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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Frevel wird bestraft
  2. Die Martyrergräber
  3. Die heilige Genofeva
  4. Die Weingötter am Rhein
  5. Die sieben Schwestern
  6. Lurlei
  7. Sankt Goars Wunder
  8. Die Brüder
  9. Die wandelnde Nonne
  10. Die Frau von Stein

90. Frevel wird bestraft

Als im Jahre 1673 die Franzosen Trier belagerten, machten sie ringsum vor der Stadt alle Klöster der Erde gleich. Dem Kommandanten wurde auf das beweglichste zugeredet, nicht also zu verfahren, und ihm zu verstehen gegeben, keinem gehe es gut aus, der sich an Gotteshäusern und frommen Stiftungen mit frevelnder Hand vergreife. Der Kommandant aber sagte: Das ist nicht meine, sondern des Königs Sache, der es also haben will und befiehlt; hole mich der Teufel, wenn das Kloster nicht bis heute abend ein Aschenhaufen ist! – Kaum hatte er das gesagt, da er gerade auf einer Brücke hielt, so tat sein Pferd einen plötzlichen Satz, übersprang die Brückenbrustwehr und stürzte zusamt dem Reiter in die Mosel, wo der Reiter unten hin und das Pferd auf ihn zu liegen kam; Roß und Reiter hatten den Hals gebrochen.

Dieses Kommandanten Nachfolger ritt auch dorthin, da warnte ihn die Schildwache und sagte: Hier ist nicht sicher reiten, auch zielt der Feind nach diesem Punkt. – Ho! lachte der Kommandant, der Feind kann mich hintenhin treffen. – In diesem Augenblicke fiel auf einer Bastion ein Schuß, und der Kommandant tat einen lauten Schmerzensschrei und stürzte samt dem Pferde. Die Kugel hatte den von ihm bezeichneten Ort wirklich getroffen, war aber nicht auf halbem Wege geblieben, sondern vorn wieder heraus und dem Pferde durch den Hals gedrungen.

91. Die Martyrergräber

Sankt Maximin heißt unterhalb Trier am Moselflusse eine alte, weitberühmte Abtei. Schon die Stätte, darauf sie steht, soll zur Heidenzeit einen Dianentempel getragen haben, und als ihrer Gründer rühmt sie sich des Kaisers Konstantin des Großen und seiner Gemahlin Flavia Helena. Zuerst wurde das Stift in die Ehre Johannes des Täufers geweiht, dann in die des heiligen Hilarius, unter dem vierten Abt Tranquillus aber erhielt das Stift den Leichnam Sankt Maximins und trug nun von diesem den Namen. In diesen Gegenden – manche sagen bei Neumagen – soll es gewesen sein, daß dem Kaiser Konstantin dem Großen das Kreuzeszeichen am Himmel erschien mit dem berühmten I.H.S. In Hoc Signo – scilicet vinces, in diesem Zeichen wirst du siegen, welche Buchstaben nach alter Schreibart den Namen Ihesus bedeuten. Hier sollen die heiligen Kirchenväter Ambrosius, Hieronymus und Athanasius eine Zeitlang gelebt, hier soll der letztere das nach ihm benannte Glaubensbekenntnis niedergeschrieben haben. Hier ruhen die Erzbischöfe Nicetius und Basinus, hier ruht Ada, Karls des Großen Schwester, welche einen Codex aureus der Evangelien schrieb.

Und nahe bei Sankt Maximin liegt auf diesem uralt-heiligen Boden des Trierschen Gaues die Abtei zu Sankt Paulini. Die Krypta dieses Klosters ward zum riesigen Aschenkrug für eine Reihe der vornehmsten Martyrer. Rictiovar, Kaiser Maximinians Präfekt, verfolgte auf seines Herrn Befehl die christliche sogenannte Thebanische Legion allenthalben, auch in dieser Gegend, und mordete schonungslos. Paulinus, Triers Erzbischof, wurde in eisernen Ketten aufgehenkt; einen der Heerführer der Legion namens Tirsus, begrub man zur linken Paulins, den Konsul Palmatius ihm zur rechten Hand. Zu Häupten des Heiligen ruhten sieben Ratsherrn, die mit den Thebanern zugleich die Martyrerkrone empfingen, unter ihnen einer des Namens Maxentius. An diese reihten sich Constantius, Crescentius, Justinus, Leander, Alexander, Soter, die letzten drei Brüder. Zu Sankt Paulini Füßen wurden vier Martyrer beigesetzt, welche Rictiovar vor seinen Augen enthaupten ließ nach vorhergegangenen gräßlichen Martern: Hormisda, Papinius, Constans und Jovianus. Das Blut der gemordeten Tausende in Trier und auf diesem Gebiete floß in Bächen hinab zur Mosel und färbte ihre Wogen weit hinab rot, bis zum Schlosse Neumagen.

