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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Muttergottesbild am Fels
  2. Das tolle Dittis
  3. Die letzten Auersberge
  4. Der Weiber Wetzstein
  5. Die goldnen Erbsen
  6. Die Schwerbeladenen
  7. Die fliegenden Knaben
  8. Der große Auersberg
  9. Verwünschtes Schloß Dreistelz
  10. Die Ritter des Ebersberges

770. Muttergottesbild am Fels

Wenn man unten von der Tanzwiese und dem Hof, der denselben Namen führt, zu den schroffen und steilen Felsklippen der Milseburg emporsteigt, wo seltene Blumen und Kräuter wachsen, so führt ein schmaler und steiniger Pfad zum Gipfel, welcher Pfad der Kirchweg heißt. Dem Wanderer zur Linken steht auf diesem Pfade, ganz nahe dem Weg, frank und frei auf einem Felsblock ein kleines, farbig angemaltes steinernes Muttergottesbild, den Heiland im Schoß und mit Perlen und Kränzen von frommen Händen geschmückt, aber allem Ungetüm der Witterung auf dieser rauhen Höhe ausgesetzt. Einst gedachten einige Gläubige, dieses Bild besser zu schützen, damit es nicht Schaden leide vom Sturm und Wetter, und wölbten nur wenige Schritte von der Stelle, wo das Bild stand, aber zur rechten Hand des Felsenpfades eine schützende Nische. In diese trugen sie mit Andacht das kleine Bildnis. Allein am andern Tage, als sie nachsahen, stand es wieder an seiner vorigen Stelle. Dies geschah dreimal nacheinander; dreimal wurde das Bild in die Nische getragen, dreimal kehrte es auf den vorigen Stand zurück. Da ließ man dasselbe ferner unangetastet. Das Bild ist noch gar nicht so alt; es ist an seinem Fuße die Jahrzahl 1664 nebst dem Namen GEORG STEPLING zu lesen. Mächtig schützt der Segen der göttlichen Jungfrau den Ort und die Waller zur Höhe. Obgleich an gewissen heiligen Tagen Tausende diese steilen und zerklüfteten Klippen und Schluchten besteigen und beklettern, noch von keinem hat man gehört, daß er einen gefährlichen Fall getan und an seinem Leibe zu Schaden gekommen sei. Und noch heute sitzt die gute Jesusmutter am Felsenwege zur Kapelle unter einem kleinen Schirmdache frei und offen da, und noch nie ist von ihrem Schmuck auch nur das mindeste entwendet worden.

771. Das tolle Dittis

Zwischen der Milseburg und der hohen Rhön liegt ein wohlhabender Ort, Ditges, in der Volkssprache Dittis genannt, von dessen Einwohnern sich die Nachbarn in der Runde viel seltsame Schnurren und Schnaken erzählen. Der ganze Ort dient dem Volkswitz der Rhönbewohner seit langen Jahren zur Zielscheibe, und es soll sich in ihm das Lalenbürgertum erblich niedergelassen haben. Alles, was die neckenden Nachbarn der bekannten Städte und Ortschaften, auf denen der Fluch des Lächerlichen ruht, den Bewohnern dieser Städte in Scherz und Schimpf nachreden, alle Schildbürger-, Karlstadter-, Krähwinkler-, Polkwitzer-, Wasunger- und andere Streiche, finden ihr nachhallendes Echo in diesem Gebirgswinkel und sprossen in Zutaten weiter. Manche neue Mär drängt sich keck hervor, neben den alten Bekannten, ein harmloses Kind des Volkswitzes, und macht sein Recht unbefangenen Daseins geltend.

Die Dittisser mögen sich sträuben, wie sie wollen, gegen die ihnen aufgebürdeten Lalenstreiche, so hilft es ihnen nichts, denn, so sagen die Nachbarn: ihre Glocken rufen ihnen allsonntäglich das zu, was sie nicht gerne hören. Es töne nämlich der Akkord

Tall Dit-tis, Tall Dit-tis eu Nårrn.

Dies heißt: Tolles Ditges! Tolles Ditges! Ihr Narren!

