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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Jungfrau Ilse
  2. Der Brunnengeist auf Regenstein
  3. Die Teufelsmauern
  4. Roßtrappe und Cretpfuhl
  5. Das quellende Silber
  6. Der Mägdesprung
  7. Falkenstein und Tidian
  8. Der Gott im Kasten
  9. Der Totenweg
  10. Der Tanzteich

400. Jungfrau Ilse

Hoch oben am felsreichen Brocken entspringt ein Bergbach, der mit starkem Fall zu Tale rinnt, das ist die Ilse. Unten im Tale, nicht weit von dem ehemaligen Klosterort Ilsenburg, ragt senkrecht ein mit einem eisernen Kreuz geschmückter steiler Fels empor, das ist der Ilsenstein. In diesem Steine wohnt des Flüßchens Nixe, die Jungfrau Ilse; bisweilen tritt sie in Mondscheinnächten oder am frühen Morgen aus dem Stein hervor, in der klaren Flut zu baden. Wer da das Glück hat, sie zu sehen – selten nur ist dies einem vergönnt –, den macht sie reich. Sie soll eines Harzkönigs Tochter gewesen sein und von einer bösen Hexe aus Neid in den Stein verwünscht, bis Zeit und Stunde kommen, sie zu erlösen. Nur ein völlig reiner und tugendhafter Jüngling und so schön wie die Jungfrau Ilse vermag dies; er darf noch nie geliebt haben, und Ilse muß die erste Maid sein, der sein Herz in Neigung sich zuwendet. Einst wandelte ein Köhler am frühen Morgen durch das waldige Tal abwärts; er sah die Jungfrau Ilse und grüßte sie. Sie winkte ihn zu sich, und er folgte ihr bis an den Fels, in dem er eine Türe erblickte, die er früher nie gesehen. An dieser Pforte nahm sie ihm seinen Ranzen ab und ging hinein. Bald kam die Jungfrau Ilse wieder heraus und übergab ihm den Ranzen, sagte ihm aber, er solle ihn ja nicht eher öffnen, bis er seine Wohnung erreicht habe. Erst war der Ranzen leicht, er wurde aber mit jedem Schritt schwerer, und die Neugier des Köhlers, was wohl darinnen sei, wuchs gleich der Schwere mit jedem Schritt. Sie werde ihm wohl einen Schabernack gespielt und Steinklumpen hineingetan haben, dachte er. Auf der Ilsenbrücke hielt er an, öffnete den Ranzen, fand ihn aber nur voll Eicheln und Tannenzapfen. Was soll ich an dem Zeuge tragen? sagte er und schüttelte es in die Ilse hinab, da hörte er ein Klingeln drunten auf den Steinen, es blinkte und blitzte wie helles Gold herauf und verschwand. Geschwind schloß er den Ranzen, einige Eicheln rasselten noch darin. Als er heimkam, waren sie Goldstücke, und der Rest reichte dennoch hin, ihn reich zu machen.