92. Die heilige Genofeva

Zu Pfalzel, sonst Pfälzel, (kleine Pfalz) an der Mosel, steht ein gethürmtes Haus, das Genofevenhaus geheißen, da lebte zu Erzbischof Hildulfs in Trier Zeiten ein Pfalzgraf Siegfried, der hatte eine treue und fromme Gemahlin, eines Herzogs Tochter aus Brabant. Aber es geschah, daß Siegfried in das heilige Land ziehen mußte, ließ daher sein Weib in seiner Pfalz am Moselstrome zurück und übergab sie in die Obhut eines vertrauten Dienstmannes, des Namens Golo. Bevor der Pfalzgraf aber von hinnen schied, letzte er sich mit seiner Genofeva noch einmal herzlich, und sie empfing einen Sohn von ihm. Golo aber war ein schlimmer Hüter, er entbrannte in Liebe zu der schönen Herrin, und begann Ränke zu schmeiden, schrieb falsche Briefe, als sei Siegfried mit all den Seinen im Meere ertrunken, und las sie der Pfalzgräfin vor, und gestand ihr seine Liebe, und wollte sie umarmen, sie wehrte ihn aber mit einem Faustschlag ins Gesicht ab; nun verwandelte sich seine Liebe in bittern Haß; er entzog der Pfalzgräfin alle Bedienung, und als ihre Stunde nahte, wo sie des Söhnleins entbunden werden sollte, hatte sie Niemand zum Beistand, als eine alte Waschfrau. Da kam Botschaft in ihr Haus, daß ihr Herr lebe und heimkehre, deß erschrak Golo, der Verräther, bis zum Tode und suchte Rath bei einem alten Hexenweibe, das rieth ihm teuflischen Rath: Golo solle dem Pfalzgrafen einreden, der schöne Sohn Genofeva’s sei mit nichten der seine, wie er selbst berechnen könne, sondern Draco’s des Kochs. Solches that Golo, indem er seinem Herrn entgegenreiste; da ward Siegfried sehr betrübt und wußte nicht, wie er sich des Weibes, das ihn nach des Lügners treulosem Bericht, geschändet hatte, abthun solle. Da rieth Golo, daß er Genofeva sammt ihrem Kinde an ein Wasser führen und sie/ beide ersäufen wolle, und Siegfried willigte ein. Darauf bestellte Golo zwei Knechte, die mußten Genofeva und ihren Sohn hinwegführen, und sollten sie umbringen, so oder so. Unterwegs aber jammerte den Knechten die schöne Frau und das schöne Kind, und sprachen untereinander: was kann diese Frau verbrochen haben? Und was hat sie uns gethan? Sollte ihr zu sterben bestimmt sein, brauchen wir ihr doch nicht das Leben zu nehmen. Wir wollen dem Hund, der da mit uns läuft, die Zunge ausschneiden, und Golo zeigen, zum Wahrzeichen, daß wir die Frau getödtet, und sie gehen lassen.

Und so thaten die Knechte, und ließen die arme Genofeva mit ihrem Kinde trostlos und weinend und betend in öder Wildniß zurück. Das Kind nannte Genofeva Schmerzenreich, es zählte noch keine dreißig Tage, und der Schmerz vertrocknete alle Milch in seiner Mutter Brust. Da flehte die arme junge Mutter zur Mutter aller Schmerzen und aller Seligkeiten, und die ewige Jungfrau neigte der Verlassenen liebend ihre Gnade zu. Aus dem Waldesdickigt trat eine Hindin, die lagerte sich vor Genofeva hin, und Genofeva legte ihr Söhnlein an die Zitzen des Thieres, sich selbst aber nährte sie mit dem, was der Wald bot, und baute auch für sich und ihren Sohn eine Hütte aus Holzstämmen, Reissig, Dornen und Moos, da blieb sie sechs Jahre und drei Monate, und sah kein anderes Wesen, als die treue Hindin.

