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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Unsre Frau zu den Nesseln
  2. Unsere Frau zum Hasen
  3. Die drei seltsamen Heiligen
  4. Regiswindis
  5. Wasser- und Holzfrauen
  6. Das Feuer der Hexe
  7. Götzens Turm
  8. Die Weibertreue
  9. Geister auf Weinsberg
  10. Wimpfens Name

880. Unsre Frau zu den Nesseln

Zu den mancherlei Wallfahrten, die es schon in der Mitte des funfzehnten Jahrhunderts im Schwabenlande gab, entstanden in demselben Jahrhundert auch noch viele neue. Im Jahre 1484 ging eine Bäuerin ihres Weges von Heilbronn gen Weinsberg, da sahe sie ohnweit des Stadtgrabens einen Bildstock mit Unser Frauen Bilde stehen, der war ganz und gar mit Nesseln und anderm Unkraut überwuchert, davon ward sie bewegt und sprach: O du reine Jungfrau Maria! Komm, ich will dein schön andächtig Vesperbild mit mir heim in mein Dorf tragen, da soll es ehrlich gehalten werden – und wollte das Marienbild vom Stocke heben, aber da sprach das Bild: Frau, ich will in diesem Nesselbusch bleiben, denn an diesem Ort wird Gott Wunder tun. – Über diese Stimme erschrak die Frau zum Tode und fiel in Ohnmacht. So fand sie ihr Mann, der nach ihr des Weges kam, da er sich in etwas versäumt, bewußtlos liegen, sprach ihr zu und richtete sie auf, und da sie wieder zu sich kam, erzählte sie ihm alles. Darauf breiteten beide allenthalben aus, was der Frau begegnet war, und wurde ein großer Zulauf zu dem Vesperbilde, und wurden ihm Opfer dargetragen an Geld, Wachs, silbernem und goldenem Geschmeid, Kleinode, Kleider, und waren auch gleich fromme Männer zur Hand, welche diese Spenden in Empfang nahmen, erbaueten ein schön lustig Kloster in die Ehre Gottes und Unsrer Frauen und gaben es den Karmelitern ein, die ließen das Mirakel durch einen der Ihren, der Doktor und Professor der Theologie war, in Druck ausgehen, und hat das Kloster und sein Wunderbild in hohem Flor gestanden bis zum Jahre 1525, da die aufrührerischen Bauern im nahen Weinsberg ihre mörderische Tat begingen, die nahmen auch das Kloster Unsre Frau zu den Nesseln ein, plünderten, zerstörten und verheerten es.

881. Unsere Frau zum Hasen

In der Kirche des Dorfes Thüngenthal stand auf einem Altar in einem kleinen Chörlein ein Muttergottesbild. Da geschah es, daß ein Herr von Limburg in der Gegend Hasen jagte und die Hunde einen Hasen auftrieben, der seinen Lauf schnurstracks in die Kirche nahm und mit einem Satz auf jenen Altar sprang, wo er am Gewande des Marienbildes angstvoll aufwärtsstrebte. Als der Herr von Limburg der Jagd nachfolgte, denn er hatte gesehen, wie auch seine Hunde dem Hasen nachsetzend in die Kirche gedrungen waren, fand er die Hunde vor dem Altar in ruhiger Stellung und ergriff das gehetzte Tier, das nun nicht weiterkonnte, mit der Hand, trug es auf den Kirchhof heraus, wehrte den Hunden, es zu verletzen oder ihm zu folgen, und sprach, indem er den Hasen in Freiheit setzte: Zeuch hin, lieber Has! Du hast Freiheit in der Kirche gesucht, die hast du funden, dieweil die Hunde dein Asyl geehrt, so will ich's auch nicht verletzen. – Also lief der Hase davon, und kein Hund folgte ihm. Wie nun solches unter den gemeinen Mann kam, ward ein großes Zulaufen und Wallen, und man nannte die Kirche Unsere Frau zum Hasen, und von dem Opfer, so die Waller dahin gaben, ward ein neuer Chor gebaut und ein steinern Madonnenbild errichtet, an dem ein Hase emporstrebt, zum ewigen Gedächtnis.

