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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Der Lindwurm auf Frankenstein
  2. Das Frankensteiner Eselslehen
  3. Das goldne Mainz
  4. Hatto, Heriger und Willigis
  5. Die heiligen Kreuze zu Mainz
  6. Heinrich Frauenlobs Begängnis
  7. Die heilige Bilhilde
  8. Der Franken Furt
  9. Des Königs Weihnacht
  10. Vom Eschenheimer Turm

60. Der Lindwurm auf Frankenstein

Überm Dorfe Eberstadt, zwei Stunden von Darmstadt, liegen die umfangreichen Trümmer der Burg Frankenstein. Darauf saß ein Ritter, der hieß Hans, nach andern aber Georg, drunten im Dorfe aber floß ein Brunnen, aus dem die Bauern ihr Wasser schöpften, und auch auf die Burg hinauf wurde solches Wasser geholt. Neben dem Brunnen wohnte ein greulicher Lindwurm, der ließ niemand zum Brunnen, es mußte ihm zuvor ein nicht zu kleines Tier geopfert werden, ein Schaf, ein Hund, ein Kalb, ein Schwein – er fraß alles und viel, und solange er fraß, konnte jedermann zum Brunnen – wenn er aber nichts hatte, so fraß er die Leute, die zum Brunnen kamen. Da entschloß sich der Ritter von Frankenstein, das Dorf und die Gegend von dem schädlichen Ungetüm zu befreien, wappnete sich und stritt mit dem Lindwurm, der wehrte sich gar wacker, spie so viel Feuer, als ihm möglich war, aber der Ritter schlug dem Wurm endlich den Kopf glatt ab, aber der spitze Pfeilschweif des Drachen kringelte sich um den Ritter und stach ihn hinterwärts, wo die Rüstung nicht deckte, in die Kniekehle, und da der ganze Wurm über und über, außen und innen giftig war, so mußte der wackere Ritter von Frankenstein am Drachengifte sterben. Danach ist er begraben wor den zu seinen Vätern in die Kirche zu Niederbeerbach (andere sagen Oberbeerbach), wo die Frankensteiner schöne Grabmäler haben, und hat auch ein stattlich Monument erhalten im Harnisch mit Schwert und Streithammer, lebensgroß. Auf den Lindwurm, der seinen Schweif nach der Kniekehle richtet, tritt er, und Engel krönen ihn, ein echtes Bild des christlichen Märtyrers und Heiligen Ritter St. Georg.

61. Das Frankensteiner Eselslehen

Zu Darmstadt hat es vorzeiten gar böse Weiber gegeben, wollen hoffen, daß jetzt bessere darinnen sind. Diese damaligen Weiber prügelten ihre Männer, wie die Sage geht, nach Noten und so arg, daß die Männer sich ihrer Weiber und der Schläge nicht anders erwehren konnten, als daß sie Hülfe bei denen von Frankenstein über Bessungen suchten. Denen gaben die Darmstädter alljährlich zwölf Malter Korn, zwei Gulden und zwei Hessen-Albus Geld, dafür hielten die Frankensteiner einen Esel, den sandten sie jedesmal mit gutem handfesten Geleit, wenn er zur Stadt begehrt wurde, und auf sotanem Esel mußte das Weiblein reiten, das seinen Mann geschlagen, und zwar durch die ganze Stadt. Hatte die Frau den Mann geschlagen unversehens oder war dieser krank und seiner Kräfte nicht mächtig, so führte der Geleitsmann den Esel, hatte es aber zwischen Mann und Frau einen offenen und ehrlichen Kampf gesetzt und er von ihr das Beste abbekommen, so mußte der Mann zu seinem großen Schimpf den Esel selbst führen. Zu dieser Zeit ward das Recht und die Sitte gar streng gehandhabt zu Darmstadt, denn es war allda ein Bürgerausschuß, der übte die Polizei und war sehr gefürchtet von allem losen Gesindlein, das nannte ihn, weil er aus hundert Beisassen bestand, das böse Hundert. Da geschah es, daß einmal eine ganze Gesellschaft – ein Kränzchen würde man es heutiges Tages nennen – böser Weiber sich zusammentat, die Männer weidlich schlug, und da haben die Männer des bösen Hunderts an die Frankensteiner geschrieben, daß sie ihnen eilend nach dem Recht und Gesetz des Burglehens mit dem Esel möchten zu Hülfe kommen mit seinem Geleitsmann, und sie wollten beiden, dem Mann und dem Esel, ihren Stadtboten entgegenschicken, daß der beide herein nach Darmstadt geleite, sollten genugsam Mahl und Futter haben, und wenn sie den Esel gebraucht in ihren Nöten, so sollten beide wieder kostenfrei zurückgeleitet werden, damit daß die übermütige, stolze und böse Weibesgewalt möge unterdrückt werden und nicht weiter einreißen.