Wie es aber gekommen ist, daß das Dittisser Geläute diesen spottenden und verhöhnenden Klang angenommen, mag wohl seinen Grund im Kirchenbau zu Ditges haben, von dem auch eine Sage geht; denn als die Kirche zu Dittis erbaut wurde, ging allerlei absonderlich Komisches dabei vor. Die Kirche war zwar erbaut, aber die Fenster waren vergessen, und so kam es, daß niemand vor Dunkelheit darin sehen konnte. Lange ward hin und her beraten, wie es wohl anzufangen sei, den Tag in die Kirche zu bringen, und endlich nach langer Beratung in einer Dittisser Volksversammlung wurde beschlossen, einen Boten nach Fulda zu senden, daß er sich alldort den Tag erbitte. Der Stadtrat zu Fulda gab den Rat, die guten Dittisser möchten nur, da der Tag sich nicht in Säcken, wie das Ummerstädter Salz, versenden lasse, Fenster in die Kirche machen. Nun hatte aber selbiger Bote gar ein kurzes Gedächtnis und suchte, da ihm der Satz zu lang war, nur vor allem das Wort Fenster zu merken, merkte es auch, bis er auf den Hutrasen hart überm Dorfe kam, da stolperte er und fiel, und das Wort entfiel ihm zugleich. Da klagte er drunten im Dorfe traurig den Verlust, und da kamen die Dittisser mit Hacken und Schaufeln und gruben endlich glücklich das Wort und den Tag heraus. Man sieht heute noch die Löcher.

Von den Weiberstühlen beim Kirchenbau, von den Steuersimpeln, und wie die Rühlinge im Teich dem Gemeindeboten zuschrieen: Aicht, aicht – er aber schrie: Nün! – weil er meinte, die Rühlinge sprächen, er trage nur acht Simpla nach Fulda, und waren doch neun, und aus Zorn den Geldbeutel in den Teich schmiß, und daß die Rühlinge selber zählen sollten – vom Hupf ins Wasser, Schafe zu holen, die sich von einer nahen Weide darin abspiegelten – vom Ausbrüten der Kuheier, vom Poinzeküppel und andern lustigen Streichen der Dittisser mehr wäre noch viel zu erzählen.

772. Die letzten Auersberge

Am Fuß des Rhöngebirges lag zwischen dem Städtchen Tann und dem Dorfe Hilters eine Burg, die Auersburg geheißen. Auf diesem Schlosse wohnten lange Zeit würzburgische Burgmänner, später Amtmänner, daher ward auch ehedem das Amt Hilters nach diesem Schlosse Amt Auersberg benannt. Lange ging die Sage, es liege in einer Ecke des Hofraums der Burgruine ein großer Schatz vergraben, und so kam vor Jahren eine Gesellschaft Schatzgräber dorthin, um den Schatz zu holen. Allein sie wurden allesamt vertrieben von einer erschreckenden Erscheinung, und soll der Schatz noch immer zu heben und zu holen sein.

Der letzte von den Besitzern der Auersburg, der diese jetzt zertrümmerte Feste bewohnte, gehörte der evangelischen Kirche an. Eines Tages fuhr er mit seinem Kutscher, welcher katholisch war, über Feld, da überraschte beide ein furchtbares Gewitter, und es ergoß sich eine unendliche Wasserflut, so daß bald weder Weg noch Steg zu erblicken war. Der Kutscher kreuzte und segnete sich und betete, der Herr aber fluchte. Der Kutscher sprach: Gott helfe uns, ich kann nicht weiterfahren, sonst sind wir verloren! – Darauf rief der Herr zornig aus: Der Teufel wird dich nicht gleich holen! Fahre zu in des Teufels Namen! – Der Kutscher seufzete und sprach: So will ich denn hinfahren, doch nicht in des Teufels, sondern in Gottes Namen. – Bald kam die Kutsche in einen Wasserstrom, daß sie schwamm, die Pferde häkelten sich im Wasser ab, und der Kutscher entkam auf einem derselben. Der gottlose Herr aber mußte elendiglich ertrinken.

