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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Der verlorene Schleier
  2. Jud Schwed
  3. Liebfrauensee
  4. Amalbergas Schlösser
  5. Der Kaiser im Guckenberge
  6. Seifriedsburg
  7. Mespelbrunn
  8. Das Herrenbild
  9. Die Garnkocherin
  10. Der Schellenberg

780. Der verlorene Schleier

Fast völlig gleichlautend mit der Schleiersage von der Gründung des berühmten Klosters Neuburg in Oesterreich barg sich deren Wiederholung in eine stille enge Thalrinne der südlichen Rhöngebirgs-Abdachung. Darin stand vormals ein Nonnenkloster, davon bis auf die Kirche, jede Spur von der Zeit hinweggetilgt worden ist.

Eines Tages lustwandelten Herr Otto und Frau Beatrix, Graf und Gräfin von Henneberg, sie eine geborene Gräfin von Courtenay, Fürstin von Tiberias/ und Gräfin zu Edessa, die ihr Gemahl im Morgenlande sich erworben – auf ihrer Burg Botenlauben dicht über Kissingen. Da erhob sich ein starker Wind, welcher den Schleier der Gräfin von ihrem Haupte riß, und denselben hoch in die Lüfte entführte. Da sie diesen Schleier hoch und werth hielt, so that sie ein Gelübde, an der Stelle, wo er sich wiederfinden würde, ein Kloster zu erbauen, welchen frommen Vorsatz ihr Gemahl gern bestätigte. Es wurden nun thalaufwärts, wohin der Schleier seinen Flug genommen, Boten ausgesandt, doch fanden diese den Schleier nicht, wohl aber fanden ihn nach dreien Tagen einige Frauen in dem Thale, das von Burkartrode nach Waldaschach sich herabzieht, hängend auf einem blühenden Rosenstrauch. Als der Graf und die Gräfin davon Nachricht erhalten, begaben sie sich alsbald selbst an Ort und Stelle, und legten bald darauf zu dem Kloster den Grund, das sie Unser Frauen Rod nannten, auf Latein: Novale sanctae Mariae. Beide Gatten begabten das Kloster sehr reichlich, und als sie nach einem gottseligen Leben starben, (erst der Graf, dann später die Gräfin), sind beide im Kloster vor dem Altar begraben, und es sind ihnen steinerne Denkmäler errichtet worden. die noch heute in der Kirche zu sehen sind. Hierauf wurde ihr Sohn, auch Otto geheißen, welcher erst eine Dynastentochter des Geschlechts von Hiltenburg geheirathet dann aber von ihr sich mit ihrer Bewilligung geschieden hatte, um sich ganz dem gottseligen Leben zu weihen, der Klosterfrauen zu Frauenrode Provisor.

Nachdem das Kloster, welches lange Zeit sich im besten Flor befand, und in dessen Kirche sogar mehrere Hennebergische Grafen, die es mit Schenkungen bedacht, sich begraben ließen, in Verfall gerathen, ist es endlich bis auf die Kirche ganz von der Erde verschwunden. Die Gebeine der Gründer aber sind nachmals wieder ausgegraben worden und in zwei Glaskästen auf dem Altar aufgestellt, während ein dritter Glaskasten, zwischen beiden, den Schleier enthält, welcher zur Gründung des Klosters den ersten Anlaß gegeben.

Bei der alten Klosterstätte zu Frauenrode ist es, der Sage nach, nicht geheuer. Lodernde Feuer oder bläuliche Flämmchen werden in gewissen Nächten brennend auf dem Kirchhof oder in der Nähe der Klosterkirche erblickt, welche einen großen dort vergrabenen Schatz anzeigen. Nicht weit von der Kirche erhebt sich ein Hügel, auf welchem vor langen Zeiten erst eine Burg, dann ein Theil des Klostergebäudes gestanden. Von dort führte ein bedeckter Gang nach der Kirche, über welchen die Nonnen schritten, wenn sie auf dem Chor sich versammelten, die Hora's zu singen. Man sieht noch überm Portal die vermauerte Oeffnung. Alljährlich in gewissen heiligen Nächten erblickt man diesen Gang durch die Luft und den Zug gespenstiger Nonnen und sieht die Kirche erleuchtet, doch ist es nicht gut lange hinzusehen, noch viel weniger die Kirche dann zu betreten, denn in dieser halten die Geister Mette und es knieen vor dem Altar die Gestalten des Stifters und der Stifterin und hinter ihnen alle, die in der Kirche begraben wurden; von dem Haupte Beatricens weht der weiße Schleier und auf Otto's Haupte rauschen die Blätter eines welken Kranzes geisterhaft im Hauche/ der Nacht. Nach der Mette ziehen die Nonnen alle still zurück und schwinden in Nebel, wie sie dem Hügel sich nähern.