Und auch hernachmals ist solche Strafe noch öfter zu vollziehen nötig gewesen, und andere Orte der Nachbarschaft haben den Esel auch nötig gehabt, wie Pfungstadt, Niederramstadt, Crumstadt, Goddlau usw., und Bessungen allein ist denen Rittern von Frankenstein hundert Malter Korn vom Eselslehen schuldig geblieben, daher liehen sie ihnen auch den Esel fürder nicht mehr, mochten ihre Weiber die Bessunger noch so sehr schlagen.

62. Das goldne Mainz

Mainz, die uralte Römerstadt nahe dem Zusammenströmen des Rhein und Main, von welch letzterm sie den Namen hat, wurde auch, gleich deraurea Roma, golden genannt, und eine angebaute Berghöhe über der Stadt empfing den Namen die goldne Luft. Viele haltlose Fabeln sind aufgebracht worden, wovon der Name der Stadt herzuleiten, während doch nichts näher lag als der Nachbarstrom. Die Römer gründeten dort Werke, deren Trümmer noch sichtbar sind, deren Name noch forthallt. Ein noch dauerbareres Werk, das Christentum, in Mainz eingeführt und befestigt, führte die Stadt zu hoher Blüte. Winfried Bonifazius wurde der erste Erzbischof zu Mainz, durch ihn und seinen mächtigen Einfluß ward der Grund gelegt, daß der Erzbischofsstuhl in dieser Stadt der bedeutendste in Deutschland wurde, und daß der Erzbischof von Mainz später zugleich des Reiches Kurfürst, der erste Mann nach dem Kaiser war. Doch soll Winfried nicht allezeit die Pracht und Macht gutgeheißen haben, die in der Kirche immer höher stieg, sondern vielmehr gesagt und geklagt haben: Vordessen waren die Priester golden und bedienten sich hölzerner Kelche, in unsern Zeiten aber bedienen sich hölzerne Priester goldner Kelche – und Spruch wie Sache vererbten sich so fort durch alle kommenden Zeiten, nicht nur im goldnen Mainz.

63. Hatto, Heriger und Willigis

Drei Namen der ältesten Erzbischöfe von Mainz hat die Sage des Volkes insonderheit von Mund zu Mund bis auf die späte Nachwelt getragen.