Nach einer andern Sage war eine kinderlose Witwe die letzte des Geschlechtes derer von Auersberg, die einsam die schon ganz öde Burg bewohnte. Sie fuhr bei einem starken Gewitter durch das Ulstertal und trieb mit heftigen lästerlichen Worten den Kutscher an, der sich weigerte, durch den überschwellenden Bergfluß zu fahren, bis er zu ihrem Verderben dann gehorchte. Die Wellen stürzten den Wagen um, die Witwe ertrank, der Kutscher entkam. Wieder andere sagen, das sei geschehen, als im Dreißigjährigen Kriege die Schweden Burg Auersberg hart berannt und bedrängt hätten. Die Dame sei nicht eine Witwe, sondern die Gemahlin des letzten Herren der Burg gewesen. Als der Ritter sahe, daß keine längere Verteidigung fruchte, ließ er in seinem tapfer verteidigten Schloß ein Fenster ausheben, ritt seinen Schimmel in den Saal und sprengte durch das Fenster hinaus. Niemand sah ihn wieder.

773. Der Weiber Wetzstein

Nicht weit vom Auersberg in den Vorbergen der Rhön liegt das Dorf Kaltenwestheim, das ist weit und breit berühmt wegen seines Weiberwetzsteins, der schon in alten Schriften erwähnt wird wie folgt: "Wann man oben zu dem Dorff hinein reitet, so stehet lincker Hand der Straße ein Sandstein wie eine viereckigte Säule gehauen, etwa drei Ellen hoch, welcher vor wenig Jahren neu aufgerichtet worden, weil ein Schalck zu Nachts den vorigen heimlich weggetragen hatte. Und das ist der Wetzstein, an welchem aber Niemand zum Schabernack oder railleriewetzen darf. Denn wo einer dieses thut, und man wird deßen inne, so kömmt von Stund an die ganze Schaar der Weiber im Dorffe, denen eine Frau als Oberhaupt commandiret, die Stein-Schulzin genannt, welche ausdrücklich zu diesem Amte erwehlet wird, herbei gelauffen, mit ihrem Gewehr, wie sie es nennen, von Holtz gemacht, darunter eine große lange Beiß-Zange, Gabeln und dergleichen militairische Werckzeüge; diese verfolgen nun den Thäter so lange, bis sie ihn erhaschen, da er denn mit der Zange angefaßt, zum Wasser geführet, und gebadet wird, er mag nun wollen oder nicht; wehret er sich, so bekömmt er noch Stöße darzu, und muß doch hernach diese vexirerey mit einer Geld-discretion ablösen. Ihm wird überdieß ein Stroh-Crantz aufgesetzt, und ein Bund Heu vorgelegt; und mit solchen Possen legitimiren die Weiber ihr vermeintes Privilegium,bey muthwillig veranlaßeter Gelegenheit, welches, der gemeinen Rede nach, sie daher erlanget, weil zu der Zeit, da obbenahmter Fürst Henrich von Henneberg mit seinen Vettern in Unfriede gelebt, diese aber einst das Schloß zu Kalten Northeim belagert, unter andern auch die Weiber von Kalten Westheim daßelbige dermaßen wohl defendiret, daß die Feinde unverrichteter Sachen abziehen müßen. Dahero als Fürst Henrich ihnen eine Gnade zu thun angebothen, sie nichts mehr als dieses seltzsamePrivilegium verlanget, und auch erhalten. Der Brief selbst aber, saget man, wäre im Dreyßigjährigen Krieg verlohren worden. Einmahl ist gewiß, daß es niemand noch bis dato wagen darf, an den Stein zu wetzen, will er sich nicht gezwungen sehen, wenn man es gewahr wird, der obbeschriebenen vexation zu unterwerffen, immaßen denn, wie von glaubwürdigen Augen-Zeugen versichert worden, des Höchstseel. Herzogs zu Sachßen Eisenach Herrn Johann Georgen Hochfürstl. Durchl. zu mehr mahlen dergleichen Ergötzung mit einem oder andern von Dero Svite, angestellet hat. Nebstdem hat der Wetzstein auch dieses vor sich, daß ihn niemand weder loben noch schelten darff, so lange man im Dorff ist; denn wer das thut, der hat ein gleichmäßigesTractament zu gewarten. Dahero sagt man im Sprüchwort: Man muß ihn nur gehen laßen, wie den Kalten Westheimer Wetzstein, das ist, weder loben noch schelten. Item, sagt man von einem wunderlichen und morosen Menschen, dem es niemand recht machen kann: Bistu doch wie der Wetzstein zu Kalten Westheim; als welchen man nicht krumm ansehen, viel weniger loben oder schelten darff."

