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Deutsches Sagenbuch
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Vorbehalten Inhalt  

  1. Doktor Faust in Schwaben
  2. Der Teufel in Schiltach
  3. Sibyllenhöhle
  4. Meister Sürlin
  5. Wirt am Berg
  6. Der Graf von Calw
  7. Der Falkensteiner
  8. Riese Einheer
  9. Frau Wendilgard
  10. Sankt Meinrad

900. Doktor Faust in Schwaben

Zu Knittlingen, ohnweit der badischen Grenze, soll nach der Sage einiger Doktor Faust geboren worden sein, obschon das Volksbuch insgemein das Land Anhalt und die Stadt Soltwedel nennt, und nicht minder zeigt man im Kloster Maulbronn ein ausgemauertes Gemach, das man nur erlangen kann, wenn man vom Dormitorium des Klosters durch ein Fenster steigt und über mehrere Dächer klettert, darin Faustus seinen letzten Tag gesehen. Es ging da höchstwahrscheinlich gerade so, wie es zu Waerdenberg, dem Schloß im Niederland, ging, der Teufel zerrte Faustum durch das Fenster, und es blieb von ihm nichts zurück als ein großer unaustilgbarer Blutflecken.

Sonst hat das alte und berühmte Kloster Maulbronn, allwo auch eine bedeutende Klosterschule, der Wahrzeichen gar mancherlei. Zuerst vom ersten Bau her einen fehlenden Stein, und zwar im linken Seitenschiff unterhalb der Öffnung fehlt im Boden eine Platte, und in einem andern Stein Maurerwerkzeuge und eine schwörende Hand. Die bauenden Mönche hatten Räubern geschworen, den Klosterbau nicht zu vollenden, und hielten ihren Schwur, sie ließen am Bau einen Stein fehlen. Dann war über der Eingangspforte eines nicht mehr vorhandenen Turmes ein Maultier am Bronnen, Maul-Bronn, abgebildet, beladen mit Geldsäcken zum Klosterbau.

901. Der Teufel in Schiltach

Zu Schiltach, einem badischen Grenzstädtlein am Schwarzwald, trug sich im Jahr 1533 ein seltsamlich Ebenteuer zu mit dem bösen Erzebenteurer, dem Teufel. Im Ratswirtshaus nistete er sich ein gleich einem Kobold, führte unziemliche Reden, ohne doch sichtbar zu sein, warf Türen auf und zu, trommelte und pfiff, rasselte und prasselte, wisperte und flüsterte und machte dem Ratswirt, einem Witwer, himmelangst mit seinem Höllenspuk. Als es Tag war, sandte der Wirt nach dem Ratsbeisitzer und nach dem Pfarrer von Schenkenzell und nach dem von Schiltach, die beschwuren den unsaubern Geist, aber der tat ihnen allerhand Gröbungen an, warf ihnen Unsittlichkeiten vor und schwur, dem Schultheißen das Haus überm Kopf anzubrennen. Das ganze Städtlein lief zusammen und hörte das Teufelsgeplärre mit an, das in allerlei Gassenhauern und Schlumperliedlein bestand. Auch in der Nacht gab der Teufel keine Ruhe und keinen Frieden, er stellte sich auf das Hochhaus (den Söller) und pfiff und trommelte alle Märsche und Trommelstücklein bis an den hellen Morgen und aber den ganzen Tag und erklärte, des Wirts Magd sei seine liebste Buhle. War sonst für ein ehrlichs Mensch erachtet worden, da hieß sie der Wirt aufpacken und aus dem Hause ziehen, und da ging die Maid zornig und mit Heulen und Schreien aus Schiltach und den Berg hinan, den Fußpfad gen Hinter-Aichhalden entlang, und man sahe droben bei ihr einen langen schwarzen Mann stehen, und darauf war es stille, der Spuk hörte auf. Die Magd war über Aichhalden und Waldmößingen nach Oberndorf gegangen, allwo ihre Heimat war. Wer war froher als der Wirt. Er dachte schon, das Häslein hätte ihn geleckt, aber nach vierzehn Tagen, am Gründonnerstag, ging im eigentlichsten Sinn der Teufel wieder los und musizierte greulich, und als viel Volk sich sammelte, auch aus Nachbarorten, schrie der Teufel, immer unsichtbar, diesem zu, es solle sich von dannen heben, denn das Nest müsse in Grund und Boden verbrennen. Und da sahe man droben auf dem Schloßberge wieder den schwarzen Mann und drei Weiber bei ihm, und plötzlich brannte des Wirts Heuboden hellerlichterloh, und das Feuer flog von Dach zu Dache wie ein Drache und zündete allenden an, und binnen einer Stunde lagen das Rathaus und des Örtchens sechsundzwanzig beste Häuser in Asche. Nach dem Brande zog man die verwiesene Maid ein, und diese mußte bekennen, daß sie des Teufels Buhle sei, daß sie auf dem Dache auf sein Geheiß einen Kessel umgekehrt und umgeschüttet, auf welches Bekenntnis sie lebendig verbrannt wurde. An das neuerbaute Rathaus aber ward ein Denkstein angebracht mit der Schrift: IV Idus Aprilis conflagravit Oppidum Diabolus MDXXXIII.