Hatto war gar ein strenger Herr, zornigen, treulosen Gemütes, ohne Furcht vor Gott und ohne Liebe zu den Menschen. Er war es, der durch schändlichen Verrat den edlen Grafen Adalbert von Babenberg in das Lager König Ludwigs IV. lockte, welcher denselben enthaupten ließ. Wenn Bischof Hatto eine Rede bekräftigen wollte, so soll er immerdar das Wort im Munde geführt haben: Sollen mich die Mäuse fressen, wenn's nicht wahr ist. Nun trug sich's zu, daß unter Hattos Regierung eine große Not und Teurung entstand, daß die Leute Hunde und Katzen aßen und viele Hungers starben. Und da war des Bettelns und Gabenheischens in dem Bischofhof zu Mainz kein Ende, und meinte Hatto, es sei am besten, das arme Volk käme eilend von der Welt, so hungere es nicht mehr, und er bliebe ungeplagt. Ließ daher alle Armen der Stadt in eine Scheune draußen vor dem Tore entbieten, als wolle er ihnen eine Mahlzeit zurichten lassen, und als alle darinnen waren, ließ er das Scheunentor verschließen und die Scheune an allen vier Ecken anzünden. Da nun die Eingesperrten gar ein jämmerliches Geschrei erhoben, so sagte der grausame Bischof: Hört ihr, wie meine Kornmäuse pfeifen? Nun wird der Bettel wohl ein Ende haben, sollen mich die Mäuse fressen, wenn's nicht wahr ist! – Und siehe, da sprang eine Schar Mäuse aus dem Brand der Scheune hervor und an den Bischof hinan, die bissen ihn, und ihm graute. Als er nach Hause kam und sich zur Tafel setzte, liefen Mäuse auf der Tafel herum, fraßen von seinen Speisen, fielen in seinen Becher und bissen ihn in die Hände. Über seiner Lagerstatt und unter ihr und in ihr waren Mäuse und quälten ihn mit wütenden Bissen – da erkannte Hatto schaudernd das Gericht Gottes. Nun stand bei Bingen im Rheinstrom eine Wasserburg, dahin enteilte der Bischof, dort sicher zu sein, denn über das Wasser, meinte er, würden die Mäuse nicht kommen. Aber ehe er noch in das Schiff trat, waren schon die Mäuse drin, und da half kein Totschlagen, denn sie verkrochen sich, und ganze Scharen Wassermäuse kamen, die schwammen mit dem Schiff in die Wette nach der Turminsel bei Bingen. Auf einem großen Rheinfloß waren nicht so viele Menschen als Mäuse in und um Bischof Hattos Schiff. Und als er in dem Turme war, da fielen sie ihn an und bissen ihn und fraßen ihn bei lebendigem Leibe, und er litt brennende Höllenschmerzen von den zahllosen Bissen und verfluchte seine Seele zu allen Teufeln. Und die Teufel ließen nicht allzu lange auf sich warten, sie kamen dahergefahren im lichterlohen Brande und nahmen seine Seele und, was vom Leib die Mäuse übriggelassen hatten, und warfen es in den Schlund des Ätna. Und wo an einer Wand oder auf einer Tafel der Name des Bischofs Hatto zu lesen war, den nagten die Mäuse ab, selbst sein Gedächtnis zu vertilgen. Seitdem heißt der Rest von Hattos Wasserburg im Rhein bei Bingen der Mäuseturm. – Eine ähnliche Sage von einem Mäuseturm geht auch in der Provinz Posen, der steht im Goplosee.

Ein frommerer Mann war Erzbischof Heriger, auch streng, aber gerecht. Einst kam gen Mainz ein Mensch, der rühmte sich großer Dinge. Himmel und Hölle habe er durchwandert, und im Paradiese habe er gesessen. Da nun Heriger nach der Hölle Gelegenheit fragte, so antwortete der falsche Prophet, die Hölle liege rings von dichten undurchdringlichen Wäldern umgeben, des lachte Heriger und sprach: In diesen Wäldern mag wohl gute Saumast gefunden werden. Aber sage an, was du im Himmel gesehen? – Im Himmel, antwortete der Sohn des Vaters der Lügen, da habe ich Christus sitzen sehen an großer Tafel, Sankt Johannes war sein Mundschenk – und Christus bewirtete alle Heiligen mit köstlichem Wein, und Sankt Petrus nahm sich des Kochens an und des Bratens, da gab es Essen in Fülle. Darauf sagte Bischof Heriger: Bessern Schenken als Sankt Johannes konnte sich Christus nicht erkiesen, denn dieser Gottesjünger trank nie Wein, während unsere Schenken viel trinken, aber Petrus kann doch nicht Koch im Himmel sein, da er des Himmels Pförtner ist. Doch sage an, welche Ehren dir im Himmel zuteil wurden? Welche Speise, welchen Trank ließ der Herr des Himmels dir reichen? An welchem Ort hast du gesessen? – Ich vermaß mich nicht, mich unter die seligen Himmelsgäste zu setzen, erwiderte der Lügner, sondern ich hielt mich heimlich in einem Winkel der Küche und nahm ein Leberlein oder Stückchen Lunge, das aß ich ungesehen. So hast du gestohlen in dem Himmel und konntest an dem heiligen Ort von deiner Art nicht lassen! rief der Bischof, und der Himmel sendet dich uns, daß wir dich dafür strafen. Ließ alsobald den Lügner an den Schandpfahl binden und mit Ruten stäupen, dann aber gehen, wohin er wollte.

