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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Der Stiefel voll Wein
  2. Der wilde Jäger
  3. Spanheims Gründung
  4. Vom Ursprung des Moselweins
  5. Der Heiligen Gräber
  6. Metz versagt den Tanz
  7. Der Teufelsbündner in Virdung
  8. Die getreue Frau Florentina
  9. Triers Alter
  10. Sankt Arnulfs Ring

80. Der Stiefel voll Wein

Auf dem Steine, wo nun fortan dieser Rheingraf fröhlich hauste, ging es zum öftern gar hoch her. Da saßen eines Abends die Wild- und Rheingrafen und eine große Schar Ritter von den Nachbarburgen im Saale beisammen und zechten baß, und die Humpen kreisten. Da saßen Ritter von Sponheim, von Dhaun, von der Ebernburg, von Flörsheim, von Stromberg und tranken scharf und fest. Jetzt hob der Rheingraf einen mächtigen Reiterstiefel auf den Tisch und goß den voll Weines und rief: Wer diesen Humpen leert auf einen Zug, dem soll Hüffelsheim zu eigen sein mit Wonne und Weide und aller Zubehör! – Des verwunderten sich die Mannen und mocht sich's keiner vermessen, schien ihnen allen der Schluck doch zu groß, und selbst der Burgpfaff, der etwas zu leisten vermochte in guten Trünken, und mancher andere Wackere wagten sich nicht daran. Da saß auch ein alter Zecher im Kreise, Ritter Boos von Waldeck, der sah die andern alle der Reihe nach an und wartete, ob einer den Stiefel leeren wolle, und da es keiner tat, da faßte er ihn in die Hand, und ließ den Wein rinnen in seinen Schlund, und trank ihn leer bis auf die Nagelprobe, und dann sagte er: Lieber Rheingraf, dein Hüffelsheim schmeckte gut, wie wär' es nun mit Waldbökelheim? Der Mensch kann doch nicht in einem Stiefel gehen? – Aber der Rheingraf wollte nicht noch einen Ort an eine Rittergurgel verlieren und schwieg stille. Darnach ist das Sprüchwort aufgekommen: Der verträgt einen guten Stiefel.

81. Der wilde Jäger

Der Wild- und Rheingrafen einer war ein gewaltiger Jäger, aber nicht wie Nimrod vor dem Herrn, sondern so recht vor dem Teufel. Einen Tag und alle Tage ging es hinaus in die Forste, mit wildem, wüstem Gefolge. Werktag und Feiertag, das war dem Grafen alles gleich, in die Kirche ging er nicht, und die Pfaffen achtete er nicht, nur Jagen war seine Freude. Da geschah es eines Sonntagmorgens, daß der Wild- und Rheingraf abermals vom hohen Stein mit dem Gefolge seiner Jagdknechte und Rüden herab zu Tale zog, mit Horrido und Hussassa, wie der Dichter singt, durch Felder und Saaten, nichts achtend, niederstampfend in den Boden junge Saat und reife Ähren. Es währte nicht lange, so brachten die Hunde einen großen weißen Hirsch auf, dessen Spur sie nun mit lautem Kliffen und Klaffen folgten, und die Hifthörner klangen, die Hetzpeitschen knallten, daß es nur so sauste und brauste, immer dem Hirsch nach. In allen Tälern riefen die Kirchenglocken zu Gebet und Amt, der Wildgraf hörte es gar nicht. Ein Bäuerlein, in dessen Feld der fliehende Hirsch sich zu bergen suchte, sah den Troß auf sein Feld losjagen und fiel auf die Knie und flehte, seines Ackers, des einzigen, welchen es besitze, doch gnädiglich zu schonen – der Wild-und Rheingraf überritt den Bauer und stürmte mit dem ganzen Jagdtroß über den Acker hin. Der fliehende Hirsch mischte sich unter eine weidende Herde, da Sicherheit zu suchen – der Hirte sah die wilde Jagd annahen und flehte um Barmherzigkeit für das ihm anvertraute Vieh – der Wild- und Rheingraf knallte ihm mit der Peitsche um die Ohren und schrie: Hui hatz! hui hatz! – da fiel die blutgierige Meute mit wütenden Bissen den Hirten an, und rissen ihn nieder, und bissen die Rinder tot, und jagten den Hirsch weiter. Dieser gewann einen Wald, dessen friedliche Sonntagsstille jetzt gellend laut der Zug des wilden Jägers durchtobte.