Da geschah es, daß der Pfalzgraf Siegfried einmal in dieser Gegend des Waldes jagte, und da trieben die Hunde die Hirschkuh auf, welche mit ihrer Milch Genofeva und ihren Knaben ernähren half. Jäger und Hunde folgten dem Wild und die Hinde floh zur Hütte Genofeva’s und kniete zu dem Knaben hin, und Genofeva wehrte mit einem Stock die nachhetzenden Hunde ab. Jetzt kam der Pfalzgraf, mit Staunen sah er das Weib im Walde, fast aller Kleidung entblößt, durch diese lange Zeit, und der Pfalzgraf vermeinte, es sei etwa ein verlaufenes heidnisches Weib oder eine Zigeunerin, und rief sie an: bist du eine Christin? – Sie antwortete: ich bin eine Christin – aber gieb mir deinen Mantel, daß ich mich bedecke – das that Siegfried und fragte sie, warum sie keine Kleider habe, und so einsam im wilden Walde hause? – Meine Kleider sind vor Alter zerschlissen – sagte sie. – Wie lange wohnest du in diesem Walde? Und weß ist dieser Knabe? Wer ist sein Vater? Und wie heißest du! – Auf diese Fragen antwortete Genofeva: sechs Jahre und drei Monate wohne ich einsam in diesem Walde! Der Knabe ist mein Sohn, und seinen Vater kennt Gott so gewiß, als ich ihn kenne. Und Genofeva ist mein Name! – Bei diesem letzten Wort erschrak der Pfalzgraf, und sein Kämmerling trat zu ihm und sprach: Herr, trügt mich nicht die Erinnerung, so ist das wahrhaftig unsere Frau, die schon so lange gestorben sein soll – schaut doch nach dem Muttermal an ihrem Halse. – Und siehe – sie hatte das Mal. Der Pfalzgraf war abseit getreten und wußte nicht, was er beginnen solle, und sprach: sehet doch, ob sie auch den Trauring noch trägt. – Und sie trug ihn noch. Und es kam über den Pfalzgrafen ein unsaglicher Schmerz und eine tiefe Reue, und er eilte zu Genofeva hin und schlang die Arme/ um sie und küßte sie und herzte den Knaben, und rief: ja, das ist mein Weib! das ist mein Sohn! – Und Genofeva erzählte, wie es ihr ergangen durch Golos Teufelstücke (= teuflische Tücke, sk) und Verrath, und da kam dieser, sich nichts von diesem Ereignisse versehend, da zürnten ihm die Mannen des Pfalzgrafen und wollten ihn niederstoßen. Aber der Pfalzgraf gebot ihnen Einhalt, und sagte, daß dieser Verräther des Todes von Ritterhand nicht werth sei. Vier Ochsen, die noch an keinem Pfluge gezogen, wurden genommen, und an jeden Fuß und an jede Hand des Missethäters wurden Seile gelegt, und an die Ochsen gespannt und diese dann nach vier Seiten getrieben. So ward Golo lebendigen Leibes in vier Theile zerrissen.

Nun wollte Siegfried seine Gemahlin auf sein Schloß führen und aller Ehren theilhaft werden lassen, allein sie willigte nicht ein, sondern sprach: hier an diesem Ort hat die heilige Jungfrau mich beschirmt und behütet, die wilden Thiere unsichtbar abgewehrt, durch die Hinde mein Kind erhalten, dieser Ort soll meine Stätte bleiben, und der Königin aller Engel geweiht werden. Dem willfahrte der Pfalzgraf Siegfried, sandte zu Hildulf, dem Bischof, und ließ durch ihn die Stätte weihen, und ordnete auf Genefeva’s Bitten den Bau einer Kirche an. Die Pfalzgräfin wohnte nun unter besserm Dach, allein sie konnte keine künstliche Speise mehr vertragen, sondern nur die gewohnte Waldkost und lebte nach dem Wiederfinden nur noch wenige Tage; sie starb froh und selig, und ruhte in der neu erbauten Waldkapelle zu Unser Frauen Kirchen, ohnweit Mayen, und es sind allda manche Wunder geschehen, und ist die Geschichte von der frommen Genofeva durch alle Lande gegangen. Aber nicht allein in Pfalzel sondern auch in Mayen, das im Maifelde liegt, wird ein Genofeventhurm gezeigt, und die Frauenkirche alldort soll die rechte sein. Bisweilen soll man noch Genofeva hinter dem Hochaltar sitzen und spinnen sehen.

