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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Der Zähringer Ursprung
  2. Das Riesenspielzeug
  3. Der Krötenstuhl
  4. Der Mühlenbär
  5. Chorkönig
  6. Sankt Ottilia
  7. Vater und Sohn
  8. Die Münsteruhr
  9. Straßburger Schießen und Zürcher Brei
  10. Das Hündchen von Bretten

30. Der Zähringer Ursprung

Es geschah, daß ein König vertrieben war vom Reich und entflohn mit Weib und Kindern und seinem Gesinde, setzte sich mit ihnen auf einen Berg, richteten sich kümmerlich ein und lebten in Armut und Kümmernis eine gute Zeit. Endlich ließ der König ausrufen im Lande umher, wer da wäre, der ihm Hülfe tun wolle, sein Reich wiederzuerlangen, der solle sein, des Kaisers, Tochtermann und zu einem Herzog gemacht werden. Nun lebte hinter dem Berge Zähring ein Köhler, der brannte Kohlen im Walddickicht, und da begab es sich, daß er einstmals, als er die Meilerstätte räumte, einen schweren Klumpen geschmolzenen Metalles fand, und das war gutes Silber. Und als der Köhler wiederum kohlte, geschah es wieder ebenso, und immerfort, und war, als ob der Berg das Metall aus sich gebäre, und gewann der Köhler einen großen Schatz. Da er nun vernahm, was der vertriebene König ausrufen ließ, so nahm er eine Last seines Silbers und trat vor jenen und sprach, er wolle sein Sohn werden, seine Tochter freien und mit seinem Schatz ringsumher das Land sich zum Eigen erwerben, auch ihm, dem König, so viel seines Schatzes geben, daß er sein ganzes Reich wiedergewinnen könne. Des war der vertriebene König sehr froh, schlug den Köhler zum Ritter, gab ihm seine Tochter zum Ehegemahl. Und der Köhler ließ nun das Silber schmelzen, erbaute Zähringen, die Burg und den Ort, und erwarb alles Land umher, und der König machte ihn zu einem Herzog von Zähringen. Der König hat hernachmals mit seines Eidams Gut all sein Land und Volk wiedergewonnen, ist wieder ein mächtiger Herr und Kaiser geworden, und der Ort und Berg, wo er hingeflüchtet war und seinen Sitz allda genommen, heißt noch bis auf den heutigen Tag der Kaiserstuhl. Die Zähringer aber wurden ein mannlich Geschlecht und waren hochgeehrt im ganzen Gau.

31. Das Riesenspielzeug

An einem wilden Wasserfall in der Nähe des Breuschthales im Elsaß, liegen die Trümmer einer alten Riesenburg, Schloß Nideck geheißen. Von der Burg herab ging einstmals ein Fräulein bis schier gen Hasloch, das war des Burgherrn riesige Tochter, die hatte noch niemals Menschenleute gesehen, und da gewahrte sie unversehens einen Ackersmann, der mit zwei Pferden pflügte, das dünkte ihr etwas sehr Gespaßiges, das kleine Zeug; sie kauerte sich zum Boden nieder, breitete ihr Schürztuch aus, und raffte mit der Hand Bauer, Pflug und Pferde hinein, schlug die Schürze um sich herum, hielt's mit der Hand recht fest, und lief was sie nur laufen konnte, und sprang eilend den Berg hinauf. Mit wenigen Schritten, die sie that, war sie droben, und trat jubelnd über ihren Fund und Fang vor ihren Vater, den Riesen hin, der gerade beim Tische saß und sich am vollen Humpen labte. Als der die Tochter so mit freudeglühendem Gesicht eintreten sah, so fragte er: nu min Kind, was hesch so Zwaselichs in di Furti? Krom's us, krom's us! – O min Vater! rief die Riesentochter: gar ze nettes Spieldinges ha i funden. – Und da kramte sie aus ihrem Vortuch aus, Bauer und Pferd und Pflug, und stellt's auf den Tisch hin, und hatte ihre Herzensfreude daran, daß das Spielzeug lebendig war, sich bewegte und zappelte. Ja min Kind – sprach der alte Riese: do hest de ebs Schöns gemacht, dieß is jo ken Spieldings nitt, dieß is jo einer von die Burn; trog alles widder fort und stells widder hin ans nämlich Plätzli, wo du's genommen hast! – Das hörte das Riesenfräulein gar nicht gern, daß sie ihren Fund wieder forttragen sollte und greinte, der Riese aber ward zornig und schalt: Potz tasig! daß de mir nett murrst! E Bur ist nitt e Spieldings! Wenn die Burn nett ackern, so müssen die Riesen verhungern! – Da mußte das Riesenfräulein seinen vermeintlichen Spielkram als wieder forttragen, und stellte alles wieder auf den Acker hin./