902. Sibyllenhöhle

Am Burgberge des alten Schlosses Teck, welches ein Stammsitz war der alten würtembergischen Herrscher, findet sich eine Felshöhle, welche die Leute das Sibyllenloch nennen und sagen, daß vor Zeiten eine der alten berühmten Sibyllen ihre Wohnung darin gehabt und geweissagt habe. Auch soll in der Höhle ein großer Schatz ruhen, und von einem schwarzen Hunde bewacht werden, gerade wie dort bei Eisenach in der verfluchten Jungferhöhle (Sage Nr. 473). Nicht selten nennt die Sage geisterhafte Baum- und Höhlenbewohnerinnen Sibyllen, wie die zu Eiserdort bei Glatz (Sage Nr. 657) und läßt sie weissagen, jedenfalls ein Nachhall allrunischer Zauberfrauen aus grauer Vorzeit, und erst durch die Sibyllenbücher entstanden.

Den Schatz in der Sibyllenhöhle am Berge Teck wollten im schmalkaldischen Kriege einige spanische Soldaten heben, die davon gehört, und waren diese Soldaten insgemein große Schatzfreunde. "Sie bekamen aber für ihre Mpühe einen sehr schlechten Lohn, berichtet treuherzig die alte Ueberlieferung, verschweigt aber, worin außer zerfetzten Kleidern und blauen Flecken selbiger Lohn bestanden. – Die Sibyllenhöhle soll bis herab nach Owen sich erstrecken, und hinein in das Erbbegräbniß der alten Herzoge von Teck. Eine zweite Höhle an der Teck (die Teck heißt der Berg), von weniger alterthümlichem und poetischem Rufe ist das Frena Bruklins-Loch, darin auch vor Zeiten eine Frau gewohnt haben soll, und zwar mit zwei Kindern, lange Zeit. – Man zeigt auch noch die Wagenspur der Sibylle, und nennt sie Sibyllenfahrt; alles Feld, darüber sie fuhr, bleibt vierzehn Tage länger grün, als das übrige Land.

903. Meister Sürlin

Im Chor der Klosterkirche zu Blaubeuren ist gar ein wundersames und übervortreffliches Schnitzwerk des Ulmer Künstlers Meister Georg Sürlin zu erschauen. Die Sage geht, als der kunstvolle Meister das herrliche Werk vollbracht, so fragten ihn die Mönche, ob er sich wohl getraue, nochmals einen so schönen Altar, oder noch einen schönern, zu vollbringen, und da nun der Meister, seiner Kunst sich bewußt, in Hoffnung auf neue Arbeit und Verdienst ja sagte, da taten sie ihm wie die treulosen Straßburger dem Meister Habrecht, sie stachen dem Künstler die Augen aus und behielten ihn im Kloster. Da schnitzte er heimlich in einem Chorgestühle das eigene Bild, ein trauervoll gebücktes Männlein, und das Bild sagte den spätern Zeiten auf geheime Weise der schändlichen Mönche Untat an. An der Wand bei der Sakristeitüre ist's noch zu sehen.