Erzbischof Willigis war ein gelehrter und frommer Mann und von Herzen demütig. Er war von niederer und geringer Herkunft, sein Vater war ein armer Rademacher. Das machte ihm Neid bei den adeligen Domherren, die ihre Ahnenproben ablegen mußten und beschwören, die malten ihm heimlich Räder an die Türen und Wände seines Bischofhofes, zu Schmach und Schimpf, und spotteten: Das ist unsers Bischofs Ahnenwappen. Willigis aber, der fromme Mann, nahm sich das mitnichten als eines Spottes an, er ließ über seiner Bettstätte ein hölzernes Pflugrad aufhängen und in seine Gemächer weiße Räder in rote Wappenfelder malen und dazu einen Reim setzen, der lautete: Willigis, Willigis, denk, woher du kommen sis. Und nachher haben dem frommen Willigis zum Gedächtnis alle nach ihm kommenden Erzbischöfe dieses Rad als Wappenzeichen beibehalten, und Stadt und Bistum Mainz haben es angenommen und beibehalten bis auf den heutigen Tag.

64. Die heiligen Kreuze zu Mainz

Zu Mainz hat eine schöne Kirche in der frühern Zeit den Namen Zu Unsrer Lieben Frauen im Felde geführt, das Volk aber nennt sie Heiligkreuz. Ein Schiff kam gefahren mit Männern und Frauen, die sahen in der Luft ein schimmerndes Kreuz schweben, das ihrem Schiffe nachzog und an seinen Mast sich heftete. Nahe der alten Schiffbrücke beim Holztor legte das Schiff an, und siehe, da war das schimmernde Kreuz kein Luftgebilde, sondern ein ehernes kunstvolles Kruzifix von wundersamer Meisterarbeit. Um nun dessen Bestimmung zu erkunden, wurde es zwei ungejochten und ungeschirrten Ochsen auf den Rücken gelegt, und diese ließ man ohne Leitung und Führung gehen, und da trugen sie das Kreuz auf den Hechtsheimer Berg, dort ward eine Kirche erbaut und das Wundergebilde darinnen zur Verehrung aufgestellt. Viele Kranke sind genesen, die vor dem Kreuze in Andacht knieten, bis die Kirche mit mehreren anderen in Flammen aufging, als Markgraf Albrecht von Brandenburg 1552 die Stadt Mainz einnahm. Zwischen dem Holz- und Bockstor aber ward noch lange Zeit ein Gemälde gesehen, davon noch heute Spuren zu entdecken sind, darstellend ein Kreuz, hangend an den Segeln eines stromaufwärts fahrenden Schiffes.

Zwischen der Kirche zum Heiligen Kreuz und St. Alban stand vorzeiten eine offene Kapelle, darinnen war ein hölzern Kruzifix, darunter Maria und Johannes, zur Verehrung der Gläubigen aufgestellt. Nun lebte zu Mainz ein Bürger, des Name war Schelkropf, ein Spieler und Trunkenbold, der wenig aus dem Wirtshaus zur Blume kam, das in der ehemaligen Vorstadt Vilzbach stand. Eines Tages hatte er alles, was er besaß, verspielt und vertrunken und verwünschte in seinem wilden Rausche sich, Gott und alle Heiligen und schwur, mit seinem Schwerte das erste beste heilige Bild, auf das er stoße, mitten voneinander zu hauen. So taumelte er durchs Feld, und kam an die offene Kapelle, und rannte auf die hölzernen Bilder an, und stach und hieb. Und siehe, da sprangen ihm aus den leblosen Bildern, zumal aus dem Kruzifix, Ströme Blutes entgegen. Entsetzt stand er und sinnverwirrt, das Schwert entfiel seiner Hand, und so ward er gefunden und gefangen. Fromme Hände fingen in Schalen das rinnende Blut auf. Schelkropf wurde für seinen unerhörten Frevel lebendig verbrannt, das wundertätige Christusbild aber und das heilige Blut brachte man in die nahe Kirche. Als diese in Flammen aufging, blieb dieses heilige Kreuzbild verschont und ward gerettet, und noch heute wird es den Gläubigen in der St. Christophskirche zu Mainz gezeigt.