Diese Sage wird auch von manchem andern Ort in Deutschland erzählt, und zwar auf ganz ähnliche Weise vom Schlosse Blankenburg oder Greifenstein ohnweit Schwarzburg im Thüringerland, auch vom Lichtenberg im Odenwalde, allwo gewaltige Riesen hausten.

32. Der Krötenstuhl

Im Elsaß war eine Burg, hieß Nothaeder, auf der wohnte ein Herzog, welcher eine überaus schöne Tochter hatte. Sie war aber nicht weniger stolz als schön, kein Freier, so viel deren kamen, ihre Hand zu erlangen, war ihr gut genug, und mancher nahm sich das Leben, weil er ihre Gunst nicht erlangen konnte. Der letzte, der das tat, verwünschte die hartherzige Jungfrau in einen harten Steinfelsen, und daß sie nur alle Freitag einmal sichtbarlich sich zeigen dürfe, aber auch nur alle drei Wochen einmal in ihrer wahren Gestalt als Jungfrau, zum andern Mal als eine Schlange und zum dritten als eine häßliche Kröte. Jeden Freitag kommt sie nun hervor, wäscht oder badet sich auf dem Felsen an einem Quellborn und sieht sich um nach allen Weiten, ob kein Erlöser nahe. Wollte jemand an das Wagestück gehen, der muß an einem Freitag auf den Felsen gehen, da findet er eine Muschel, darin liegen drei Wahrzeichen: eine dunkelgelbe Schlangenschuppe, ein Stückchen grasgelbe Krötenhaut und eine goldgelbe Haarlocke. Diese drei Dinge muß der Befreier zu sich stecken und bei sich tragen und zur Mittagsstunde am nächsten Freitag wieder hinauf auf den wüsten Felsen steigen, und zwar dreimal, und muß einmal die Schlange, zum an dern die Kröte, zum dritten die Jungfrau küssen. Das war mehr verlangt als bei der schönen Schlangenjungfrau im Heidenloch bei Augst, eine Schlange und eine Kröte zu küssen, ohne zu entfliehen! Wem das aber möglich ist, der erlöset die Verzauberte, bringt sie zur Ruhe und wird durch ihre Schätze unermeßlich reich. Schon mancher fand die Merkzeichen, wagte sich in die öden Burgtrümmer und kam nimmermehr wieder, sei es, daß, ehe er den Kuß gewagt, Furcht und Grausen ihn tötete, sei es, daß er den Kuß wagte und vor Entsetzen in des Todes Arme sank, denn wie lieblich sie als Jungfrau erscheint, immer gleich jung, niemals gealtert, so schrecklich ist sie als Kröte, nämlich so groß wie etwa ein mäßiger Backofen, und spaucht Feuer – wer kann da küssen? Am allerschrecklichsten ist sie als Schlange, lang und stark wie ein Heubaum. Einmal hatte ein kecker Bursch doch sich überwunden und die Schlange geküßt, da war die Schlange hinweg, nun kam die Kröte, die war über alle Maßen abscheulich anzusehen, das Eingeweide drehte sich ihm im Leibe um, und er entrann; die Kröte aber hüpfte plump und schwer hinter ihm her und verfolgt' ihn bis zum Krötenstuhl – und spie ihm den Berg hinab noch ganze Bündel Feuer nach.