781. Jud Schwed

Am Rathaus der Stadt Kissingen schaut oben ein bärtiger Mannskopf, der sich in den Haaren rauft, als ein Wahrzeichen herab. Das nennen die Einwohner den Jud Schwed und erzählen davon folgende Sage. Im Dreißigjährigen Kriege, als die Schweden diese ganze Gegend heimsuchten, wurde auch Kissingen von ihnen belagert und hart bedroht. Doch widerstand die Stadt tapfer und wäre vielleicht nicht erobert worden, wenn nicht ein Jude an ihr zum Verräter geworden wäre. Dieser wußte einen unbewachten Ausgang durch die Mauer und führte die Feinde dort ein. Doch empfing er seinen Lohn, und zum Andenken wurde sein Bild, wie er sich aus Reue die Haare ausrauft, am Rathaus befestigt. Hernach kam es auch, daß man ihn und die Seinen nicht mehr bei ihrem wahren Namen, welcher der Vergessenheit überliefert wurde, rief, sondern Schwed, zur ewigen Erinnerung; und diese blieb auch, denn noch heute leben Nachkommen von ihm zu Kissingen, welche den Namen Schwed führen.

Eine andere Sage von diesem Juden kündet aber gerade das Gegenteil des Vorstehenden. Nach dieser goß der Jude für die Bürger Kugeln, welche die geheimnisvolle Eigenschaft hatten, unfehlbar zu treffen, und den Schweden so tödlich wurden, daß sie abziehen mußten. Darauf wurde des Juden Kopf als Erinnerungszeichen dankbar am Rathaus angebracht.

Ein anderer steinerner Kopf am Kissinger Rathaus ist, wie die Sage will, dem Andenken eines Bürgers namens Peter Heil gewidmet. Es war eben auch im Schwedenkriege, und zwar im Jahr 1643. Die Schweden hatten bereits die ganze Gegend von ihrem Lager über Bischofsheim aus verheert und geplündert und drohten nun unter ihrem Führer Reichwald auch der Stadt Kissingen mit einem heimlichen Überfall, der an einem Jahrmarkt geschehen sollte. Der Feind barg sich in dem nordöstlichen Bergwalde, wo ihn jedoch einige Krämer entdeckten und den Kissingern die nahe Gefahr anzeigten. So kam es, daß der Feind tapfern Widerstand fand, der nun aber die Stadt mehrere Tage lang beschoß und sie durch einen Sturm zu gewinnen suchte. Kaum vermochten die kampfesmüden Einwohner dem immer heftiger andringenden Feind Widerstand zu leisten, als Peter Heil den Rat gab, die zahlreichen Bienenkörbe, welche die Bürger besaßen, von der Mauer hinab auf den anstürmenden Feind zu stürzen. Dies geschah, und die Bienen, so gestört, fielen voll Grimm auf die Feinde und stachen manchen derselben bis zum Tode. Da ward schleuniger Rückzug anbefohlen, und die Stadt war gerettet, dem Peter Heil aber, dessen Rat ihr zum Heil geworden, setzten sie das verewigende Denkmal.