401. Der Brunnengeist auf Regenstein

Eine uralte Felsenburg am Niederharz ist der Regenstein oder Reinstein, zu den Zeiten Kaiser Heinrich des Finklers entstanden, ganz in Felsen gehauen. Es saßen Grafen darauf, die führten ein Hirschgeweih in ihrem Wappen. Einer derselben, Friedrich genannt, blieb erbenlos mit seiner Ehefrau, und beide trauerten darüber sehr, daß ihr Geschlecht mit ihnen erlöschen solle. Nun war auf dem Regenstein ein tiefer Felsenbrunnen, dahinein war des Ahnherrn Geist gebannt, der erteilte bisweilen Rat und sagte zukünftige Ereignisse voraus. Deshalb lag Graf Friedrichs Hausfrau ihren Gemahl an, doch den Geist zu befragen, ob es nicht möglich, daß ihr Geschlecht sich forterbe. Und da nun in der Mitternachtstunde eines Marientages Graf Friedrich sich dem Brunnen nahte, so erschien ihm seines Ahnherrn Geist und sprach: Was ihr hoffet, wird euch erfüllt. – Da fragte der Graf den Geist, ob für ihn keine Ruhe und Erlösung zu hoffen. – Wann der Reinstein zur Trümmer wird, dann werde ich Ruhe finden! antwortete der Geist und verschwand. Das war ein Wort, welches wenig Hoffnung gab, denn daß die Burg, das Felsenhaus, je eine Trümmer werden könne, schien undenkbar. – Noch in demselben Jahre schenkte Graf Friedrichs Gemahlin ihm einen Erben, einen frischen Knaben, der den Namen Konrad empfing. Und im darauffolgenden Jahre ward ein zweiter Knabe geboren, der ward Helmold genannt. Bei dessen Geburt ließ der Geist des Ahnherrn im Brunnen sich sehen und sprach aus: Dieses Kind wird meine Erlösung bewirken, wie er meinen Namen führt. Da offenbarte sich, daß der Geist im Brunnen jener des wilden Ahnherrn Helmold von Regenstein sei. Helmolds, des Letztgeborenen, Erziehung wurde vernachlässigt, er entfloh, wurde ein Räuberhauptmann, verlangte nach seiner Eltern Tode sein Erbteil von seinem Bruder Konrad, und da dieser es weigerte, so eroberte Helmold mit seiner Schar die Burg, zwang seinem Bruder sein Erbteil ab, versöhnte sich jedoch mit ihm, verleitete ihn aber zugleich selbst zur Wegelagerei, und dieses hatte zur Folge, daß der Herzog von Braunschweig die Burg belagerte, einnahm und das Raubnest so weit zerstörte, als es nicht ganz und gar aus Felsen bestand. Da ist des Ahnherrn Geist zum letzten Male aus dem Brunnen des Regenstein gestiegen und zu seiner ewigen Ruhe gelangt.

402. Die Teufelsmauern

Vom alten Felsenschlosse Regenstein bei Blankenburg an erblickt man in der Richtung nach Gernrode und Ballenstädt, zwischen diesen Städten und Quedlinburg, hochgegipfelte Felsenreihen, die von ferne gesehen, Mauertrümmern ganz ähnlich erscheinen, und, öfters unterbrochen, sich erstrecken; sie ähneln alten Festungsmauern, in die mit Kanonenkugeln Breschen geschossen sind, und bieten manches phantastische Gebilde dar. Die Sage geht, daß als Gott der Herr die Erde geschaffen, so habe der Teufel als Urcommunist, begehrt, mit ihm zu theilen, und alsbald in dieser schönen Harzgegend begonnen, sein Reich abzugrenzen. Vor allem habe er sich den Harzwald mit seinem Thronberge, dem Brocken, seinen Pfuhl bei Thale und so manches andere vorbehalten, Orte, die er auch bis dato noch nicht gänzlich aufgegeben, und dem lieben Gott das platte Land vergönnt. Und damit ihm sein Lieblingsgebirge, und darin sein Bad, sein Bette, seine Kanzel und seine Mühlen um so sicherer bleibe, habe er begonnen, dasselbe mit einer riesigen Felsenmauer zu umwallen. Der liebe Gott sah dem Werke des Teufels eine Zeitlang zu, bis er ihm ein Ende machte und mit einem Zucken seiner Augenwimper die Mauer brach. Wer von Gernrode nach Quedlinburg den Fußweg geht, geht mitten durch die Mauer wie durch ein Nadelöhr.

403. Roßtrappe und Cretpfuhl

Von keiner Felsengruppe des Harzgebirges gehen der Sagen so viele als von dem schaurigen Talkessel, den nahe beim Dorfe Thale die Bode, das wilde Waldwasser, brausend durchwallt. In frühen, frühen Zeiten bewohnten Riesen den Harzwald; ein solcher Heune hatte eine schöne Tochter, die liebte einen jungen Riesensohn des Namens Wittig, welcher dem Felsen, der heute die Roßtrappe heißt, gegenüber seinen Wohnsitz hatte, ihr Vater wollte aber nichts von dieser Liebe wissen und verbot ihr dieselbe mit Strenge. Da beschloß das Riesenfräulein heimliche Flucht, und da der Vater unter solchen Umständen nicht an ihre Mitgift denken konnte, so beschloß sie, diese selbst mitgehen zu heißen. Sie nahm daher nebst andern Schätzen auch ihres Vaters schwere goldene Krone und setzte sie auf ihr Haupt, stieg zu Roß und eilte dem Felsgebirge zu, in der Nähe des Geliebten sich zu bergen. Bald aber ward ihre Flucht entdeckt, und die Verfolgung brauste hinter ihr her. Auf hohem Felsenvorsprung, der in jähe Tiefe hinab sich senkte, rings Fels an Fels aufgegipfelt, und im Tale der schwarze strudelnde, schäumende Waldbach, sah sie sich umringt, aber da zwang sie ihr Roß zum entsetzlichen Sprung über den Talkessel, und glücklich kam sie hinüber, wohin kein Verfolger ihr nachkonnte; nur die Krone entfiel ihr tief in den Bodestrudel hinab; die Stelle, wo des alten Harzkönigs Krone noch immer in der Tiefe ruht, heißt noch heute das Kronenloch, und da, wo des Rosses Huf dem Fels durch die Gewalt des Sprunges sich eingedrückt, blieb die Spur stets sichtbar und hat der ganzen wildschönen Felsengruppe den Namen die Roßtrappe gegeben. Eine Stelle nahe dabei wird der Tanzplatz genannt; auf ihr tanzte die Hünentochter vor Freude, der Verfolgung entronnen und mit ihrem Geliebten vereinigt zu sein. Andere nennen denselben Platz des Teufels Tanzplatz, ein kleines Filial von seinem großen hoch oben auf dem Brockengipfel.