774. Die goldnen Erbsen

Hohe Basaltgipfel stehen wie Warttürme vor der Rhön in der Gegend, wo dieses Gebirge nordwärts endet, und mancherlei Sagen gehen von ihren Gipfeln bis in die Talgründe. Über dem Dorfe Geismar erhebt sich der bewaldete Rockenstuhl, der einst ein Bergschloß trug. Darauf erscheinen Berggeister in Gestalt grauer Männer, und der wilde Jäger fährt oft über den Berg mit seinen Hatzhunden und Gefolge dahin. Ein buchonischer Gaugraf des Namens Roggo, der sich stets tragen ließ, soll sich gern auf diesen Berg haben tragen lassen und darauf seinen Sitz als Stuhl gehabt haben, daher der Name Roggos-Stuhl – aber Rokkinstul schon 1186 geschrieben.

Auf dem Öchsenberge auch nur eingebildete Reste einer dort nie vorhandenen Burg mit der Wunderblumenfundsage und Fässern voll gelber Erbsen, mit der wandelnden Jungfrau und einem blöden Schäfer, der so albern war wie andere seinesgleichen und das Beste vergaß. Sehr übel soll es einem armen Esel auf dem Öchsenberge ergangen sein, der zum Wasserholen gebraucht wurde. Da das Wasser droben so rar war, so wurde vorausgesetzt, der Esel saufe sich drunten satt, wenn er das Wasser hole, und gaben ihm droben wohl zu fressen, aber nichts zu saufen. Unten aber dachten sie, wenn sie überhaupt an des Esels Verköstigung dachten, nicht anders, als wo der Esel frißt, daselbst säuft er auch, das ist natürlich, und ließen ihn nicht trinken. Und da ist der arme Grauschimmel zwischen zwei Wasserfässern Durstes verblichen und war weniger glücklich wie sein Vetter, der zwischen Heubündeln Hungers starb – wer weiß, ob's wahr ist! – denn letzterer konnte doch zulangen, wäre er nicht ein Esel gewesen.

Des Öchsen Nachbar ist der Baier, der ist besonders sagenreich. Noch quillt an ihm der Goldborn, wo ein Venetianer viel reiches Gut hinwegtrug. Lengsfelder Bürger fanden droben edle Gesteine und güldiges Erz unter schreckenden Erscheinungen. Am Baier, am Öchsenberge, am Dietrichsberg und an der Sachsenburg waren vorzeiten Bergwerke im Betrieb.

Ein Korbmacher ging einst am Baier da vorüber, wo man es bei der Schacht nennt, da fand er eine Blume von ausnehmender Schönheit. Er pflückte sie ab, und da er an die Wand der Schacht kam, so öffnete sich eine Türe zu einem weiten und geräumigen Gewölbe. Der Mann trat hinein und sah eine Menge Fässer, die, mit Erbsen, Korn, Weizen, Gerste und anderen Feldfrüchten gefüllt, in Reihen standen. Er legte die Blume, die er in der Hand hielt, auf ein Faß und steckte sich seinen Brotsack voll Erbsen, die ihm ein willkommenes Gericht abgeben sollten. Als er sich genug und sehr verwundert in dem Gewölbe umgeschaut, schickte er sich an herauszugehen, da hörte er plötzlich eine Stimme laut rufen: Vergiß das Beste nicht! Darüber erschrickt der Kützenmacher so sehr, daß er eilend herausspringt, und hinter ihm schließt sich mit Donnerkrachen der Bergeseingang und schießt jählings ein schwarzer Hund her. Voll Angst schüttet der Mann seinen Sack mit Erbsen wieder aus, und der Hund frißt sie alle auf und bleibt zurück. Zu Hause angelangt, klingelt noch etwas im Sack. Er schüttelt ihn aus, und es rollen einige goldne Erbsen auf die Diele. Hätte er die Blume nicht im Berge vergessen, konnte er überreich werden.