782. Liebfrauensee

Neben der romantisch gelegenen Kapelle bei Kissingen liegt ein tiefer See, Liebfrauensee, dessen Abfluß treibt eine starke Mühle. Manche wunderbare Mär erzählen sich von diesem See die Umwohner, ganz auf ähnliche Weise, wie die Sagen von dem berufenen Frickenhäuser See ohnweit Mellrichstadt. Er soll in seiner Grube Verbindung haben mit weitentlegenen mächtigen Gewässern, und ein ungeheuer großer Fisch sei einst darin gefangen worden. Einem liebenden Jüngling, der aus Gram und Verzweiflung, daß er sein geliebtes Mädchen nicht sein nennen sollte, sich einst in diesen See stürzen wollte, erschien warnend und in Verklärung über dem Wasser schwebend Unsre liebe Frau, so daß er zurückschrak und allenthalben die Erscheinung verkündete. Darauf wurde die Erkorne sein, und der See erhielt den schönen bedeutungsvollen Namen.

Aber es geht auch von ihm die Sage, daß er dereinst der ganzen Gegend in einem Umkreise von vier Meilen verderblich werden werde, dann werde er ausbrechen und sich ergießen und alles Land überschwemmen, weil er mit unermeßlichen Wasserbecken verbunden ist.

783. Amalbergas Schlösser

Als Thüringens König Irminfried noch sein weitausgedehntes Reich beherrschte, stand auch auf dem sogenannten Hammelburger Berg in der Nähe der alten Stadt Hammelburg ein Schloß, welches Amalberga, die Thüringer Königin, erbaut haben soll, von der denn auch die nahe Stadt den Namen getragen. Dieser Berg liegt der Saale aufwärts nach Westheim zu, und es sind von dem Schlosse noch einige Trümmer zu gewahren. Bei diesen Trümmern hütete einst ein Knabe die Schafe, und da es ein sehr heißer Tag war, so schlief er vor Ermattung ein. Da erblickte er im Traum ein wunderschönes Frauenbild, das winkte ihm still, zu folgen, und er folgte ihm. Beide kamen in ein prächtiges Schloß, und die schöne Frau winkte ihm von Zimmer zu Zimmer, so daß sie alle Prachträume durchwandelten; dabei zeigte sie ihm Truhen voll Goldes, Silbers und köstlicher Edelsteine, von denen zu nehmen die Frau dem Knaben durch Zeichen gebot. Es reizte ihn aber nichts als eine schöne natürliche Blume, welche er auf einem Marmortische liegen sah, die Frau reichte ihm dieselbe, seinen Hut damit zu schmücken, und dann gingen sie aus dem Schloß. Jetzt plötzlich erwachte der Knabe und nahm wahr, daß er alles nur geträumt, und dennoch war auf seinem Hut die Blume befestigt, und als er sie ansah, war sie von lauter purem Golde.

Dies hat eine alte brave Frau erzählt, von der noch Enkel leben, und sie hatte jenen Hirten gut gekannt, der auch ihr und andern oft die Blume gezeigt. Auch viele andere unheimliche Mär erzählt man sich noch von dem alten Schloß.

Auch auf der Burg Saaleck, in deren Nähe im Jahre 9 nach Christo die Markomannen die Drusen schlugen, steht noch ein uralter starker Turm, den soll Amalberga auch erbaut haben. Man sagt ihr nach, sie habe mit diesem Turme dasselbe getan, was jene spätere französische Königin mit dem berüchtigten Turme von Nesle in der Stadt Paris, junge Liebende an sich gelockt und nach gebüßter Lust, daß ihrer keiner sie verrate, sie in diesem Turme umbringen lassen. Darum ist es auch nicht geheuer dort, irrende Flämmchen und aufzuckende Feuer umschweben und umwebern die gebrochenen Zinnen.