Zu einer Zeit wollten die Umwohner gar die goldene Krone des Harzkönigs wiedergewinnen, ein Taucher ward geworben, der mußte hinab in den Bodewirbel; er tat es nicht gerne, doch glücklich fand er die Krone und hob die Hand, und ihre goldenen Zacken glitzerten über dem Wasser. Aber gleich darauf entfiel seiner Hand die Krone. Nochmals tauchte er nieder, nochmals fand er die Krone und ließ ihre blitzenden Zacken dem zahlreich versammelten Volke sehen, da entfiel sie ihm abermals, denn sie war schwer. Und wieder tauchte er hinab in den Cretpfuhl, aber nimmer kam er wieder herauf. Ein Blutstrom sprang aus dem Wasserwirbel, zum Zeichen, daß die unterirdischen Mächte, welche die Krone bewachen, ihn getötet hatten. Jetzt soll immer noch ein schwarzer Hund die Krone hüten. Tiefe Stille waltet über dem schauerlichen Grunde, nur das Wasser der Bode rauscht und rollt fort und fort über das dunkle Gestein.

404. Das quellende Silber

Im Tale, wo die Bode aus den Schluchten der Roßtrappe hervorkommt und friedlicher fließt, hat vordessen ein armer Bauer gelebt, der schickte seine Tochter in die nahe Waldung, etwas Holz zu sammeln. Das Kind füllte sich mit abgefallenen Ästen und Zweigen den Tragkorb und auch noch einen Handkorb, so viel es fortbringen konnte, und ging heimwärts. Da ist ihm ein altes schneeweißes Männlein begegnet, das hat ihm geboten, sein zusammengelesenes Holz wieder auszuschütten und ihm zu folgen, es wolle ihm etwas Besseres zeigen. Nahm das Kind an die Hand, führte es wieder zurück an einen Hügel und zeigte ihm einen Platz, der war zweier Tische breit, und darauf quoll eitel Silbergeld, kleine und große Münzen, mit uralter Schrift darauf und einem Marienbild, wie die Stadt Goslar am Harz in ihrem Wappen führt und solcher Münzen viele hat prägen lassen. Das Mädchen erschrak vor dem quellenden Silber und fürchtete sich, das Männlein aber füllte ihm selbst den Handkorb mit den uralten und doch noch blanken Harzgulden. Den Tragkorb aber wollte das Mädchen nicht ausschütten, es sagte, zu Hause brauchten sie Holz, Milch und Suppe zu kochen für die kleinen Kinder und ihnen eine warme Stube zu machen. Da ließ es das Männlein dabei bewenden und ließ das Mädchen nach Hause gehen. Da dieses nun sein Glück erzählte und es im Dorfe herumkam, da entstand ein Laufen und Rennen, jeder Nachbar wollte der Erste sein, jeder nahm einen Feuereimer oder zwei und einen Schöpfstutz mit, als wenn es brenne, aber es hat ihrer keiner weder das Männlein noch den Ort des quellenden Silbers gefunden. Der Herzog von Braunschweig kaufte von den alten Münzen ein ganzes Pfund und ließ die Stücke im Münzkabinett aufbewahren.