33. Der Mühlenbär

Im Elsaß, in der Gegend von Niederbronn und Gunthershof, liegt eine Mühle, in der sollte es gar nicht richtig sein, ein Bär sollte in ihr spuken. Wenn ein Mühlarzt zugereist kam oder aber am Werk etwas verbrochen war und ein solcher berufen werden mußte, blieb keiner länger denn eine Nacht in der Mühle, denn das Gespenst litt sie nicht, und zuletzt drohte ihr Verfall und dem Müller Verarmung, denn es blieb auch kein Mahlbursche. Da kam eines Tages ein frischer kecker Klapperbursche dahergewandert, sagte sein Müllersprüchlein ohne Anstoß her und bot um guten Lohn und gute Kost seine Dienste an. Der Müller war froh, daß wieder einer kam, nahm ihn gern in Dienst und hieß ihn die nächste Nacht mahlen. Der neue Bursch hatte schon von dem Mühlspuk gehört, fürchtete sich nicht, ließ sich gegen Mitternacht vom Glöcklein wecken, schüttete frisch auf, tat einen guten Zug aus der Bulle und legte sich auf ein paar Mehlsäcke, zu schlafen, neben sich legte er aber die scharfgeschliffene Mühlbarte. Er war noch nicht ganz eingeschlafen, als die Türe der Meisterstube, die herein in das Werk führte, aufging und ein schwarzer Zottelbär in die Mühle getreten kam. Er schnoperte und griff erst am Beutelkasten herum, ging zum Scheidekasten, schritt die Treppe hinauf an die Trommel und wurde jetzt den neuen Mahlburschen gewahr, der, die Hand am Beile, die ganze Zeit über den Bären beobachtet hatte, denn die Laterne brannte hell. Jetzt reckte der Bär mit Gebrumm die eine Tatze nach dem Burschen aus, der, nicht faul, hob das Beil, hieb zu, und die Tatze lag am Boden. Laut auf heulte der Bär und stürzte in die Meisterstube zurück. Als man am andern Morgen das Frühmahl einnahm, fehlte die Müllerin; sie lag im Bette, und fehlte ihr der rechte Vorderarm, da holte der Bursche die Tatze, und die Tatze war der Vorderarm, und die Müllerin war eine unholde Hexe. Solchen Hexenspuk mit Müllerinnen, die auch als Katzen erscheinen und arge Teufeleien treiben, erzählt man sich auch viel in Thüringen und Sachsen.

34. Chorkönig

Das alte Münster zu Straßburg hatte Chlodwig erbaut, der Frankenkönig; es war ursprünglich nur ein hölzern Gebäu, und im Jahre 1002 brannte es Hermann, Herzog von Elsaß und Schwaben, der mit Kaiser Heinrich um die Kaiserkrone stritt, fast ganz zum Grunde nieder, doch blieb das Chor Karl des Großen stehen, aber 1007 schlug das Wetter hinein, und der Rest des Baues sank in Trümmer. Da geschah es, daß Kaiser Heinrich II. im Jahre 1012 gen Straßburg kam, des Münsters Untergang beklagte und sich die Regel und Ordnung der Chorherren vorlegen ließ, die gefiel ihm also wohl, daß er bei sich beschloß, der Bürde seiner Königskrone zu entsagen und ein Chorherr in Unser Lieben Frauen Münster zu Straßburg zu werden. Das erschreckte gar sehr alle seine Getreuen, denn das Reich bedurfte seiner, und redeten ihm zu, von diesem Vorhaben abzustehen; Kaiser Heinrich aber, den man seines frommen Sinnes und seiner Mildtätigkeit gegen Klöster und Stifte den Heiligen nannte – er war auch der Begründer des Bistums Bamberg – wollte mitnichten von seinem Vorsatz lassen. Nun war zu Straßburg ein Bischof, der hieß Werinhard, als dieser sahe, daß der Kaiser sich nicht abbringen ließe von seinem Vorhaben, so nahm er vor, ihm die geistlichen Gelübde abzunehmen, vor allem das Gelübde des Gehorsams. Wie der Kaiser das geleistet hatte, befahl er ihm kraft Gottes und in dessen Namen, die Kaiserkrone zu behalten und des Reiches Regiment und Herrschaft, das seiner nicht entraten könne. Der Kaiser sah sich überlistet, doch gebot er, so solle fortan an seiner Statt ein anderer Chorherr im Frauenmünster Gott dienen und das Amt versehen und am Altar für ihn singen und beten, der solle der Chorkönig heißen. Stiftete auch eine reiche Pfründe in das Gotteshaus, das war die Chorkönigspfründe, die hat bestanden weit über tausendundsiebenhundert Jahre. Und Bischof Werinhard war es, der hernach im Jahre 1015 den Grundstein zu dem steinernen Münster in Straßburg legte.