775. Die Schwerbeladenen

Unter der Stoffelskuppe ist es auch nicht sicher; eine große Blöße heißt die Kuh-Eller; dort hüten die Roßdorfer Hirten. Eines Abends wandelte der Roßdorfer Schulze über diese Berges-Trift, da erblickte er auf der Waldblöße im Dämmerlicht zwei dunkle Männer, die in einiger Entfernung von einander gleichmäßg schritten, war froh, Gesellschaft zu finden, und näherte sich ihnen eilend. Jetzt entdeckte sein Auge, daß die beiden Männer einen übergroßen und mächtigen, baumartigen Balken auf ihren Schultern trugen, unter dessen Last Beide fast erlagen, und daß kaum zu begreifen war, wie ihrer Zwei eine so entsetzliche Last zu tragen vermochten. Deß wunderte den Mann gar sehr, daß in so später Stunde an so einsamer Stelle noch Jemand also bemüht war und er rief die Tragenden an mit lautem "Hollah! Wer seid ihr? Wo hinaus?" Die Männer hörten ihn nicht und antworteten ihm nicht. Noch einmal rief er: "Wer seid ihr, worauf geht ihr zu?" Tiefes Schweigen. Nun rief der Schulze zum dritten Mal noch lauter: "Heda ihr Männer? Wo wollt ihr hin?" Da scholl gleichzeitig von Beiden wie aus einem Mund und mit überaus schrecklicher Stimme die Antwort: Nach Ungnadhausen (= in die Hölle, sk)! Und die Männer wandelten hin, und verschwanden in die Nacht. Dem Frager aber kam ein übermächtiges Grausen an und er konnte, so lange er lebte, welches nicht gar lange mehr war, jenen Ton und jenes Wort nicht vergessen, das wie eine Stimme des jüngsten/ Gerichtes erklungen war. Auch Andere haben bisweilen jene Schwerbeladenen über die Waldblöße wandeln sehen, doch sich wohl gehütet, sie fragend anzureden.

776. Die fliegenden Knaben

Es war am Ende des siebzehnten Jahrhunderts, als an einem Spätherbsttage drei muntere Knaben ohnweit des Städtchens Lengsfeld und zwischen diesem und dem Baier auf immergrüner Waldwiese eine Anzahl Rinder weideten. Kaum war die Sonne gesunken, die noch ihre letzten goldnen Strahlen auf den hohen nachbarlichen Berg warf, so fachten die Knaben nach ihrer Weise ein Feuer an, und stachen Rasen ab, um sich eine Bank zu bauen, auf welcher sie vertraulich und sich am Feuer wärmend, sitzen wollten. Wie es nun oft zu geschehen pflegt, daß heitre unbedachte Jugend in lächerliche Wünsche ausbricht, deren Erfüllung schier unmöglich dünkt, so auch hier. Einer sprach: "Wäre doch dieses Stück Rasen ein Stück Eisenkuchen!"* Kaum war dieser Wunsch laut geworden, so trat schon ein unbekannter Mann auf die Trift, begrüßte die jungen Hirten und sprach: "Hört, ihr habt Eisenkuchen gewünscht! Hier habt ihr solche, laßt sie euch schmecken!" Und theilte Eisenkuchen unter sie/ aus. Freudig und begierig ward die Spende angenommen und verzehrt, und der Mann erbot sich, sie täglich mit solchen Kuchen zu erfreuen, wenn er nur wüßte, auf welchem Hutplatz sie immer anzutreffen wären. Die Knaben nannten den Platz, wo sie am nächsten Tage hüten würden, und der Unbekannte hielt sein Wort, und brachte das für die Knaben so leckere Mahl am nächsten Abend ihnen wieder. Als das verzehrt, und der Mann hinweggegangen war, trat eine alte Frau aus Lengsfeld den Knaben nahe, und bat sie, doch einmal mit ihr zu dem nahen Thalbrunnen zu gehen, sie wollte ihnen dort etwas zeigen. Die Knaben willfahrten ihr, wurden aber nichts gewahr, als daß die Alte sie mit dem Wasser des Brunnens besprengte, und unverständliche Worte dazu murmelte, weßhalb sie ihr bald entliefen und mit Gelächter zu ihrer kleinen Heerde zurückkehrten und diese wohlgemuth nach Hause trieben. Am dritten Tag trafen sich die Knaben früh Morgens auf dem Weg zur Schule, grüßten sich munter, und der eine sprach zu dem andern: "Höre, ich fühle mich heute so federleicht, daß ich meine, ich müßte fliegen können, wie ein Vogel!" – ""Ich auch, ich auch!"" riefen die beiden Andern, und da hoben alle Drei die Arme empor, und flogen. Sie flogen auf die kleine runde Mauer, die den Marktplatz umzog, und über dieser gegenseitig hin und her, zum größten Erstaunen aller ihrer indeß sich zahlreich versammelnden Schulkameraden. Die Kunde dieses wunderbaren Ereignisses durchdrang mit Blitzesschnelle das Städtchen und kam auch zuletzt zu den Ohren des Kantors, der nach beendigter Schulstunde die drei Knaben aufrief, ihre Kunst auch in der geräumigen Schulstube zu üben. Sie traten/ auf den Tisch und flatterten von ihm herab und schwebten auf und nieder. Den Kantor überfällt ein Grausen und er entsendet eilig einen Boten zum Oberpfarrer und Inspector, und läßt den geistlichen Hirten bitten, zur Schule sich zu bemühen, und selbst Zeuge eines nie erhörten Wunders zu sein. Der Geistliche kommt und staunt, und nimmt die Knaben scharf in das Verhör, denn er wittert Satans Trug und Tücke. Diese erzählen treuherzig alles, was sich mit ihnen begeben, und fügen noch dieses hinzu: "In der vergangenen Nacht machten wir uns den Spaß, und setzten uns zu Dritt auf einen Schimmel, der in unsers Nachbars Scheuer stand. Kaum spürte uns das Pferd, so setzte sich's gegen unsern Willen in Trab und brachte uns an einen Ort, allwo es uns sehr wohl gefiel; dann brachte es uns wieder nach Hause, und darauf fühlten wir uns so leicht." Der Oberpfarrer ging bestürzt hinweg, um dem Gerichte Anzeige zu thun, damit dieses sich der sicherlich Behexten bemächtige, und ihnen den Proceß mache, denn fliegen zu können, schien ihm ein arges Verbrechen.

