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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Das Spielhaus
  2. Die steinerne Wiege
  3. Die Tulipane
  4. Der Farrensamenfinder
  5. Die Fleischer zu Gerstungen
  6. Das Lindigsfrauchen
  7. Die Wichtlein im Werratale
  8. Frau-Hollenbad und -teich
  9. Der Liebenbach
  10. Otto der Schütz

750. Das Spiel-Haus

Zu Tiefenort steht ein steinern Haus, wie ein kleines Schlößchen. Vor Zeiten besaß es ein Ritter, der über alle Maaßen das Spiel liebte. Einst spielte dieser mit einem andern Ritter, und verlor Geld und Gut. Zuletzt stand auch das Haus auf einem Kartenblatt, und der Gegner gewann das Haus durch ein Trumpfblatt – die Roth-Sechse. Erfreut nahm der die Karte in sein Wappen auf, legte sich den Beinamen Spiel-Haus zu, und nutzte sein Eigenthum. Doch kam es nach der Hand in andere Hände, und es sind keine Nachrichten von des Gewinners Familie und Nachkommen zu Tiefenort vorhanden. Das Gut heißt aber immer noch das Spiel-Hausische, und am Gebäude ist das steinerne Wappen des glückhaften Gewinners zu sehen. Nicht minder hängt sein ritterlicher Schild in der Kirche, und zeigt auf einem in die Länge getheilten Felde, dessen Tincturen schwarz und Silber, die Roth-Sechse. Auf dem Helm hält ein Arm dieselbe Karte empor. Wenn der Pfarrer predigt, kann er gerade auf die Karte sehen.

751. Die steinerne Wiege

Als die alte Burg Krainberg über Tiefenort durch die Herren von Frankenstein erbaut wurde, ward ein lebend Kindlein in eine steinerne Wiege gelegt und mit ihm vermauert, auf daß die Burg unüberwindlich sei. So ward die Wiege zum Sarge. Landleute haben in der Mittagsstunde bisweilen in den Ruinen ein Wimmern vernommen, das aus der Mauer zu kommen schien, auch wollen manche ein weißes Kind ganz allein im Schloßhof haben mit Blumen spielen sehen, das verschwunden, wenn man ihm genaht. Jetzt aber hört und sieht man nichts mehr, und das mag daher kommen, weil vor mehren Jahren die eine Mauer entzweigebrochen ward, um die Steine größtenteils zu Ökonomiegebäuden in Tiefenort zu verwenden, und dabei in einem steinernen Särglein das Gerippe eines Kindes wirklich gefunden wurde.

752. Die Tulipane

Auf dem beraseten Burghof des ringsum bewaldeten Krainbergs hütete einst ein Schäfer und fand an einer sichern Stelle eine schöne Tulipane. Das dünkte ihm wunderbar, solche Blume hier zu finden, pflückte sie ab und steckte sie auf seinen Hut. Das hatte er kaum getan, so stand ein bildschönes, aber sehr blasses Jungfräulein vor ihm da und winkte, mit ihm zu gehen; er bedachte sich auch nicht lange, sondern folgte, und die Gestalt führte ihn an das alte Schloß, wo eine Öffnung ins Gemäuer führte, die der Schäfer früher nicht gesehen hatte. Es ging tief hinab in eine geräumige Halle, da stand Goldes genug umher, und das Fräulein gebot ihm, sich davon so viel zu nehmen, als er wolle und tragen könne. Seine Taschen hatten aber alle Löcher, so daß wieder hindurchfiel, was er hineinsteckte; da nahm er seinen Hut und füllte den voll, darüber fiel die Blume herab, und es geschah, was stets erzählt wird, wo Ähnliches sich soll begeben haben, das Jungfräulein bat beweglich: Vergiß das Beste nicht – aber der Jäger achtete der Blume keinen Deut, da er des Goldes so viel hatte; als er jedoch wieder aus dem Kellergewölbe heraustrat, schlug eine eiserne Türe, die er erst gar nicht gesehen hatte, hinter ihm mit Heftigkeit zu, und alle sein Gold verschwand. Darüber ist er so heftig erschrocken, daß ihm eine große Schwachheit ankam, und nach drei Tagen ist er tot gewesen.