65. Heinrich Frauenlobs Begängnis

Es war in deutschen Lande ein Minnesänger, der sang viel süße Weisen zum Lobe der Frauen, vor allen zum Preise von aller Frauen Krone, deshalb gewann er auch den Namen Frauenlob, denn sein rechter Name war Meister Heinrich von Meißen. Viele Reisen machte der Sänger von einem deutschen Hofe zum andern, er sang irdische und sang Gottesminne. Zu Rostock war Markgraf Waldemar von Brandenburg gesessen, der hatte einen Rosengarten, und ließ ein Festsingen halten, da war Meister Heinrich der erste Singer. Einstmals lauerten Feinde ihm auf und umringten ihn mit Dräuen, sie wollten ihn töten. Da bat er, sie sollten ihm noch einen Sang zum letzten vergönnen, und als sie das taten, sang er so rührend zum Preise der himmlischen Frauen, daß jede gehobene Waffe sich senkte und die Feinde ihn ungehemmt und ungeschädigt von dannen ziehen ließen. Auf seinen Sangesfahrten kam Meister Heinrich auch nach Mainz und verstarb allda und wurde begraben im Umgang des Domes, neben der Schule, mit großen Ehren. Von seiner Herberge bis zur Grabstätte trugen ihn Frauen und erhoben um ihn großes Weinen und Wehklagen, des großen Lobes willen, welches der Sänger dem ganzen weiblichen Geschlecht zeit seines Lebens er teilt hatte. Und mit den Tränen, die sie vergossen, zugleich gossen sie eine Fülle edlen Weins auf Meister Heinrichs Grab, daß der Wein durch den ganzen Umgang der Kirche umherfloß. Und wäre manchem Dichter, der auch die Frauen minnt und preist, lieber, sie gäben ihm solchen Wein beim Leben. Mehr als ein Denkmal ist Heinrich Frauenlob errichtet worden im Dom zu Mainz, und seine Sänge sind noch unvergessen.