Im Walde stand eine Einsiedlerklause, und in diese floh jetzt der auf den Tod gehetzte Hirsch. Der Wild-und Rheingraf stürmte mit seinem Troß gegen die Klause an – der Klausner, ein Greis mit schneeweißem Bart, trat heraus und hob warnend die Hand. Nicht weiter! rief er mit starker Stimme. Hier ist das Asyl der Kreatur! – In der Hölle ist dein Asyl, du alter Hund und Narr! schnaubte der Wild- und Rheingraf den Klausner an und hob die Peitsche hoch gegen ihn auf. Aber die aufgehobene Rechte fiel nicht mehr zum Schlage nieder. – Nacht ward es plötzlich – der Klausner und die Hütte, der Hirsch und die Hunde, die Jäger und die Knechte – alles schwand, und des Wild- und Rheingrafen keuchendes Roß brach zusammen. Und da zuckte ein Blitz, und da fuhr des Teufels Faust riesengroß aus der Erde und drehte dem wilden Jäger den Hals um, und eine Stimme donnerte: Jage so fort, bis an der Welt Ende! – Und also geschieht es, wie viele viele Sagen melden, daß von Zeit zu Zeit die wilde Jagd durch die Lüfte und über Felder und Wälder fährt mit gräßlichem Geschrei, mit dem Kliffen und Klaffen der Hunde, mit gespenstischem Wild, und der wilde Jäger selbst als Wild gehetzt vom wilden Heere der Hölle.

82. Spanheims Gründung

Es war vordessen ein Graf von Vianden und Ravenzierburg, der liebte eine Gräfin des Nahegaues, welche eine Witwe war, und auch sie war ihm als dem zweiten Bewerber um ihre Hand nicht abhold – aber der Graf hatte in einer Fehde einen nahen Verwandten der Gräfin erschlagen, und so konnte und mochte sie ihm, schon der Verwandtschaft wegen, die Hand zum Ehebunde nicht so bald reichen, sondern band die Erfüllung seines Wunsches an eine Bedingung, welche Zeit vergönnte, jenen Fehdehandel mehr in Vergessenheit kommen zu lassen. Sie sprach zum Grafen von Vianden, er möge zur Sühne des Erschlagenen eine Pilgrimfahrt in das Heilige Land antreten und von dort ihr ein Zeichen von den heiligen Orten mitbringen, das geweiht und beglaubigt sei, daran werde sie seine aufrichtige Liebe und den Willen des Himmels zugleich erkennen. – Der Graf schied vom Heimatlande, und es währte wohl über Jahr und Tag, bevor er an die Rückkehr denken konnte. Er kämpfte gegen die Ungläubigen, betete an allen heiligen Orten und erwarb, sein Gelübde zu lösen, auch einen Span vom Kreuze des Herrn, dessen Echtheit der Patriarch von Jerusalem durch einen Pergamentbrief mit bleiernem Siegel beglaubigte. Der Graf von Vianden war sehr glücklich, einen so werten Schatz zu besitzen, und ließ eine kleine goldene Truhe anfertigen, besetzt mit Edelgesteinen und sehr kunstvoll, und in getriebenem Golde den Namen der Herrin, der er diente, auf dem Deckel der Truhe anbringen. Darauf schickte sich der Graf zur Heimreise an, voll Hoffnung auf endliches Glück. Aber das Geschick zeigte sich ungünstig. Auf der weiten Meerfahrt von Palästina nach den Küsten Italiens erhob sich ein furchtbarer Sturm, welcher das Schiff zu scheitern brachte, kaum daß die Mannschaft das nackte Leben davonbrachte. Alle Habe des Grafen und auch jenes wertvolle Kästchen verschlangen die Wogen des Adriatischen Meeres. – Arm und gebeugten Geistes, bekümmerten Herzens, ein bettelnder Pilgrim, durchreiste der Graf die Gauen Welschlands und Deutschlands, und so kam er auf seinen Heimatburgen wieder an, wo er zwar des Gutes und Geldes genug fand, allein nichts, was seinen Verlust hätte ersetzen können. Betrübt suchte er die Gräfin auf, sie hieß ihn freudig willkommen, er fand sie schöner und liebenswürdiger als je vorher, das schmerzte ihn um so tiefer, und er sprach: Frau Gräfin, Ihr seht mich mit leerer Hand Euch wieder nahen. Ich hatte ein kostbares Reliquienstück, einen echten Span vom Kreuze unsers Herrn, wohlbewahrt in köstlichem Schrein, für Euch vom Heiligen Lande mitgebracht. Ein Sturm, der unser Schiff scheitern ließ, raubte mir alle meine fahrende Habe und auch jenes Kleinod, das für Euch bestimmt war, das mein Glück an Eurer Hand begründen sollte. –

