möge beichten und das Abendmahl nehmen. Eulenspiegel war durchaus dazu geneigt. Der Pfarrer wollte ihm selbst die Beichte abnehmen und ihn aufs schärfste befragen. Er sprach, Eulenspiegel möge an seine Seele denken, denn er habe sein Leben lang viel Abenteuer getrieben. Er sorge sich, ob ihm Gott der Alhnächtige seine Sünden vergeben werde. Eulenspiegel sprach ganz kränklich zu dem Pfarrer: er wisse nichts, das er getan habe, außer einer Sünde; die aber dürfe er ihm nicht beichten. Er möge ihm einen anderen Pfaffen holen, dem wolle er sie beichten. Denn wenn er sie ihm offenbare, so besorge er, daß er ihm darum zürnen würde.

Als der Pfarrer das hörte, meinte er, dahinter sei etwas verborgen, und das wollte er wissen. Er sprach: "Lieber Eulenspiegel, der Weg ist weit, ich kann den anderen Pfaffen nicht so schnell erreichen. Wenn du aber inzwischen stirbst, so hätten du und ich vor Gott dem Herrn die Schuld, wenn es deshalb mit dir versäumt würde. Sage es mir! Die Sünde wird so schwer nicht sein, ich will dich davon lossprechen. Was hülfe es auch, wenn ich böse würde? Ich darf doch die Beichte nicht offenbaren." Da sagte Eulenspiegel: "So will ich das wohl beichten." Die Sünde sei auch nicht so schwer. Sondern ihm sei es nur leid, daß der Pfarrer zornig werden würde, denn es beträfe ihn. Da verlangte es den Pfarrer noch mehr, es zu wissen. Und er sprach: wenn er ihm etwas gestohlen, sonst etwas angetan, ihn geschädigt habe oder was es auch sei, Eulenspiegel möge es ihm beichten. Er wolle es ihm vergeben und ihn nimmer darum hassen.

Eulenspiegel sprach: "Ach, lieber Herr, ich weiß, Ihr werdet mir darum zürnen. Doch ich fühle und fürchte, daß ich bald von hinnen scheiden muß. Ich will es Euch sagen. Gott weiß, ob Ihr zornig oder böse werdet. Lieber Herr, das ist es: ich habe bei Eurer Magd geschlafen." Der Pfaffe fragte, wie oft das geschehen sei. Eulenspiegel antwortete: "Nur fünfmal." Der Pfaffe dachte: dafür soll sie fünf Hiebe bekommen.

Er absolviertes Eulenspiegel sogleich, ging in die Kammer und ließ seine Magd zu sich kommen. Er fragte sie, ob sie bei Eulenspiegel geschlafen habe. Die Köchin sprach nein, das sei gelogen. Der Pfaffe sagte, Eulenspiegel habe es ihm doch gebeichtet, und er glaube es ihm auch. Die Haushälterin sprach: "Nein", der Pfaffe sprach: "Ja" und erwischte einen Stecken und schlug sie braun und blau. Eulenspiegel lag im Bett, lachte und dachte bei sich selbst: Nun will das Spiel gut werden und ein rechtes Ende nehmen. Und er lag den ganzen Tag so.

In der Nacht aber wurde er gesund, stand des Morgens auf und sprach, es gehe ihm besser, er müsse in ein anderes Land. Der Pfarrer möge berechnen, was er während der Krankheit verzehrt habe. Der Pfaffe rechnete mit ihm ab, war aber so irr in seinem Sinn, daß er nicht wußte, was er tat. Er berechnete Geld und nahm doch kein Geld und war mit allem zufrieden, wenn Eulenspiegel nur von dannen ritte. Ebenso ging es der Köchin, die um seinetwillen geschlagen worden war.

Als Eulenspiegel bereit war und gehen wollte, sprach er zu dem Pfaffen: "Herr, seid daran erinnert, daß Ihr die Beichte offenbart habt! Ich will nach Halberstadt zum Bischof gehn und ihm das von Euch berichten." Der Pfaffe vergaß seinen Zorn, als er hörte, daß Eulenspiegel ihn in Schwierigkeiten bringen wollte. Er fiel ihm zu Füßen und bat ihn mit großem Ernst zu schweigen. Es sei im Jähzorn geschehen. Er wolle ihm zwanzig Gulden geben, damit er ihn nicht anzeige. Eulenspiegel sprach: "Nein, ich wollte nicht einmal hundert Gulden nehmen, um das zu verschweigen. Ich will gehen und es vorbringen, wie es sich gebührt." Der Pfaffe bat die Magd mit tränenden Augen, sie solle Eulenspiegel fragen, was er von ihm haben möchte; das wolle er ihm geben. Schließlich sagte Eulenspiegel, wenn der Pfaffe ihm sein Pferd geben wolle, so wolle er schweigen, und es solle ungemeldet bleiben. Er wolle aber nichts anderes nehmen als das Pferd. Der Pfaffe hatte das Pferd sehr gern und hätte Eulenspiegel lieber seine ganze Barschaft gegeben, als von dem Pferde zu lassen. Und doch trennte er sich von ihm, wenn auch gegen seinen Willen, denn die Not brachte ihn dazu.