35. Sankt Ottilia

Es saß auf Hohenburg ein stolzer Graf, Herr Attich geheißen, dessen Frau gebar ihm ein Mägdlein, und das war blind. Darob ergrimmte Herr Attich und schrie: ein blindes Kind will ich nicht, fort mit dem Wurme und schlagt ihm den Schädel an einem Felsen ein! und tobte fort, die Mutter aber sandte alsbald die Amme in Begleitung treuer Knechte mit dem blinden Kinde weit, weit von dannen, gen Palma, das liegt jenseit der Alpenberge in Friaul, dort war ein Frauenmünster und dorthin ward Herrn Attichs Töchterlein gebracht. Im Baierlande aber war ein Bischof mit Namen Erhardus, der hörte im Traume eine Stimme: mache dich auf gen Palma in das Stift, dort findest du ein blindes Mägdelein, das sollst du taufen und Ottilia heißen. Erhardus folgte ohne Weilen der Stimme des Herrn, so er im Traume vernommen, zog gen Palma in das Stift und fand das Kind, und taufte es und segnete es, und siehe, da gingen über der Taufe dem Kinde die Augen auf, und ward sehend. Und Ottilia blieb im Frauenmünster zu Palma, erwuchs darinnen züchtiglich, erlernte die Orgel schön zu spielen, der Blumen zu pflegen und ihrer Pflichten treulich zu warten. – Herr Attich aber ward vom Himmel heimgesucht, daß er Reue und Leid fühlte ob seines von ihm verstoßnen Kindes Willen, und es trieb ihn zu einer Pilgerfahrt nach Wälschland, sein Kind zu suchen, und da er der Tochter Aufenthalt erfahren, zog er des rechten Weges, und hörte nun in Andacht das Wunder, das mit ihr sich begeben und führte sie zurück nach Hohenburg und an das Herz ihrer Mutter. Glanz und Reichthum umgab das holde fromme Kind, aber das alles lockte sie nicht, und auch als der Ruf ihrer Schönheit und Lieblichkeit sich in/ der Gegend verbreitete, und Freier angezogen kamen, die gern um ihre Hand werben mochten, zeigte sie sich allen abgewendet, wollte allein des Heilandes Braut sein. Da nun unter diesen Freiern ein reicher Graf des Gaues war, so gelobte Herr Attich diesem sein Kind zum Ehegenoß und gebot Ottilien, sich nicht länger zu weigern. Das erschreckte die fromme Jungfrau gar sehr, sie suchte Trost und Rettung im Gebet, und fand endlich einen Rathschluß, welcher kein anderer war, als schnelle Flucht. Da nun der Bräutigam am Morgen angeritten kam, war die Braut abhanden, und nirgend zu finden. Boten ritten und liefen wohl im Vogesengebirge umher und auf und ab all um den Rhein und keiner fand Herrn Attichs Tochter, bis nach dreien Tgen endlich die Kunde kam, Ottilia sei in einem Schifflein über den Rhein gefahren, mutterseelenallein und mochte wohl ein Engel ihr Ferge gewesen sein. Da forschten nun ihr Vater und der Graf gar fleißig nach ihr und waren weit aus, und kamen bis gen Freiburg im Breisgau, und als sie dort im Thale ritten, sahen sie auf einmal auf einer Bergeshöhe die Jungfrau wandeln, und sprengten eilend hinan. Wie nun Ottilia ihre ihr schon nahen Verfolger erkannte, erschrak sie heftig, und rief den Himmel um seinen Schutz an, und da sie an eine Felswand kam, die ihre Schritte gänzlich hemmte, da that vor ihr die Wand sich auf, und schloß sich wieder hinter ihr zu. Aus dem Felsen aber rieselte alsbald ein klarer Wasserquell und die Verfolger standen davor und wußten nicht, wie ihnen geschehen war.

