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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Trifels
  2. Der Rotbart zu Kaiserslautern
  3. Die schiffenden Mönche
  4. Die Schwabenschüssel
  5. Die Totenglocken zu Speier
  6. Die Juden in Worms
  7. Von den Dalbergen
  8. Wormser Wahrzeichen
  9. Die Königstochter vom Rhein
  10. Schwedensäule bei Oppenheim

40. Trifels

Über dem Anweiler Tale bei Landau erhob sich eine stattliche Kaiserpfalz, Burg Trifels. Es geht die allgemeine Sage, daß König Richard Löwenherz von England darinnen gefangengehalten worden vom Kaiser Heinrich. Niemand wußte, wo er hingekommen, und war große Sehnsucht nach Richards Wiederkehr in seinem Reiche. Nun hatte Richard einen treuen Dienstmann, der war ein Minnesänger und verstand sich meisterlich auf die Kunst des Gesanges und der Töne. Der machte sich mit einer Schar redlicher Mannen auf, seinen König allüberall zu suchen. Reichen Schatz an Gold und Kleinodien, den das Volk geopfert, nahmen sie mit sich zum Lösegeld. Auch König Richard war ein Minnesänger, und Blondel, so hieß jener treue Dienstmann, kannte und konnte des Königs Lieder. Vor mancher Burg, darinnen er den König gefangen glaubte, hatte Blondel schon Weisen angestimmt, auf welche, wie er sicher voraussetzte, der König, wenn er ihn hörte, singend antworten mußte, aber es war still geblieben hinter den festen Mauern. Schon war er am Donaustrom auf- und abgezogen und hatte auch all um den Rhein gesucht und gesungen, da vernahm er, daß in der Nähe der Stadt Landau, allwo man dazumal des Heiligen Reiches Kleinodien aufbewahrte, die Kaiser Friedrich auf den Trifels selbst eine Zeitlang bringen und bewahren ließ, auf dreien Felsenzacken gar ein großes und stattliches Kaiserschloß stehe, und da Blondel der Meinung war, nur in einem solchen Schloß werde der römische Kaiser seinen König und Herrn gefangen halten, so wandte er sich dorthin mit den Seinen, umschlich spähend die Mauern und stimmte am Fuße der starken und hohen Türme, in deren Tiefen und Verliesen man gewöhnlich die Gefangenen schmachten ließ, jene Weisen an, die nur König Richard konnte. Und – o Freude – endlich, endlich drang aus dem Gemäuer des Turms auf Trifels antwortender Gesang in gleicher Weise – hoch schlug vor Freude Blondels Herz, sein Richard, sein König war gefunden und bald darauf auch aus seiner Haft befreit.

Vom Schlosse Dürrenstein am Donaustrome geht die gleiche Sage, alldort zeigt man noch ein Loch im Trümmerfelsen, darin Erzherzog Leopold von Österreich den heldenmütigen König soll gefangengehalten haben.

41. Der Rotbart zu Kaiserslautern

Bei Kaiserslautern ist eine Felsenhöhle von unergründlicher Tiefe. Von dieser geht des Volkes allgemeine Sage, daß Kaiser Friedrich der Rotbart, da er aus seiner Gefangenschaft in der Türkei gekommen sei, in Kaiserslautern sich niedergelassen habe. Dort habe er das Schloß gebaut und dem Weidwerk, wie der Fischerei in dem schönen See, der noch der Kaiserwerder heißt, obgelegen. In einem Tiergarten nahe am Schloß hielt der Kaiser allerlei wunderbarliche und fremdländische Getiere, und im See fing er einstmals einen großen Karpfen, dem steckte er einen güldnen Ring von seinem Finger an eine Flosse: der Fisch blieb und bleibt hinfüro ungefangen bis auf des Kaisers Wiederkehr. Endlich kam der Kaiser hinweg, niemand wußte zu sagen wie, und es ging die Rede, er habe sich in das tiefe Loch verwünscht auf lange Zeit, da drunten besserer Zeit zu harren. Im Schlosse blieb lange noch des Kaisers Bette aufbewahrt, hängend an vier eisernen Ketten. War es abends wohl gebettet, so war es morgens verwälzt, so daß man deutlich sah, es habe jemand darin gelegen. Einst fing man im Kaiserwerder zwei Karpfen, die waren um die Hälse mit Ringen und einer güldenen Kette verbunden, zum Angedenken wurden sie in Stein ausgehauen an der Metzlerpforte.