784. Der Kaiser im Guckenberge

Bei Gemünden liegt der Guckenberg; von diesem geht die Sage, ähnlich der vom Barbarossa im Kyffhäuser, daß vor langen Zeiten ein Kaiser mit seinem ganzen Heere in ihn versunken sein soll. Nun sitzt er darin an einem steinernen Tische, und wann sein Bart dreimal um den Tisch gewachsen ist, so wird der Kaiser mit all seinen Wappnern wieder hervortreten. Einstmals kam ein armer Knabe auf den Berg, welcher in der Gegend Semmeln zum Verkaufe trug, und traf daselbst einen steinalten Mann an, der sprach freundlich mit dem Knaben; dieser klagte ihm sein Leid, daß er so wenig verkaufen könne und sein Verdienst so gering sei. Da sprach der Alte: Höre, Kleiner, ich will dir wohl einen Ort zeigen, wo du alle Tage so viel Wecke verkaufen kannst, als du zu tragen imstande bist; aber du darfst beileibe niemandem etwas davon offenbaren. Darauf führte der alte Mann den Buben in den Berg hinein, und es war im Berg wie in einer großen Stadt und gar ein reges Leben darin. Viele Leute trieben Handel und Wandel, andere gingen in die Kirche, noch andere hielten einen Bittgang. Und an einem Tische saß der Kaiser gewaltig, und sein langer Bart war schon zweimal um den Tisch gewachsen. Dahin brachte nun tagtäglich der Knabe seine Semmelwecke und empfing dafür uraltes Geld. Da aber nun in seinem Orte dessen bald zu viel umlief, wurden die Leute stutzig, mochten es nicht mehr annehmen und drangen endlich in den Jungen, zu sagen, wo er dieses alte Geld bekäme. Da offenbarte er seinen ganzen Handel. Ein junger Freund von ihm drang sich ihm nun beim nächsten Berggang zum Begleiter auf, um des Guckenberges innere Herrlichkeit auch wahrzunehmen; allein der Semmelbube fand nicht nur den Eingang nicht wieder, sondern nicht einmal den Berg, und kam ihm die ganze Gegend anders und schier verwandelt vor.

785. Seifriedsburg

Es war ein Hirtenjunge, Fritz mit Namen, den seine Genossen Sau-Fritz nannten, weil er die Schweine hütete. Einst schwemmte er seine Heerde im klaren Wasser der fränkischen Saale. Da fand er einen Stein, womit er sich rieb, und der machte ihn fest gegen Hieb und Stich. Er ging in den Krieg und that, zumal er unverwundbar war, Thaten der Tapferkeit, und erwarb Rang und/ Reichthum. Vom Herrn des Gaues empfing er Erlaubniß, sich eine Burg zu erbauen, und wählte die Stätte seiner Heimath, wo er unterhalb seines Geburtsortes auf demselben Berg eine Burg aufführen ließ, die nun nach seinem Jugendspitznamen sammt dem Dorfe Säufritzburg benannt ward, daraus später die Schreibart Seifriedsburg geworden.

Lange stand die Burg, als einst ein schweres Unwetter heranzog, wie gerade das Burggesinde im Heuen war. Alles eilte hastvoll nach Hause, eine kecke Magd aber blieb und rief:

Ei, es mag donnern oder blitzen,

So muß ich meinen Heuhaufen spitzen!

Alsbald fuhr ein Wetterstrahl aus dem Gewölk, der die Magd niederschlug, und die Burg in Brand steckte, und das Wetter riß das Heu auf der ganzen Wiese vom Berg ins Thal hinab. Seitdem ist Seifriedsburg eine Trümmer, doch das Dorf führt den Namen fort.

Zwischen Seifriedsburg und Schönau an der Saale liegt ein Wäldchen, welches den Namen Lindwurm führt. In der Nähe hauste, so kündet die Sage des Volkes, ein Lindwurm, welcher von dem Ritter auf der Seifriedsburg erlegt wurde.

Es leuchtet ein, wie in dieser Sage ein ganz später Wiederhall der Siegfriedsage zu finden ist. Der angenommene niedre Stand, die Lindwurmtödtung, die Unverwundbarkeit, der Ruhm großer Thaten und der Besitz eines reichen Hortes, alles vereint sich hier und deutet sich naturgemäß. Aber woher der alten Sage Verjüngung nun gerade hier? Sollte der Name Seifried – soviel als Siegfried – allein sie hervorgerufen haben?