Nun begann Herr Attich, aufs Neue in sich zu gehen, seufzte nach der Tochter, blieb an der Quelle und rief dem starren Fels das Gelübde zu, wenn Ottilia wieder zu ihm komme, so wolle er an diesen Ort eine Kapelle bauen, und aus seiner Burg ein Kloster, und das mit reichem Gut begaben. Solches alles geschah, und der Brunnen aus dem Fels ward der Ottilienbrunnen geheißen, und übte wundersame Kraft an kranken Augen. Ottilia aber wurde Aebtissin des neuen Klosters, pflegte und heilte Kranke, ward ein Schutzengel des ganzes Gaues, ließ an den Bergesfuß noch ein Kloster, Niedermünster, bauen, und als sie endlich sanft und selig verschieden, ist sie heilig gesprochen worden, und ward die Patronin der Augen und von Augenleidenden insonderheit angerufen.

36. Vater und Sohn

Es war ein Graf im Oberelsaß, Herr Hug von Egisheim, dem gebar sein Ehegemahl einen Sohn, der ward Bruno genannt in der heiligen Taufe. Aber ein böser Argwohn umdüsterte des Grafen Herz, als sei das Söhnlein nicht sein eigen, und da befahl er einem Knecht, daß er es hinaustrage in den Wald, es töte und ihm sein Herz, der Tat zum Zeugen, darbringe. Den Knecht aber jammerte des unschuldigen Kindleins, und konnte solchen Mord nicht über das eigene Herz bringen. Er gab das Kind in sichere Hut, erlegte ein Rehkälbchen und brachte dessen Herz seinem grausamen Herrn. Der Knabe erwuchs und kam weit hinweg, die Jahre vergingen, und über den alten Grafen kam die Reue, denn es war ihm klar und offenbar geworden, daß er damals im Irrwahn befangen die schrecklichste Sünde begangen hatte. Und da litt es ihn endlich nicht länger mehr in der Heimat, er verließ seine Schlösser und sein Land und ging in Pilgertracht über die Alpen und wandelte gen Rom, dem Heiligen Vater seine schwere Schuld zu bekennen und eine Buße sich auferlegen zu lassen. Und er kam zum Papste und kniete zu dessen Füßen und beichtete sein Verbrechen und flehte zerknirscht um Entsündigung. Da erhob sich von seinem Thronsitz der Heilige Vater und sprach: Graf Hugo von Egisheim! Der allbarmherzige Gott hat nicht gewollt, daß Bruno, dein Sohn, sterbe, sondern hat ihn aufbehalten zu hohen Dingen. Und Gott verzeiht dir durch mich, den Knecht seiner Knechte, den grausamen Vorsatz. Deine Reue soll deine Buße gewesen sein. Stehe auf, Graf Hugo, umarme mich, ich bin es, der dir Verzeihung kündet, ich bin Bruno, dein Sohn, Leo der Neunte geheißen auf St. Petri heiligem Stuhle! – Dem alten Grafen war, als ob er träume, als ob der Himmel sich ihm erschließe.