Selten erwähnt die örtliche Sage, wo sie der Wunderblume gedenkt, einer Tulipane, fast immer ist es eine gelbe Schlüsselblume, eine blaue Glockenblume oder eine weiße, auch purpurrote Lilie.

753. Der Farrensamenfinder

Manche mühen sich um den Farrensamen, auch Fahrsamen geheißen, und suchen ihn zu erlangen durch böse Kunst und höllischen Beistand, wie der Jäger zu Benshausen, und andere, die ihn nicht suchen, finden ihn. Der Farrensame, zu rechter Zeit und Stunde gefunden und gesammelt, hat nicht nur die Eigenschaft, Glück zu bringen, unfehlbare Schüsse auf Wild und anderes, sondern er macht auch unsichtbar. Einem Manne zu Berka an der Werra ging es damit gar wunderlich. Sein Fohlen hatte sich im Walde verlaufen, und er suchte es und trat unversehens auf der Waldwiese auf reifendes Farnkraut, und es fiel ihm etwas von dem Samen in die Schuhe. Er lief lange im Walde herum, fand das Füllen nicht, kam erst früh am Morgen wieder nach Hause, ging in die Stube und setzte sich verdrießlich und müde hinter den Kachelofen auf den Lehnstuhl. Frau, Kinder und Gesinde gingen ab und zu, hantierten und plauderten, und keins sprach guten Morgen zu ihm, das nahm ihn wunder; endlich sprach er: Ich habe das Fohlen nicht gefunden! Alle erschraken, niemand wußte, woher plötzlich die Stimme kam; alle sahen einander an, ihn sah niemand. Jo Mann, wo steckst du denn? rief fragend die Frau. Da erhob sich der Mann, trat mitten in die Stube und sagte: Da bin ich ja, närrische Frau, ich stehe ja vor dir! Nun erschraken die Seinen noch mehr, denn sie hatten ihn aufstehen und gehen hören und sahen doch noch immer nichts von ihm. Da merkte der Mann, daß er unsichtbar geworden, wünschte aber nicht, solches zu bleiben, entsann sich, daß ihm etwas in die Schuhe gefallen war, das ihn drückte wie Sand, zog die Schuhe alsbald aus und klopfte sie aus, und da fiel der Wünschelsame heraus, aber niemand sah ihn, weil seine Findestunde vorüber war, der Finder aber stand wieder sichtbarlich vor allen da.

754. Die Fleischer zu Gerstungen

Zu Gerstungen hat sich eine seltsamliche Mär zugetragen, indem es den Fleischern allda fast genau so ging, und zwar mit dem Grafen von Brandenburg, wie den Metzgern der Stadt Osnabrück mit dem Grafen von Tecklenburg. Der Graf von Brandenburg hatte dasselbe Recht, den Fleischern ihre Taxe zu setzen, und der Fleischbote, welcher Limpert hieß, war, wie dort von der Tecklenburg herab ein Zwerg, so hier von der Brandenburg herab ein lahmer Krüppel, der seine Freude daran hatte, sich samt seinem Esel nicht zu eilen, bis endlich die Geduld der Fleischer zu Gerstungen zu Ende war und der Gildenmeister, ein zorniger Mann, den langsamen Krüppel eine unglaublich schnelle Reise machen ließ, nämlich die in die Ewigkeit, indem er ihn totschlug. Dann zerhackten ihn die Fleischer, luden die Stücke in des Esels Körbe und jagten diesen wieder zur Brandenburg hinauf. Das verdroß nun freilich den Grafen auf der Brandenburg, den bisherigen Schutz- und Schirmherrn der Gerstunger, gar sehr, und befehdete fortan die Stadt, daß sie keinen guten Tag mehr sah, so daß endlich flehentlich um Gnade gebeten ward. Und da machte der Graf von der Brandenburg, gerade wie der Tecklenburger, auch drei harte und schwere, schier unerschwingliche Auflagen. Er heischte einen Scheffel voll Silberheller, alle von einem und demselben Gepräge, auch drei himmelblaue Windhunde und drei mannshohe Eichenstecken ohne Knoten. Wenn binnen Jahresfrist diese Stücke nicht beigeschafft wären, so müsse die Stadt die ganze Metzgerzunft dem Grafen gebunden überliefern, und dann wolle er sehen, ob ihre Gliedmaßen härter wären als die seines zerhackten Fleischboten. Da war guter Rat teuer im Städtlein Gerstungen an der Werra, doch endlich ward er gefunden, ganz so wie die Osnabrücker ihn auch fanden; Agiotage für die Silberheller, wobei die Jüden gute Geschäftcher machten, Glasröhren für die Eichenstecken und ein himmelblaues Zimmer mit Zubehör für die Paarung schneeweißer Windhunde. So gelang das schwere Kunststück, und so ward des Grafen Zorn gesühnt, nächstdem wurde der Fleischscharrn in ein Pflegehaus für arme Krüppel verwandelt, und auf den Platz, wo die Fleischer den Limpert zerhackt hatten, ward ein breiter Stein gelegt, der heißt noch heute der Limpertstein. – Die genaue Wiederholung dieser Sage aber mit allen Umständen und ganz geringen Verschiedenheiten an so weit voneinander entfernten Orten und Burgen ist sehr merkwürdig. Von der Brandenburg schmückt heutzutage nur noch die umfangreiche Trümmer das friedliche Werratal, und an Gerstungen zieht die thüringische Eisenbahn hin.