904. Wirt am Berg

Wundersam erzählt die Sage den Ursprung des hohen königlichen Hauses Württemberg. Wie der alte Barbarossa nahe dem Kyffhäuser seine Rothenburg hatte, deren Trümmer noch steht, so war auch im Lande Schwaben ein Rothenberg, und in dessen Nähe hielt der Kaiser Hofhalt mit seiner Prinzessin und seinen Wappnern. Da geschah es, daß die Prinzessin einen Dienstmann liebgewann und er sie entführte, und harreten verborgen, bis der Kaiser hinweggezogen war, dann baueten sie sich an am Berge, wie jener Grafensohn im Lahngau, der mit einer nicht ebenbürtigen Maid eine Mißheirat eingegangen war, und wirtschafteten am Bergesfuß, und der Kaiser konnte nimmer erfahren, wohin sein Kind gekommen. Da er nun nach Jahr und Tag wieder in selbe Gegend kam, kehrte er ein bei dem Wirt am Berge, und der Tochter bebte das Herz, doch hielt sie sich unerkannt, bereitete aber des Kaisers Lieblingsspeise, die er so lange entbehrt, und die niemand weiter gerade so zu bereiten verstand wie sie. Da ward es dem Rotbart weh ums Herz, und gedachte mit neuem Schmerz der entschwundenen Tochter und meinte, sie müsse da sein, nur sie könne das Essen also bereitet haben, und rief aus: Ach, wo ist denn meine liebe Tochter? – Da sind ihm die Übeltäter aus Liebe flehend zu Füßen gefallen, daß er ihnen verzeihe, und ging es gerade wie bei Karl dem Großen und Eginhard und Emma, von denen ganz dieselbe Sage geht: der Kaiser war froh, daß er die Tochter am Leben fand, und verzieh. Schenkte dann seinem Schwiegersohn den ganzen Rothenberg, erhob ihn zu einem hohen Grafen, doch solle er den Namen Wirt am Berg fortführen. Da erbaute der Wirt am Berg auf den Berggipfel hinauf eine stattliche Feste und ward der Urheber des württembergischen Stammes.

905. Der Graf von Calw

Es war ein Graf im Schwabenlande, der hieß Diepold von Calw, und brach Kaiser Konrads Landfrieden, auf welcher Tat die Todesstrafe stand. Darum entwich der Graf in den Schwarzwald und barg sich mit den Seinen in einem Mühlhaus an der Nagold, nicht allzufern vom Kloster Hirsau, welches Helizena, eine reiche fromme Witwe desselben Geschlechtes, schon im Jahre des Herrn 645 zuerst gestiftet hatte, und zwar nach göttlicher Eingebung auf einem blachen Feld, darauf drei Fichten auf einem starken Stamme entsprossen waren. Darnach, als Helizena verstorben war, erbaute wieder eine Edle des Geschlechtes von Calw, die Erlafried geheißen war, dem Kloster eine schöne Kirche. Nun geschah es, daß der Kaiser in die Gegend und in das Tal der Nagold kam, allda zu jagen, gerade zu einer Zeit, als des Grafen von Calw Gemahel damit umging, eines Kindleins zu genesen. Da er aber den Kaiser ganz nahe sah, fürchtete er sich sehr, verließ die Kreißende und entging, während der Kaiser in die Mühle trat und in ihr rastete. Und während die Frau noch in Wehen zubrachte und endlich eines Söhnleins genas, hörte der Kaiser eine Stimme nicht einmal, sondern dreimal rufen: Dieses Kind wird dein Tochtermann und Erbe! – Dem Kaiser dünkte diese Prophezeiung keine schöne zu sein, und meinte, seine Tochter, so er eine übrig hätte, wäre nicht für so einen kleinen Klapperburschen, und hieß zwei Diener der Mutter das Knäblein wegnehmen, es ertöten und ihm dessen Herzlein bringen. Nun nahmen zwar die Diener der verlassenen Mutter ihr Kind, aber sie vermochten's nicht zu töten, sondern legten es auf einen Baumzwiesel, fingen einen Hasen und brachten dessen Herz ihrem grausamen Herrn. Das ausgesetzte Knäblein wurde durch Gottes Lenkung von einem auf die Jagd reitenden Schwabenherzog gefunden und mit heimgebracht, und mußte seine kinderlose Gemahlin zum Schein tun, als habe sie diesen Neugebornen zur Welt gebracht, und der Herzog nannte ihn Heinrich und nahm ihn im stillen mit seiner Gemahlin zum Sohn an, damit sein Gut und Erbe nicht an die lachenden Erben falle. Darauf verging eine gute Reihe von Jahren, nach deren Ablauf einmal der Kaiser gen Ravensburg kam, wo jener Herzog wohnte, dem gefiel der angebliche Herzogsohn gar wohl, so daß er ihn mit an sein Hoflager nahm. Aber nach einer Weile kam ihm doch böser Verdacht in den Sinn; er rechnete nach, gedachte der früheren steten Unfruchtbarkeit der Gräfin von Calw und diftelte endlich heraus, daß dieser Jüngling kein anderer sei als der, welcher nach jenem prophetischen Zuruf sein Eidam werden sollte; gedachte deshalb abermals daran, den Jüngling aus dem Wege zu räumen, schrieb einen Brief an die Kaiserin, die zu Aachen wohnte, und schrieb hinein: By dime leben gib deme jungen den tod. Mit diesem Uriasbrief wurde der Jüngling nun entsendet, der war der weiten Reise froh und freute sich darauf, die Kaiserin und ihre Töchter zu sehen, von welchen der Ruf ihrer Schönheit durch alle Lande ging. Da dieser Briefbote nach Speier kam, kehrte er bei einem Priester ein, den er kannte, und übergab ihm für die Nacht, da er bei ihm herbergen wollte, seine Tasche und den Brief darin zur Verwahrung. Der Priester aber mochte gar zu gern wissen, was in dem Briefe stehe, und endlich ließ ihm die Neugier keine Ruhe mehr, er nahm ihn und öffnete ihn und las ihn, denn in jener Zeit waren fast ausschließlich die Pfaffen allein Schreiber der Briefe und wußten mit deren Öffnen und Schließen gut umzugehen. Da las er mit Grausen den Befehl, und es dauerte ihn der Jüngling, nahm alsbald ein feines Messerlein und ein Schreibrohr und schnitt sich selbiges frisch und recht spitz und schabte am D im Worte Tod und änderte ganz leichtlich den in dine und tod in tochter, und nun lautete die Zeile: By dime leben gib deme jungen dine tochter. Die Kaiserin verwunderte sich zwar, doch war sie ein gehorsam Weib und galt auch gegen ihres Herrn Gebot gar kein Wenn und Aber, welches im jetzigen Weibersinn damals noch nicht er dacht war, und legte dem Junker die Tochter bei, das waren die beiden letzten gar wohl zufrieden. Aber der Kaiser ward sehr zornig, da er die Mär erfuhr, half ihm indessen nichts, geschehen war geschehen, und als sich nun vollends allgemach offenbarte, wer sein Eidam sei, so sprach er: Wie Gott will, ich halte still! – und machte seinen Schwiegersohn zum Herzog von Alemannien. Da kam auch der alte Graf von Calw zurück und wurde wieder zu Gnaden angenommen und brachte sein Geschlecht zu hohen Ehren.