Mittlerweile kamen die Knaben arg- und sorglos, und ihrer Fliegekraft froh, nach Hause, den Ihrigen das Wunder selbst zu verkündigen oder zu bestätigen. Der Vater des einen der Knaben war der Scharfrichter, hieß Michael Weber, erzürnte sich sehr über die Kunde, die er schon vernommen, glaubte sein Kind sei ein Teufelsbündner, und beschloß, den Sohn zu opfern. Daher schwang er, als dieser vor ihn trat, das Richtschwert, und schlug ihm das Haupt ab. Zwei weiße Ströme Milch sprangen statt des Blutes zur Decke, und dem Scharfrichter entsank das Schwert.

Die zwei andern fliegenden Knaben, als sie das gesehen, hoben sich auf und davon, und Niemand hat sie jemals wieder erblickt, und so kam keine Aufklärung über den tiefräthselhaften Vorfall zu Tage. Er ward vergessen, verklang zur Sage, und nur der Brunnen, wo das alte Weib die Knaben besprengt, heißt von jener Zeit an der Hexenbrunnen.

* Ein in jener Gegend beliebtes Backwerk aus Mehl, Fett und Eiern, das auf einem erhitzten Eisen von runder Form gebacken wird.

777. Der große Auersberg

Außer jener Burg Auersberg und jenem Auersberge, an dessen Abdachung dieselbe liegt, ist noch ein hoher Namensvetter im Rhöngebirge vorhanden, das ist der große Auersberg, der sich neben dem Dammersfeld über den Silberhöfen nach Brückenau zu erhebt. Er ist für die Rhönbewohner einer ihrer vielen Wetterpropheten. Wenn sein Gipfel dampft, ja wenn nur das geringste Nebelwölkchen in Gestalt einer kleinen Rauchsäule aufsteigt, so sagen sie: Aha! Die Gräfin Karoline kocht wieder Kaffee! – das heißt so viel als: wir bekommen Regen. Wer aber diese Gräfin Karoline gewesen, darüber läßt sich mit Bestimmtheit nichts ermitteln. Häufiger noch hört man von diesem Berge den Reimspruch:

Hat der Auersberg einen Dunst, so groß wie ein Butterfaß,

So macht er den Bauern den Buckel naß.

Eines Tages wurde am Auersberg eine auffallende und seltene meteorische Erscheinung wahrgenommen, und zwar im Juli des Jahres 1797, des Mittags gegen zwölf Uhr. Da bildete sich bei heiterm Himmel fast oben an der Kuppe auf der Seite des Sinngrundes ein kleiner blauer Dunst, der sich plötzlich unter einem fürchterlichen Knalle, gleich dem heftigsten Donnerschlage, entzündete und in einem Augenblick einen starken Platzregen, den brüllender Sturm begleitete, in das Sinntal goß.