66. Die heilige Bilhilde

Zu Hochheim am Main saß ein Geschlecht edler Franken, und noch gewahrte man in neuern Zeiten beim Ziehbrunnen allda Reste ihres Burgsitzes. Das war zu den Zeiten Chlodowigs, des Frankenkönigs. Dieses Geschlechtes einer hieß Iberich, dem ward ein Töchterlein geboren, das wurde Bilhilde geheißen, aber es emfping nicht die heilige Taufe, weil durch Feindesverheerung alle Priester ermordet oder entwichen waren. Doch sendeten die Aeltern das junge Töchterlein in seinem dirtten Jahre gen Würzburg zu Kunegunde, einer Verwandten, und dort empfing es Lehre, und wurde unter die Zahl junger Katechumenen von den Priestern aufgenommen. Zur Taufe gelangte das Kind aber den/noch nicht, denn man hielt es für getauft und es selbst wußte nicht, daß es noch nicht der Taufe Sakrament empfangen. Das Mägdlein wuchs und blühte heran in Tugend und Gottesfurcht. Bilhilde blieb frei von Heidengräueln, die dazu mal noch neben dem Christenthum im Frankenlnde heimisch waren, und der ruf ihrer Schönheit, Frömmigkeit und Sitte drang weit umher in alle Gauen. Davon vernahm auch Hetan, des Thüringer Herzogs Ratulf Sohn, der war schon einmal vermählt gewesen, und hatte zwei Söhne und warb um die junge Bilhilde; Hetan aber war noch ein Heide und Bilhilde nahm ihn nur auf den dringenden Wunsch ihrer Aeltern zum Gemahl, und in der Hoffnung, es werde ihr gelingen, ihn zum milden Christenthum sammt den Seinen zu bewegen. Solches gelang ihr aber mit nichten, zu ihrer großen Kümmerniß, daher lebte sie sehr still und schmucklos, in den Uebungen strenger Kasteiung und Buße. Hetan fand den Tod in der Schlacht, und seine Wittwe empfand ein Sehnen nach íhrer Mutter, auch ward ihr von dem Thüringervolke mit Undank gelohnt, daß sie die Christuslehre unter ihm auszubreiten bemüht gewesen, sie wurde verfolgt und zur Flucht genöthigt, und stieg mit ihren Jungfrauen zur Nacht in ein Schiff, ohne Steuer und Fährmann. Aber Engel erschienen, die lenkten das Schifflein an allen Untiefen und an allen Klippen glücklich vorüber auf der langen weiten Stromfahrt, von der fränkischen Saale in den Main und vom Main an Hochheim vorüber und landete in Mainz an, wo Siegbert. Bilhilden’s Ohm, Bischof geworden war, der empfing die fromme Jungfrau gar liebevoll, gab ihr Wohnung, und half ihr zum Besitz ihres Erbes in Hochheim, denn ihre Aeltern waren indeß verstorben. Darauf stiftete die fromme Bilhilde ein Kloster, Altenmünster zu Main von ihrem Erbgut, lebte gottergeben, züchtig, mildthätig, bis ihr Lebensziel fast erreicht war. Da träumte dreien Nonnen im selben Kloster, dem Bilhilde als Aebtissin vorstand, daß ihre Mutter und Oberin noch gar nicht getauft sei, und offenbarten es ihr, aber sie wollte und konnte das gar nicht glauben, bis es durch ein anderweites Gesicht oder durch die Stimme eines Engels auch ihrem Ohm offenbart wurde, der dann die fromme Christin in den Christenbund aufnahm. Nachher hat Bilhilde sich dem Weltleben völlig abgethan, und als sie verstarb, erschien ein Lichtgalnz um ihre irdische Hülle, und Wohlgeruch erfüllte ihre Zelle. Kranke genaßen in ihrer Nähe, Blinde wurden sehend und Todte wandelten. Bilhilde wurde die erste Heilige des Frankenlandes.

Viele sagen, Bilhilde sei noch bei Leben ihres Gemahls Hetan auf so wunderbar geleitetem Schifflein nach Mainz gekommen. Auch liegt eine Meile unterhalb Würzburg am Mainstrom ein Ort, heißt Veitshochheim, der hat sich auch, gleich Hochheim, Bilhilden’s Herkunft, und daß sie ihm entstamme, angenommen, hat ihr einen eigenen Festtag gestiftet und bewahrt und verehrt vom ihr Reliquien.