Es sind dazumalen der Wallfahrten immer mehr worden. Auf dem Berge der ehemaligen Burg Flügelau fand ein Hirte im Stamm einer großen hohlen Buche angesammeltes Wasser, das war zur Zeit als die Heilbronner Wallfahrt sich auftat, und glaubte aus Einfalt, es sei in der Buche eine Wasserquelle, schrie das aus und pries das Wasser als heilsam für blöde Augen; das ward ihm gleich geglaubt, und lief das Volk in Scharen hinauf zur Buche und wollte sich seine Blindheit wegwaschen und opferte viel Geld, und da der Hirte sah, daß das Wasser zu Ende ging und keins nachquoll, so tat er wie Sankt Mattheis nach dem Sprüchwort:

Sankt Mattheis

Bricht das Eis.

Findt er keins,

So macht er eins –

er sorgte täglich für frisches Wasser und stärkte statt der Augen die Verblendung, und siehe, es konnte bald von den zahlreichen Opfergaben eine herrliche Kirche erbaut werden und mit schönen Ornaten versehen, ja ein Pfründhaus und auch ein Wirtshaus, und ward eine Pfründe gestiftet, alles von dem Regenwasser im alten Buchenstock, und sahe man recht, wie mächtig Gott auch im Kleinen ist. Und ward dieser selbigen Wallfahrt nachgesagt, wann der Wirt der Gäste an manchem Feiertag allzuviele gehabt und die Zechleute nicht alle in seiner Behausung unterbringen können, habe er sie in die Kirche gesetzt, und sei die Kirche zur Taberne geworden. Als aber die Reformation kam, hat Markgraf Georg von Brandenburg die Wallfahrt abgestellt.

Wieder eine andere Wallfahrt entstand 1472 auf dem Einkorn, fast gleichzeitig mit jener zur Buche auf dem Burgberg, zu einer Eiche, ohngefähr eine halbe Meile hinter Comburg, dem berühmten Stift, im Rischachertale, wo sich der Fußpfad auf Oberrischach und Herzelbach scheidet. Da fand ein Schuhmacher, Siegmund Weinbrenner, in einem Bildhäuslein ein bleiern Amulett, wie man es den Wallern zu Vierzehnheiligen im Frankenlande gab, und verkündete dem Volke, daß er eine Erscheinung gehabt: es wollten an diesem Ort die vierzehn heiligen Nothelfer verehrt sein. Da wurde ein großer Zulauf, besonders zur Sommerszeit, weil Hall nahe lag, mit Speisesäcken und Flaschen, mehr großen Mahles als Wallens wegen; dennoch wurde eine bretterne Kapelle errichtet und darin Messe gelesen an tragbaren Altären. Weil aber über den Ortesbesitz zwischen Comburg und Limburg sich Streit erhob, zerging bald wieder Wallfahrt und Kapelle.

882. Die drei seltsamen Heiligen

Die vierzehn Nothelfer hatten einen dauerbaren Altar in der Wallfahrtkirche zu Enslingen, darin waren noch zwei andere Altäre, einer in die Ehre Sankt Guntheri Victoris, der andere dem heiligen Quirin geweiht. Den Bauern waren diese Heiligennamen schwer zu merken und zu nennen, sie nannten sie Sant Gunter, Victer und Quitter, und die noch gröberen Verstandes waren, nannten sie die drei wunderlichen oder seltsamen Heiligen. Da nun 1497 eine Wallfahrt nach Enslingen entstand, fanden die Waller auf den Altären keine andere Bilderzier als drei kleine weiße Alabasterbildlein, dagegen eine große Tafel mit dem Bilde der vierzehn Nothelfer, und da achteten sie der ungeschmückten Altäre nicht, sondern opferten den vierzehn Nothelfern. Also wurden die drei seltsamen Heiligen unter die Bank geschoben und ihrer vergessen; nur im Sprüchwort leben sie noch fort, da man von einem, dessen Handlungsweise man sich so wenig klarmachen kann, als das Volk über jene Bilder sich klar war, zu sagen pflegt: Das ist ein wunderlicher oder ein seltsamer Heiliger. Nach der bäuerischen Empörung ward auch die Enslinger Wallfahrtkirche geschlossen und niemand mehr eingelassen. So erging es auch mit der berühmten Wallfahrt auf dem Wurmlinger Berge und andern mehr.