37. Die Münsteruhr

Zu Straßburg im Münster ist ein kostbar und verwunderungswürdiges Uhrwerk, das seinesgleichen in der ganzen Welt nicht hat. Hoch und stolz, ein wundersames figurenreiches Gebäu, steht es da vor Augen, aber leider steht es eben und geht schon längst nicht mehr. Im Piedestal zeigt sich neben einem Himmelsglobus ein Pelikan, darüber erhebt sich ein Kalender, in dessen Mitte die Erdkugel ersichtlich ist, zu beiden Seiten stehen der Sonnengott und die Mondgöttin, welche mit ihren Pfeilen Tages- und Nachtstunden zeigen. Schildhalter an den vier Winkeln des Kalendariums lassen Wappen erblicken. Darüber fuhren in Wagen, von verschiedenen Tiergespannen gezogen, die sieben Planetengötter als Tagesboten, jeden Tag zeigte sich sanft vorrückend ein anderes Gespann, stand in der Mitte zur Mittagsstunde und gab dann allmählich dem nachfolgenden Raum. Darüber ein großer Viertelstundenzeiger und zur Seite vier Gebilde, die Schöpfung, Tal Josaphat, Jüngstes Gericht und Verdammnis. Zur Rechten des Beschauers steht ein freier Treppenturm am Uhrgebäu, zur Linken ein ähnlicher von anderer Form mit Göttergestalten, auf der Spitze ein großer Hahn, welcher die Stunden krähte und mit den Flügeln schlug. Am Sockel der Türme halten zwei große aufrechtsitzende Löwen je einer den Helm mit dem Kleinod, der andere das Wappenschild Straßburgs. Recht in der Mitte ist das riesiggroße mannigfach verzierte und mit kunstvollem Triebwerk versehene Zifferblatt, umgeben von den Bildern der vier Jahreszeiten, darüber steht: DOMINUS LUX MEA-QUEM TIMEO. Den Zeiger bildet ein geschlängelter Drache, dessen Zungenpfeil auf die Stundenzahl deutet. Über dem Zifferblatte zeigte ein kleinerer Kreis mit der Mondesscheibe genau des Mondes wechselnde Zeiten. Darüber zeigten sich zwischen Schildhaltern und Wappenfiguren wandelnde Gestalten der Menschenalter, welche an die offen hängenden Viertelstundenglocken anschlugen, über ihnen hängt die Stundenglocke; nach jedem Viertelstundenschlage trat der Tod hervor, die Stunde zu schlagen, aber da begegnete ihm die Gestalt unsers Heilands und wehrte ihm, erst wenn die Stunde voll war, durfte der Tod sein Stundenamt üben. Hoch empor über allem diesen hob sich noch eine gotische Krone mit den freistehenden Gestalten der vier Evangelisten, die Tiere der Offenbarung neben sich, und über diesen standen zwei musizierende Engel, dahinter aber barg sich gar ein schönes klangvolles Glockenspiel, auch ist noch manch anderes künstliches Bildwerk an der Münsteruhr zu sehen und sind auch gedankenvolle Sprüche daran zu lesen. Dieses herrlichen Werkes Meister hieß Isaak Habrecht, der hatte gar lange gesonnen Tag und Nacht und gearbeitet unermüdlich, bis er es vollendet, und bis es durch seinen lebendigen Gang alle Welt zum Erstaunen hinriß. Da es nun vollbracht war, so gedachte der Meister, auch anderswo seine unvergleichliche Kunst zu üben, da blies der böse Feind dem Rate der Stadt Straßburg schlimmen Neid in das Herz, und sollte seine Stadt solch Wunderwerk nur einzig und allein haben. Und weil die Herren im Rate glaubten, wenn sie dem Meister Habrecht auch verböten, der Stadt Weichbild zu verlassen, werde er Straßburg dennoch den Rücken kehren, so wurden sie miteinander eins, ihn des Augenlichtes zu berauben. Das ward dem Meister angesagt, und wie er es vernahm, schauderte ihm, und sprach: Nur einmal noch muß ich mein Uhrwerk sehen, möcht etwan noch was daran bessern, denn ich's später nicht mehr vermag, wenn ich nicht sehend bin. Das wurde ihm vergönnt, und dann stieg der Meister zu seinem künstlichen Bau hinauf und trat hinein und schaffte was darin, eine kurze Weile. Und hernach haben sie auf dem Rathaus den Meister des Augenlichts beraubt. Aber siehe – da stockte mit einem Male das Uhrwerk. Christus und der Tod und die Alter der Menschen wandelten nicht mehr, das Glockenspiel verstummte, der Hahn krähte nicht, die Uhrglocken tönten nicht, der Zeigerdrache zeigte nicht, die Götter fuhren nicht mehr – alles stand. Bald aber nach der grausamen Tat wurden Meister Habrechts geblendete Augen aufgetan zum ewigen Licht – und vergebens sendete der Rat nach Künstlern umher, die das Uhrwerk wieder in Gang bringen sollten. Viele kamen, viele probten und pösselten daran und darin herum, keiner bracht's in Gang, von alter Zeit zu neuer Zeit, immer wieder – sie verdarben mehr, als sie gut machten, und so steht im Münster das Uhrwerk heute noch, wunderbar anzuschauen, aber ungangbar, und die Zeiger zeigen noch Tag und Stunde, an denen so grauenhafte undankvolle Untreue an dem kunstreichen Meister verübt ward.