93. Die Weingötter am Rhein

Zu Bacharach am Rhein, wo nach altem deutschen Reimspruch der besten Weine einer wächst, soll vorzeiten ein Altar des Bacchus, des Weingottes, gestanden haben, und des Ortes Name soll von diesem Altar,Bacchi ara, herrühren, diesen Altarstein nannten die Winzer umher auch den Elterstein. Dort ist auch ein Fels im Rhein, der wird nur bei ganz kleinem Rhein, bei großem Wassermangel und heißem dürren Sommerwetter, sichtbar und stets für eine dem Weinjahr günstige Prophezeiung genommen, denn es geht ein Sprüchwort, das lautet: Kleiner Rhein gibt guten Wein. – Viele meinen, daß dieser Fels selbst der Altar des Bacchus sei, und mit Figuren verziert, und vielleicht hat noch im schwachen Nachhall sich altheidnischer Kult darin erhalten, daß die Schiffleute, wenn der Elterstein sich zeigt, eine Strohpuppe als Bacchus aufputzen und auf dem Stein befestigen, so ist der Sagenglaube im Volke lebendig, wenn auch die Gelehrten ungläubig den Kopf dazu schütteln.

Zu Caub, nahe der alten Burg Pfalzgrafenstein mitten im Rheinstrom, darin vorzeiten aller Pfalzgrafen Wiege stand, weil aller Pfalzgräfinnen Wochenbette darinnen aufgeschlagen werden mußte, lebt noch eine Sage von einem wunderlichen Heiligen, Theonest, des Name wie eine Verstümmelung des griechischen Wortes Dionysos (Bacchus) klingt. Dieser Theonest soll aber doch nicht ein heidnischer Weingott gewesen sein, sondern ein christlicher Martyrer, der in Mainz bis auf den Tod gequält wurde, und dem es gelang, in einer Weinkufe statt Nachens auf dem Rheinstrom zu entkommen und sich abwärts tragen zu lassen. Je weiter Theonest fuhr, um so wohler wurde ihm zumute, und bei Caub landete er in seiner Kufe an, predigte das Christentum und pflanzte Weinreben, und zwar süße Trauben tragende, die kelterte er zuerst in seiner Kufe, und davon nahm der Ort, den er hier am Strome gründete, den Namen Caub an, und in das Stadtsiegel nahmen hernach dankbar die Cauber das Bild des heiligen Theonest, in seiner Kufe sitzend, als ihr Stadtwappen und führen es in ihrem Siegel. Und ist auch hernachmals Caub ein wichtiger Ort geworden durch Rheinzoll und Stromreederei.

94. Die sieben Schwestern

Am Rhein unterhalb dem Pfalzgrafenstein steht eine hochragende Burgtrümmer, Schloß Schönberg. Darauf sollen sieben so schöne Ritterfräulein gewohnt haben, daß ihre Schönheit selbst dem Schlosse, darinnen sie hausten, den Namen lieh. Aber die Fräulein, welches sieben Schwestern waren, so groß ihre Schönheit war, so kalt und gefühllos waren sie gegen die Minne. Keines Ritters Bewerbung erhörten sie, einen Freier nach dem andern wiesen sie ab, manches junge edle Herz brach an den Felsenherzen der sieben schönen Schwestern. Aber das Geschick beschloß ihre Strafe. Eines Tages landete ein Nachen unten am Fuße des Berges, darinnen sieben herrliche Jünglinge saßen, in ritterlicher Tracht und von vornehmem Gebaren. Sie kamen zur Burg, sie stellten sich den Fräulein dar, sie warben um Herzen und Hände. Es war vergebens, die sieben Schwestern blieben kalt. Mit einem Male verdunkelte sich der Himmel, eine höllische Musik ertönte, die Jünglinge umschlangen die sieben Schwestern, jeder eine, wie zum Tanzreigen, und schwangen sie tanzend und drehend aus der Burg, über die Zugbrücke, den Berg hinab in den Strom hinein, der stürmisch unter Donnern und Blitzen wogte. – Als es wieder hell und friedlich am reizen den Stromesufer geworden war, siehe, da ragten sieben Felsenspitzen aus dem Strome, in diese waren die Jungfrauen mit den Felsenherzen zur Strafe ihrer unnatürlichen Härte verwandelt. Größere Flut überwogt sie, kleinere läßt sie sichtbar werden. Die Rheinschiffer kennen sie unter dem Namen der sieben Jungfern und haben unter sich die Sage: Wenn einst ein Mächtiger diese Felsen dem Strombette enthübe und sie zu Säulen einer Betkapelle am Ufer bilde, so würden die Jungfrauen erlöst werden, wieder auf die sich erneuende Burg zurückkehren und jede nach der jahrhundertelangen harten Buße einen Mann beglücken.