906. Der Falkensteiner

Im Kinzigthale saß ein Ritter, Kuno von Stein geheißen, der zog in das heilige Land, doch mit dem Vorsatz, binnen Jahresfrist wieder daheim zu sein, und sagte das seiner Frauen, indem er hinzusetzte, so er nicht nach eines Jahres Ablauf wieder daheim sei, solle sie seiner auch ferner nicht harren. War es ihm Ernst mit dieser Rede, so machte er von vorn herein die Rechnung ohne den Wirth, denn so schnell ließ sich damals nicht nach Palästina fahren und wiederkehren. Zu allem Unglück wurde der biedre Ritter auch noch von den Sarazenen gefangen, und mußte im Pfluge ziehen, wie der Mann der getreuen Frau Florentina (Sage Nr. 87). Da erging es ihm, wie dem edlen Möringer, er hörte eine Stimme – nur daß es keine Engelstimme war – die ihm zuflüsterte, seine Frau gehe damit um, einen andern Mann zu nehmen, und das war ihm sehr störend. Da trat ein kleines Männlein zu ihm in sein Schlafgemach und bot ihm an, ihn gen Schwaben zu führen, wie Herzog Heinrich der Löwe en Braunschweig sei geführt worden, nämlich auf einem Löwen, und zwar ohn' allen Entgelt, so er nur auf der Reise und auf des Löwen Rücken nicht einschlafe. Da nun kein andrer Weg vorhanden war, der rascher heimwärts führte, als der dargebotene, so schloß der Ritter von Stein einen Pakt mit dem Männlein, und gab es ihm schriftlich und mit seinem Blut geschrieben, daß er nur für den Fall des Männleins mit Leib und Seele sein solle und wolle, wenn er einschlafe. Nun ging der Löwenritt durch die Luft von Statten, und war nicht kurz, und der Schlaf kam dem Ritter mächtig an, und drückte ihm auf den Augenlidern mit bleiernen Flügeln. Schon war er am Einnicken, da bekam er etwas in sein Gesicht, wie eine Watsche – es war aber nur der Schlag des Flügels eines weißen Falken, der über ihm flog, und ihn ermunterte, und dieses that der Falke so oft, als der Ritter dem Andrang des Schlafes nicht mehr widerstehen konnte, bis der Morgen graute und der Ritter seinen Stein erblickte, und bald darauf im Burghofe die Hähne krähten. Da krachte ein Donnerschlag, und der Löwe warf im Hof den Ritter ab, und verschwand mit einem Brüll, und des Ritters Pakt flatterte zerrissen aus der Luft in seine Hand. Auf der höchsten Thurmzinne aber saß der weiße Falke und kreischte, und breitete sein Geflügel dem/ Sonnenaufgang entgegen. Da rief der Ritter zum Falken Dank hinauf, und setzte dessen Bild hernachmals in ein Wappenschild und nannte sichnicht mehr einen Herrn von Stein, sondern einen Herrn von Falkenstein. Ob er zur Hochzeit seiner Frau mit einem andern noch gerade recht gekommen, sie zu verhindern, und ob bei ihr große Freude darob gewesen, oder nicht, davon meldet die Sage nichts Gewisses.