778. Verwünschtes Schloß Dreistelz

Ohnweit des schönen Bades Brückenau erhebt sich ein Berg, der Dreistelz geheißen; jetzt liegt auf ihm ein Hof, der Dreistelzhof, vordem aber stand darauf ein prächtiges Schloß, und zwar an der Höhe nach Brückenau zu. In diesem Schloß wohnten drei stolze Damen, und man sagt, daß man diese Fräulein nur die drei Stolzen genannt habe, wegen ihrer absonderlichen Schönheit sowohl als wegen ihrer großen Pracht und Hoffart; und ihr Haus, das hieß man das Dreistolzenschloß daraus später Dreistelz geworden ist. Die Fräulein führten ein üppiges Leben, waren aber hart gegen ihre Untergebenen und karg gegen die Armen. Eines Tages, als es auf den Abend zuging, kam ein armer Pilger daher, bat um Einlaß, um einen Imbiß und um Nachtquartier; doch als sein Begehren den drei Fräulein angesagt wurde, so wurde ihm von seinen drei Bitten weder die eine gewährt noch die andere, sondern man hieß ihn gehen, und weil er nicht gehen wollte, hetzten die rohen und ebenfalls harten Diener ihn mit Hunden fort. Da rührte der Pilger die Hunde an mit seinem Stabe, und sie verstummten alsbald auf ewig und fielen tot hin; dann schwang er den Stab gegen das Schloß und sprach einen erschrecklichen Fluch, und alsbald fuhr das ganze Haus mit allen seinen Bewohnern in den Schoß des Berges hinab, und an seine Stelle trat ein kleiner See. Noch immer ist am Dreistelz die Stätte zu erschauen, wo das Schloß gestanden hat, und zu gewissen Tagen und Stunden hören Sonntagskinder einen Hahn in der Nähe krähen, denn das verwünschte Schloß mit seinen Bewohnern steht noch unter der Erde, darinnen schlafen die Fräulein bis zum Jüngsten Tag. Alle drei Jahre aber an dem Tage, an dem das Schloß verflucht wurde, kräht dreimal der Hahn. Da wachen die Schläfer auf im Bergesschoß, beten ein Ave Maria und bereuen ihre Missetaten. Manche Leute erzählen auch, daß die verwünschten Fräulein aus dem Berg auf Kirchweihen gekommen seien und sich unter die tanzenden Mädchen gemischt hätten; doch seien sie immer blaß gewesen und wären nie über den Glockenschlag zwölf hinaus bei den Tänzen geblieben. Da ist es gerade ergangen wie jenen drei Fräulein, deren Schloß bei Salzungen versank, an dessen Stelle der Buchensee getreten ist, nur daß jene schuldlos waren, diese dreistelzigen Nornen aber nichtsnutz.

779. Die Ritter des Ebersberges

An einer Abdachung des Ebersberges im Rhöngebirge ist ein kleiner Moorfleck; aus diesem kommen, vornehmlich zur Adventszeit und in den zwölf Nächten, große gespenstige Feuermänner mit Wehr und Waffen, die so heftig miteinander kämpfen, daß man in den nahen Höfen, welche am Fuß des Berges liegen, deutlich das Schwertgeklirr vernimmt. Dieser Kampf dauert vom Einbruch der Nacht bis tief in dieselbe, ja oft bis zur Morgendämmerung und bis zum Hahnenschrei. Gewöhnlich ziehen sich die streitenden Flammengestalten allmählich bis zur Ruine Ebersberg und den zerfallenen Türmen hinauf, wo sie endlich, immer heftiger fechtend, in dem einen offenstehenden Turme mit fürchterlichem Geprassel verschwinden. Die Umwohner sagen, daß es die noch unerlösten Geister der in wilden Kämpfen um die Burg und bei deren Verteidigung erschlagenen und gefallenen Ritter seien.

Von der Ebersburg, im Volke insgemein nur Eberszwackel geheißen, wäre viel zu schreiben, von den Fehden ihrer Ritter mit den fuldaischen Äbten, von ihrem unterirdischen Gange bis herab nach Weihers und von ihren vergrabenen Schätzen.

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