95. Lurlei

Wo das Stromtal des Rheins unterhalb Caub am engsten sich zusammendrängt, starren hoch und schroff zu beiden Seiten echoreiche Felsenwände von Schiefergestein schwarz und unheimlich hoch empor. Schneller schießt dort die Stromflut, lauter brausen die Wogen, prallen ab am Fels und bilden schäumende Wirbel. Nicht geheuer ist es in dieser Schlucht, über diesen Stromschnellen; die schöne Nixe des Rheins, die gefährliche Lurlei oder Lorelei, ist in den Felsen gebannt, doch erscheint sie oft den Schiffern, strählt mit goldenem Kamme ihr langes flachsenes Haar und singt dazu ein süß betörendes Lied; mancher, der davon sich locken ließ, der den Fels erklimmen wollte, fand seinen Tod in den Wellenwirbeln. Rheinab und -auf ist keine Sage so in aller Mund als die von der Lurlei, aber sie gleicht dem Echo der Uferfelsen, das sich mannigfach rollend bricht und wiederholt. Viele Dichter haben sie ausgeschmückt – bis fast zur Unkenntlichkeit.

Lurlei ist die Rhein-Undine. Wer sie sieht, wer ihr Lied hört, dem wird das Herz aus dem Busen gezogen. Hoch oben auf ihres Felsen höchster Spitze steht sie, im weißen Kleide, mit fliegendem Schleier, mit wehendem Haar, mit winkenden Armen. Keiner aber kommt ihr nahe, wenn auch einer den Felsgipfel erstiege, sie weicht vor ihm – sie schwebt zurück, sie lockt ihn durch ihre zaubervolle Schönheit – bis an des Abgrunds jähen Rand, er sieht nur sie, er glaubt sie vor sich auf festem Boden, schreitet vor und stürzt zerschmetternd in die Tiefe.

Eine Sage von heitrerer Färbung als alle die andern, die, wenn sie sich auch sonst nicht gleichen, doch in der melancholischen Färbung und dem trüben Ausgang einander ähnlich sind, ist diese. Einst schiffte auch der Teufel auf dem Rhein und kam zwischen die Lurleifelsen; der Paß schien ihm zu enge, er wollte ihn weit haben und den gegenüberliegenden Felsenkoloß entweder von der Stelle rücken oder in solche Brocken brechen, daß sie den Strom ganz sperren und unschiffbar machen sollten; da stemmte er nun seinen Rücken an den Lurleifels und hob und schob und rüttelte am Berge gegenüber. Schon begann dieser zu wanken, da sang die Lurlei. Der Teufel hörte den Gesang, und es wurde ihm seltsam zumute. Er hielt inne mit seiner Arbeit und hielt es fast nicht länger aus. Gern hätte er sich selbst die Lurlei zum Liebchen erkoren und geholt, aber er hatte keine Macht über sie, wurde aber von Liebe so heiß, daß er dampfte. Als der Lurlei Lied schwieg, eilte der Teufel von dannen; er hatte schon gedacht, an den Fels gebannt bleiben zu müssen. Aber als er hinweg war, da zeigte sich, o Wunder, seine ganze Gestalt, den Schwanz nicht ausgenommen, in die Felswand schwarz eingebrannt, womit er sein Andenken bei der Lurlei verewigte. Nachher hat sich der Teufel sehr gehütet, der Sirene des Rheins wieder nahe zu kommen, und hat gefürchtet, wenn er von ihr abermals gefesselt werde, in seinen Geschäften große Unordnung und Unterbrechung zu erleiden.