907. Riese Einheer

Im Schwabenlande lebte zu Karl des Großen Zeiten ein gewaltiger Heune, der diente dem Kaiser zu Roß und war bürtig aus dem Thurgau am Bodensee, der jetzt zum Schweizerland gerechnet wird. Selbiger Riese war von so gewaltiger Leibesgestalt, daß er nicht braucht' über eine Brücke zu gehen, sondern watete durch das Wasser und zog sein Pferd am Schwanze nach sich, und wenn es nicht folgen wollte, so sprach er: Sperre dich nicht, Gesell, du mußt auch hernach! – Da nun Karolus zu fechten kam gegen die Winden und Hunnen, so nahm er seinen Riesen Einheer mit, der auch Einotheer genannt ward und also mannlich war, daß er allein ein ganzes Heer ersetzte, daher auch sein Name, und der Einheer mähete die Feinde nieder wie Gras und hing sie nacheinander am Spieß auf wie Hasen und Füchse, oder wie der Wode die Wichteln. Da er nun damit heim oder wieder ins Lager kam, war groß Wunderns darüber, er aber sagte: Was sollen mir diese Frösche, weiß nicht, was sie quaken, lohnt nicht der Mühe, gegen solch Gewürm Krieg zu führen; ich hange ihrer wohl je ein Dutzend auf einmal an meinen Spieß. – Die Hünen und Winden flohen, wenn sie nur den Riesen Einheer von weitem sahen; vermeinten, es sei der leibhafte helle Teufel.

908. Frau Wendilgard

Zu Buchhorn am Bodensee saß vorzeiten ein Graf und Herr im Linzgau, Udalrich geheißen, der war ein Nachkömmling von Karl dem Großen und heiratete eine Enkelin Heinrichs des Finklers, das war eine geborne Gräfin von Eberstein. Da geschahen die verderblichen Einfälle der Hunnen, gegen die zu streiten hochnotwendig war. So zog auch Graf Udalrich mit gegen die Hunnen zu Felde und kam nicht wieder, und da seine Hausfrau Wendilgard ihn vergebens erwartete und nicht Neigung zeigte, wie Kaiser Karls Gemahel und Heinrichs des Löwen und des edlen Möringers und des Herrn von Falkenstein und andere, wiederum mit einem andern Manne sich zu verbinden, so ging sie in ein Kloster, darin sie das Gelübde einsamen Lebens ablegte, andächtig Gott diente und selbiges Kloster alle Jahre nur einmal verließ, um an dem Tage, an welchem ihr Gemahl sich von ihr geschieden, in Buchhorn das Jahrgedächtnis desselben mit Messelesen, Buße und Beten und Almosenausteilen zu begehen. Da war sie stetig von hungernden und lungernden Armen nicht minder umdrängt wie die heilige Elisabeth, und einstmals war auch ein recht alter Betbruder darunter, von der Sorte, wie es schien, welche die Hand nimmt, wenn man ihr einen Finger reicht, ja noch schlimmer, denn Frau Wendilgard reichte dem Alten gar keinen Finger, und dennoch nahm er ihre ganze Hand und drückte sie herzhaft, und da er einmal die Hand gedrückt, so schlang er auch den Arm um die fromme Wendilgard und drückte sie fest an sich. Darauf schriee die fromme Frau Wendilgard was weniges und wollte solch zudringliches Umfahen nicht leiden, und die um sie waren, schrieen auch und wollten's auch nicht leiden, der Alte aber, da er einmal im Drücken war, wollte auch herzen, denn die Rede geht vom Herzen und Drücken als etwas Gleichzeitigem, und da küßte der Alte die Frau Wendilgard, die auch keine Junge mehr war, mitten auf ihren Mund. Da entstand großes Erschrecken und Ungunst, und das Ingesinde der Gräfin wollte dem Alten die Zärtlichkeit mit Fäusten eintränken und ihm die ungefüge Minne versalzen, aber er erwehrte sich aller und rief lachend: Schlagt mich nur nicht, ich bin geschlagen worden genug, daß ich euch allen, wie ich wohl sehe, unkenntlich worden bin. Ich bin ja Udalrich, euer Herr und Gebieter! – Da war die Freude groß, am meisten bei Frau Wendilgard, und sie tät eiligst das Gelübde einsamen Lebens von sich, und der Bischof Salomo von Konstanz sprach sie dessen los und ledig, wodurch er als ein wahrer Salomo handelte, segnete dann auch gleich den neuen Hochzeitbund mit dem wieder heimgekehrten Gemahl ein, und war allenthalben Freude die Fülle und fröhliches Wesen.