67. Der Franken Furt

Die Sage geht, daß die freie deutsche Stadt Frankfurt ihren Ursprung in solcher Weise erhalten habe. Unter Kaiser Karl dem Großen kriegten die Sachsen gegen die Franken und ihren mächtigen König, und waren erstere siegreich und trieben die Feinde bis hinab zum Ende des Mainstroms. Wie nun die Franken flüchtig an diesen Strom und an die Stelle kamen, wo jetzt Frankfurt liegt, und des Stromes Breite und Tiefe sie erschreckte, da sie weder Brücke noch Schiffe hatten, über den Main zu gelangen, siehe, da zeigte ihnen eine Hirschkuh gleichsam nach dem Ratschluß göttlicher Barmherzigkeit den Weg, indem sie ohne Gefahr durch den Strom schritt und also eine Furt anzeigte, wo die flüchtigen Franken nun ohne Gefahr über den Strom setzen konnten und setzten. Da nun später die nachfolgenden Feinde kamen und jene Furt nicht kannten und fanden, so mußten sie die Franken ferner unverfolgt lassen, und Karl der Große soll gesprochen haben: Besser, daß die Völker sagen, ich sei mit meinen Franken vor den Sachsen dieses Mal geflohen, als daß sie sagen, ich sei hier gefallen, denn weil ich lebe, kann und will ich meine Ehre retten. Dort nun siedelten Franken sich an, denn es war ein lieblich und fruchtreich gelegener Gau, und nannten den Ort die Furt der Franken, Frankfurt. Manche sagen, gleich damals haben die Sachsen den Ort Sachsenhausen, Frankfurt gegenüber dicht am Mainstrom, begründet, andere aber behaupten, dessen Gründung sei erst dann geschehen, als Karl der Große überwundene Sachsen aus ihrem Heimatlande hinweg und zur Ansiedelung im Frankenlande genötigt habe, von welcher bis auf den heutigen Tag noch viele Ortsnamen zeugen. Später erbaute Kaiser Karl selbst eine kleine Pfalz zur Frankenfurt und hielt sich Jagens halber gern dort auf, feierte Ostern da und hielt Reichskonvente. Auch Karls des Großen Sohn, König Ludwig, wohnte da, recht in seines weiten Reiches Mitte, und sein Sohn Karl, hernachmals Karl der Kahle genannt, ward allda geboren. Noch immer wird die seichte Stelle im Main gezeigt, wo der Franken Furt war und Frankfurts erster Anbau und Name sich begründete, und Kaiser Karls Pfalz stand da, wo jetzt die St. Leonhardskirche steht, und die neue Pfalz, welche Ludwig der Fromme erbaute und der Saal hieß, lag neben dem Fahrtor, davon hat noch bis heute die Saalgasse ihren Namen. Im Saalhof starben Ludwig der Deutsche, des frommen Ludwig jüngster Sohn, wie auch Hemma, dessen Gemahlin. Dieser König war es, der Frankfurt zu des ostfränkischen Reiches weltlicher Hauptstadt erhob, während Mainz die geistliche war.

68. Des Königs Weihnacht

Wo jetzt der Dom zu Frankfurt steht, stand schon zu König Ludwig des Deutschen Zeiten eine Kapelle, die hieß der Rudtlint, wie auch später zu St. Salvator, und war der heiligen Jungfrau Maria und Karl dem Großen geweiht. Ludwig der Deutsche feierte das Weihnachtfest in seiner Pfalz zu Frankfurt am Main und berief dorthin eine Reichsversammlung. Da geschah es, daß der Teufel in Gestalt eines Priesters und guten Geistes zu Ludwigs Sohne, Karl, trat und zu ihm sagte: Siehe, du bist der Jüngste unter deinen Brüdern, und dein Vater will das Reich deinem Bruder Karlmann geben, das doch dir von Gott bestimmt ist, und will dich verderben, solches will Gott nicht leiden. Karl aber entsetzte sich vor der Versuchung und eilte in die Kapelle, indem er rief: Hebe dich weg, Versucher! Du bist kein Bote von oben! Der Teufel aber folgte ihm in die Kirche nach und sprach: Wäre ich nicht ein Bote von oben, wie dürft' ich mit dir eintreten in dieses Gotteshaus? Wie dürft' ich das Sakrament des Altars, das heilige Meßopfer, vollziehen? – Und so betörte er Karls Sinn mit dem Trug der Hölle, und las die Messe, und reichte ihm die gebenedeite Hostie, und mit der Hostie fuhr er in ihn und besaß ihn.

Da nun die Reichsversammlung war, redete Karl unsinnig in ihr, riß sich das Wehrgehenk von der Seite, schleuderte es samt dem Schwerte mitten in den Saal, riß den Gürtel sich ab und die Gewande vom Leibe und ward heftig hin und her gerüttelt, so daß alle Anwesenden sich entsetzten. Die Bischöfe aber ergriffen den vom bösen Feind Besessenen und führten ihn in die Kapelle, und der Erzbischof begann die Messe über ihn zu singen. Da begann Karl laut zu klagen und Weh über Weh zu schreien in einem fort, bis die Messe zu Ende war, aber die Priester ließen nicht ab mit Gebet, bis der Feind wieder von dem Königssohne wich und Karl durch Gottes Barmherzigkeit geheilt ward. Hielt also König Ludwig gar eine trübe Weihnacht zu Frankfurt. Aber was des Teufels Bosheit des Königs Sohn eingeflüstert, erfüllte sich später dennoch, denn Karlmann und Ludwig starben beide vor ihm, und Karl erhielt des Deutschen Reiches Krone, wenn auch nur auf kurze Zeit, denn er fiel in Schwermut und gab sich ganz in die Hände der Pfaffen. Da entsetzten ihn die Fürsten des Reiches und gaben das an Arnulf, einen natürlichen Sohn seines Bruders Karlmann.