Zu einer Zeit fand sich ein Mann, der wollte gern den Grund der großen tiefen Höhle ergründen, in welche der Kaiser sich verwünscht haben sollte, und ward an einem Seil hinabgelassen mit einem Faden, der oben an eine Schelle reichte. Und kam hinab und sah den Kaiser sitzen auf güldnem Sessel mit mächtig großem roten Barte, schaute sich um und erblickte einen großen weiten Plan, darauf standen viele Wappner. Der Kaiser nickte ihm zu und bedeutete ihn, nicht zu reden – und da grausete es dem Mann, und gab sein Zeichen an der Schelle, und ward also wieder heraufgezogen, wo er verkündete, was er geschaut. Um keinen Preis aber wollte er noch einmal hinunter.

Weit über das deutsche Land hin verbreitet ist die Sage vom verzauberten Kaiser im Bergesschoß. Im Thüringer Lande ist sie am lebendigsten um den Kyffhäuser, so auch im Untersberge bei Salzburg und anderorts, wo es aber auch oft Kaiser Karl der Große oder auch Karl V. ist, den die Sage hineinbannt und zu künftiger Wiederkehr aufbewahrt.

42. Die schiffenden Mönche

Zu Speier kam einstmals ein Fischer an den Strand des Rheinstroms, der stellte seine Garne spät am Abend und legte seine Reusen und fuhr in seinem Kahn von einer Uferstelle zur andern. Da kam ein Mann daher in brauner Mönchskutte, und der Fischer grüßte ihn. Fischer, sprach der Mönch, ich bin ein Bote von weitem her und möchte gern überfahren. – Das kann geschehen, sagte der Fischer und fuhr den Mönch über. Als er wieder an seinen Strand kam, standen fünf andere Mönche da und harrten seiner und sprachen: Fahr über! – Warum reiset ihr so in später Nacht? Und soll ich nicht für meine Arbeit einen Lohn von euch verdienen? – Fischer, es treibt die Not, antworteten die Mönche, die Welt ist uns gram, fahr uns nur über um Gottes willen.

Der Strom war ruhig und hell der Nachthimmel, der Fischer nahm die Männer in seinen Kahn und stieß vom Strande. Schnell ward es dunkel, der Himmel schwärzte sich, der Strom warf Wellen, es heulte der Sturm und trieb die schäumenden Wogen über Bord in das Schiff hinein. Wie geschieht uns? fragte der Fischer. War doch eben erst der Himmel rein und klar! Hilf uns, o Gott! – Was heulst und betest du, statt zu rudern? schalt den Schiffer einer der Mönche, entriß ihm das Ruder und schlug ihn, daß er niedersank. Die Mönche ruderten nun selber eilend durch den Strom, legten am andern Ufer an und verschwanden. Als der Fischer wieder zu sich kam, grauete schon der Tag, und kaum vermochte er, wieder überzufahren und seine Hütte zu erreichen.

Des Weges aber, den die Mönche eingeschlagen, kam ein Bote, der wollte gen Speier, der sah dieselbigen Mönche sich entgegenkommen, sie fuhren auf einem Wagen, der war schwarz überhangen und hatte nur drei Räder; die Pferde, die ihn zogen, hatten nur drei Beine, und der Fuhrmann hatte eine Teufelsnase und eine Flammengeißel, rund um den Wagen her weberte es von Flammen. Der Bote kreuzte und segnete sich und zeigte dem Rat zu Speier dies Gesicht an, aus welchem man auf große Zwietracht unter den deutschen Fürsten schloß, an der in alten und neuen Zeiten niemalen ein Mangel.