883. Regiswindis

Zwei Stunden von Heilbronn neckaraufwärts liegt die Stadt Lauffen, mit einem vormals berühmten Kloster. Der Name soll dem raschen Laufe des vorbeiströmenden Neckars entnommen sein. Im Jahr 814 empfing ein tapferer Ritter aus dem Nordgau des Namens Ernst den Grund und Boden zum Geschenk und gewann von seiner Gemahlin Frideburg ein Töchterlein, welchem man den Namen Regiswindis gab. Das Kind erhielt eine Amme, welche die Schwester eines der Dienstmannen des Ritter Ernst war, und das Unglück wollte, daß dieser Knecht einst wegen übler Aufführung von seinem Herrn sehr hart behandelt wurde. Da er nun seiner Schwester sein Leid klagte, wurde diese so von Zorn bewegt, daß sie an dem unschuldigen Kinde, ihrem Säugling, Rache zu nehmen beschloß, und die Gelegenheit wahrnehmend, daß ihre Herrschaft einen Ausflug machte, drehte sie dem Kinde das Hälschen um und warf es in den Neckar. Der Strom trug aber die kleine Regiswindis nicht von dannen, sondern setzte sie auf einem nahen Werder ab, und so wurde die Untat schnell offenbar; Ritter Ernst ließ die Amme in einen Turm am Neckar einmauern und darin verhungern, und der Papst sprach das ermordete Kind heilig. Der kleinsten aller Heiligen zu Ehren wurde nun eine Kirche erbaut, zu der so viele Wallfahrten geschahen, daß man sie Heiligreich oder Kirchreich nannte. Darin ward der silberne Sarg der Regiswindis hinter dem Altar in einem schönen Kenotaph aufgestellt und der Jahrtag der kleinen Heiligen am 15. Juli begangen, und es kam die Sitte auf, zur Erinnerung an jenes treulose Gesinde, an diesem Tage das Gesinde zu wechseln.

884. Wasser- und Holzfrauen

Zu eines Herren von Hohenstein Schloß kamen zur Fastnachtfeier einige lustige Edelfrauen, die stellten nach dem Nachtmahl eine Mummerei an, gingen hinüber in das Schloß Neuenbronn über der Bieber, tanzten daselbst und gingen dann hinab zur Mühle unter dem Schloß in das Haus, wo die Bauernmädchen ihre Fastnacht hielten, willens, sich in deren Tanz zu mischen. Da aber die Bauernmaidlein selbige verputzte Weiber mit spitzen Kapuzenhüllen erblickten, rannten sie mit Geschrei aus der Stube, und jene gingen ganz still wieder nach Schloß Hohenstein. Am andern Morgen war ein lautes Geschrei im Dorfe, daß Wasserfrauen aus der Bieber zu der Maidlein Tanz gekommen, und da letztere aus der Stube geflohen, seien jene wieder an die Bieber gegangen, mit einem Plumper unter das Wasser gefallen, daß man es platschen gehört, und unterm Wasser verschwunden. Davon behielt der Tümpfel bei der Mühle den Namen Wasserfrauenstube bis auf den heutigen Tag.

Ebenmäßig hatten vorzeiten die Herren von Weinsberg das Gejäg auf dem Holz bei Winzenweiler nicht fern vom Städtlein Deildorf; da nun diese Weinsberger einmal an dem Ort eine Schweinehatz gehalten, nahmen sie ihre Frauenzimmer mit und entzündeten in einem Erdfall ein Feuer, um welches sich die Frauen der Wärme halber lagerten. Da kamen von ohngefähr zwei Hofbauern, die auf einsamen Höfen wohnten, durch den Wald, sahen die Frauen in ihren Bünden und in der von den Bauern nie gesehenen Tracht, waren zum Tod erschrocken, schlichen sich ängstlich abseits und brachten bei ihren Leuten das Geschrei aus, daß sie Waldfrauen erblickt. So stark war beim Volke der feste Glaube an die deutschmythische Dämonenwelt. Und heißt jener Ort, der samt dem Holze später an das Stift Comburg kam, noch bis heute die Holzfrauenstube.