405. Der Mägdesprung

Im Selketale gipfelt sich eine schroffe Felswand empor, ähnlich dem Ilsenstein im Ilsetale, auch auf dem Gipfel mit einem eisernen Kreuze geziert, dem, wie jenem, ein anderer, nur minder hoher Felsen so gegenübersteht, als hätten beide zusammengehört. Auf beiden wird eine in den Fels tief eingedrückte Fußtapfe gezeigt und auch eine ähnliche Sage wie vom Ilsensteine erzählt.

Eine Liebende, deren Geliebter auf dem gegenüberstehenden Felsen ihrer harrte, ward von so heftiger Sehnsucht zu ihm getrieben, daß sie den gewaltigen Sprung hinüber wagte, und hüben und drüben drückten ihre Fußspuren sich dem Felsen ein. Daß nur eine Hünentochter solches vermochte, liegt in der Örtlichkeit bedingt. Andere erzählen, daß bloß, um bei einer lieben Gespielin zu sein, die junge Hünin, vom Petersberge herkommend, welche erstere drüben auf dem Rammberge unter der Teufelsmühle erblickte, den Sprung gewagt. Da sie eine Weile unschlüssig stand und die Sprungweite maß, während die Freundin ihr drüben winkte, sah sie drunten ein Knechtlein, das in der Harzgeroder Gegend pflügte und ihr lachend zurief: Springe doch, springe doch, Riesenmaid! Da bog die Hünenmagedein den ungeheuern Leib zu Tale, und streckte den Arm so lang aus wie die Jungfrau Helvetia im Bilde auf den neuen Schweizer Münzen, und raffte das Knechtlein samt Pferden und Pflug empor, und tat ihren Hupf hinüber samt allem, was sie in ihr Schürztuch geladen hatte, und da haben die beiden Hünentöchter tausend Spaß mit dem niedlichen Spielzeug, dem Menschlein, den Pferdlein und dem seltsamen Geräte, dem Ackerpflug, gehabt.

406. Falkenstein und Tidian

Weit berufen ist das stattliche Schloß Falkenstein im Harz über dem Selketale, vorzugsweise weit und breit das Schloß genannt, darauf haben schon in uralten Zeiten mannliche Harzgrafen gesessen und hat ein Graf Hoyer von Falkenstein das berühmte alte Rechtsbuch, der Sachsenspiegel genannt, durch einen Edelmann, Ecko von Rebkau, sammeln und aus der lateinischen in die deutsche Sprache übertragen lassen.

Auf Schloß Falkenstein hauste ein Burggeist, der manchen Spuk übte. Da einstmals viele Grafen und Herren der Umgegend, darunter auch ein Graf von Anhalt war, auf Falkenstein beim Spiele saßen und dieser Graf alles verloren hatte, was er bei sich trug, setzte er noch ein oder einige Haare seines Bartes zum Spielpfande ein und verlor auch die. Niemand unterfing sich, dieselben ihm ausraufen zu wollen, und er selbst tat es auch nicht. Aber in der Nacht stattete ihm der Burggeist einen Besuch ab und forderte das Spielpfand und nahm's. Einen andern edlen Herrn, der in verschlossener Kammer schlief, soll derselbige Geist aus dem Bette geworfen haben, doch könnte dies auch der Weingeist gewesen sein. Schloß Falkenstein ist noch im Stande trefflicher Erhaltung, und werden da selbst viele merkwürdige Gegenstände gezeigt.

Nahe beim Falkenstein liegt der Wald Tidian und in demselben eine tiefe Höhle, die Tidianshöhle geheißen, von der geht manche Sage. Es ruht in ihr neben andern reichen Schätzen ein ganz goldner Mann; wem es glückte, von diesem Mann etwas abzubringen, der hatte, wie die Goldschmiede erprobten, ein Gold, das an Reinheit und Feinheit jedes andere übertraf. Ein Schäfer, der so glücklich war, die Wunderblume zu finden, fand auch die Tidianshöhle; die eiserne Türe öffnete sich ihm, und er gewann Goldes die Fülle, das ein Goldschmied in Quedlinburg ihm abkaufte, gegen den der Schäfer kein Hehl machte, wo er es gewonnen. Der Goldschmied sprach zu ihm: Bringe mehr, und der glückliche Schäfer, immer noch im Besitz der Wunderblume, ging und fand und brachte mehr. Da kam ein Graf von Falkenstein zum Goldschmied, ein Geschmeide zu kaufen, verlangte es vom feinsten Golde, und da sprach der Goldschmied: Das feinste Gold kommt vom Tidian. Vom Tidian, aus meinem Walde? fragte erstaunt der Graf und erfuhr nun des Schäfers Glück. Solches wollte der Graf nicht nur teilen, denn vom Teilen mit dem gemeinen Mann sind die Grafen und Herren allüberall niemals und im geringsten nicht Freunde gewesen, sondern er wollt' es alleinig besitzen, ließ den Schäfer entbieten und befragte ihn scharf, warum er ihm, dem Grafen, das Gold aus dem Berge trage, gleich solle er den Ort zeigen, wo er es gefunden. Dem armen Schäfer, der an ein Unrecht nicht gedacht und genommen hatte, was gütige Berggeister ihm gönnten, erzitterte das Herz, er ließ seinen Hut aus der Hand fallen, da sprang des Grafen Affe herbei und nahm den Hut, spielte damit und zerbiß und zerpflückte die Wunderblume in eitel kleine Stücken. Wohl führte gehorsam der Schäfer seinen strengen Herrn in den Tidian, wohl fand er die Höhle, aber wo die eiserne Türe zum Innern sich geöffnet, da hemmte jetzt starrer Fels jeden Weiterschritt.