786. Mespelbrunn

Tief im Spessartwalde jagte ein Kurfürst von Mainz mit seinem Gefolge, und nach der Jagd ruhten sie in einem engen Thalgrunde, unter uralten Bäumen, und an einem Quellbrunnen, der von Mispelbäumen umstanden war. Der Kurfürst sprach: hier ist's traun recht schauer – möcht immer da gut essen, um kein'n Werth! – Da sprach ein Waidwerkgenoß, des Geschlechts der Echter einer: was ihr wollt, das könnt ihr. Gebt mir das Revier, so bau' ich allda ein Haus, das euch stetig offen steht. – Das war dem Kurfürsten recht, er gab dem Ritter ein großes Jagdgebiet im Spessart, und der baute sich ein stattlich Schloß, gab ihm den Namen Mespelbrunn von den Mispelbäumen und dem Brunnen, und fügte diesen Namen seinem eignen für alle Folge hinzu: Echter von Mesbelbrunn. Es war ein mannlich und namhaft Geschlecht, das sich reichen Besitz erwarb und sicherte. Einer erbaute auch zu Hessenthal im Spessart, da hindurch die Straße von Würzburg nach Aschaffenburg zieht, ein Jagdschoß und eine Kapelle; dort liegen mehrere Echter begraben, und prächtige Grabsteine verewigen ihr Andenken.

Dieses edlen Geschlechtes ruhmreichster Sproß war Julius, Echter von Mespelbrunn, Bischof zu Würzburg, Herzog in Franken. Als Bischof unvermählt und kinderlos und der letzte seines Stammes, im Besitz ungeheuern Reichthums, machte er ein Testament. Eine Schwester- oder Bruderstochter war an einen Grafen von Ingelheim verheirathet, und hatte den Bischof zum Pathen ihres Sohnes erwählt. Diesem Pathen nun dachte Julius seine Güter zu und setzte ihn zum Universalerben ein. Er legte das Testament in eine Schachtel und überdeckte es. Oben auf die Decke legte er drei Citronen, und sandte nun die versiegelte Schachtel durch einen eigenen Boten nach Mespelbrunn, wo seine Nichte mit ihrem Sohne wohnte. Als diese öffnete und nichts in der Schachtel sah, als drei Citronen, wurde sie etwas ärgerlich, wußte nicht, ob das ein Scherz oder ein Schimpf von dem geistlichen Oheim sein sollte, entschloß sich kurz, und schickte die Schachtel sammt den Citronen sogleich zurück. Bischof Julius wunderte sich, und entsendete mit der aufs neue versiegelten Schachtel nochmals den Boten nach Mespelbrunn. Die Gräfin von Ingelheim wußte nicht, was sie davon denken sollte, und ward noch ärgerlicher. Sie schnitt eine Citrone auf, meinend, es stecke vielleicht etwas geheimes in den Früchten, allein da sie nichts fand, schickte sie die Schachtel abermals zurück. Und zum drittenmale kam der Bote von Würzburg mit seiner Schachtel, und mit drei frischen Citronen darin. Die Gräfin hatte fast keine Lust, sie zu öffnen, und als ihr wieder die drei Citronen entgegenblickten, fehlte wenig, daß sie dieselben nicht nahm und dem Boten an den Kopf warf. Sie besann sich aber doch, schnitt alle drei auf, da sie aber in allen dreien nichts fand, ward ihr Zorn grenzenlos. Sie warf die Citronen alsbald zum Fenster hinaus, dem Boten die wieder zugeklappte Schachtel an den Kopf und drohte ihm, wenn er noch einmal vor ihre Augen komme, so wolle sie ihn zu Mespelbrunn hinauspeitschen lassen. Wie der Bote dem Bischof ansagte,was sich begeben, sprach Julius: ich sehe wohl, Gott hat mein Vermögen zu anderer Verwendung bestimmt, entnahm der Schachtel das mit Papier bedeckte Testament und warf es ins Kamin. Hierauf gründete er von seinem Reichtum zu Würzburg das berühmte seegensreiche Hospital, das seinen Namen trägt, durch welche Stiftung Julius Echter von Mespelbrunn seines Namens Gedächtniß groß und unsterblich gemacht hat für alle Zeiten.