755. Das Lindigsfrauchen

Außer der Brandenburg, auf der noch eine wandelnde Jungfrau mit Knotten umgeht, soll bei Gerstungen noch eine Burg gelegen haben, das Lindigsschloß genannt. Darauf wohnte ein wunderschönes Fräulein, dessen Schönheit sprüchwörtlich wurde im ganzen Gau, das hatte aber gar seltsamlichen Verkehr mit den Geistern der Elemente, mit den Nixen des Talflusses und mit den Kobolden und Wichtlein im Reichelsdorfer Bergwerke; dieserhalb taten die Eltern ihre Tochter in ein Kloster unter dem Arnsberge, welches der heilige Bonifazius angelegt haben sollte, aber aus diesem Kloster ließ sich das Fräulein durch einen jungen Ritter von der Brandenburg entführen, der sie zur Gemahlin nahm. Doch auch als solche konnte sie sich des Umganges mit den Nixen nicht ganz entschlagen; sie verlobte ihren einzigen Sohn einer Wasserfeine, und diese holte ihn frühzeitig in ihr nasses Reich, das heißt in der Alltagsprache: der junge Knabe ertrank in der Werra. Von einem dunkeln Sehnen ruhelos umhergetrieben, fand die junge Frau kein Glück; sie gehörte nur halb der Oberwelt an, und als ihr früh das letzte Stündlein schlug, schied sie ohne Beichte, dieweil sie nicht Lust und Neigung hatte, dem Pfaffen auf die Nase zu binden, welche wonne- und wundersamen Geheimnisse ihren tief verschlossenen Jungfrauen- und Frauenbusen bewegt und erfüllt hatten. Derohalb mußte sie auch ohne Absolution hinübergehen und kam nicht in den Himmel, sondern in das Mittelreich der umgehenden Geister, welches ihr vielleicht nicht unangenehm war. Da hat sie nun alle sieben Jahre zu erscheinen, und zwar einmal zwischen der Brandenburg und Gerstungen auf der Stätte der ehemaligen Lindigsburg und zum andernmal auf dem Wege von Gerstungen nach dem ehemaligen Kloster im Kolbacher Tale. Sie trägt einen Schlüsselbund und ein Matronenkleid und hat die unglückliche Neigung, sich den Leuten auf den Rücken zu setzen, auch soll sie, trotz ihres früheren Umganges mit ätherischen Wesen, gar nicht unbeträchtlich schwer sein. Wer aber sie geduldig hockelt bis an ihr Ziel, dem soll und wird sie mit ihrem Schlüsselbunde reich angefüllte Burg- oder Klostergewölbe erschließen, davon soll er die eine Hälfte für sich behalten, für die andere Hälfte soll er ein Kirchlein in Rom bauen. Ein solcher hat sich noch nicht, wohl aber haben einige vom Aufhocken des Lindigsfräuleins den Tod gefunden, wie der Ackermann Öhme, der Fleischer Rösing und andere Biedermänner, andere sind vor der bloßen Erscheinung schon so erschrocken, daß sie in schwere Krankheit gefallen. So wird das arme Lindigsfrauchen wohl fort und fort unerlöst und im Mittelreich bleiben, denn gesetzt, es bekäme einer wirklich den Schatz, so würde er doch denken, eine Kirche in Rom bauen, das hieße Wasser in die Werra tragen.