Er gab Eulenspiegel das Pferd und ließ ihn damit fortreiten. Also ritt Eulenspiegel mit des Pfaffen Pferd nach Wolfenbüttel. Als er auf den Stadtwall kam, stand der Herzog auf der Zugbrücke und sah Eulenspiegel mit dem Pferd dahertraben. Sogleich zog der Fürst den Rock aus, den er Eulenspiegel versprochen hatte, ging zu ihm und sprach: "Schau her, mein lieber Eulenspiegel, hier ist der Rock, den ich dir versprochen habe!" Da sprang Eulenspiegel vom Pferd und sagte: "Gnädiger Herr, hier ist Euer Pferd." Er hatte sich den großen Dank des Herzogs verdient und mußte ihm erzählen, wie er das Pferd von dem Pfaffen an sich gebracht hatte. Darüber lachte der Fürst und war fröhlich und gab Eulenspiegel ein anderes Pferd zu dem Rock.

Der Pfarrer aber trauerte um das Pferd und schlug die Köchin noch oft und heftig darum, so daß sie ihm entlief. Da war er ihrer beide ledig, des Pferdes und der Magd.

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Wie Eulenspiegel in dem Dorfe Peine einem kranken Kinde zum Scheißen verhalf und großen Dank verdiente

RECHT bewährte Arznei scheut man zuweilen wegen eines kleinen Geldbetrages, und man muß den herumziehenden Händlern oft noch viel mehr geben. So geschah es einmal im Stift Hildesheim. Dahin kam einst auch Eulenspiegel, und zwar in eine Herberge, deren Wirt nicht daheim war. Eulenspiegel war dort gut bekannt. Die Wirtin hatte ein krankes Kind. Eulenspiegel fragte die Wirtin, was dem Kinde fehle und was es für eine Krankheit habe. Da sprach die Wirtin: "Das Kind kann nicht zu Stuhl gehen. Könnte es zu Stuhl gehen, so würde es mit ihm besser werden." Eulenspiegel sagte: "Da gibt es noch guten Rat." Die Frau sprach, wenn er etwas dazu tun könne und dem Kinde hülfe, so wolle sie ihm geben, was er haben wolle. Eulenspiegel sagte, dafür wolle er nichts nehmen, das sei ihm eine leichte Kunst: "Wartet eine kleine Weile, es soll bald geschehen."

Nun hatte die Frau hinten im Hof etwas zu tun und ging dorthin. Derweilen schiß Eulenspiegel einen großen Haufen an die Wand, stellte gleich des Kindes Kackstühlchen darüber und setzte das kranke Kind darauf. Als die Frau wieder aus dem Hof zurückkam, sah sie das Kind auf dem Stühlchen sitzen und sprach "Ach, wer hat das getan? " Eulenspiegel sagte: "Das habe ich getan. Ihr sagtet, das Kind könne nicht zu Stuhl gehn, also habe ich es darauf gesetzt." Da wurde sie gewahr, was unter dem Stuhle lag, und sprach: "Ach, lieber Eulenspiegel, seht her, das hat dem Kind im Leibe gelegen! Habt Dank, daß Ihr dem Kind geholfen habt!" Eulenspiegel sagte: "Von dieser Arznei kann ich viel machen mit Gottes Hilfe."

Die Frau bat ihn freundlich, daß er auch sie diese Kunst lehre, sie wolle ihm dafür geben, was er haben wolle. Da sagte Eulenspiegel, daß er reisefertig sei. Wenn er aber wiederkäme, so wolle er sie die Kunst lehren.

Er sattelte sein Pferd und ritt gen Rosentha1. Doch kehrte er wieder um, ritt wieder auf Peine zu und wollte hindurch reiten nach Celle. Da standen halbnackte Bankerte von der Burg und fragten Eulenspiegel, welchen Weg er daherkäme. Eulenspiegel sprach: "Ich komme von Koldingen. " Denn er sah wohl, daß sie nicht viel anhatten. Sie sagten: "Höre, wenn du von Koldingen kommst, was läßt uns denn der Winter sagen?" Eulenspiegel sprach: "Der will euch nichts sagen lassen, er will euch selber ansprechen." Und er ritt weiter und ließ die halbnackten Buben stehn.