Armer Graf, sprach die Gräfin, und ihre Augen strahlten ihn liebereich und minniglich an, so bringt Ihr vom Kreuze des Herrn keinen Span heim? War denn vielleicht auf dem Kästchen, das Euch der Meersturm raubte, mein Name zu lesen?

Der Graf hörte ganz erstaunt diese Worte, er glaubte zu träumen und rief: Beim Kreuze des Heilands, Frau Gräfin, wie könnt Ihr wissen? –

Gottes Hand, der Heiligen Fügung! antwortete ernst und liebreich die Gräfin, erschloß einen Schrein, nahm aus diesem des Grafen goldne Truhe und hielt sie dem Staunenden unter die Augen. Heute in der Morgenstunde hat es an mein Burgtor geklopft, wie der Pförtner öffnet, steht ein Jüngling draus, hell gekleidet, mit einem Antlitz schön wie die Morgenröte. Der spricht: Für deine Herrin – und gibt dem Pförtner dieses Kleinod in die Hand. Wie der es betrachtet und wieder zu dem Jüngling aufblickt, ist derselbe schon hinweggeschwunden. Brauchen wir weiter Zeugnis? Wir haben gehofft, jetzt laß uns glauben und lieben! – Mit diesen Worten fiel die junge Witwe dem Grafen um den Hals und küßte ihm den Verlobungskuß unter Freudentränen. Und als beide miteinander vermählt waren, erbauten sie eine neue Burg und ein Kloster, und gründeten einen Ort, und nannten den Spanheim, und stifteten den heiligen Span in ihr Kloster, und das Kloster begabte mit kleinen Partikeln von dem Span, reich in Gold gefaßt, auch das nachbarliche Kloster Kreuznach, ja dessen alter Name Crucinaha, dem Kreuze nahe, soll sogar davon abstammen. Und das Geschlecht der beiden Vermählten blieb gesegnet vom Herrn, viele fromme und berühmte Männer und Frauen gingen aus ihm hervor, stifteten Klöster, bauten Kirchen, kämpften im Heiligen Lande oder wandelten selbst als heilige Personen durch das Leben.

83. Vom Ursprung des Moselweins

Es ist eine alte Sage, daß der herrliche Moselwein aus dem deutschen Franken stamme. Merowig, der Westfranken König, habe zwölftausend Bewohner des Mosellandes in das morgenländische Franken geführt und aus letzterem zwölftausend Einwohner in das Moselland versetzt. Diese östlichen Franken waren gute Wingersleute, entnahmen aus ihrem heimatlichen Boden edle Reben und pflanzten diese im neuen Vaterlande an, wo sie herrlich gediehen und liebliche Weine lieferten bis auf diesen Tag.

Die Mosel entspringt im Vogesengebirge im deutschen Sundgau aus zwei Hauptquellen, deren Flüsse sich bei Remiremont vereinigen, und durchfließt in den mannigfaltigsten Krümmungen das welsche Lothringen, dann begrüßt sie deutsche Gaue und rauscht altberühmten Städten vorüber.