Die Sage geht, daß die Tidianshöhle ihre Schätze so lange festhalten müsse und werde, bis auf Schloß Falkenstein drei Herren geboren werden und gewohnt haben, von denen einer blind, einer lahm und einer stumm ist, und dieses ist noch nicht dagewesen.

407. Der Gott im Kasten

In der Gegend von Harzgerode und Günthersberge liegt ein uraltes Dorf, heißt Waterleben (Wasserleben), darinnen wohnten zu des löblichen Bischof Friedrich von Halberstadt Zeiten zwei fromme Schwestern, von denen hatte die eine ihr notdürftiges, ja gutes Auskommen, der andern aber ging alles krebsgängig, obschon sie es am Fleiß nicht mangeln ließ; betrübte sich deshalb nicht wenig und beneidete ihre Schwester, ließ ihr auch das mit Worten fühlen. Da sprach die glücklichere Schwester: Was neidest du mich? Ich habe unsern Herrgott im Kasten, der segnet all das Meine und gibt mir das Glück im Schlafe. Diese Worte nahm sich die arme Schwester zu Herzen, und als sie Ostern zum Nachtmahl ging, behielt sie die heilige Hostie im Mund und tät sie dann heimlich daheim in ein Tüchlein gewickelt in ihren Kasten. Als sie nun nach ein paar Tagen nachsehen wollte, ob der Herrgott im Kasten ihr etwas Rechtschaffenes zuwege gebracht, so sah sie, daß die Hostie Blut schwitzte, wie jene, die das Weib zu Zehdenick in der Mark vorm Bierfaß vergraben, und war das ganze Tuch, darin sie die Hostie gewickelt, von Blut durchnäßt. Erschrocken rief die Frau ihren Mann herbei, dieser zeigte es dem Pfarrer an und der Pfarrer dem Bischof zu Halberstadt, und da kam die ganze Klerisei der Umgegend, den Bischof an der Spitze, in Prozession, erhoben die Hostie und trugen sie unter Gesängen und mit brennenden Kerzen bis nach Hauslar (andere nennen Heudeber) und wollten sie gen Halberstadt führen. Aber von dem Altar, auf den die Hostie dort gesetzt ward, konnte sie nicht wieder abgenommen werden, und mußte allda bleiben, blutete aber fort und fort. Da kamen so viele andächtige Waller, daß von ihren Gaben gar bald ein Kloster gestiftet werden konnte. Ob der armen Frau, die gern auch den Gott im Kasten haben wollte, das heilige Blut in etwas zugute gekommen, davon meldet die Sage nichts, doch ist, daß es geschehen, wohl zu hoffen.

408. Der Totenweg

Nicht weit von Waterleben liegt das Dorf Rottleberode, nahe dabei ist ein Teich und ein Hohlweg, den nennen die Leute den Totenweg. Als eine Anzahl Harzgrafen, darunter Graf Botho VII. von Stolberg, dessen Schwiegervater Graf Heinrich von Schwarzburg und Graf Heinrich der Kühne von Hohnstein, als Erbverbrüderte gegen den Bischof Burchard III. von Halberstadt kriegten und dieser Bischof in der güldnen Aue viel Schaden tat und allen Mutwillen alldorten ausübte, ließen sie die Wege auf dem Harzwald verhauen, griffen des Bischofs Heer in diesem Hohlweg an, erlegten eine große Anzahl, nahmen über siebenhundert Mann gefangen und jagten die übrigen in den Teich. Von da an hieß jener Hohlweg der Totenweg, und man hat bisweilen in ihm des Nachts wildes Schlachtgetümmel vernommen und Geister miteinander heftig kämpfen gesehen.

