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Ludwig Bechstein: Märchen
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Vorbehalten Inhalt  

Vom Hänschen und Gretchen, die in die roten Beeren gingen

HÄNSCHEN und Gretchen waren noch kleine Kinder, als sie einmal miteinander hinaus in den Wald gingen, um rote Beeren zu suchen. Jedes hatte ein Töpfchen. Ehe sie den Wald erreichten, kamen sie an einen Teich, darinnen gar schöne Fischchen herumschwammen, die aussahen wie das blanke Silber. Davon fingen sich die Kinder einige und taten sie in ihre Töpfchen; dann pflückten sie im Wald noch gar viele rote Beeren und taten sie hinein zu den Fischen, bis das Töpfchen ganz voll war. Dann fanden sie zwei schöne Messerchen, und die legten sie oben darauf. Aber als sie eine kleine Strecke durch den Wald gegangen waren, sahen sie einen großen Bären entgegen kommen; da fürchteten sie sich sehr und versteckten sich und ließen in der Eile ihre Töpfchen zurück, die der Bär, als er herbeikam, mit samt den Fischen und Beeren auffraß. Und auch die Messerchen verschluckte er. Dann tappte er wieder fort. Die Kinder, als sie sich wieder hervorwagten aus ihrem Versteck und sahen, daß ihre Fische und Beeren und Töpfe und Messer gefressen waren, fingen sehr an zu weinen, gingen nach Hause und sagten es ihrem Vater. Der machte sich schnell auf, nahm ein langes Messer mit, ging hinaus in den Wald, schnitt dem Bären den Leib auf und tat alles wieder heraus: die Beeren, die Fischchen, die Töpfchen und Messerchen und gab es seinem Hänschen und Gretchen wieder. Da waren die Kinder voll Fröhlichkeit, trugen ihre Töpfchen heim und aßen die roten Beeren und aßen ihre Fischchen und spielten mit den schönen Messerchen.

Vom Hühnchen und Hähnchen

ES WAR einmal ein Hühnchen und ein Hähnchen, die gingen miteinander auf den Nußberg und suchten sich Nüßchen. Das Hähnchen sprach zum Hühnchen: "Wenn du ein Nüßchen findest, iß es ja nicht allein, gib mir die Hälfte davon, sonst erwürgst du." Aber das Hühnchen hatte ein Nüßchen gefunden und es allein gegessen, und der Kern war in seinem Hälschen steckengeblieben, daß es im Erwürgen war und ängstlich rief: "Hähnchen, Hähnchen, hol mir geschwind ein wenig Brunnen, ich erwürge sonst!" Da lief das Hähnchen flugs zum Brunnen und sprach: "Brunn, Brunn, gib mir Brunn, daß ich den Brunn meinem Hühnchen geb', es liegt oben auf dem Nußberg und will ersticken." Und der Brunnen sprach: "Erst geh hin zur Braut und hole mir den Kranz!" Da lief das Hähnchen hin zur Braut und sprach: "Braut, Braut, gib mir den Kranz, daß ich den Kranz dem Brunnen geb', daß mir der Brunnen Brunnen gibt, daß ich den Brunnen meinem Hühnchen geb', es liegt oben auf dem Nußberge und will erwürgen." Aber die Braut sprach: "Erst geh hin zum Schuster und hole mir meine Schuhe." Und wie das Hähnchen zum Schuster kam, sprach dieser: "Erst geh hin zur Sau und hole mir Schmer." Und die Sau sprach: "Erst geh hin zur Kuh und hole mir Milch." Und die Kuh sprach: "Erst geh hin zur Wiese und hole mir Gras!" - Wie nun das Hähnchen zur Wiese kam, und sie um Gras bat, war diese gütig, und gab ihm viele Blumen und Gras, dieses gab geschwinde das Hähnchen der Kuh und erhielt Milch dafür, und für die Milch tat auch das Schwein von seinem Fette her, und damit schmierte der Schuster sein Leder und machte flugs die Schuhe der Braut, und gegen die Schuhe tat freundlich die Braut den Kranz her, und das Hähnchen reichte denselben dem Brunnen, und dieser sprudelte sogleich sein klares Wasser heraus und in das Gefäßchen, welches das Hähnchen unterhielt. Im schnellen Lauf kehrte nun das Hähnchen zurück zum Nußberg; aber wie es zum Hühnchen kam, war dasselbe unterdessen erwürgt. Da kikirikite das Hähnchen vor Schmerz hell auf, das hörten alle Tiere in der Nachbarschaft, die liefen herbei und weinten um das Hühnchen. Und da bauten sechs Mäuselein einen Trauerwagen, darauf legten sie das tote Hühnchen und spannten sich davor und zogen den Wagen fort. Wie sie nun, das Hähnchen, das tote Hühnchen, die Mäuslein und der Trauerwagen, so auf dem Wege waren, da kam der Fuchs hintendrein und fragte: "Wo willst du hin, Hähnchen?" - "Ich will mein Hühnchen begraben!" - "Das will ich tun, du Narr!" rief der Fuchs, fraß das Hühnchen, weil es noch nicht lange tot war, und begrub's in seinem Magen. Da trauerte das Hähnchen und rief: "So wünsch' ich mir den Tod, um bei meinem Hühnchen zu sein." - "So soll es sein!" sprach der Fuchs und fraß das Hähnchen, daß es zu seinem Hühnchen kam. Da weinten die Mäuselein um das Hähnchen, und da dachte der Fuchs, sie wollten auch tot sein, und schlang sie hinunter. Weil aber die Mäuselein an den Wagen gespannt waren, so schlang er auch den Wagen mit hinunter, und da stieß ihm die Deichsel das Herz ab, daß er längelang hinfiel und alle viere von sich streckte. Da flog ein Vöglein auf einen Lindenzweig und sang: "Fuchs ist mausetot! Fuchs ist mausetot!"

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Ludwig Bechstein Märchen, Literatur  

Bechstein, Ludwig. Sämtliche Märchen. Düsseldorf: Patmos/Albatross Verlag, 1999.

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