885. Das Feuer der Hexe

Eine Witwe im Ries im Bayerlande hatte einen Sohn, der war ein Einspänniger, der fuhr auf der Straße und ernährte damit seine alte Mutter, da geschah es, daß er von einem Herrn von Hohenstein gefangen und geschatzt wurde, und seine Mutter mußte ihn auslösen. Solches begab sich auch zum zweitenmal, und die Mutter opferte all ihr Hab und Gut und löste den Sohn wieder aus. Da nun der Sohn zum dritten Male ergriffen und auf das Schloß geschleppt und in den Turm geworfen worden, vermochte die arme alte Witwe nicht noch einmal den Sohn zu lösen, denn sie war durch die vorigen beiden Schatzungen ganz verarmt. Und obschon sie sich mit flehendsten Bitten an den Ritter wandte, so schlug doch deren keine an, da sprach die Frau zu dem Herrn von Hohenstein: Ihr habt mich zu einer Bettlerin gemacht! Und nun wollt Ihr mir meinen Sohn im Turm verfaulen lassen! Aber ich schwöre Euch, ehe noch mein Sohn verfault, sollt Ihr verdorren! – Der Ritter lachte der törichten Drohung, gab der Alten einen Fußtritt und ließ sie ziehen. Die Alte aber, welche eine Hexe war, machte daheim unter Zauberformeln ein Bildnis, das setzte sie in einen Hafen und rückte den zum Feuer. Am andern Morgen nach dem Frühmahl stand der Herr von Hohenstein bei einigen Edelleuten, die ihn besuchten, auf der Brücke und unterhielt sich mit ihnen, plötzlich aber begann er aufzuschreien: Au! au! Das brennt, das brennt! – und krümmte sich und schrie: Feuer! Feuer in meinem Eingeweid! Hu, die alte Hexe verbrennt mich! Sattelt, sattelt mein Pferd! – und ächzte und stöhnte und warf sich auf das vorgeführte Pferd, sprengte nach Comburg in das Kloster, ließ sich mit den Sterbesakramenten versehen und war am andern Tage am innern Brand Todes verblichen. Er liegt zu Comburg begraben im Gang vor dem alten Kapitelhaus. Soll der letzte Hohensteiner gewesen sein und hätte sein Namensvetter auf dem Harz, der letzte Graf von Hohenstein, Lor und Klettenberg, nicht mit ihm getauscht, derselbe, dessen Grabmal dem des biedern Ritters Götz von Berlichingen so ähnlich sieht.

886. Götzens Turm

In der alten Stadt Heilbronn, der vor grauen Zeiten schon die heilsamen Wasserquellen ihren Namen verliehen, die Kaiser Karl der Große selbst entdeckt, und welcher Name als Heilicobrunn schon im neunten Jahrhundert einer Königspfalz allda zuteil ward, deren Grundbau in einem Haus am Markt noch erkenntlich sein soll, ist der schönste Brunnen in der St. Kilianskirche, und unterm Hochaltar hört man noch den Siebenrohrbrunnen rauschen, dessen Röhren längst versiegten; am hohen Kirchturm aber ist gar wunderlich und phantastisch Bildwerk in Stein gehauen, Menschen, die im Schatten ihres einen großen Fußes ruhen, Menschen mit Augen auf der Brust, ohne Kopf und sonstiges abenteuerliches Gebilde mehr.