Wie vom Frankenwein bis auf den heutigen Tag der Spruch geht und gilt: Frankenwein, Krankenwein, also daß selbst Kranken derselbe heilsam sei, so von seinem Sohne, dem Moselwein, dem Erben seines Ruhmes und seiner Tugenden, geht und gilt der lateinische Reim: Vinum Mosellanum fuit omni tempore sanum, das ist zu deutsch: Moselwein soll allzeit gesund gewesen sein.

84. Der Heiligen Gräber

Im Mosellande beim Dorfe Chau steht eine dem heiligen Eucharius geweihte Kapelle. Sankt Eucharius war ein Sohn des Königs Baccius von Catalonien und der Lientrudis, dessen Gemahlin. Dieses fromme Paar gab aber nicht nur dem heiligen Eucharius das Leben, sondern auch dem heiligen Eligius, der heiligen Liberia, der heiligen Susanna, der heiligen Memia, der heiligen Oda und der heiligen Gertrudis. Alle diese Heiligen wurden mit vielen Edlen dieses Gaues durch die wilden Vandalenhorden, welche Julianus Apostata in das Land führte, umgebracht, an der Zahl zweitausendzweihundert, und das geschah im Jahre 362 nach Christi Geburt, am 10. Mai. So wurde jene Gegend ein großer Totenhof, und die alte Kapelle an der Mosel, Chau gegenüber, wurde zum Grabstein der frommen Märtyrer und bewahrt auf Gedenktafeln das Gedächtnis derselben der Nachwelt auf.

85. Metz versagt den Tanz

Das alte Metz, welches Frankreich, gleich den früher deutschen Städten Toul, Verdun und Straßburg, Deutschland abgedrungen hat, leitet schon von den Römerzeiten seinen Ursprung und Aufbau her. Ein Feldherr Julius Cäsars, Marius Metius, habe die Stadt, welche Cäsar hartnäckig widerstanden, einnehmen müssen, und habe sie verheert, dann aber herrlich wieder aufgebaut, nach seinem Namen Metia genannt, auch neunzehn Jahre daselbst regiert, auch einen Rat aus dreizehn Stadtältesten eingesetzt, der lange bestanden habe.

Zur Zeit Kaiser Karls V. sandte König Heinrich II. von Frankreich den Connetable Annas Montmorency vor diese deutsche Reichsstadt, der versprach ihr völligen Schutz, wenn sie nur ein einziges Fähnlein französisches Kriegsvolk, darunter man einen kleinen Heerhaufen, etwa was heute eine Kompagnie besagt, verstand, einnehmen wollte. Dies bewilligte der Rat der Stadt Metz, und es zogen nicht minder denn dreitausend Franzosen, allerdings nur mit einem einzigen Fähnlein, in die Stadt und nahmen sie ohne Schwertschlag für ihren König in Besitz, befestigten die Stadt auf das beste und versahen sie mit Mundvorräten aller Art. Als nun im darauffolgenden Jahre Kaiser Karl V. mit einem Kriegsheere kam, Metz den Franzosen wieder abzunehmen, glückte ihm das nicht, obschon er mit siebenzigtausend Mann davorlag und vierzig Tage und Nächte lang die Stadt so heftig beschießen ließ, daß es gleichsam Kugeln regnete und die ganze Gegend von dem Pulverdampfe fort und fort wie in einen starken Nebel gehüllt blieb. Bis nach Straßburg hin ward der Donner des Geschützes gehört. Der tapfere Verteidiger von Metz war der Herzog von Guise, welcher dem Kaiser viel Volk zuschanden machte. Dazu halfen noch Hunger, Seuchen und Kälte gegen Karl V. streiten, und es sind damals vor Metz dreißigtausend Mann geblieben. Endlich brachte noch eine Kriegslist den Kaiser zum Abzug. Der Herzog, welcher fürchtete, die Stadt auf die Länge dennoch nicht halten zu können, zumal sie an ihrer schwächsten Seite angegriffen war, schrieb einen Brief an seinen König des Inhaltes, daß die Belagerung ganz fruchtlos und gefahrlos sei, zumal Karl sie an der stärkstbefestigten Seite am meisten angegriffen habe. Diesen Brief mußte ein scheinbar ungeschickter Bote durch das feindliche Lager tragen, sich fangen lassen, und nun gelangte der Brief vor Karls Augen. Dieser ließ sich wirklich betören, hielt den Brief für wahr, zog die Streitkräfte von der schwachen Seite zurück, griff an anderen sehr gut befestigten Stellen an, verlor die bereits errungenen Vorteile und mußte endlich nach dem Verlust von fast der Hälfte seines Heeres die Belagerung aufgeben. Da fehlte es nicht an Hohn und Spott, der sich reichlich über Karl in allen deutschen Landen ergoß, und da es ihm vor Magdeburg auch fast in gleicher Weise ergangen war, so lief gar bald der Spottreim von Munde zu Munde:

Eine Metze und eine Magd

Haben Karln den Tanz versagt.

Dieses und noch anderes Leid soll sich der Kaiser so zu Gemüte genommen haben, daß er drei Jahre später der Regierung ganz entsagte und 1586 als Mönch in das Kloster St. Just in Spanien trat, wo er Uhren baute. In diesem selben Jahre geschah es, daß Metz, Toul und Verdun – Virdung zu deutsch – durch den Vertrag und Friedensschluß zu Cambray von Deutschland völlig abgetreten und unter den Schutz der Krone Frankreichs gestellt wurden.

86. Der Teufelsbündner in Virdung

Als die Stadt Virdung noch eine deutsche war, und zwar schon zu Kaiser Rudolf von Habsburg Zeiten, saß ein Bürger dortselbst, der verfiel in Armut und durch sie in Versuchung und Stricke, nach dem Sprüchwort: An armer Leute Hoffart wischet der Teufel seinen Hintern, denn jener Bürger mochte gar gern prangen und prassen. Damit er nun neue Schätze gewinne, verlobte er sich mit eines alten Weibes Beistand dem Teufel, schwur Gott und seinen Heiligen ab und empfing einen Heckebeutel mit Brutpfennigen; sooft er in den Beutel griff, so oft konnte er die Hand voll Goldes oder Silbers herausziehen. Da mehrte er seinen Reichtum von Tage zu Tage, kaufte Gärten und Häuser, Äcker und Wiesen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Eines Tages aber geschah es, daß er vor seinem Hause im Schatten saß und mit Freunden zechte, da kamen zwei unbekannte ernste Männer auf schwarzen Rossen geritten, die führten mit sich ein drittes aufgezäumtes schwarzes Roß und trugen dunkle Tracht. Die Männer hielten an des Bürgers Haus und forderten, daß er das ledige Roß besteige. Der Bürger sahe mit Kummer, wo das hinauswolle, nahm traurig von seinen Angehörigen, zwei Söhnen und Freunden Abschied und bestieg das dunkle Roß, auf welchem er mit den beiden Reitern rasch von dannen ritt. Die Söhne hätten gern erfahren, wohin doch ihr Vater geritten auf Nimmerwiederkehr. Da fielen sie auf den Gedanken, die alte Hexe zu fragen und ihr Geld zu geben, daß sie ihnen ihren Vater zeige und den Ort, da er weile. Das alte Hexenweib ging mit den Jünglingen in einen Wald, wo sie ihre Zauberkunst übte und die Hölle beschwur. Da tat sich der Erdboden auf, und die Zwei steigen herauf, welche den Bürger hinweggeführt hatten, und waren schrecklich anzusehen. Da fragte die Alte die Jünglinge: Wollt ihr euern Vater auch sehen? – Den Ältesten ergriff ein Grauen, und er verneinte die Frage, der Jüngere aber besaß mehr Herzhaftigkeit und verlangte nach des Vaters Anblick. Da winkte das Weib den dunkeln Männern, und diese hießen den Jüngling ihnen folgen. Nach einer Weile kamen sie an ein schönes Haus, und in einem Gemach desselben sah der Jüngling seinen Vater, ganz so gekleidet, wie er von Hause hinweggeritten war, auch fast von solchem Aussehen, nur lag auf seinem Gesicht der Ausdruck eines namenlosen Leidens. Wie geht es Euch, Vater? fragte der Jüngling. Ist Euch wohl oder wehe? – Der Vater seufzte und sprach: Sohn, ich habe um irdisches Gut Gott entsagt und seinem Anteil an mir und habe dem Teufel Leib und Seele zu eigen gegeben. Tut euch beide ab eures ererbten Gutes, denn es würde dessen Nutzung euch schaden und euch der gleichen Pein überliefern, die ich dulde. – Leidet Ihr Pein, Vater? fragte der Sohn. Ich sehe doch nichts von einer Flamme! – Rühre an mich mit der Spitze deines kleinen Fingers, Sohn! antwortete der Vater, zucke aber schnell wieder hinweg. Da tat das der Jüngling und rührte seinen Vater nur so lange an, als ein Blitz zuckt, und verbrannte sich alsbald den Finger und die Hand und den Arm bis zum Ellenbogen und empfand den allerglühendsten Schmerz. Voll Entsetzen rief er nun: O armer, armer Vater! Können wir nichts für Euch tun, das Euch fromme und helfe? – In Ewigkeit nichts, sagte der Vater, als daß ihr euch des Höllengutes abtut. – Da nahm der Jüngling trauernd Urlaub von seinem Vater, und die Männer brachten ihn zurück zu dem Hexenweibe, dem zeigte er den verbrannten Arm, und wer ihn sonst sehen wollte, und gab alles vom Vater ererbte Gut nebst seinem Bruder an ein Kloster, das nahm es willig an, und schadete ihm mitnichten etwas, die Brüder aber sind Mönche geworden und haben ihr ganzes Leben hingebracht, für ihres Vaters Erlösung aus der Flammenpein zu beten.