69. Vom Eschenheimer Turm

Zu Frankfurt steht noch gar ein alter Turm von der ehemaligen Stadtmauer. Einst hatten die Frankfurter einen Wilddieb gefangen, des Name war Hänsel Winkelsee, und der saß schon neun Tage im finstern Loch, ehe Spruch und Urteil über ihn erging, und hörte allnächtlich die Wetterfahne kreischen und rasaunen über seinem luftigen Losament hoch oben im Eschenheimer Turme und sprach: Wär' ich frei, und dürft' ich schießen nach meinem Wohlgefallen, so schöß' ich dir, du lausige Fahn' – so viel Löcher durchs Blech, als Nächt' ich hier gesessen hab'. – Diese Rede hörte der Kerkermeister und trug sie vor den Stadtschultheißen der freien Stadt, und dieser sagte: Dem Kerl gehört keine Gnad' als der lichte Galgen; wenn er aber so ein gar guter Schütz sein will, so wollen wir ihm sein Glück probiere lasse. – Und da ward dem Winkelsee seine Büchse gegeben und gesagt, nun solle er tun, wes er sich vermessen: wenn er das könne, solle er frei von dannen gehen, wenn aber auch nur eine Kugel fehl gehe, so müsse er baumeln, und da krähe kein Hahn nach ihm. Da hat der Wildschütz seine Büchse genommen, und hat sie besprochen mit guten Weidmannssprüchlein, und hat Kugeln genommen, die auch nicht ohne waren, und hat angelegt und nach der Fahne gezielt, und hat losgedrückt. Da saß ein Löchlein im Blech, und alles hat gelacht und bravo gerufen. Und nun noch achtmal so, und jede Kugel an die richtige Stelle, und mit dem neunten Schuß war der Neuner fertig, der heute noch in der Fahne auf dem Eschenheimer Turm zu sehen ist, und war ein großes Hallo um den Schützen her. Der Stadtrat aber dachte bei sich: O weh, unsere armen Hirsche und sonstiges Wild, wenn dieser Scharfschütze und Gaudieb wieder hinaus in die Wälder kommt – und beriet sich, und der Stadtschultheiß sagte: Höre, Hänsel, daß du gut schießen kannst, haben wir schon lange an gemeiner Stadt Wildstand verspürt und jetzt auch deine Kunst mit Augen gesehen. Bleibe bei uns, du sollst Schützenhauptmann bei unserer Bürgerwehr werden. – Aber der Hänsel sprach: Mit Gunst, werte Herren, ins Blech hab' ich geschossen, und schieß euch auch auf euern Schützenhauptmann. Eure Dachfahnen trillen mir zu sehr, und euer Hahn kräht mir zu wenig. Mich seht ihr nimmer, und mich fangt ihr nimmer! Dank für die Herberge! – Und nahm seine Büchse und ging trutziglich von dannen. Mit dem Hahn hatte der Hänsel aber nur einen Spott ausgeredet, er meinte das Frankfurter Wahrzeichen, den übergüldeten Hahn mitten auf der Sachsenhäuser Brücke, die der Teufel hatte fertig bauen helfen. Denn als sie der Baumeister nicht fertig brachte, rief er den Teufel zu Hülfe und versprach ihm die erste Seele, die darüberlaufen werde, und jagte dann in der Frühe zu allererst einen Hahn über die Brücke. Da ergrimmte der Teufel, zerriß den Hahn und warf ihn durch die Brücke mitten hindurch; davon wurden zwei Löcher, die können bis heute nicht zugebaut und zugemauert werden, und fällt bei Nacht alles am Tage Gemauerte wieder ein. Auf der Brücke aber wurde der Hahn zum ewigen Wahrzeichen aufgestellt. Den meinte der Hänsel Winkelsee, daß er zu wenig krähe, nämlich gar nicht.

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