787. Das Herrenbild

Von Hessenthal führte früher die alte Straße nach Ober-Bessenbach durch tiefen öden Wald. Ein Postknecht ritt seine Pferde von Aschaffenburg nach der Station zurück, es war Nacht, und er schlief. Da standen plötzlich die Pferde – aus dem nahen Busche drang ein Ruf, und lichter Schimmer leuchtete dort, woher die wundersame Stimme drang. Der Postknecht stieg ab, ging muthig auf die Stelle zu, und fand tief im Buschwerk, vernachlässigt, moosüberwachsen und altergrau ein Muttergottesbild aus Holz. Treulich erhob er dasselbe, säuberte es, trug es heraus und stellte es auf einen Steinhaufen am Wege, denn es mitzunehmen, dazu war es zu schwer. Es dauerte nicht lange, so thaten sich einige fromme Herren zusammen, und erbauten dem Bilde eine kleine Kapelle, und das Bild that Wunder, und die Hessenthaler gingen hinauf und beteten dort. Da nun die Echter in Hessenthal die Kapelle erbauten, zogen die Bewohner hinauf ujnd trugen das Gnadenbild herab in die neue geweihte Kapelle. Allein das Herrenbild – so ward und wird es noch genannt – machte es, wie jenes auf der Milseburg im Rhöngebirge (Sage Nr. 770), und jenes am Räti (Sage Nr. 19), und kehrte wieder an seinen Ort zurück. Dreimal holten die Hessenthaler das Bild in ihre neue, schöne Kapelle, und an jedem Morgen stand es wieder droben in dem alten einfachen Kapellchen. Da gelobten die Hessenthaler, wenn das Bild bei ihnen bleiben wollte, so wollten sie es alljährlich auf den Pfingstmontag in feierlicher Procession hinauf auf den Berg tragen. Diesen Accord hat hernach das Bild eingegangen und geschieht noch also.

788. Die Garnkocherin

Zu Hessenthal, das so recht mitten im Schooß des Spessart liegt, steht in einer großen offnen kapellenartigen Halle das Bildwerk einer Kreuzigung mit reicher Gruppirung auf einem 30 Fuß langen und 9 Fuß hohen Piedestal. In der Mitte desselben, unter dem mittleren Kreuze, ist an der Vorderseite eine eingehauene zweikantige Vertiefung in den Stein. Hält man nun hier den Kopf hinein, so vernimmt man ein Brausen, ähnlich dem strudeln kochenden Wassers. Hierüber geht diese Sage. Es standen früher an diesem Platze zwei Hütten. Die Bewohnerin einer derselben kochte am Pfingstmontage, wo man das Marienbild in Procession zum Berge trug, Garn, um es zu bleichen. Ihre Nachbarsfrau, die es/ sah, sagte zu ihr: was! Du kochst heute am Pfingstmontag Garn? – Allein jene gab ihr zur Antwort: Pfingstmontag hin, Pfingstmontag her, mein Garn muß gekocht sein. – Und alsbald sank sie unter furchtbarem Getöse sammt ihrer Hütte unter die Erde. Seitdem vernimmt man nun hier das brodelnde und strudelnde Getöse, das an Pfingstmontgen immer stärker ist, als an andern Tagen, und hört aus der Tiefe ein jammerndes Aechzen. Aber die Höhlung hat die wunderbare Eigenschaft, Schwerhörige, die hinein horchen, von ihrer Taubheit zu heilen.

789. Der Schellenberg

Unweit Mespelbrunn in einem engen Tale steht ein alter viereckiger Turm, den bereits der Zahn der Zeit sehr benagte. In seinem Innern befindet sich noch eine Stiege von Stein, die unter die Erde führte. Hier soll sich ein Raubritter aufgehalten haben, der die ganze Umgegend unsicher machte. Von dem Turme aus ging ein Draht nach dem nahen Berge, an dessen Ende in dem Turm eine Schelle angebracht war. Über den Berg selbst führte eine sehr lebhaft begangene und befahrene Straße, über diese war der Draht, leicht bedeckt, so geleitet, daß fast alle des Weges Kommenden ihn betreten mußten. Dann klingelte die Schelle, und der Räuber eilte auf einem Richtweg nach einer Stelle hin, wo er nun auf die Reisenden lauerte und ihnen ihre Last leichter machte; davon wird dieser Berg und Turm noch immer der Schellenberg genannt.

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