Dort zu Heilbronn steht an der Mauer, hart am Zwinger, ein viereckiger Turm, der heißt Götzens Turm, darum, weil der biedere Ritter Götz von Berlichingen etliche Zeit darinnen gefangengehalten wurde, und dieses wieder darum, weil er treulich zu seinem Herzog Ulrich hielt, den seine Untertanen genötigt hatten, landflüchtig zu werden, aber von dem Schwäbischen Bunde zu Möckmühl gefangengenommen und dann in der Herberge zu Heilbronn verstrickt worden war. Da sollte Götz dem Bunde Urfehde schwören, das heißt, schwören und geloben, gegen ihn nicht Waffen zu tragen, erlittene Unbill und Verstrickung nimmer zu rächen, das Land zu meiden, aller Orten und Ende aber auf jede an ihn ergehende Vorladung des Bundes sich zur Haft und zu Verhör zu stellen, solches alles hatte eine Urfehde auf sich, die jeder, der sie beschwur, noch dazu mit seinem adeligen Wappen untersiegeln mußte. Götz tat's aber nicht, schlug das Begehren stracks ab und sagte: Da will ich eher ein Jahr im Turme liegen. – Da schickten sie die Weinschröter, die sollten Götzen anfassen, und da zog Götz vom Leder und zuckte seine Wehr, die ihm gelassen war, da schnappten die Küfer wieder hinter sich und baten, nur die Klinge wieder einzustecken, sie wollten ihn nicht weiter führen als auf das Rathaus. Vom Rathaus aber ward er doch in den Turm geführt und mußt' eine Nacht darin liegen, vom Pfingstabend bis auf den Pfingsttagmorgen. Danach kam ihm Hülfe von seinen Gefreunden, Herrn Franziskus von Sickingen und Georg von Frundsberg, die erwirkten ihm ehrliche Haft, die währte bis ins vierte Jahr, da löste er sich mit zweitausend Goldgulden. War noch lange nicht so viel Lösegeld, als der biedere Götz dem Grafen Philipp II. zu Waldeck abnahm, da er ihm unterhalb der Wetterburg aufgelauert hatte und die Raubwölfe seine lieben Gesellen nannte.

887. Die Weibertreue

Überm Städtchen Weinsberg liegt eine Burgtrümmer, insgemein die Weibertreue geheißen, von der die Sage eine der allbekanntesten ist in allen deutschen Gauen. Es geschah im Jahre des Herrn 1140, daß König Konrad III. von Hohenstaufen die Stadt Winesberg am Neckar belagerte, die dem Herzoge Welf von Bayern zuständig war. König Konrad von Schwaben war zu Waiblingen geboren und wurde von seinem Kriegsvolk der Waiblinger geheißen, der Bayerherzog aber, Konrads Gegner, hieß Welf, daraus entstanden die Feldschreie: Hie Welf, hie Waibling! Dieses verwelschten hernach italienische Truppen in Guelf und Ghibellin, und so ist die Benennung Welfen und Ghibellinen aufgekommen. Da nun Welf eine Schlacht bei Waiblingen verloren hatte, warf er sich mit den Seinen in das Schloß Weinsberg, konnte aber eine lange Belagerung darin nicht aushalten, sondern mußte um Gnade nachsuchen. Nun hatte der Kaiser auf dringendes Bitten den Frauen freien Abzug gewährt, und daß eine jede von ihrem Schatz mit sich tragen dürfe, soviel sie könne, die Männer aber sollten alle über die Klinge springen. Die Frauen aber dachten mehr an die Treue, die sie ihren Männern schuldig waren, als daran, ihre Fahrnis zu retten und zu bergen, und nahm eine jede ihren Mann auf den Rücken, und ging die Herzogin Jutta mit ihrem Gemahl Welf voran den Berg hinab, und die andern folgten in langer Reihe. Das gefiel dem Kaiser über die Maßen wohl, und begnadigte auch die Männer, obschon sein Bruder, Herzog Friedrich, Einsprache tat und solche Gnade nicht guthieß. Da antwortete ihm aber der Kaiser: Regium verbum non decere immutari: am Königswort ziemt nicht zu rütteln. Als der Florentiner Fürst Lorenz von Medici, da er erkrankt war, auf seinem Lager dieses Ereignis las, lachte er sich gesund darüber, so wohl gefiel ihm dieser treue deutsche Ernst, den er wohl nicht für Scherz nehmen mochte, wie Deutsche selbst getan, welche die schöne Frauentat aus der Geschichte hinaus haben leugnen oder spötteln wollen.