Die Lurlei aber singt immer noch in stillen ruhigen Mondnächten, erscheint immer noch auf dem Felsengipfel, harrt immer noch auf Erlösung. Aber die Liebenden, die sich von ihr betören ließen, sind ausgestorben; die heutige Welt hat keine Zeit, ihren Fels zu besteigen oder im Nachen sich in Mondnächten diesem zu nahen. Der Räderumschwung des raschen Dampfschiffes braust ohne Aufenthalt vorüber, und durch sein Rauschen dringt keine Sang- und Sagenstimme mehr.

96. Sankt Goars Wunder

Aus dem Lande Aquitanien kam ein frommer Mönch in die Rhein- und Mosellande. Auch an der Lahn nahm er eine Zeitlang den Aufenthalt, predigte, breitete das Christentum aus und übte manches Wunder. Ein Fels unterhalb der Lurlei zeugt noch von ihm; man erblickt in diesem Felsen eine ausgehauene viereckige Vertiefung und nennt dieselbe St. Goars Kanzel oder auch St. Goars Bett. Dort soll der heilige Mann lange Zeit gelebt und gewohnt haben, das Evangelium zu verkünden und verunglückenden Schiffern beizustehen. Noch ist, und für alle Zeiten, des Heiligen Name fortlebend in den einander gegenüberliegenden Ortschaften St. Goarshausen und St. Goar am Rhein, und zu Pfalzfeld in der Nähe hinter St. Goar soll ihm eine Denksäule errichtet worden sein. In seiner Zelle zu St. Goar soll der Heilige verstorben sein, worauf die Andacht ihm eine Kapelle dort errichtete, die schon zu Kaiser Karl des Großen Zeiten stand und berühmt war als ein Haus freigebiger Milde und Gastlichkeit gegen Reisende, Schiffer, Pilger und Wallfahrer. In der Gruft der von einem Grafen von Katzenellenbogen, denen diese Landschaft gehörte, erbauten Kirche steht die Bildsäule des Heiligen lebensgroß, und waren auch sonst viele Heiligtümer dort aufbewahrt, sind aber hinweggekommen. Manche nennen St. Goar den Apostel von Trier. Dorthin beschied ihn einst der Bischof Rusticus durch Sendboten; dieser hatte von des Heiligen Wundern gehört und konnte sie nicht glauben. St. Goar folgte den Boten, aber der Weg war völlig wüst und unwirtbar, es gebrach an Zehrung, und die Sendboten sprachen: Wenn kein Wunder hilft, so verschmachten wir. Da übte St. Goar gleich ein Wunder. Er rief in den Wald hinein, und es kamen drei milchende Hirschkühe, ließen sich melken, und ihre Milch rettete die Botschafter. Als der heilige Mann zu Trier vor den Bischof Rusticus geführt wurde, war ihm warm vom Gange, denn es war heiße Sommerzeit, und er sah sich im Versammlungssaale nach einem Ort oder Nagel um, seinen Mantel dahin zu hängen, gewahrte aber keinen solchen, und da hing er den Mantel auf einen Sonnenstrahl, der schrägwärts herein in den Saal fiel. Alle erstaunten, der Bischof aber zweifelte noch immer, und da ward ein Säugling hereingetragen, welcher am selben Tage gefunden worden war. Lasse uns, o heiliger Mann, so du es vermagst, aus dieses armen Säuglings Munde vernehmen, wer sein Vater ist! sprach der Bischof. Da rührte St. Goar mit dem Finger des Säuglings Lippen an, und die Versammlung vernahm deutlich aus des Kindes Munde die Worte:

Pater meus:

Rusticus,

Episcopus!