756. Die Wichtlein im Werratale

Im Werratale, in der Gegend, wo die Hörsel, die unterm Hörseelenberge still vorüberrinnt und an Eisenach hinfließt, in die Werra ausmündet, gab es ehedem viele Wichtelmänner, ja bis Gerstungen und über Berka hinauf waren sie verbreitet. Daselbst wohnten sie unter dem Pferdestalle im Schlosse, und es hielt kein Pferd in diesem Stalle aus, sondern sie hatten sich wie rasend, zerrissen die Ketten, zerschlugen und zerbissen alles, das machte, weil die Tiere eher als die Menschen Geister sehen, hören und wittern. So ging es auch einem Bauer zu Dankmarshausen über Berka, dem fiel ein Pferd nach dem andern, und war nahe daran, dadurch gänzlich zu verarmen. Eines Abends spät ging der Bauer über seine Hausflur und hörte unter einer umgestülpten Wanne ein Flüstern. Er lugte hin und sah bei einem matten Schimmer vier Wichtlein unter der Wanne, die kneteten Brot aus dem Teige, den sie aus einem Backtrog genommen hatten, der auf der Flur stand. Knete zu, knete zu! sprach eins der Wichtlein zum andern, und als sie den Bauer gewahrten, der sie nicht stören wollte, sprach ein Wichtelmann: Weißt du, warum deine Pferde sterben? Weil wir unter dem Stalle wohnen. Tue sie in einen andern Stall, und es soll dir keins fallen. Diesen Rat hörte der Bauer gern, befolgte ihn, und es fiel ihm kein Pferd mehr. Die Wichtlein machten ihn durch ihre tätige Hülfe reich, weil er sie nicht gescholten, daß sie von seinem Teige sich Brot kneteten.

Unterhalb Spichra zieht sich am rechten Werraufer der Spatenberg hin, an dem öffnet sich ein Erdloch, das heißt noch heutzutage die Wichtelkutte, darinnen wohnten die Wichtlein in großer Anzahl und lange Zeit. Aber an einem schönen Morgen kamen zum Fährmann Beck zu Spichra zwei kleine Männlein, die verlangten, daß er sie überfahre, und gingen mit ihm zum Flusse und zur Fähre. Da sie nun auf letzterer waren und der Fährmann vom Strande stoßen wollte, baten sie ihn, noch einige Augenblicke zu warten, es komme noch jemand; das tat der Mann, er wartete, es kam aber niemand, gleichwohl senkte sich die Fähre tiefer und tiefer in das Wasser, wurde schwerer und schwerer, und da der Ferge endlich abstieß, deuchte ihm, er habe noch nie so schwere Last übergeschifft. Am rechten Ufer aber ward die Fähre zusehends leichter. Nun sage, Fährmann, welchen Lohn begehrst du für unsere Überfahrt? fragte das eine der Männlein. Willst du nach den Köpfen Geld oder einen Scheffel Würz (Salz)? Dieweil nun ein Scheffel Salz dem Fergen ein ungleich reicherer Lohn dünkte als das Fährgeld für zwei Personen, so heischte er diesen. – Nach Köpfen wärst du besser gefahren, Mann! Sieh mir einmal über die rechte Schulter! sprach das zweite Männlein, und wie der Ferge das tat, so sah er ein zahlloses kleines Volk, das aus dem Schiffe gestiegen war und noch immer herauswimmelte, indem so stiegen auch die beiden ersten aus, und alles verschwand vor des Fährmanns Blick, ein vollgehäufter Scheffel reinsten Salzes aber stand auf der Fähre, und dieses Salz nahm im Scheffel nie ein Ende.