43. Die Schwabenschüssel

Zu Speier auf dem Domplatz steht auf einem großen Fußgestelle von Quaderstücken auf drei Staffeln ein großer, tiefer, runder steinerner Napf, mag wohl ein Taufbecken sein aus grauen Zeiten, wie eins vor der Klosterkirchenruine zu Paulinenzelle liegt und anderswo dergleichen auch gefunden werden – das hat in seinem Rand eine Schrift, in Messing gegossen, diese besteht aus lateinischen Versen. Dieses Becken nennen sie dort die Schwabenschlüssel, niemand weiß, warum. Sie hatten aber zu Speier damit einen sondern Brauch, nämlich wenn ein neugewählter Bischof alldort seinen Einzug halten wollte, so ward er nicht alsbald in die Stadt gelassen, sondern mußte vor dem Tore halten bleiben und zuvor geloben, der Stadt Rechte und Freiheiten nicht anzutasten, vielmehr aufrechtzuerhalten, und das angeloben mit Brief und Siegel, dann öffnete der Rat ihm das Stadttor, aber gleichwohl durften nicht mehr als funfzig Mann des Gefolges in ihrer Wehr mit dem Bischof einreiten, und dann ward das Tor wieder hinter ihm zugeschlossen. Danach legte der Bischof seinen Ornat an und ward von Rat und Bürgerschaft und seinem Gefolge geleitet und begleitet bis auf den Domplatz an die Schwabenschüssel, dort nahm die Klerisei den neuen Bischof in Empfang und führte ihn unter einen Thronhimmel in den Dom mit großen Zeremonien und Gepränge. Der Bischof aber ließ nun Wein anfahren und in die Schwabenschüssel fließen, so viel als hineinging, und da konnte trinken, wer wollte, und derer, die wollten, waren immer viele, und der Wein floß endlos in den Napf, ein ganzes Fuder oder auch zweie. Da soff sich zum öfteren die Menge toll und voll, und mancher kam weit hergereist zu diesem Trunke, und ward ihm hernach weh und übel von dem vielen Saufen. Davon ist denn das Sprüchwort entstanden, wenn sich einer übersoffen und die Folgen verspürt: Der reist nach Speier. Andere aber deuten das auf die Reise zum kaiserlichen Kammergericht dortselbst, wohin gar mancher reiste, um zu – appellieren.

44. Die Totenglocken zu Speier

Kaiser Heinrich IV. nahm gar ein trauriges Ende; auch seine Gebeine ruhen im Dome zu Speier, aber sie kamen nicht alsbald nach seinem Tode dahin. Verstoßen von Thron und Reich, gedachte er, wie sein heiliger Vorgänger Heinrich II. die Absicht gehabt, dort im Münster zu Straßburg seine Tage zu beschließen, am Dome zu Speier einer Chorherrenpfründe teilhaft zu werden, allein da er, der den Dom gebaut und reich geschmückt, nicht, wie jener, jetzt eine Pfründe gründen und stiften konnte, so ward ihm auch solche nicht zuteil, und der Bischof Gebhard, den er, der Kaiser, als solcher selbst auf seinen Stuhl gesetzt und ihn bestätigt, weigerte ihm die Aufnahme. Da erseufzte der Kaiser und sprach: Gottes Hand! Gottes Hand liegt schwer auf mir!, und zog trauernd von dannen. Und es geht in Speier die Sage, daß, als der alte Kaiser endlich arm und elend zu Lüttich an der Maas verstorben, habe die Kaiserglocke im Dome von selbst zu läuten begonnen, und alle andern Glocken haben volltönig eingestimmt in das Geläute, und das Volk sei zusammengelaufen und habe gerufen: Der Kaiser ist tot, der Kaiser ist tot, aber wo? wo ist er gestorben? Das wußte keiner. Der Bischof zu Lüttich fühlte minder hart wie der undankbare Bischof zu Speier, er ließ den Verstorbenen mit gebührenden Ehren bestatten. Aber als das der unnatürliche Sohn Heinrichs, Kaiser Heinrich V., vernahm, ward der Bischof von Lüttich verurteilt, den Sarg des Bestatteten mit seinen eigenen Händen wieder auszugraben, da der Verstorbene im Banne dahingegangen und einen Gebannten die geweihte Erde nicht decken dürfe. Da ward der tote Kaiser in seinem Sarge auf eine Insel in der Maas gestellt, und niemand wartete sein, und niemand kümmerte sich um ihn. Aber siehe, da kam ein Mönch, den niemand kannte, der fuhr hinüber auf die Insel, und betete über dem Sarge, und las Messen über den Toten, und sang ihm das Requiem, und das trieb er fort und fort, bis Heinrich V. es vernahm und den Sarg mit den Resten seines Vaters gen Speier führen ließ. Und als nun der Sarg im Königschor des Domes beigesetzt werden sollte, litt es der Bischof nicht, ehe denn der Papst zu Rom des deutschen Kaisers Überreste aus dem Banne lösete. Das währte fünf Jahre; so lange blieb Kaiser Heinrichs IV. Sarg in Sankt Afras Kapelle unbeerdigt stehen. Aber den Kaiser Heinrich V. wußte Gottes Hand auch zu finden, denn er blieb erbenlos, fiel in des Papstes Bann wie sein Vater, und als er verstarb, da läutete vom Münsterturme zu Speier ein Glöcklein von selbst gar hell und schrillend – und keine andere Glocke fiel ein, und niemand wußte, warum es läute, und das Volk lief zu sammen und fragte sich untereinander: Wo wird denn einer ausgeführt, daß das Armesünderglöcklein läutet?