909. Sankt Meinrad

Zu Kaiser Karl des Großen Gezeiten war im Sülichgau ein Graf, des Namens Berthold, der versorgete seine Kinder in Klöster und wie er sonst konnte und mochte. Da ward ihm auch ein Söhnlein, das ward Meginhard, oder Meinrad genannt, das thaten die Aeltern frühzeitig auf die Insel Reichenau im Bodensee zum Abt Hatto. Später aber entwich Meinrad in eine öde Wildniß, in eine Einöde auf dem Etzelberg, erbaute allda eine Siedelei und diente Gott darin mit Gebet und Fasten sieben Jahre. Da nun vom Rufe seiner übergroßen Frömmigkeit angezogen, viele Menschen ihn aufsuchten, so hob er sich von dannen und zog in einen noch finstrern Wald, und nahm nichts mit sich als einige heilige Bücher, erbaute ein Kapellchen und lebte darin gottseliglich. Schon war der heilige Mann 26 Jahre in dieser Einsiedelei verblieben, nicht ohne mancherlei Versuchung und Anfechtung vom Teufel, da bewegte der böse Feind zwei gottlose Räuber, daß sie, indem sie Schätze bei dem heiligen Mann zu finden verhofften, ihn aufsuchten, in der Absicht, ihn zu ermorden und zu berauben. Freundlich empfing der fromme Meinrad die Männer, aber zwei junge Raben, die er aufgezogen, schrieen sehr und flogen den Mördern nach den Gesichtern. Meinrad war/ aber schon durch ein göttliches Gesicht offenbaret, daß er von diesen Mördern sterben müsse. Und es geschahe der grause Mord unter Wunderzeichen – denn als sich des Heiligen Sinn verdunkelte, rief er flehend nach Licht, und plötzlich umfloß eine von edlem Ruch durchduftete Helle Zelle und Wald. Entsetzt entflohen die Mörder, als der fromme Meinrad seine Seele ausgehaucht und seine Raben noch zu Zeugen dieser Unthat aufgerufen hatte, und siehe, die Raben folgten ihnen mit Gekreisch und schossen ihnen stets auf die Häufpter. Und da die Mörder gen Wolrow kamen, sahe die Raben ein Zimmermann, der sie kannte, denn er hatte Meinrad die Zelle gezimmert, und der Heilige war sein Gevatter, der schöpfte Verdacht, hieß seinen Bruder den Mördern folgen, und eilte nach der Einsiedelei. Da schmeckte er den süßen Ruch im ganzen Walde, und fand die entseelte Leiche und neben ihr brennende Kerzen, von Engelhand entzündet. Und darauf ist die ganze Unthat an den Tag gekommen, und die Raben wichen nicht von den Mördern und nicht von ihrer Richtstatt, bis sie gerädert waren, und dann verbrannt, und dann ihre Asche in das Wasser geschüttet, wie die des Paukers von Niclashausen (Sage Nr. 798). Das alles ist geschehen im Jahre 863 nach Christi Geburt, und wurde des heiligen Mannes Eingeweid auf dem Etzel begraben, sein Leichnam aber in dem Gotteshaus Einsiedeln, das sich am Ortz von Sankt Meinrads Kapelle erhob und zu hohem Ruhm emporwuchs, und geschahen alldort große Wunder.

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