In den Bergklüften um Spichra finden sich auch kleine, runde, platte Steinchen, die sind gerändert, wie die nummi serrati der Alten, und heißen im Volke Wichtelpfennige. Die Wichtlein aber sind fortgezogen, niemand weiß wohin.

757. Frau-Hollenbad und -teich

Im Hessenlande liegt ein hoher Berg mit langem breiten Rücken, von dem der Sagen viele umgehen, der heißt der Meißner. Dieser Bergstock ist dem Schneekopf des Thüringerwaldes, dem schlesischen Zobten, der hohen Rhön und andern gar nah verwandt. Wie unterm Schneekopf das Mordfleck, so auf dem Meißner ein Schlachtrasen, wie dort die Teufelskreise, so hier die Teufelslöcher, und auch Frau Holle hat auf dem Meißner ihr Bad und ihren Teich. Alte Leute haben erzählt, daß sie zum öftern in der Mittagsstunde badend darinnen gesehen worden und dann verschwunden sei. Oft haben sie und ihr gespenstiger Anhang Reisende und Jäger oben die Kreuz und Quer in der Irre herumgeführt, aber Weibern, die sich vertrauensvoll in ihr Bad begeben, hat letzteres gute Wirkung getan, trotz Sankt Remaclus Fuß zu Spa oder Bocklet. Frau Holle hat da droben einen Kindleinsbrunnen; sie bringt die Kinder den Frauen in das Haus; nimmt aber auch welche mit. Sie hat auch einen ebenso schönen blumen- und früchtereichen Garten wie die Jungfer im Wallfahrtgarten und ist Spinnefrau, überwacht Flachs und Linnen. Fleißige Spinnerinnen belohnt, faule bestraft sie; sie erscheint bald als spinnegraues Mütterlein in einem hohlen Baumstrunk sitzend, bald als schöne weiße Frau an oder auf ihrem Teiche; häufig gewahrt man sie nicht, obschon sie meist auf dem Meißner wohnt, wenn sie nicht gerade im Hörseelenberg zu tun hat und mit dem wütenden Heere ziehen muß – aber zum öftern hört man in der Tiefe ihres Teiches ein Glockengeläut und finsteres Rauschen, letzteres geradeso, wie man es vernimmt, wenn man droben am Hörseelenbergloche steht. Wer ein tiefsinnigschönes Abbild der Frau Hulda schauen will, wie die Alten sie dachten, der blicke den Holzschnitt an überm zehnten Gespräch oder Kapitel von Petrarchä Glücksbuch, da steht sie im tiefen kräuterreichen, vom Feuerstrahl des Himmels durchflammten Walde, haltend den mächtig hohen Rocken, der mit vollen Spindeln für die Fleißigen umsteckt ist, über sich den Mond und zwölf Sterne in Kreisen, welche die zwölf Nächte ihres Ziehens andeuten. Sie selbst ist alt und gebeugt und runzelvoll, und ihr langes Lockenhaar fliegt um ihr Haupt im Winde. Wenn sie nun zieht und findet, daß die Mägde neue Spinnrocken angelegt haben, so sagt sie:

So manches Haar,

So manches gute Jahr.

Trifft sie aber nach Neujahr noch Flachs vom vorhergehenden Jahre auf den Rocken, dann spricht sie:

So manches Haar,

So manches böse Jahr.

und nimmt den Faulen die Decke und legt sie splitternackt in den Schnee oder auf kalte Steine, zerzaust ihnen ihr Gespinst und ist sehr ungnädig.