Da glaubte der Bischof ganz still an die Wundergabe St. Goars und versuchte ihn nicht weiter, wünschte auch nicht, daß der Säugling ferner spreche. –

Einst fuhr Kaiser Karl der Große von seinem Palast in Ingelheim gen Koblenz, an St. Goars Zelle vorüber, ohne dort vorzusprechen, das nahm der Heilige übel und schuf einen so dichten Nebel, daß Karl landen und auf freiem Felde eine Nacht zubringen mußte. Seinen Söhnen hingegen, Karl und Pipin, welche einen Haß gegeneinander trugen und zufällig in St. Goars Zelle zusammentrafen, goß der Heilige Versöhnung in das Herz. Auch heilte er mildiglich auf ihr Anrufen des großen Kaisers Gemahlin Fastrada von heftigem Zahnweh. Karl der Große schenkte dankbar dem gastlichen Kapellenhause ein Faß guten Weines. Dieses segnete der Heilige mit der Kraft des Nimmerversiegens. Einst vergaß, vermutlich, weil er diese Kraft allzusehr erprobt, ein Pater Kellermeister den Hahn richtig zu schließen, so daß er stark tropfte, da kam eine Spinne daher, die webte so eifrig unter der Hahnöffnung fort und fort, bis sie das Gewebe so dicht gemacht, daß auch kein Tropfen mehr herauslief. Das alles wirkte noch lange nach seinem Ableben St. Goar durch seine fortdauernde Wunderkraft.

97. Die Brüder

Auf den nachbarlichen Burgen Sternfels und Liebenstein am Rhein wohnten zwei Brüder, die waren sehr reich und hatten die Burgen stattlich von ihres Vaters Erbe erbaut. Da ihre Mutter starb, wurden sie noch reicher, beide hatten aber eine Schwester, die war blind, mit der sollten nun die Brüder der Mutter Erbe teilen. Sie teilten aber, da man das Geld in Scheffeln maß, daß jedes ein volles Maß nach dem andern nahm, und die blinde Schwester fühlte bei jedem, daß eines so richtig voll war wie das andere; die arglistigen Brüder drehten aber jedesmal, wenn es ans Maß der Schwester ging, dieses um und deckten nur den von schmalem Rand umgebenen Boden mit Geld zu, da fühlte die Blinde oben darauf und war zufrieden, daß sie ein volles Maß empfing, wie sie nicht anders glaubte. Sie war aber gottlos betrogen, dennoch war mit ihrem Gelde Gottes Segen, sie konnte reiche Andachten in drei Klöster stiften, zu Bornhofen, zu Kidrich und Zur Not Gottes. Aber mit dem Gelde der Brüder war der Unsegen für und für, ihre Habe verringerte sich, ihre Herden starben, ihre Felder verwüstete der Hagel, ihre Burgen begannen zu verfallen, und sie wurden aus Freunden Feinde und bauten zwischen ihren nachbarlich nahe gelegenen Burgen eine dicke Mauer als Scheidewand, deren Reste noch heute zu sehen sind. Als all ihr Erbe zu Ende gegangen, versöhnten sich die feindlichen Brüder und wurden wieder Freunde, aber auch ohne Glück und Segen. Beide bestellten einander zu einem gemeinschaftlichen Jagdritt, wer zuerst munter sei, solle den andern Bruder frühmorgens durch einen Pfeilschuß an den Fensterladen wecken. Der Zufall wollte, daß beide gleichzeitig erwachten, beide gleichzeitig die Armbrust spannten, im gleichen Augenblick den Laden aufstießen und schossen, und daß der Pfeil jedes von ihnen dem andern in das Herz fuhr – das war der Lohn ihrer untreuen Tat an ihrer blinden Schwester.

Andere erzählen, es habe das Geschick nur den einen Pfeil eines der Brüder dem einen der Brüder in das Herz gelenkt, darauf sei der andere zur Buße nach dem Heiligen Grabe gepilgert und im Morgenlande verstorben. Noch andere haben neue Märlein über dies feindliche Brüderpaar ersonnen, denen Kundige es auf den ersten Blick ansehen, daß sie früher nie als Sagen im Volke lebten.