409. Der Tanzteich

Beim Dorfe Sachswerfen an der Straße von Nordhausen nach Ilfeld, dicht unter einem abschüssigen Gipsfelsen, liegt ein Teich, der über sechs Morgen im Umfang hat. Einst stand an dessen Stelle ein Wirtshaus, darinnen ward alle Sonntag getanzt; das wäre nicht sündlich gewesen, aber die Tanzlust der Menschen wuchs so sehr, daß sie auch unter der Kirche schon zu hüpfen und zu springen begannen. Als es das erstemal geschah, kam ein Gewitter und schlug in einen Baum ein; beim zweiten Male erbebte die Erde, daß alle Balken krachten; beim dritten Male, da sich die Tanzenden nicht durch diese Anzeichen irren und warnen ließen, schickte der Herr ein Wetter und ein Erdbeben zugleich; das Wetter schlug in das Haus ein, und das Erdbeben machte es mit allen Musikanten und Tänzern in die Tiefe versinken. An des Hauses Stelle trat ein tiefer Teich, der bis heute der Tanzteich heißt. Im Teiche sollen viele und darunter uralte Fische sein. Vor Jahren hat sich in diesem Teiche ein rätselhaftes Tier blicken lassen, das niemand kannte. Da man aber Anstalten machte, es zu fangen, tauchte es unter und kam niemals wieder zum Vorschein. Das Wasser des Tanzteiches sieht schwarz und grausenhaft aus. Man erzählt, daß Kähne, auf denen der Teich befahren wird, zu tanzen beginnen. Nahe dabei ist eine Höhle, das Ziegenloch, dahinein soll das Wasser strudeln.

410. Die Quäste

Im Harz ohnweit Roßla und Wallhausen erhebt sich eine Burgtrümmer auf dem Quästenberge, der aber früher Finsterberg geheißen haben soll, und das Dorf Quästenberg am Fuße soll auch eine Stadt gewesen sein.

Der Burgherren einer hatte eine Tochter, die ging als junges Kind aus der Burg und verirrte sich, Blumen suchend, in dem Walde, der rings die Burg umgab. Als das Töchterlein nicht heimkehrte und vermißt wurde, entstand große Sorge um dasselbe in den Herzen seiner Eltern, die ganze Dienerschaft ward ausgesandt, es zu suchen. Indessen hatte ein Köhler dasselbe schon im tiefen Walde gefunden, wie es harmlos aus seinen Blumen einen Kranz wand, und nichts von ihm über seine Herkunft erfahren können; er hatte es aber mit in seine Hütte genommen, ihm zu essen gegeben und es bei sich behalten. Zu ihm in seine stille Waldeinsamkeit drang nichts von der Sorge und dem Suchen, die dem verlorenen Kinde galten, bis einige Leute von Roda, einem mansfeldischen Dorfe, es auf einer Wiese wieder mit Kranzwinden beschäftigt fanden und von ihm zu der Köhlerhütte geleitet wurden; diese Leute wußten von dem Verlust des Kindes, befragten den Köhler und erfuhren von ihm, daß er dasselbe im Walde allein gefunden habe. Nun eilten alle mit dem Kinde nach der Finsterburg, und der Köhler trug den Kranz, den es gewunden hatte, solchen Kranz nannte man aber damals Quäste. Große Freude über des Kindes Wiederkehr war auf der Burg. Der Ritter schenkte dem Köhler und den Einwohnern zu Roda die Wiese, auf der sein Töchterlein wiedergefunden wurde, und ordnete ein Volksfest an, das alle Jahre am Tage der Auffindung des Kindes, am dritten Pfingsttage, gehalten werden sollte. Da ziehen die Bursche – denn das Fest besteht noch immer – eine starke Eiche auf den Burgplatz, befestigen einen Kranz wie ein Wagenrad groß daran und richten sie auf, es wird sogar zur Erinnerung noch Gottesdienst gehalten. Auch nannte jener Ritter seine Burg fortan Quästenburg und nicht mehr Finsterburg, und im Volke heißt noch heute die jetzt öde Trümmer die Quäste.

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