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Wie Eulenspiegel sich bei einem Schmied verdingte und wie er ihm die Bälge in den Hof trug

EULENSPIEGEL kam nach Rostock im Lande Mecklenburg und verdingte sich dort als Schmiedegeselle. Der Schmied hatte eine Redensart: wenn der Geselle kräftig den Blasebalg treten sollte, sprach er: "Haho, folge mit den Bälgen nach!" Nun stand Eulenspiegel auf den Bälgen und blies. Da sprach der Schmied zu Eulenspiegel mit harten Worten: "Haho, folg mit den Bälgen nach!" Und mit diesen Worten ging er hinaus in den Hof und wollte sich seines Wassers entledigen. Also nahm Eulenspiegel den einen Balg auf den Nacken, folgte dem Meister nach in den Hof und sprach: "Meister, hier bring ich den einen Balg, wo soll ich ihn hintun? Ich will gehen und den anderen auch holen." Der Meister sah sich um und sagte: "Lieber Geselle, ich meinte es nicht so. Geh hin und leg den Balg wieder an seine Stelle, wo er vorher lag!" Das tat Eulenspiegel und trug ihn wieder an seinen Ort.

Da überlegte der Meister, wie er ihm das vergelten könnte, und wurde mit sich selber einig: fünf Tage lang wollte er um Mitternacht aufstehen, den Gesellen wecken und ihn arbeiten lassen. So weckte er die Gesellen und ließ sie schmieden. Eulenspiegels Mitgeselle begann zu fragen: "Was meint unser Meister damit, daß er uns so früh weckt? Das pflegte er sonst nicht zu tun." Da sprach Eulenspiegel: "Willst du, so will ich ihn fragen." Der Geselle sagte ja. Nun sprach Eulenspiegel: "Lieber Meister, wie geht es zu, daß Ihr uns so früh weckt? Es ist erst Mitternacht." Der Meister antwortete: "Es ist meine Art, daß zu Anfang meine Gesellen acht Tage auf meinen Betten nicht länger liegen sollen als eine halbe Nacht." Eulenspiegel schwieg still, und sein Kumpan wagte nicht zu sprechen.

In der nächsten Nacht weckte sie der Meister wieder um Mitternacht. Da ging Eulenspiegels Mitgeselle zum Arbeiten. Eulenspiegel aber nahm das Bett und band es sich auf den Rücken. Und als das Eisen heiß war, kam er eilends vom Dachboden zum Amboß gelaufen und schlug mit zu, daß die Funken ins Bett stoben. Der Schmied sprach: "Nun sieh doch, was tust du da? Bist du toll geworden? Mag das Bett nicht liegen bleiben, wo es liegen soll?" Eulenspiegel sagte: "Meister, zürnet nicht, es ist meine Art in der ersten Woche, daß ich eine halbe Nacht auf dem Bette liegen will, und die andere halbe Nacht soll das Bett auf mir liegen." Der Meister wurde zornig und sprach zu ihm, er solle das Bett wieder dahin tragen, wo er es hergenommen habe. Und weiter sprach er zu ihm in jähem Ärger: "Und geh mir da oben aus meinem Haus, du wahnwitziger Schalk!" Eulenspiegel sagte ja, ging auf den Dachboden und legte das Bett wieder dorthin, woher er es genommen hatte. Er holte eine Leiter, stieg in den Dachfirst, brach das Dach oben auf und ging auf die Dachlatten. Dann nahm er die Leiter, zog sie nach sich, setzte sie vom Dach aus auf die Straße, stieg hinab und ging davon.

Der Schmied hörte, daß er polterte, ging ihm mit dem anderen Gesellen auf den Dachboden nach und sah, daß Eulenspiegel das Dach aufgebrochen hatte und dadurch hinausgestiegen war. Da wurde er noch zorniger, suchte den Spieß und lief aus dem Hause ihm nach. Der Geselle hielt den Meister zurück und sprach zu ihm: "Meister, nicht also! Laßt Euch sagen: er hat doch nichts anderes getan, als was Ihr ihn geheißen habt. Denn Ihr spracht zu ihm, er solle Euch da oben aus dem Hause gehn. Das hat er getan, wie Ihr seht." Der Schmied ließ sich belehren. Und was sollte er auch tun? Eulenspiegel war fort, und der Meister mußte das Dach wieder flicken lassen und dessen zufrieden sein. Der Geselle sprach: "An solchen Kumpanen ist nicht viel zu gewinnen. Wer Eulenspiegel nicht kennt, der habe nur mit ihm zu tun, dann lernt er ihn kennen."

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