87. Die getreue Frau Florentina

Zu Metz lebte ein edler Rittersmann, der hieß Alexander, der hatte eine gar tugendsame Ehewirtin, die hieß Florentina. Der Ritter gelobte sich zu einer Bußfahrt zum Heiligen Grabe, und sein Ehegemahl fertigte ihm ein feines neues Hemde, das zeichnete sie mit einem roten Kreuze und hieß es ihm stetig tragen. Es sei also gefeit und geweiht, daß es immer rein bleibe, zum Zeichen ihrer steten Reinheit und Treue, die sie ihm bewahren wolle bis zu seiner Wiederkehr. Im Heiligen Lande aber geriet Ritter Alexander aus Metz in Gefangenschaft und mußte mit anderen als Knecht den Pflug ziehen und Geißelhiebe und ein Joch auf seinem Nacken dulden wie ein Stier. Das Hemd aber blieb trotz harter Arbeit, trotz Staub und Schweiß und Blut stets rein und weiß, wie Schnee. Das verwunderte die Aufseher, und sie brachten es vor den Sultan. Da erkundigte sich der Sultan, welche Bewandtnis es mit des Sklaven Hemde habe, und Alexander erzählte ihm von der Treue und Reinheit seiner Florentina. Solches dünkte dem Sultan eine Lügenmäre zu sein, und er ward sehr neugierig, ob dem in der Welt nur so sein könnte, und ließ auf seine Kosten einen vertrauten Eilboten ins Abendland reisen, der kam auch glücklich nach Metz, erkundete die Frau, erzählte ihr von ihres Herrn harter Gefangenschaft und warb, da er sie zumal besonders schön fand, mit starker Versuchung um ihre Minne. Allein da er ganz vergebens sich um die Gunst der Frau bemühte, so zog er wieder ab und brachte seinem Herrn die Nachricht von Florentinas unwandelbarer Treue. Diese aber kleidete sich in Pilgrimtracht, nahm eine Harfe mit, die sie meisterlich zu spielen verstand, und reiste dem Heiden nach, holte zu Venedig ihn ein und fuhr mit ihm, ohne daß er sie wiedererkannt hätte, in das Heidenland. Als sie nun an des Heidenkönigs Hofe ankamen, meldete der Abgesandte, was er zu Metz ausgerichtet, und rühmte seines Reisegefährten kunstreiches Harfenspiel. Da wurde der Pilgrim an den Hof gefordert und durfte sich hören lassen und wurden ihm große Geschenke für sein Spiel dargeboten. Er weigerte aber, solche anzunehmen, und bat nur um die Freilassung eines der Sklaven, die im Pfluge gingen. Das ward ihm zugestanden, und nun ging Florentina zu den Sklaven und suchte unter ihnen ihren Mann, den bat sie los, gab sich ihm aber