38. Straßburger Schießen und Zürcher Brei

Im Zeughaus zu Straßburg wird ein eherner Topf gezeigt, den sandte einstmals die Stadt Zürch voll Brei dahin, den sie in Zürch gekocht und der noch warm in Straßburg ankam, das begab sich also. Die Straßburger hielten großes Freischießen und luden dazu ein alle Nachbarstädte am Rhein, in der Rheinpfalz, im Elsaß und in der Schweiz, die kamen auch durch Gesandte zahlreich und nahmen teil am Feste; am weitesten hatten freilich die Schützen von Zürch, drei Tagereisen. Da war zu Zürch ein wackerer Kumpan, der hieß Hans im Weerd, und sann ein lustig Stücklein aus. Wir wollen gen Straßburg zu Wasser fahren, da brechen wir kein Rad und fällt uns kein Roß, und wollen das tun, so Gott will, in einem Tag, und einen heißen Brei, den wir allhier gekocht, den Straßburgern mitbringen. Dieser Rat fand großen Beifall, alles ward vorgerichtet und gerüstet, der Brei wurde in einer Nacht gekocht, kam in einen warmen Topf von Erz, und der Topf wurde in heißen Sand gestellt, und nun ging es schnell zu Schiff, als die Sterne noch glänzten. Vom Schiffe wehten lustig die Wimpel mit Zürchs Farben, weiß und blau, und munter flog es über der Limmat rasche Wellen rasch dahin. Von der Limmat lenkten die fröhlichen Schweizerschützen in die Aar, vorüber an mancher fährlichen Stelle, und aus der Aar in den Rhein, am Höllenhaken kühn vorbei durch Strudel und Klippen. Da das glückhafte Schifflein gen Rheinfelden kam, wohin schon Kunde von seiner Fahrt gelangt, ward zur Mauer herab ein Korb voll edlen Weines zum Morgentrunk herabgelassen und unverweilt eingenommen. Als die Basler Glocke elf schlug, war es erst um zehn Uhr, und das glückhafte Schiff mit seinen Zürchern nahte schon der Brücke. Da schallte von aufgestellter Mannschaft und drängendem Volk herzlichfroher Bundesgruß entgegen, und die Geschütze krachten, aber wie ein Pfeil schoß das Schiff, getrieben von den Ruderschlägen stets sich ablösender kräftiger Ruderer, immer rheinabwärts, und vorn im Schiff am Steuer stand lugenden und sorgenden Blickes der Hans im Weerd, und mitten im Schiff saß Kasper Thomann, der Zürcher erwählter Obmann und Sprecher beim Schützenfeste. So ging es weiter und immer weiter, an Neuenburg vorbei, an Breisach vorbei, durch die hundert Inseln und Werder und Riede im Rhein. Wohl sank der Abend nieder, wohl tauchte hinter der Vogesen blauer Bergkette das glühende Rad der Sonne unter, aber was leuchtete dort weit, weit her über die unermeßliche Stromtalfläche, eine rote Feuersäule? Im Sonnenscheidekuß flammte Unser Frauen-Münsters Turmriese, und der Jubel der Schiffer grüßte das leuchtende ferne Ziel. Aber immer noch liegen Stunden zwischen dem Ziele und dem Schiffe – der Tag schwindet, die Nacht bricht an, hell und rund steht der Mond am Abendhimmel, das Münster taucht empor, wie ein Geisterschiff, von der Schützenmatte her dringt dumpfer Lärm des Volksgewimmels; jetzt beginnen auch die im Schiff zu blasen mit hellen Zinken und Posaunen, Pfeifen und Drommeten – jetzt endlich ist Straßburg erreicht, und am Guldenturm legt das Schifflein an. Jubel begrüßt die nimmermüden Stromfahrer, die das nie Dagewesene vollbracht, in einem Tage gefahren die unendlichen Strecken, und der Brei im Topfe noch warm, gerade noch so recht mundrecht. Das war ein gar festliches Begrüßen, mit Musik und Fahnen wurden die werten Zürcher Gäste auf die Maurerstube geleitet zum herzlichen Willkommen und frohen Mahle. Von da brachte man die Zürcher, nachdem der Brei verzehrt war, in den güldnen Hirsch zur Rast, und am andern Tage beim Schießen wurden sie hoch geehrt vor allen Gästen, und der Topf blieb aufbewahrt für ewige Zeiten.