45. Die Juden in Worms

Mitten im Wein- und Wonnegau am gesegneten Rheinstrom, im Mark der Pfalz, erbauten Völker der Frühzeit das uralte Worms; dort haben schon Juden gewohnt nahe sechshundert Jahre vor Christi, unsers Herrn Geburt. Die waren in Verbindung geblieben mit dem Lande ihrer Väter, mit Palästina, als aber den Priestern zu Jerusalem einfiel, ihnen zu befehlen, sie sollten hinwegziehen aus dem allzufernen Lande, damit die Männer nach Jehova’s Gebot die drei hohen Feste zu Jerusalem mitfeiern könnten, und wenn sie nicht kämen, würde die Strafe ihres Gottes sie treffen – da schrieben die Juden zu Worms an den hohen Rath zu Jerusalem zurück: Ihr wohnet im gelobten Lande, und wir wohnen im gelobten Lande; ihr habt einen Tempel, und wir haben einen Tempel; ihr habt eine Gottesstadt, und wir haben eine. – Und der Todtenhof dieser Juden hieß der heilige Sand, der war hoch mit Sand bestreut, welcher aus Jerusalem gen Worms geschafft worden war, soviel vermochte ihr Reichthum. Als die Juden zu Jerusalem den Weltheiland kreuzigen wollten, hatte die Judengemeinde/ zu Worms nicht dazu gewilligt, vielmehr in einem ernsten Schreiben davon abgemahnt, das hat ihr hernachmals gute Frucht getragen, denn die Kaiser haben sie mit großen Freiheiten begabt, und es ist das Sprüchwort im Reich ergangen: Wormser Juden, fromme Juden. Sie hatten einen Vorsteher aus ihrer Mitte, der hieß der Judenbischof. Er war der erste der drei obersten Rabiner, die es in Deutschland gab, zu Worms, zu Prag und zu Frankfurt am Main.

46. Von den Dalbergen

Auch das Geschlecht der Dalberge, das dem Wormsgau entstammte, ist ein uraltes; es leitete die Wurzeln seiner mythischen Stammbäume tief hinab in die Zeitenfrühe, bis zur Wurzel Jesse. Ein Dalberg soll, nachdem Jerusalem durch Titus zerstört worden, mit der zweiundzwanzigsten Legion römischer Krieger nach Worms gekommen sein und dort den neuen Stamm begründet haben, auch Hauptmann der Stadt Worms geworden sein. Er brachte viele Juden als Sklaven mit und verkaufte ihrer dreißig um einen Silberling an die Stadt Worms. Im Mittelalter wurde den Dalbergen der Ehrentitel die Kämmerer von Worms, und sie wachten mit Ernst über ihres Geschlechts uralten Stamm. Einst wollte eine Dalbergin hinüber zum Stift auf Unser-Lieben-Frauen-Berge nahe bei Worms fahren, allwo der übervortreffliche Wein wächst, Liebfrauenmilch geheißen, der Kutscher aber wußte nicht, wohin sie fahren wollte, und fragte sie, da sprach sie ganz stolz: Zu meiner Muhme nach Liebfrauen – und meinte mit der Muhme die Jungfrau Maria. So sehr hob sich der Dalberge Geschlecht zur Blüte, daß zu Worms nach ihnen eine Gasse ausschließlich die Kämmerergasse hieß; auch standen unmittelbar unter diesen Kämmerern von Worms des Heiligen Reiches Kammerknechte, die Juden. Und wenn die deutschen Könige und Kaiser nach ihrer Krönung junge Edle durch den Ritterschlag erheben wollten, so mußte jedesmal vor allen andern der Herold ausrufen und fragen: Ist kein Dalberg da?