nicht zu erkennen, weder zu Lande, noch zur See, sondern blieb in ihrer Verkleidung als Mann und fuhr mit ihrem Manne der Heimat zu. Da sie noch zwei Tagereisen von Metz waren, sprach Florentina: Mein lieber Wandergesell, nunmehr gehen unsere Wege voneinander. Gib mir dafür, daß ich dich befreit, doch auch etwas zum An denken. – Was soll ich dir geben, der ich so viel wie nichts habe? fragte der befreite Ritter. – Du hast ein sonderbares Hemde an, von dessen Wunder habe ich im Heidenlande reden hören, schneide mir ein Stück heraus, damit ich auf meiner Pilgerschaft auch andern von dem Wunder singen und sagen kann. – Weil du es bist und ich so großen Dank dir schuldig geworden, sprach der Ritter, so will ich's tun, keinem anderen auf der Welt gäbe ich vom Hemde, das mir meiner Frauen Reine und tugendsame Zucht so wunderbar verbrieft. – Schnitt ihm also ein Stücklein, nicht gar groß, aus dem Hemde heraus und schied so dankend von dem Pilgrim. Florentina eilte ihrem Gatten schnell voraus nach Metz, legte ihre Frauenkleidung wieder an, und als er nun, einen ganzen Tag später wie sie, daheim ankam, empfing sie ihn mit herzlicher Liebkosung und Freude, des ward er sehr glücklich. Als aber nun der heimgekehrte Ritter allmählich seine Freunde wieder sah, da merkte er an ihrem sondern Wesen, daß sie etwas Heimliches gegen ihn auf den Herzen hatten, und endlich sagte ihm einer: Mich nimmt viel Wunders, daß du dein Weib wieder daheim funden hast, sie muß deine Heimkunft gerochen haben. Ein fremder Mann war oft und lange bei ihr, und endlich ist sie ihm nachgefahren und zwölf Monate außen blieben und nur kurz vor dir wiederkommen. – Da ward der Ritter sehr zornig, lud seine Freunde und Verwandten zu einem Mahl und fragte dann dabei sein Weib öffentlich, warum sie so untümlich lange Zeit ihr Haus verlassen, und wo sie denn in der Welt herumgereist sei nach fahrender Fräulein Art. – Da stund die getreue Florentina schweigend vom Tische auf, ging in das Zimmer nebenan und kam als Pilgrim mit der Harfe wieder und reichte ihm das Stücklein Leinwand aus seinem Hemd. Da hob der Ritter seine Hände auf und rief: Vergib, du Himmlische, du Reine! Du befreitest mich aus Sklavenbanden, aus dem Joche am Pfluge, und fiel ihr weinend um den Hals und bat sie um Verzeihung, und jede Anklage verstummte auf immerdar.