758. Der Liebenbach

Nicht gar weit vom Meißnerberge liegt die Stadt Spangenberg, die hat ihren Namen von einem Berg, auf welchem eine Menge kleiner runder Steine gefunden werden, die alle von Natur ein Zeichen wie eine Spange auf sich haben. Ihr Trinkwasser erhält sie von einem Berge gegenüber. Einst wohnten, bevor die Stadt dieses trefflichen Wassers sich erfreute, zwei Liebende zu Spangenberg, deren gehoffter Verbindung die Eltern beiderseits streng entgegen waren. Da sie aber gar nicht voneinander ließen, so gab man ihnen auf, sie sollten ganz allein jene gute Quelle nach der Stadt leiten, dann sollte ihre Hochzeit sein. Sie begannen nun, die Liebenden, die schwere Arbeit, sie gruben den Bach, sie müheten sich lange Zeit, sie wurden alt darüber, aber sie liebten sich treulich fort und fort, und endlich gelang das große und schwere Werk, da war es vollbracht, und sie hatten nicht weniger als vierzig Jahre gegraben, und da war ein Glückwünschen um sie her, und wurden mit Kränzen geschmückt, mit Hochzeitkränzen; und da blickten sie einander an, und weinten, und sanken einander in die Arme, und sanken tot zur Erde nieder. Darum heißt jener Bach, den sie mit treuen Händen gegraben, der Liebenbach.

759. Otto der Schütz

Als die mutige Thüringerin Sophia ihrem Kinde von Brabant trotz Heinrichs des Erlauchten Widerstreben ein schönes Erbland mit ihres Anhanges Hülfe erstritten hatte und das Haus Hessen fest begründet war, hatte Heinrich, zubenamt der Eiserne, Landgraf von Hessen, der ein Enkel war Heinrichs I., des Kindes von Brabant, zwei Söhne und drei Töchter: Heinrich, Otto, Adelheid, Elisabeth, Judith. Der Vater erwog weislich, daß nichts mehr ein Land schädigt als Zerspitterung unter viele Erben, bestimmte daher seinem Erstgebornen das Land, und Otto sollte Mönch werden. Derselbe hatte aber dazu keine Neigung, nahm sein Gewaffen und seinen Harnisch, einen Knappen und zwei gute Rosse, entritt seines Vaters Hofe heimlich, kam als Bogenschütze zum Herzog Adolf von Cleve und bot ihm seine Dienste an, die er auch gern erhielt, denn er war ein trefflicher Schütz. Da geschahe es, daß unterweilen Ottos Schwestern sich alle drei verheirateten, Adelheid an König Kasimir III. von Polen, Elisabeth an den Herzog Otto zu Sachsen-Lauenburg, Judith an Otto den reichen oder freigebigen Herzog zu Braunschweig, und daß sein Bruder Heinrich starb. Da hoffte nun niemand mehr darauf, das Hessenland zu schlucken und zu erben, als der Braunschweiger, dieweil der alte Landgraf, nachdem sein zweiter Sohn spurlos verschollen war, keinen Erben mehr hatte. Es war aber der Braunschweiger nicht geliebt von den Hessen, und der alte Landgraf hatte auch noch nicht Lust, diesem Eidam die Freude seines Sterbens zu machen, und lebte dem alten wahren Sprüchwort getreu: Hofftod stirbt nicht.

Indessen liebte Otto der Schütz die Tochter seines Herrn, Prinzessin Elisabeth, und wurde von ihr wiedergeliebt, hatten es gar heimlich miteinander und mußten es auch, denn sie selbst wußte nicht einmal etwas von seiner hohen Abkunft, bis ein fahrender Ritter aus Hessenland, Heinrich von Homberg, einmal unversehens am Hofe zu Cleve einsprach und seinen angeborenen jungen Herrn unter der Dienerschaft des Herzogs erblickte. Gleich erkannte er ihn und erwies ihm große Ehrerbietung, und so ward sein Geheimnis entdeckt, und durfte nun auch seine Liebe nicht länger verheimlichen. Da willigte der Herzog mit Freuden in die Verbindung, und der alte Landgraf pries Gott, daß er ihm den Sohn wiederschenkte, und der Herzog von Braunschweig erbte diesmal nichts und später auch nichts, denn obschon auch Otto der Schütz noch vor dem Vater heimging und Erben mangelten, so fiel doch das Land nun an des Vaters Bruderssohn, Hermann, den Gelehrten, von dem alle Landgrafen zu Hessen und auch der große hochberühmte Philipp der Hochherzige abstammen.

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