47. Wormser Wahrzeichen

Am westlichen Portal des uralten Domes Unserer Lieben Frauen zu Worms ist als ein steinern Bildwerk ein Weib mit einer Mauerkrone zu erblicken, reitend auf einem seltsamen vierfüßigen Tiere – das wird eines der Wahrzeichen der Stadt Worms genannt und ist vielfach ausgedeutet worden. Manche meinen, das Frauenbild stelle dar die Babylonierin der Apokalypse, andere die triumphierende christliche Kirche; noch andere meinten, es sei Brunhild, die Gemahlin des Austrasierkönigs Siegberth, über welche, nachdem sie bereits achtzig Jahre alt geworden, ein furchtbares Strafgericht ihrer Herrschsucht wegen gehalten ward. Drei Tage lang wurde Brunhild gemartert, alsdann auf ein Kameel gesetzt und allem Volke zur Verspottung darauf umhergeführt, endlich an eines wilden Hengstes Schweif gebunden und dahingeschleift über Stock und Steine. Ein anderes Wahrzeichen findet sich am Dome außerhalb als seltsames Steingebilde, das stellt den Teufel dar mit seiner Großmutter, und zwar sucht das liebholde Enkelchen etwas, was man nicht gerne nennt, vom Kopf der Großmutter zu entfernen.

Weiter zeigt sich auf freier Straße westlich vom Dom nach St. Andreaspforte zu ein Felsstück, das warf vom Rosengarten, einer Insel im Rhein, welche berühmt ist durch das alte Heldenbuch, ein Recke bis herein in die Stadt. Ohnweit davon ward eine Stange aufbewahrt, so auch lange zu sehen, war groß wie ein Weberbaum, war spitz und dreiundzwanzig Werkschuh lang. Das soll, wie die Sage geht, der Weberbaum gewesen sein, mit welchem der hörnene Siegfried den Drachen erschlug, wie im Volksbuche zu lesen. Eine andere Riesenstange, sechsundsechzig Werkschuh lang, ward vordessen im Dome aufbewahrt, auch hat man lange Jahre hindurch bis zum großen Brande zu Worms des hörnen Siegfrieds Grab gezeigt.

48. Die Königstochter vom Rhein

Vor grauen Zeiten soll das alte Worms auch die Hauptstadt des burgundischen Reiches gewesen sein. Ein Zigeunerweib stahl aus der Insel des Rosengarten eine Königstochter in einem kleinen Badewännlein, und trug sie über den Rhein. Niemand wußte, wo das Kind hingekommen. Sein Vater grämte sich zu Tode, und seine Mutter starb fast vor Herzeleid. Achtzehn Jahre gingen darüber hin, da ritt der Königssohn durch einen Wald, fand dort ein Wirthshaus und kehrte ein; den Wein den er begehrte, brachte ihm eine schöne Jungfrau, die ihm über alle Maaßen wohlgefiel. Da er nun eines Fußbades begehrte, so rüstete ihm das die Maid mit frischen grünen Kräutern und brachte es in einem Badewännlein dargetragen. Die Wirthin aber war ein häßliches, altes, braunes Weib, die gab der Maid böse Rede, und sagte dem jungen Rittersmann, den sie nicht kannte, daß jene nur ein Findelkind sei, vor langen Jahren von ihr angenommen und auferzogen zu einer Dienstmagd. Wie aber der Königssohn sich das Badewännlein ansah, gewahrte er mit Staunen daran das Burgundische Wappenschild, und dachte bei sich selbst: wie kommt dieses Wännelein mit dem Wappen meines Stammes in dieses schlechte Wirthshaus? Und da fiel ihm bei gehört zu haben, daß vor langen Jahren sein Schwesterlein zusammt dem Wännchen, in dem es gebadet worden, aus dem Rosengarten verschwunden sei, und daß seine Mutter ihm oft erzählt, das Schwesterlein habe ein Malzeichen am Halse gehabt, und dasselbige Zeichen entdeckte nun alsobald der Königssohn am Halse der Dienerin. Da grüßte und umfing er sie als seine liebe Schwester, und als die Wirthin eintrat, fragte er diese, von wem und von wannen sie diese edle Jungfrau habe? Die Wirthin erschrak gar sehr, zitterte und erbleichte und fiel auf die Kniee. Sie hatte, da die Wärterin nur auf eine kurze Zeit sich ent/fernt, Kind und Wännlein davon getragen und war eilend in einem Kahn über den Rhein hinüber gefahren.