88. Triers Alter

Trier und Solothurn sollen die ältesten Städte in Europa sein. Eintausendunddreihundert Jahre vor Christus habe Trier schon gestanden, wie alte Reimverse aussagen, ja Trier war lange die zweitgrößeste Stadt in der alten Welt, Rom die erste, und die Alten nannten es das reichste Trier, das beglückteste Trier, das ruhmwürdigste, das ausgezeichnete Trier – und dies schon zur Römerzeit, und zur Zeit des deutschen Mittelalters war Trier des Christentums Wiege, das zweite, das deutsche Rom. Triers frühe Kulturblüte brachen zuerst die Gallier durch eine dreimalige Verheerung und schufen aus der Stadt nur einen großen Totenhof. Dennoch verlangten einige dem Verderben entgangene Nobili noch blutige Zirkusspiele, wie sie in Rom stattfanden zur Zeit des tiefsten Sittenverfalles dieser Weltstadt. Die Astrologen nannten übrigens das Triersche Gebiet die Planetengasse, weil es dort so überaus häufig regnen soll. Man sagt auch von einem See in diesem Gebiete, darin sich zuzeiten ein wunderbarer Fisch soll sehen lassen, und wenn dies geschehe, bedeute es voranzeigend den Todesfall des jedesmaligen Landesherrn. Das schönste unter den vielen Baudenkmalen uralter Zeit ist der Dom zu Trier; lange zeigte man in ihm ein Horn, das die Einwohner die Teufelskralle nannten, und erzählten, der Erbauer des Doms habe allein nicht zustande kommen können und den Teufel zu Hülfe genommen und diesen überlistet, da habe der Teufel in seiner Wut die Altäre umreißen wollen, es sei ihm aber nicht gelungen, und habe er noch dazu eine Kralle lassen müssen. Im Dom zu Trier wird auch der ungenähte heilige Rock aufbewahrt, den Christus der Herr getragen haben soll, und um den die Kriegsknechte gewürfelt, weil er zu schön, als daß sie ihn hätten zerschneiden mögen. Es ist ein Mannsrock mit langen Ärmeln, aus zartem Linnenstoff, aus subtilen Fäden buntfarbig gewirkt. Die heilige Helena war es, welche diesen Rock mit einem Stücke des heiligen Kreuzes und einem Nagel, mit welchem Christus an das Kreuz geheftet war, nach Trier schenkte, wohin sie den frommen Bischof Agritius von Antiochia sandte. Dieser Rock genießt der andächtigsten Verehrung von vielen Millionen Gläubigen, die an seiner Echtheit nicht zweifeln, obschon an vielen Orten mehr derselbe Rock und doch nicht derselbe für echt gezeigt wird.

89. Sankt Arnulfs Ring

Von besonders hohem Alter ist auch zu Trier die Moselbrücke, ein dauerbares Gebäu von Steinen ungeheurer und ungewöhnlicher Größe, auf jeden Fall ein Bauwerk aus Römerzeiten; der Kaiser Nero soll schon über diese Brücke gezogen sein, um alles Land bis Köln zu erobern. Wo sich die Bogen der Brücke miteinander schließen, stehen Säulen, welche über die Brustwehr der Brücke emporragen, darauf sollen heidnische Götterbilder gestanden haben. Einst fühlte der heilige Arnulf sein Gewissen belastet, und da er von ohngefähr über die Moselbrücke ging, sah er in des Wassers Tiefe nieder, zog einen kostbaren Ring vom Finger und warf ihn voll Vertrauen auf Gottes Allmacht und Barmherzigkeit hinab in die Mosel, indem er rief: Wenn ich hoffen darf, daß meine Sünden mir verziehen werden, so werde ich diesen Ring wiederbekommen. Es vergingen wenige Jahre und der heilige Arnulf wurde unterdes Bischof zu Metz. Da lieferte eines Tages ein Fischer in die bischöfliche Küche einen großen Fisch, und da der Koch diesen zubereitete für die Tafel seines Herrn, fand er voller Verwunderung im Eingeweide des Fisches einen schönen Ring und brachte den Ring zum Bischof. Da sahe dieser, daß es sein Ring war, den der Fisch, ihn wohl für eine Speise haltend, beim Fallen hinabgeschlungen und einige Jahre bei sich behalten – und pries Gott in Demut für dieses Gnadenzeichen und tat sich aller sündigen Gedanken ab, um dieser Gnade sich wert zu erzeigen.

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