Es findet diese Sage von der Weibertreue, welcher Name auf die Burg Weinsberg vom Volke vor undenklicher Zeit übertragen ward, in deutschen Gauen mehr als an einem Ort ihren Widerhall, wenn auch nur immer eine einzelne Frau das tut, was hier von vielen geschah. Im Sachsenlande war ein Ritter von Staupitz in Fehde mit einem Ritter von Beerwalde und gewann diesem sein Schloß Kriebstein ab, warf sich mit den Seinen hinein und wehrte sich wacker, als Friedrich der Streitbare, der erste Kurfürst von Sachsen, beider Ritter Lehensherr, von dem verdrängten Beerwalder zu Hülfe gerufen, den Kriebstein belagerte. Da erflehte auch, wie sich die Burg nicht länger halten konnte, die Frau von Staupitz freien Abzug mit ihrem Heiratsgut, und der Kurfürst gewährte ihr dessen, so viel sie tragen könne. Und da trug sie ihren Gatten auf ihren Schultern herab als ihr bestes Gut, das sie erheiratet, und Kurfürst Friedrich sprach dasselbe, was Konrad III. gesprochen: Wenn einem Fürsten die Treue nichts mehr gilt, für wen soll sie dann noch einen Wert haben? – Das trug sich zu im Jahr 1415.

Gleich treuer Sinn lebte in der Königstochter, die vom König Grünewald freien Abzug für sich und ihr Gut begehrte und ihren Vater von dannen führte, und im Schwabenlande selbst hat sich's 1499 begeben, daß die Freifrau von Thengen auf Burg Rosenegg im Hegau, ohnweit Hohentwiel, im Schwabenkriege ebensolche Treue an ihrem Gemahl bewies.

888. Geister auf Weinsberg

Nicht von den Geistern zu reden, die der liebenswürdige Sohn und Jünger Apolls, Doktor Justinus Kerner, dessen gastliches, freundliches Dichterhaus dicht am Fuß der Weibertreue liegt, beschworen, gehört und gesehen, so hat es vordessen auch schon zu Weinsberg im Schloß spukende Geister gegeben. Der Schloßvogt Konrads von Weinsberg erschlug einen seiner Knechte. Bald nach der Tat betete er eines Sonnabends in der Schloßkapelle, da sah er, wie der Boden sich öffnete und eine Schar Gestalten wunderlicher Art diesem entwallte. Der Vogt entsetzte sich über den Anblick dieser Geister also sehr, daß er erkrankte und nun nicht mehr in die Kapelle kam. Da verbreitete der Spuk sich weiter, es polterte im Schloß, es warf, es äffte die Burgwächter, es verbreitete sich außer der Burg und spukte nun auch auf den Mauern des Städtleins und quälte die Wächter. Da geschah es, daß die Wallfahrt zu Unserer Frau zu den Nesseln bei Heilbronn sich auftat, da riet ein Geistkundiger den Weinsbergern, ein Fasten anzustellen, Bittgänge nach dem Nesselbusch zu tun und eine erkleckliche Geldsumme zum Bau des Karmeliterklosters beizusteuern, so würden sich der Geist des Ermordeten und seine Hülfsgeister beruhigen; also geschahe es, der Vogt starb zudem, und für dasmal hatte Weinsberg, Burg und Stadt, vor den Geistern Ruhe.

889. Wimpfens Name

Wimpfen auf dem Berge war vormals eine freie Reichsstadt am Neckar in heiterer Lage. Vor alters soll sie Cornelia geheißen haben, nach Julius Cäsars Gemahlin, soll aber schon zu Kaiser Valerius Probus Zeiten erbaut worden sein. Nachher aber, als Attila mit seinen Hunnen durch das Land gewütet, haben diese alle Männer der Stadt erschlagen und die Weiber gepeinigt und ihnen die Brüste abgeschnitten, und davon soll der Stadt der Name Wīppīn, Weib-Pein, geworden sein, und ward das also fest geglaubt, daß es selbst auf dem Rathaus in Versen auf einer Tafel geschrieben zu lesen stand:

Weibpein, jetzt Wimpfen, sonst gar fein Mulierum poena zu Latein.

Nicht weit von Wimpfen auf dem Berge liegt das Städtchen Wimpfen im Tale. Hier erfocht Tilly seinen großen Sieg im Jahre 1622 gegen den Markgrafen Georg Friedrich von Baden, in welcher Schlacht die unsterblichen vierhundert Pforzheimer unter ihrem Bürgermeister Deimling den Opfertod für ihren geliebten Fürsten erlitten. Damals galt noch Treue.

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