98. Die wandelnde Nonne

Nahe bei Niederlahnstein, am rechten Rheinufer, stand einst ein Frauenkloster, Machern, darinnen ging es nichts weniger als gottwohlgefällig zu. Es gab Besuche von Mönchen aus Nachbarklöstern, gab wüste Gelage, Geschrei, auch nächtliche Reigen, und spät des Nachts fuhren die Mönche auf raschen Rollwagen durch den Hohlweg, einen Bach entlang, nach Herchheim und Niederlahnstein zu. Nur eine einzige Nonne war fromm und tugendhaft, sie betete viel und las die heiligen Geschichten, während ihre Schwestern sich im vollen Sinnentaumel aller Weltlust hingaben. Da kam einst ein frommer Klausner namens Michael, der in einem stillen Tale bei Marienburg hauste, in einer Sturmnacht an das Klostertor, als gerade im Kloster der Konvent die Lahnsteiner Kirmes feierte, wobei es hoch herging und nicht an geliebten Gästen fehlte, und begehrte Einlaß, allein die weltlichen Sünderinnen fürchteten einen geistlichen Zeugen und ließen ihn nicht ein, sie ließen ihn obdachlos und ungelabt draußen bleiben. Da verwünschte der fromme Mann im zornigen Eifer das ganze Kloster und die Nonnen zu Nachteulen und Nachtgespenstern und alle die buhlenden Mönche zu Teufelslarven, und am Morgen – war das Kloster verschwunden, und öde war die Stätte, wo es gestanden. Seitdem vernimmt man alljährlich zur Zeit des Lahnsteiner Kirmesfestes hinten in der Talschlucht, wo das Kloster stand, Gekreisch und Geheul und wilden Spuk, den Schall von Buhlliedern und wieder dazwischen fromme Weisen – und gewahrt auch wohl grausige Mönchsgespenster auf Rollwagen mit feuersprühenden Rädern durch das Tal dahinfahren. Die einzige fromme Nonne aber wandelt in heiligen Nächten und auch zu jener Kirmeszeit ernst und mild an einen verwitterten Bildstock, der am Bächlein steht, das aus dem Tale kommt, ab und auf und scheint in einem Buche zu lesen. Niemand tut sie etwas zuleide, grüßt auch wohl, doch ist ihr Anblick vielen schon schreckend gewesen.

Das Kloster Machern aber, das hier der Einsiedel Michael mit seiner Verwünschung dem Boden enthob, wurde an der Mosel nahe bei Zeltingen wiedergefunden und dort mit frommen Insassen bevölkert. Vom Klausner Michael aber geht die Sage, daß er beim Nahen des Todes Gott angefleht, seinen Leichnam nicht unbegraben zu lassen, und siehe, als er Todes verblich, da läuteten die Glocken der alten Johanniskirche bei Niederlahnstein von selbst, von Engelhänden gezogen; da kamen Menschen herbei, erhuben des Klausners Hülle und bestatteten sie in des Johanniskirchhofs geweihete Erde.

99. Die Frau von Stein

Auf dem Schlosse Stein im Nahetale wohnte eine edle Herrin des gleichen Namens, die war eine Witwe und hatte einen gar mannlichen und ritterlichen Herrn zum Gemahl gehabt. Von dem hatte sie vier blühende Töchter und zwei Söhne, die hatten auch bereits den Ritterschlag empfangen, die vier Töchter aber waren alle vermählt, und jeder ihr Gemahl war auch ein Ritter, untadelig und wohlgetan. Da gab einstens die edle Frau von Stein ihren Söhnen, Eidamen und Töchtern ein stattlich Gastmahl, und hatte außer diesen niemand dazu geladen, und waren bei Tische alle fröhlich und guter Dinge, und da sprach die Frau von Stein: Vier biedere Ritter zu Eidamen, zwei biedere Ritter zu Söhnen, vier brave blühende Töchter! Und eines herrlichen Ritters Witwe! Welche Witwe kann, gleich mir, sich solchen Glückes rühmen? Dieser Ehren ist allzuviel, deren ich teilhaft worden! – Die Söhne, Töchter und Eidame vernahmen der Mutter Wort, priesen sie als die glücklichste Witwe des Reichs und ließen auf der Mutter Wohl und langes Leben die Becher freudig aneinanderklingen. Nach einer Weile verließ die Frau von Stein ihren Sitz, als wolle sie draußen noch etwas befehlen oder anordnen – und die Versammelten plauderten lange, ehe ihnen auffiel, daß ja die Mutter gar nicht wiederkam.

Vielleicht habe sie sich ein wenig zum Schlummer niedergelegt, vermuteten die Töchter und sahen leise in ihr Schlafklosett, die Frau von Stein war aber nicht darin. Das Gesinde ward befragt, aber keins hatte die Frau hinweggehen sehen – und niemand hat je erfahren, wohin sie gegangen, und niemand hat sie jemals wiedergesehen, denn nimmer kam sie wieder.

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