39. Das Hündchen von Bretten

Dir geschieht wie dem Hündchen von Bretten! sagen die Leute in der Rheinpfalz. Damit deuten sie auf ein Wahrzeichen des Städtleins Bretten hin und bezeichnen mit dem Spruch den Empfang des bekannten Teufelsdankes für gehaltene Treue. Zu Bretten war ein Mann, der hatte ein treues frommes Hündchen, das hatte er mit Fleiß abgerichtet zu allerlei Dienst und Kunststück, insonderheit brauchte er es zum Fleischholen. In einem Körbchen, darin eingewickelt das Geld lag und auf einem Zettel stand, was es bringen sollte, holte es beim Metzger Wurst und Fleisch, rührte davon nie einen Bissen an, so brachte es dem Metzger viele viele Kreuzer ins Haus. Da fügte sich's, daß der Metzger einen Gesellen bekam, der war katholisch, der Mann aber, dem das Hündlein zugehörte, war evangelisch und sandte es auch am Freitag zum Metzger, daß es, wie gewohnt, sein Fleisch oder seine Wurst hole. Solches verdroß den Metzgergesellen, und er sagte: Warte, Ketzer, ich will dir den dir gehörigen Schlünker schicken, nahm das Hündlein, hackte ihm auf dem Bloch das geringelte Schwänzchen grausam ab und legt's in den Korb. Das arme Tier faßte den Korb, lief blutend nach Hause, stellte den Korb vor seinen Herrn, legte sich hin, winselte, streckte alle Viere von sich und starb.

Die ganze Stadt Bretten war entrüstet über solch ungetreue Tat, der Gesell wurde alsobald ausgewiesen und des Hündleins Bild ohne Schwanz in Stein gehauen und übers Stadttor gesetzt, darüber ein Kranz, den Lohn der Treue anzudeuten. Dieses ist das Wahrzeichen von Bretten, in welcher kleinen Stadt der große Philippus Melanchthon geboren wurde.

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