Da zog der Königssohn sein Schwert, das war sehr spitz und scharf, und stach die böse Wirthin damit in das Ohr, daß die Spitze zum andern Ohr wieder heraustrat, hob die Maid sammt dem Wännelein auf sein Roß und ritt gen Worms zu seiner Frau Mutter. Die Königin wunderte sich baß, als sie das Paar so seltsam daher reiten sah, und fragte ihren Sohn: welch eine Dirne bringst du uns daher? Sie führt ja ein Wännelein mit sich, als wenn sie mit einem Kinde ginge? – Frau Mutter, ich bringe keine Dirne, sondern Euer verlornes Kind, mein lieb Schwesterlein, sammt dem Wännelein, darin es Euch geraubt ward vor achtzehn Jahren! – Bei dieser Rede fiel die Königin vor Freude in Ohnmacht, und als sie wieder in den Armen ihrer Kinder erwacht war, priesen alle drei den Herrn.

49. Schwedensäule bei Oppenheim

Am Rheinufer im Ried ohnweit Oppenheim steht oder stand über Steinstufen eine hohe Säule auf vier Kugeln, die das Postament trägt, ruhend, in Form eines Obelisken. Auf der Spitze trug sie den sitzenden schwedischen Wappenlöwen mit behelmtem und gekröntem Haupt, in den Vordertatzen Schwert und Reichsapfel haltend. Es geschah, daß König Gustav Adolf von Frankfurt über Darmstadt längs der Bergstraße dem Rheine zufuhr und mit vier Getreuen in einem Nachen von Rockstadt aus den Rhein befuhr, die Gegend zu untersuchen, doch mußten diese Schweden sich bald vor den um Oppenheim verschanzten Spaniern zurückziehen. Dann aber ließ der kühne Schwedenkönig in den Dörfern am rechten Rheinufer die Scheunentore ausheben und sein Volk statt auf Flößen auf diesen Scheunentoren überschiffen, griff die Schanzen an und nahm Oppenheim mit Sturm. Zum Gedächtnis dieses Sieges ließ König Gustav Adolf diese Säule mit dem Löwenbilde aufrichten. Nun trug sich's zu, daß hernach, als der tapfere Schwedenheld bei Lützen gefallen war, wieder Kaiserliche diese Gegend besetzten. Da unternahm es ein kaiserlicher Offizier nicht ohne Gefahr, den hohen Obelisk zu erklettern, um das Schwert dem Löwen aus der Tatze zu nehmen, dann später dasselbe als ein Siegeszeichen dem Kaiser Ferdinand II. darzubringen, großer Belohnung, vielleicht einer güldnen Kette sich verheißend. Aber der Kaiser wurde überaus zornig über dieses Geschenk und sagte zu dem Offizier: Wie konnte Er sich unterfangen, eines so großen und tapfern Helden Denkmal zu berauben und zu verunehren? Ihm gebührt eigentlich ein Strick um den Hals, als einem Räuber. – Und hat der schwedische Löwe sein Schwert hernachmals wieder erhalten, auch ist die Schwedensäule späterhin, als sie den Wogen des Rheins und dem Eisgange allzu nahe und zu gefährlich stand, abgebrochen und besser landeinwärts gesetzt worden.

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